Rezension

Ausgang aus der langen Nacht

01.05.2017 - Dr. Burkhard Luber

“Auf der einen Seite hat die Brutalität der ökonomischen Zwänge, die die afrikanischen Länder im Lauf des letzten Viertels des 20. Jahrhunderts erlebt haben - und die sich unter der Knute des Neoliberalismus weiter fortsetzt - zur Entstehung einer aus “Anteilslosen” bestehenden Multitude beigetragen, bei deren Auftreten in der Öffentlichkeit es immer häufiger zu Tumulten kommt oder, schlimmer noch, zu Abschlachtungen bei xenophoben Ausbrüchen oder anlässlich von Kämpfen unter den Volksgruppen, vor allem kurz nach manipulierten Wahlen, im Zusammenhang mit Protesten gegen die Teuerungsrate oder aber im Rahmen der Kriege um die Vereinnahmung seltener Bodenschätze. In völliger Ungewissheit, ob sie jemals heiraten oder eine Familie gründen werden, haben diese mehrheitlich deklassierten Schulabbrecher aus den Elendsvierteln objektiv nichts zu verlieren. Überdies sind sie strukturell mehr oder weniger verloren - und können diesem Zustand oft nur durch Auswanderung, Kriminalität und alle möglichen illegalen Umtriebe entgehen” (S. 29).

Die analytische mainstream Diskussion zu Afrika im Rahmen der internationalen Politik und Ökonomie bewegt sich hauptsächlich zwischen zwei Polen. Da gibt es die teils resignierte, teils arrogante Position, die diesen Kontinent als eine zukunftsunfähige Ansammlung von “failed states” betrachtet, deren Bürgerkriege, Korruption, Unfähigkeit zu stabilen demokratischen Strukturen Afrika einen Weg in eine nachhaltige Zukunft verstellen. Auf der anderen Seite pointieren freundlichere KommentatorInnen Afrika als einen Kontinent mit verheißungsvollen Zukunftsperspektiven. Da hört man: “Die Stunde Afrikas wird kommen” oder - etwas apodiktischer - die Forderung “Afrika Zuerst!” oder - dezenter - die Entwicklung afrika-spezifischer Kategorien wie Leopold Senghors “Negritude”.


Achille Mbembes vorliegendes Buch passt nicht in dieses Schema, was es intellektuell attraktiv macht. Der Autor, zurzeit Professor in Johannesburg, akzentuiert die koloniale und postkoloniale Geschichte Afrikas neu. Mbembes Argumentation überzeugt besonders deshalb, weil er die Verhältnisse Afrika nicht schönredet. Mit schonungslosen Worten umreißt er die selbstproduzierten problematischen bis verheerenden Tendenzen in Afrika: Fehlendes demokratisches Denken, Abwesenheit sozialrevolutionärer Perspektiven, die “Senilität” der einheimischen Machthaber, der überbordende Wunsch immer mehr AfrikanerInnen, möglichst schnell aus Afrika wegzugehen - egal wohin, nur ja nicht in Afrika bleiben müssen und schließlich das, was die Politikwissenschaft die “neuen Kriege” nennt: Gewaltsame Konflikte ohne Front, mit vielen nicht-staatlichen Akteuren (war lords, guerilla Bewegungen) und einem breiten Spektrum unterschiedlicher “Kriegs”handlungen (ethnische Säuberungen, Schutzgeld-Erpressungen, Geiselnahmen). Es verwundert nicht, dass unter diesen Konstellationen immer mehr Menschen in Afrika leben, die Mbembe die “Anteilslosen”, ja sogar die “Überflüssigen” nennt, mit denen (in des Autors scharfer Diktion) weder der Staat (falls ein solcher überhaupt vorhanden) noch der Markt etwas anzufangen weiß. Weder kann man sie wie zu Beginn des modernen Kapitalismus als Sklaven verkaufen, noch - wie in der Kolonialzeit und während der Apartheid - kann man sie zur Zwangsarbeit verurteilen noch - wie in den USA - in Strafanstalten unter Verschluss halten. Angesichts dieser verheerenden Zustände plädiert Mbembe für einen “New Deal” in Afrika, zu einer Wiedergeburt dieses Kontinents, der die Alternative von Fliehen oder Zugrunde Gehen überwindet. Ohne eine kombinierte Strategie von Entkolonialisierung, ökonomischem Fortschritt und Demokratisierung gibt es für Mbembe keine Zukunft für Afrika und speziell im Segment Demokratisierung muss Afrika mit Unterstützung internationaler Netzwerke seinen ganz eigenen Weg finde. Ein Labor für eine solche Erneuerung Afrikas sieht Mbembe speziell in Johannesburg und im weiteren Sinne in Südafrika, bei dem sich seiner Meinung nach eine gute Gelegenheit bietet, Welterschließung und “Aufstieg zum Menschen” miteinander zu verbinden. Die Vorzüge von “Ausgang aus der langen Nacht” liegen darin, dass Mbembe die afrikanische Problematik sowohl mit historischer Tiefenschärfe als auch überzeugenden Perspektiven für die Zukunft entwickelt. Ohne sich in seinem grand design zu verzetteln, räumt er dabei auch wichtigen Teilaspekten genügend Raum ein, so wenn er zum Beispiel die Schuld für die willkürlichen Grenzziehungen in Afrika nicht einfach - wie es normalerweise in oberflächlichen Analyse passiert - den Kolonialmächten, die sie gezogen haben zuschiebt, sondern auch den Anteil der lokalen Rivalitäten und Kräfteverhältnissen, die mit den Kolonialmächten interagiert haben, benennt. Und ebenso scharfsinnig ist Mbembes Blick auf die Militarisierung Afrikas, wo im Diapositiv der sog. “Neue Kriege” das Ziel der Militärs vornehmlich in Angriffe auf die Zivilbevölkerung und in der Kontrolle der Ressourcen besteht. Mbembes analytischer Scharfsinn und seine perspektivische Phantasie sind eindrucksvoll, bis hin zu seinem Schlußplädoyer:


“Wenn die Afrikaner aufstehen und gehen wollen, müssen sie früher oder später woandershin blicken als nach Europa. Europa ist zwar keine untergehende Welt. Aber es ist müde und repräsentiert mittlerweile eine Welt nachlassender Lebenskraft und purpurner Sonnenuntergänge. Sein Geist hat an Gehalt verloren, extreme Formen des Pessimismus, des Nihilismus und der Leichtfertigkeit haben ihn aufgerieben. Afrika sollte seinen Blick auf etwas Neues richten. Es sollte die Bühne betreten und zum ersten Mal tun, was früher nicht möglich gewesen ist. Und das wird es in dem Bewusstsein tun müssen, dass dadurch für es selbst und für die Menschen neue Zeiten anbrechen.” (S, 302).

 

 

Achille Mbembe: Ausgang aus der langen Nacht. Versuch über ein entkolonialisiertes Afrika. Suhrkamp Verlag 2016. 302 Seiten. 28 Euro



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