AMJ-Bundesvorsitzender im Interview

Abdullah Uwe Wagishauser: "Ich versuche einen Zugang zum Islam zu ermöglichen"

01.01.2018 - Patricia Bartos

Er wurde in einer christlichen Familie geboren, war Aktivist der 68er, reiste auf spiritueller Sinnsuche nach Indien und konvertierte zum Islam. DAS MILIEU sprach mit dem Vorsitzenden der Ahmadiyya Muslim Jamaat in Deutschland über seinen Weg zum Islam, die islamische Lebenspraxis, die wachsende Islamfeindlichkeit und den Dialog mit der AfD.

DAS MILIEU: Herr Wagishauser, in vielen Ländern Westeuropas, man sieht das an vielen Umfragen, verliert die Religion gerade für junge Menschen zunehmend an Bedeutung. Welchen Stellenwert nimmt die Religion in Ihrem Leben ein?

Abdullah Uwe Wagishauser: Sie ist die Hauptsache. Sie ist das, worauf sich mein Leben gründet. Ich lebe von und in der Erkenntnis, dass es Gott als einen Schöpfer gibt und dass ich seiner Schöpfung zugehörig bin. Dadurch nehme ich das, wovon ich umgeben bin, viel intensiver und in einer besonderen Schönheit wahr.

MILIEU: Warum haben Sie sich für den Islam und nicht für eine andere Religion entschieden?

Wagishauser: Ich habe mir das nicht selbst ausgesucht. Irgendwann habe ich mich auf die Suche gemacht und hatte dazu das Glück, in einer Zeit groß zu werden, in der Experimentierfreude zum Zeitgeist gehörte. In den 60ern gab es nicht nur eine politische Bewegung, sondern auch eine spirituelle Bewegung, in der Menschen auf der Sinnsuche waren. In Deutschland war in der Nachkriegszeit eine Atmosphäre eingekehrt, die spieß- und kleinbürgerlich und vermeintlich entnazifiziert war. Ich war damals politisch aktiv und setzte mich auch mit diversen Strömungen auseinander, die aus dem Osten kamen und beispielsweise das Yoga und die Meditation zu uns brachten. Das bot eine ganz andere Möglichkeit, in sich hineinzuschauen und die wesentlichen Dinge wahrzunehmen. Über diesen Prozess machte ich mich dann auf die Reise, die insgesamt etwa zehn Jahre andauerte. Ich reiste in den Orient und erkannte, dass viele Religionen ihren Ursprung im Osten hatten, auch das Christentum. Auf meiner Reise in den Osten kam ich mit dem Islam in Berührung. Der Islam ist eine Religion, die zeigt, dass alle Religionen einen gemeinsamen Ursprung haben, von demselben Schöpfer kommen. Das war für mich sehr schlüssig und hat das ganze Bild logisch zusammengefügt.

MILIEU: Sie haben es kurz erwähnt: als Jugendlicher waren Sie Aktivist der 68er Bewegung. Eine Generation, die sich für die Liberalität der Menschen eingesetzt und gegen Autoritäten protestiert hat. Was tragen Sie davon heute noch in sich?

Wagishauser: Meine Bereitschaft alles in Frage zu stellen, zu kritisieren und dem Sinn und Wesen der Dinge auf den Grund zu gehen. Ich finde es falsch, wenn man einfach nur einem Regelwerk folgt, ohne es auf die Probe zu stellen. Wir haben beispielsweise für uns akzeptiert, dass man bei rot nicht über die Ampel geht. Es gibt bestimmte Regeln, die sich in der Praxis immer wieder aufs Neue bewähren und deshalb einzuhalten sind, auch im religiösen Bereich. In der spirituellen Welt habe ich gelernt, dass das Lügen oder Betrügen nicht förderlich sind, um sich weiterzuentwickeln. Es gibt bestimmte Gebote, denen es zu folgen gilt, wenn man sich religiös oder spirituell entwickeln will.

MILIEU: Hinterfragt die heutige Gesellschaft ihre Wirklichkeit zu wenig? 

Wagishauser: Natürlich. Wir haben in den 60ern schon gegen den Konsumterror gekämpft und das ist ein Kampf, der nie aufgegeben werden darf. Schon damals wurden die Muster hinter der Konsumkultur differenziert und wissenschaftlich analysiert. Heute muss man nach wie vor aufklären und die Machtstrukturen und Manipulationsmechanismen hinterfragen. Das bezieht sich nicht nur auf die Ökonomie, sondern auch auf Politik und wie Massen beeinflusst werden. Im Moment gibt es einen Trend, dass zu viele Leute schlichtweg nur noch konsumieren. Da ist die Religion ein wichtiger Faktor, ein kritisches Bewusstsein dafür zu schaffen.  

MILIEU: Nach Ihrer langen politischen Phase ließen Sie nochmals alles hinter sich und reisten 1976 nach Indien. Was haben Sie dort gesucht, was für Sie zu dem Zeitpunkt in Deutschland nicht zu finden war? 

Wagishauser: Ich habe nach der praktischen Umsetzung der Theorien gesucht, die mich mein ganzes Leben beschäftigten. Ich denke, wir müssen aus unseren eigenen geistigen und spirituellen Möglichkeiten schöpfen. Dazu braucht es jedoch eine Umgebung, in der alles Nötige dafür vorhanden ist, inspiriert zu werden. Ich hatte eine Zeit lang auch den Wunsch, mich in einem Tempel niederzulassen und zu meditieren, bis ich zu einer Gotteserkenntnis gelange. Es ergab sich dann anders: ich habe dort eine lebendige Gemeinde kennengelernt, die im Grunde das vertrat, was meine Generation sich früher immer vorgestellt hat, nämlich, dass der beste Mensch derjenige war, der spirituell am fortgeschrittensten war und die tiefste Beziehung zu Gott hatte. Nicht nur der, der sich an Gott gewandt und meditiert hatte, sondern auch der, der Antworten bekam und dadurch Erkenntnisse erlangte. Das war eine sehr lebendige Form des Zusammenlebens, die ich in Indien vorfand. Jeder hat seinen eigenen Weg. Meine lange Reise führte eben über Indien. Ich hätte diese Erfahrung genauso gut in irgendeinem der mehr als 200 Länder dieser Welt machen können, in denen die Gemeinschaft heute vertreten ist.

MILIEU: Schaut man sich die Twitter-Seite der Ahmadiyya Muslim Jamaat an, steht in der Beschreibung: „Muslime, die an den Verheißenen Messias und Iman Mahdi glauben“. Können Sie einem Laien wie mir erklären, was das zu bedeuten hat? 

Wagishauser: Ich hatte mich damals intensiv mit dem Buddhismus beschäftigt und dort sprach man immer vom Maitreya Buddha, also der, der Erkenntnis wieder in unsere Zeit bringt. Die Christen sprachen von der Wiedergeburt Jesu. Die Vorstellung, dass es einen Erlöser und Erretter oder einen „Messias“ gibt, die gibt es in jeder Religion. Ich hatte damals jedoch die Vorstellung, dass das vor allem innerhalb des Buddhismus der Fall ist. Interessanterweise hat es auch im Islam diese Prophezeiung gegeben: da sprach man vom Imam Mahdi als den Messias des Islam. Als ich dann diese Gemeinde traf, war ich natürlich überrascht, dass diese für sich in Anspruch nahm, dass der Imam Mahdi und der Messias nicht nur ein und dieselbe Person ist und nicht nur für den Islam gilt, sondern auch für alle Religionen die es in unserer Zeit gibt, in der wir uns befinden. Eine Person, die erscheint um alle großen Religionen göttlichen Ursprungs miteinander zu vereinen. 

MILIEU: Wie beeinflusst diese Lehre das alltägliche Leben?

Wagishauser: Das kann sehr unterschiedlich sein und kommt auf jeden Einzelnen an. In unserer Gemeinschaft gibt es Menschen, die versuchen, den ganzen Tag im Gedenken an Gott zu verbringen. Es gibt aber auch Menschen, die sich mehr in der materiellen Welt aufhalten und sich davon beeinflussen lassen. In der islamischen Mystik gibt es den Spruch: „Sei in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt“. Man lebt in einer gewissen Distanz zur Welt, ohne sie zu vernachlässigen. Doch wenn man sich mit ihr beschäftigt, dann ohne sich von ihr abhängig zu machen. Das ist ein Prozess, indem Feinheiten im Denken und Handeln darüber entscheiden, ob man auf dem Weg der moralischen Verbesserung voranschreitet und  spirituelle Fortschritte macht. Das Ziel ist der Frieden mit sich selbst und den Mitmenschen durch die Liebe zum Schöpfer. 

Der Begründer der Gemeinschaft hat einmal gesagt: „Freiheit heißt, von Gott gefangen genommen zu sein“. Stellen Sie sich vor, es gibt einen Schöpfer, der alles geschaffen und allem einen Sinn verliehen hat, ohne unsere Einwirkung. Wir sind weder freiwillig in diese Welt gekommen noch werden sie freiwillig verlassen. Wir haben also auch nicht den Sinn des Lebens definiert. Also müssen wir eine Beziehung zu unserem Erschaffer aufbauen um Seinen Willen zu erkennen. Wir sind davon überzeugt, dass Gott heute noch genauso lebendig ist wie zu Zeiten der früheren Propheten. Das sind keine alten Märchen, sondern gelebte Realität von spirituellen Menschen damals und heute. Wir glauben, dass er heute noch so mit den Menschen spricht und ihnen zuhört, wie er es schon immer getan hat. Viele Muslime sagen mit der Offenbarung des Korans, habe Gott aufgehört mit uns zu sprechen. Deswegen hat mich sehr fasziniert, als ich diese Gemeinde kennengelernt habe, dass selbst Kinder und Jugendliche von Gott als einer realen Person, einem Freund, einem Familienmitglied sprachen. Das war für mich neu.

MILIEU: Seit mehr als 35 Jahren sind Sie nun Vorsitzender der Ahmadiyya Muslim Jamaat in Deutschland. Wird man da nicht langsam müde von den schiefen Debatten rund um den Islam und die Muslime?

Wagishauser: Wir haben in unserer Gemeinschaft genug damit zu tun, den Idealen zu entsprechen, deren Erreichung Gott von uns erwartet. Im Koran heißt es, dass Gott den Menschen dazu geschaffen, Ihn zu erkennen, zu lieben, Ihn allem Weltlichen gegenüber vorzuziehen und sich für das Gute in dieser Welt einzusetzen. Das ist so ein großer Prozess, sich in diese Richtung zu entwickeln, dass man diese vorherrschende Islamfeindlichkeit und die Vorbehalte gegenüber einem selbst eher als Möglichkeit dafür sieht, sich zu öffnen und mit Menschen ins Gespräch zu kommen. 

Als ich nach meiner Konversion nach Deutschland zurückkam, sprach niemand über den Islam, da war ich ein Exot. Mittlerweile ist meine Religion in aller Munde und das ist einerseits ein Problem, aber gleichzeitig auch eine Möglichkeit die Menschen zu bewegen sich mit Neuem auseinanderzusetzen. Ich versuche den Menschen einen Zugang zum Islam zu ermöglichen, wie es die früheren Dichter und Denker in Deutschland auch schon einmal erlebt haben. Für sie bedeutete der Islam eine Bereicherung des geistigen und spirituellen Horizonts. Es ist heute unsere Aufgabe, dass wir in dieser teilweise hysterisch-geführten Debatte, Menschen einen frischen Zugang zu den Inhalten des Islam bieten.

MILIEU: Sie haben im Dezember ein Video im Zuge der Kampagne „Deutschland, deine Muslime“ veröffentlicht, in dem sie sich klar zu Deutschland als Heimat im Einklang mit Ihrem Glauben bekennen. Warum war Ihnen das gerade zu diesem Zeitpunkt so wichtig?

Wagishauser: Der Zeitpunkt ist von uns jetzt nicht explizit gewählt worden. Es ist aber in der letzten Zeit politisch sehr viel passiert. Es gibt Entwicklungen, welche die Islamophobie fördern. Das hat sich bei dieser Bundestagswahl deutlich manifestiert. Ängste und Vorurteile, aber auch blanker Rassismus haben durch die AfD ein Forum in Form einer Partei bekommen. Gleichzeitig sind Dinge, im Namen des Islam geschehen, die Ängste bei den Menschen verstärkt haben. 

Für uns war es eine logische Schlussfolgerung, dass wir klare Aussagen dazu machen. Unsere Männer und Frauen, Jungs und Mädchen haben sich auch schon zuvor klar zu Deutschland bekannt. Die meisten unserer Gemeindemitglieder fühlen sich zurecht irritiert, wenn ihre Zugehörigkeit nach jahrzehntelanger Migration in diesem Land, aufgrund von Hautfarbe, Herkunft und Religionszugehörigkeit immer noch öffentlich und politisch in Frage gestellt wird. Deshalb wird es immer mehr Kampagnen wie „Wir sind alle Deutschland“ geben, da man immer wieder den Zweiflern klarmachen muss, dass es überhaupt keinen Widerspruch zwischen dem Muslim-sein und dem Deutsch-sein gibt. Im Gegenteil: in dem Video meint ein Jugendlicher: „Dadurch, dass ich von meiner Religion geleitet werde, bin ich sogar noch ein besserer Deutscher.“ Zu dem Glauben gehört dazu, dass man loyal zu dem Staat, unter dessen Dach man lebt und arbeitet, sein muss. Das ist für uns eine Selbstverständlichkeit und in unserer Gemeinschaft versuchen wir genau das zu leben. Auf diese Selbstverständlichkeit muss man aber öffentlich immer wieder hinweisen, damit sich die verzerrte Wahrnehmung eines großen Teils der Gesellschaft ändert.

DAS MILIEU: Wer ist in Ihren Augen hauptverantwortlich für die zahlreichen Vorurteile, die es gegenüber dem Islam gibt? 

Wagishauser: Natürlich können wir nicht über dieses Thema sprechen, ohne über das große Problem vieler Muslime im Nicht-Verstehen der eigenen Religion zu sprechen. In vielen islamisch-geprägten Ländern fehlt bei der Masse die religiöse sowie die weltliche Bildung. Viele können Worte aus dem Koran rezitieren, aber den Sinn dahinter nicht verstehen. Einige sind buchstabengläubig und versuchen alles wortwörtlich umzusetzen. Da haben wir noch sehr viel Arbeit vor uns. Aber ich muss sagen, dass es im Moment unter den Muslimen mehr positive Entwicklungen gibt, die in Ländern leben, in denen es eine gewisse gesellschaftliche Offenheit und Toleranz gibt. Die Sonne wird im Westen aufgehen, heißt es in einer Prophezeiung des Heiligen Propheten Muhammad. Große spirituelle und religiöse Entwicklungen kamen in der Regel immer aus dem Osten und jetzt scheint es an der Zeit zu sein, dass die Spiritualität im Westen aufblüht. In den überwiegenden islamischen Ländern gibt es keine politische Stabilität, keine Rechtssicherheit und Religionsfreiheit. Die sogenannte „Islamische“ Welt steckt in einem großen Dilemma. 

Wenn man sich all das vor Augen führt, dann kommt bei vielen Menschen im Westen schnell das Gefühl auf, dass die dortigen Probleme von Muslimen selbst verursacht würden. Wenn man diese These jedoch genauer unter die Lupe nimmt, stellt man fest, dass dies nicht der Fall ist. Vielen ist nicht bewusst, dass die Auseinandersetzungen zum Teil auf gravierende außenpolitische Fehlentscheidungen, Versäumnisse des Westens und der aufgrund der Globalisierung entstandenen wirtschaftlichen Ungerechtigkeit zurückzuführen sind. Egoistische Machtinteressen führten z. B. dazu, dass der Konflikt in Syrien von einem Protest gegen Ungerechtigkeiten, über einen Bürgerkrieg zu einem Stellvertreterkrieg wurde, der wahrscheinlich kein Ende haben wird. Alles liegt in Schutt und Asche. Chaos und Zerstörung in Afghanistan, im Irak, in Libyen oder im Jemen – wurden diese allein durch Muslime verursacht? Welchen Anteil an der Instabilität haben geopolitische Grenzziehungen, Rohstoffkriege, Finanzierung von Konfliktparteien, die Bewaffnung und Ausbildung von Rebellengruppen durch den Westen? Über diese Ungerechtigkeiten muss gesprochen werden.

MILIEU: Dass es so etwas wie Radikalisierung und Extremismus wie in jeder Religion oder Ideologie auch in den Reihen der Muslime gibt, können wir beide nicht bestreiten. Wie erklären Sie es sich, dass heute der „islamistische“ Extremismus so sehr im Vordergrund steht? Rechtsextremismus ist ja eigentlich nicht weniger ein Problem. 

Wagishauser: Radikale Bewegungen gab es schon immer und die wird es auch immer geben. Man muss sie bekämpfen. Wir in Deutschland versuchen momentan auf vielen verschiedenen Ebenen präventiv gegen Radikalisierung vorzugehen, indem wir aufklären. Das fängt schon in der Schule an. Man muss den Jugendlichen einen Zugang zu ihrer Religion geben und ein Bewusstsein schaffen. Da wo Unwissenheit herrscht, können religiöse Führer Menschen missbrauchen. Gleichzeitig braucht es auch Aufklärungskampagnen für unsere nichtmuslimischen Mitbürger. Wir machen das mittlerweile verstärkt im Osten. Durch Flyeraktionen, Informationsstände und Ausstellungen versuchen wir den Leuten zu erklären, dass es nicht der Islam ist, von dem die Gewalt ausgeht, sondern von Menschen, die ihren niederen Begierden folgen.

MILIEU: Der Dialog ist also der Schlüssel zu mehr Akzeptanz?

Wagishauser: Ja, anders geht es nicht. Aufklärung, Kommunikation, Transparenz und Erziehung sind das A und O. Deswegen sagen wir auch, dass es ein Fehler ist, den Dialog mit der AfD nicht zu führen. Viele lassen sie „links“ liegen, wir reden mit denen. Wir setzen sie auch unter Druck und dadurch bewegt sich etwas. Man darf sie sich nicht in ihrer Opferrolle lassen, man muss mit ihnen sprechen und darf nicht lockerlassen. Man muss nicht unbedingt Freundschaften mit ihnen schließen, aber man kann sich mit ihnen auf die beste Art streiten.

MILIEU: Der Islamismus wird als politisierte Form des Islam bezeichnet. Ihre Gemeinschaft sieht sich als rein spirituelle Gemeinschaft. Wie wichtig ist für Sie die Trennung von Staat und Religion? 

Wagishauser: Die Trennung von Staat und Religion ist ein wesentlicher Faktor für den Fortschritt einer vielfältigen und multireligiösen Gesellschaft. Will man eine gerechte Gesellschaft haben, kann es gar nicht anders funktionieren. Was allerdings förderlich ist, ist die Konstitution wie sie in Deutschland vorzufinden ist: Die Neutralität des Staates. Religion hat aber einen geschätzten Platz innerhalb der Gesellschaft, sie ist ein sinn- und moralstiftendes Element. 

MILIEU: Die deutsche Islam-Debatte reduziert häufig eine ganze Weltreligion auf eine handvoll Schlagwörter: Terror, Burka, Scharia oder Dschihad. Worüber wird in Bezug auf den Islam Ihrer Meinung nach viel zu wenig gesprochen?

Wagishauser: Über das, was die Religion ausmacht: der spirituelle Kern. Es ist vor allem der Weg nach Innen. Dieser erfordert den sogenannten Dschihad, also den Kampf gegen den eigenen inneren „Schweinehund“ wie wir in Deutschland sagen – gegen die individuellen Schwächen und Fehler im Menschen. Je mehr wir in diesem Kampf voranschreiten, desto näher kommen wir Allah. Je mehr wir Ihn lieben, desto stärker ist die Freundschaft zu Ihm.

Der Heilige Prophet Muhammad sagte einmal, dass ein wahrer Muslim derjenige ist, der in sich selbst das Schlechte und in anderen das Gute sucht. Reflektion und Selbstreform sind daher die Basis für die spirituelle Entwicklung eines Muslims.

Das bringt eine permanente Zufriedenheit mit sich, ein innerer Frieden, der gleichzeitig zum äußeren Frieden wird. Der Islam bedeutet nichts anders als das man so sehr durchdrungen von der Liebe Gottes ist, dass dadurch eine tiefe Zuneigung zu Seiner Schöpfung entsteht.

MILIEU: Die generelle Angst und Skepsis der Menschen vor dem Fremden wird oft als Grund gesehen warum Menschen eine Ideologie oder Religion ablehnen. Können Sie die Angst und Skepsis der Menschen nachvollziehen? 

Wagishauser: Natürlich kann ich viel leichter Angst vor etwas empfinden, das ich nicht kenne. Deswegen muss ich auch Berührungspunkte schaffen und Begegnungen ermöglichen. Wenn ich über den Nachbar, der in seinen eigenen vier Wänden bleibt und nie rauskommt, spreche, bilden sich natürlich Vorstellungen, in der Regel sind das jedoch keine positiven. Ich muss diese Isolation aufbrechen und mit meinem Nachbarn kommunizieren. 

MILIEU: Die AfD sitzt nun mit gar nicht so wenigen Sitzen im Bundestag, in Österreich gibt es eine rechtsextreme Regierung. Rechte Kräfte sind also klar auf dem Vormarsch, oft erreichen sie Stimmen mit mehr oder weniger offenem Hass gegenüber dem Islam. Fühlen Sie sich dadurch bedroht?

Wagishauser: Ich persönlich fühle mich dadurch nicht bedroht, aber es ist eine Bedrohung für unsere gesellschaftliche Lebensgrundlage. Es ist eine große Herausforderung, die mich dazu anspornt, mehr zu tun als bisher. Die AfD hat in Thüringen z. B. eine Broschüre gegen den Islam verfasst. Wir haben auf diese Propagandaschrift eine Erwiderung verfasst. Diese Erwiderung wurde viel öfter im Netz heruntergeladen als die eigentliche Hassschrift. Alles in der Broschüre war im Grunde nur Propaganda und Hetze. Durch die Widerlegung aller Vorwürfe konnten wir einer großen Leserschaft die Grundlagen des Islams vermitteln. Die AfD hilft in gewisser Weise also auch die Dinge auf den Punkt zu bringen. Dass wir irgendwann mit einer rechten Partei rechnen mussten, war absehbar. Lange haben wir geglaubt, dass die Erfahrungen aus unserer Vergangenheit uns schützen werden. Die neueren Entwicklungen machen nur deutlich: Wir dürfen uns darauf nicht ausruhen. 

DAS MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Wagishauser!

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