Kurzgeschichte

42,195 Kilometer – vier Stunden allein

15.07.2017 - Dr. Burkhard Luber

Massenstart sind mir ein Graus. Nie würde ich in Berlin oder Hamburg laufen. Für meinen Marathon hatte ich mir deshalb ein kleines Dorf in der Nähe von Wolfsburg ausgesucht. Die Strecke war entlang des Elbe-Seiten-Kanals. Sehr familiäre Atmosphäre, nur an die rund 30 StarterInnen. Pünktlich um drei Uhr, leider bei Regen, drückte ich dort meine Uhr.

Ganz bescheiden reihte ich mich ganz hinten ein, wollte langsam beginnen. Und bekam einen Schrecken als ich für die ersten 1000 Meter 5:13 Minuten ablas. Mein taktischer Plan war ja: ich hatte mir 6 Minuten pro 1000 Meter verordnet und vor Kilometer 30 „keine Experimente“! Also drosselte ich das Tempo. 

Am Kilometer 7 gab's die ersten Getränke und Verpflegung und noch vor Kilometer 10 hatte der Regen aufgehört, die Sonne kam und ich konnte den Lauf so richtig genießen. Eine herrliche Strecke entlang des Kanals, voller Grün, immer Blick aufs Wasser, absolut leise, da außer den vier Brücken nirgends Autostraßen in der Nähe waren, ab und zu winkte ich mal einem Kapitän zu. Ich freute mich an meinen guten Laufschuhen, am jetzt richtigen Tempo und dass die 620 Kilometer Training in den vergangenen sieben Woche prima waren. 

Mein „Mitläufer“, der mich im wahrsten Sinne des Wortes von Anfang an „verfolgte“, war leider ein ungesprächiger Typ, der für die schöne Landschaft und die sonnige Stimmung offenbar kein Verständnis hatte. Brummelte nur irgendwas Unverständliches, als ich ihn bei Kilometer 10 nach seiner Stimmung fragte. Na ja, dass er mir immer penetrant quasi auf den Hacken herumlief, fand ich weniger schön, mal abgesehen davon, dass er ruhig auch mal Führungsarbeit hätte übernehmen können, der Kerl. Wir hatten nämlich etwas Gegenwind auf der ersten Hälfte. Hatte offenbar keinen Humor. Ein Glück, die Strecke war so breit, dass ich mich dann auch oft neben ihn platzierte, um nicht dauernd sein nahes Geschlurfe hinter mir hören zu müssen. 

Zwischen Kilometer 15 und 20 war´s etwas langweilig aber bei Kilometer 19 hörte ich dann ein Fahrradgeräusch hinter: meine liebe Trainerin-Frau war herangekommen und wir haben uns gut unterhalten.

Den Wendepunkt passierte ich in 2:04 Stunden also mit zwei Minuten Gutschrift. Dann setzte leider wieder Regen ein, aber auch da ging es mir letztlich doch noch ganz gut, Bananen und Wasser halfen, und auf Regen hatte ich mir auch schon im Training eingestellt. Bei 30 Kilometern war ich weiterhin gut in meinem Zeitplan. Die dortige Verpflegungsstelle hatte ich mir innerlich als die Stelle markiert, wo ich überlegen wollte, ob ich ab da die Entscheidung suchen sollte. Und bei Kilometer 33 habe ich dann den Ausreißer gewagt. Heike, die mich gut kennt, fragte, als sie offenbar so ein gewisses Funkeln in meinen Augen sah: „Willst Du jetzt beschleunigen?“ „Klar“, sagte ich, „Du weißt doch: You must believe to achieve.“. Und mit diesem Satz mich selber mental dopend riss ich dann eine Lücke zwischen dem Berliner und mir auf. Damit der mal sieht, was Sache ist. Hatte rasch zehn, zwanzig, bald fünfzig und bei Kilometer 35 auch über 100 Meter Vorsprung rausgelaufen. Ich liebe klare Verhältnisse! 

Aber jeder Spurt hat seinen Preis. Das merkte ich auf den kommenden Kilometern. Also kehrte ich wieder zu den vertrauten 6 Minuten für 1000 Meter zurück, so dass ich die Kilometer 36, 37, 38 auch gut überstand. Das war die richtige Entscheidung, mental wie physisch. Ich erholte mich beim langsameren Tempo. 

Denn jetzt ging es doch ans Eingemachte. Nicht brutal, nie hatte ich das Gefühl, das schaffst du nicht. Nie musste ich gehen. Aber auf der Kraftskala waren es jetzt nur noch die letzten 10%, die mir zur Verfügung standen. Der Tacho war noch nicht auf Null aber ich lief doch schon im roten Bereich. Die Waden taten weh, die Energie nahm ab, auch eine mentale Dysmotivation will ich nicht leugnen. 

Dann lenkte ich mich nochmals mit Berechnungen ab: Wenn du die letzten drei, vier Kilometer in 6 Minuten läufst, was gibt das für eine Endzeit?  Und noch ein anderes Auto-coaching half: Ich stellte mir meine vertraute Trainingsstrecke zu Haus vor, wo dort der Kilometerpunkt 3, 2, 1 ist. Heike radelte neben mir, gab mir zu trinken und beruhigte mich (eine meiner Hauptsorgen!), dass der Abstand zum Berliner immer noch 100, ja jetzt vielleicht schon 120 Meter sei. 

Das motivierte mich sogar, den Abschnitt von Kilometer 39 auf Kilometer 39,5 in einem Zwischenspurt (!) anzugehen, müssen wohl so 2:30 Minuten für diese 500 Meter gewesen sein. Also das geht doch noch, freute ich mich. Und dann endlich kam um die Kurve herum die letzte Kanalbrücke in Sicht, die allerletzte, meine End-Brücke, die Brücke aller Brücken.

Das Kilometer-Schild 40 wird in 3:55 Stunden passiert. Aber ich weiß, vor der Brücke geht’s noch mal hinauf, die einzige Steigung auf dieser Strecke. Mist. Aber der Berliner ist noch weit hinter mir. Also jetzt die Brückenböschung hinauf, da sehe das letzte Kilometerschild „41“. 

Jetzt nicht nachgeben, nicht nachlassen. Ich dreh mich unter Schmerzen um. Das rote Trikot des Berliners ist noch beruhigend weit hinter mir. Nach der Brücke geht’s hinunter. Ich sehe durch meine nasse Brille den Zielbereich. Klare Sache. Letzter Blick nach hinten: Ja, der Berliner wird das nicht mehr schaffen, wird mich nicht mehr packen. Fünf Minuten nach 19 Uhr zeigt die Uhr. Das Zielband ist vor mir. Ich befehle mir: Lächeln, spurten, die Uhr drücken. Sie zeigt 4:06:13. Phantastisch!

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