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Arrival – Sprache als Zugang zur Welt

15.04.2017 - Nicole Willig

Montana. Ein monolithisches, elliptisch geformtes Flugobjekt taucht ex nihilo auf und verharrt einige Meter über der Erde in der Schwebe. Es passiert nichts weiter. Schnell ist klar, dass es sich um ein Raumschiff handelt und dass es elf weitere davon gibt, die an beliebig erscheinenden Orten auf der ganzen Welt gelandet sind, darunter Venezuela, Pakistan, Grönland und der Sudan. Sogar über dem Schwarzen Meer und dem Indischen Ozean schweben zwei der gewaltigen Raumschiffe.

Die Linguistin Dr. Louise Banks (Amy Adams), deren Dienste schon einmal von der amerikanischen Regierung in Anspruch genommen wurden, wird vom Militär darum gebeten, die Sprache der fremdartigen Wesen zu übersetzen, um eine Kommunikation zu ermöglichen und den Zweck der als Invasion wahrgenommenen Ankunft in Erfahrung zu bringen. Gemeinsam mit einem Team von Experten, darunter auch der theoretische Physiker Ian Donnelly (Jeremy Renner), wird sie von einem Militärkonvoi zu dem rätselhaften Flugobjekt geleitet. Es kristallisiert sich zügig heraus, dass das Sprachsystem der extraterrestrischen Lebewesen keiner menschlichen Sprache gleicht und dass die gesprochene und die schriftliche Sprache stark voneinander divergieren.

Das amerikanische Experten-Team arbeitet mit den jeweiligen Teams der anderen Länder zusammen, um Forschungsergebnisse zusammenzutragen und weitere Maßnahmen zu besprechen. Nach einiger Zeit gelingt es den Teams gemeinsam die Sprache der Aliens Stück für Stück zu dekodieren. Dabei ist das sprachliche Zeichen "Waffe", trotz seines abstrakten Charakters, überraschenderweise das erste, welches entschlüsselt wird. Rasch zeichnet sich infolgedessen ab, dass nicht alle Teams und Regierungen nach wie vor an einer akademischen und friedlichen Annäherung festhalten. Getroffene Absprachen werden nun als hinfällig betrachtet. So entscheidet das chinesische Militär gemeinsam mit den nordkoreanischen und den französischen Streitkräften militärisch zu intervenieren und die Raumschiffe mit Waffengewalt dazu zu zwingen, sich von der Erde zurückzuziehen beziehungsweise sie zu zerstören.

Der Film Arrival, der im November 2016 in die deutschen Kinos kam, basiert auf der Kurzgeschichte Story of Your Life (1998), geschrieben von Ted Chiang. Die Kurzgeschichte wurde mit zahlreichen amerikanischen Science Fiction Preisen ausgezeichnet, darunter sowohl der Nebula als auch der Theodore Sturgeon Preis, sowie dem japanischen Science Fiction Literaturpreis Seiun. Story of Your Life wurde im Rahmen der Science-Fiction Anthologie Starlight veröffentlicht. Chiang selbst wurde 1967 auf Long Island geboren und studierte an der Brown Universität Informatik. Insgesamt hat er mit seinen Werken 27 renommierte Science Fiction Preise gewonnen. Bisher schrieb er 14 Kurzgeschichten und eine Novelle.

Im Sommer 2015 wurde die Adaption seiner preisgekrönten Geschichte als Arrival von Denis Villeneuve verfilmt. Die erzählte Geschichte stellt eine Allegorie auf die momentane Gesellschaft dar. Eine Welt, die nicht bereit ist, miteinander zu kommunizieren und sich über kulturelle Differenzen hinwegzusetzen. So ist das Ziel der fremden Art, den Menschen zu helfen. Die Menschen aber sehen in der anderen Art unverzüglich etwas Feindliches. Das Andersartige wird kategorisch abgelehnt. Eine Eingliederung in die menschliche Gemeinschaft erscheint den Akteuren keine Lösung zu sein. Es bietet sich lediglich die Wahl zwischen einer Unterwerfung oder aber einer Zerstörung der extraterrestrischen Wesen. Eine friedliche kulturelle Annäherung wird ausgeschlossen.

Louise Banks gelingt es nicht nur, die Sprache der fremdartigen Wesen, denen sie den Namen Heptapod verleiht, zu dekodieren, sondern auch zu erlernen. So manifestiert sich, dass der Signifikant, also die schriftliche Ausdrucksform, für "Waffe" außerdem auch der Signifikant für das Bezeichnete, das Signifikat, "Geschenk" ist. Mit dem Erlernen der Sprache, die, anders als beispielsweise romanische Sprachen, non-linear ist, erlangt Louise Banks auch die Gabe, Zeit in nicht-linearen Strukturen wahrzunehmen. So kann sie künftig stattfindende Ereignisse perzipieren und entscheiden, ob sie die Zukunft manipulieren will, indem sie sich gegen die erlebte Zukunft entscheidet oder ob sie sich bewusst dafür entscheidet.

So handelt die Kurzgeschichte, anders als im Film dargestellt, weniger von interkulturellen Spannungen und den Kommunikationsschwierigkeiten sowohl zwischen den terrestrischen Kulturen untereinander als auch mit den extraterrestrischen Kulturen, sondern von dem kulturell divergierenden Verständnis von Zeit und Realität. Dieses Konzept basiert auf der Sapir-Whorf-Hypothese über sprachliche Relativität und sprachliche Determiniertheit. Die Hypothese besagt, dass es eine Interdependenz von Sprache und Denkmustern, beziehungsweise der Wahrnehmung der Realität, gibt. In ihrer drastischsten Auslegung bedeutet dies, dass das Sprechen einer bestimmten Sprache die Perzeption der Wirklichkeit beeinflusst und formt, wobei diese Auslegung der Hypothese aus einer linguistischen Perspektive derweil abgelehnt wird. Dabei ist die zirkulatorische Perzeption der Zeit im Film abstrakt zu verstehen.

Durch das Erlernen der Heptapod-Sprache weiß Louise Banks, dass sie künftig eine Tochter haben wird, die allerdings früh an einer tödlichen Krankheit sterben wird. Dennoch entscheidet sich Louise dazu, ihre Tochter zu empfangen. Folglich bedeutet dies, dass Louise die Auswirkungen der Entscheidung, die sie treffen wird, erkennt und diese Entscheidung trotz der Auswirkung bewusst trifft. Eine non-lineare Wahrnehmung von Zeit bedeutet in diesem Fall, dass die Taten der Zukunft, die Vergangenheit eines Menschen bestimmen und umgekehrt. Würde eine Entscheidung manipuliert und bewusst anders getroffen, um künftiges Leid zu verhindern, modifizierte diese Entscheidung nicht nur die Zukunft, sondern auch die Vergangenheit eines Menschen.

Villeneuve entscheidet sich allerdings dafür, stärker das angeblich spannungsgeladene Verhältnis der unterschiedlichen globalen Akteure zueinander, wie beispielsweise China und Russland, herauszustellen. Die beiden Parteien werden im Gefüge um die Dekodierung der Heptapod-Sprache als Aggressoren dargestellt, welche die Raumschiffe rasch als der Erde feindlich gesonnen klassifizieren und militärisch intervenieren wollen. Nachdem das sprachliche Zeichen "Waffe" dekodiert ist, leiten beide Akteure Maßnahmen ein, die die Zerstörung der Raumschiffe zum Ziel haben. Man könnte meinen China und Russland werden als unreflektiert handelnde Parteien dargestellt, die Konflikte mithilfe von Waffengewalt zu lösen versuchen. Doch auch Amerika kann sich nicht lange als besonnen agierendes Pendant beweisen, denn das Militär sieht die Sicherheit in Gefahr, die Politik will schnelle Ergebnisse und in der Mehrheitsgesellschaft wächst die Angst. Das Team um Banks hat es daher nicht leicht, die Verantwortlichen immer wieder davon zu überzeugen, den Kommunikationskanal zu den Aliens aufrechtzuerhalten. Dann fallen auch in Amerika die ersten Schüsse. Dieses typische Verhalten schlägt sich auch in der aktuellen Lage nieder: die vermehrten Luftschläge in Syrien etwa sind der jüngste Beweis dafür.

Und doch könnte man unterstellen, dass sich in Arrival – wie in Hollywood traditionell üblich – eine sehr westliche und eurozentristische Perspektive auf die globale Gesellschaft manifestiert. Louise Banks ist schließlich diejenige, die den chinesischen Angriff auf die Raumschiffe mithilfe ihrer non-linearen Wahrnehmung der Zeit stoppt, weshalb sich neben der eurozentristischen Perspektive ein leicht kolonialistischer Subtext abzeichnet, mit der weißen Frau als Erretterin der menschlichen Zivilisation, als Trägerin der (vormals metropolitanen) Kultur sowie in diesem Falle auch des Wissens in die Welt.