Rezension

1517. Weltgeschichte eines Jahres

01.08.2017 - Dr. Burkhard Luber

Heinz Schilling sei Dank! Im Luther-Jahr endlich mal kein Luther-Buch. Jenseits von Luther-Keksen, Luther-Schlüsselanhänger und sonstigem unseligen Luther-Franchising schenkt uns der Autor nach seiner eigenen Luther-Biographie ein etwas anderes Reformationsbuch.

1517, das ist eben nicht nur Wittenberg. Das wird in der augenblicklichen Luther-Hype meist vergessen. Schilling öffnet uns dafür die Augen. Er räumt speziell mit dem schiefen Europa-Zentrismus auf, als ob das beginnende 16. Jahrhundert allein aus unserem Kontinent bestanden hätte. So präsentiert uns der Autor bewusst nicht-europäische Ereignisse, die zeitgleich mit der europäischen Reformation stattfanden, wie zum Beispiel die Landung der spanischen Eroberer auf Yukatan, wo sie den Mayas begegnen oder die Reise einer portugiesischen Delegation nach China. Dass wir diese faszinierende Querschnitt-Sichtweise lesen können, verdanken wir der profunden Kenntnis des Historikers Schilling. Unter anderem macht er uns sensibel, dass die Kritik Luthers am päpstlich sanktionierten Ablasshandel nicht eine außergewöhnliche Handlung in jener Zeit ist, sondern sich einfügt in das, was Schilling in einer seiner Überschriften als “Murren der Untertanen gegen die neuen Zwänge” nennt.

Es gärt in Europa. Die bestehenden Herrschaftssysteme und Hierarchien werden nicht nur exemplarisch wie bei Luther in Frage gestellt. Die Städte begehren auf; die Bauern sind der jahrhundertelangen Fron überdrüssig. Und während Europa unruhig wird, geschehen auch im Süden und Osten bemerkenswerte Ereignisse. So das spektakuläre Eroberung Kairos durch das osmanische Heer. Und - wenig geschichtsmächtig, aber als Einzelunternehmung durchaus spektakulär - die Reise des kaiserlichen Gesandten Siegmund von Herberstein an den Hof des Moskauer Zaren unter höchst abenteuerlichen Umständen.Kaleidoskopartig zeigt uns Schilling verschiedene Facetten, die mit dem Jahr 1517 verbunden sind. Der “Il Principe” von Machiavelli erscheint und zur gleichen Zeit auch die “Utopie” von Thomas Morus, jedes Werk mit großem Einfluss auf das politische Denken jener Zeit.  Beide markieren eine Epoche des modernen politischen Denkens. Weiter finden sich Kapitel zur beginnenden Geldwirtschaft aber auch zum Aufstieg weiblicher Herrscherinnen in jener Zeit. Natürlich darf auch das Wittenberg Luthers nicht fehlen, aber durch die kosmopolitische Sichtweise Schillings wird das, was dort geschah, in einen größeren Kontext gestellt. Das ist der große Vorzug des Buches: Uns vom Eurozentrismus zu befreien, aber auch von einer Fixierung des Jahre 1517 ausschließlich auf den Reformator. Bei all dem teilweise abenteuerlichen Klimbim, das uns “das Lutherjahr” beschert eine gesunde Perspektiv-Korrektur.

 

Heinz Schilling: 1517. Weltgeschichte eines Jahres. C.H. Beck Verlag. 2017. 364 Seiten. 19.95 Euro

 

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