Ausgabe #97

Aus der Chefredaktion: Aneinander vorbeireden

01.10.2017 - Alia Hübsch-Chaudhry

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Autorinnen und Autoren,

wie oft kommt es am Tag vor, dass wir aneinander vorbeireden? Oft sind wir derselben Meinung oder gar nicht so weit von der Position des Anderen entfernt und trotzdem erreichen wir das Gegenüber nicht. Warum? Wir wünschen uns die Wertschätzung des Anderen. Wenn diese Wertschätzung nicht oft genug und ehrlich genug gezeigt wird, fühlen wir uns nicht ernst genommen, hören wir nicht richtig hin oder unser Hören eilt unserem Verstehen voraus. Soll heißen: wir haben eine bestimmte Erwartungshaltung an unser Gegenüber und meinen die Erfüllung unserer Erwartung in den Worten des Anderen herauszuhören, auch wenn es in der Realität anders sein sollte.

Dabei sind Erwartungen und Gewohnheiten wichtig. Ohne Erwartungen, die erfüllt werden, kann kein Vertrauensverhältnis zu anderen Menschen aufgebaut werden, können wir keinen geregelten und stressfreien Alltag erleben. Zugleich können feste Erwartungshaltungen uns aber auch „überraschungsresistent“ machen. Wir drängen uns und unser Umfeld dazu, bestimmte Erwartungen zu erfüllen und machen uns dabei unfrei, hängen uns an Kleinigkeiten auf, verlieren die Geduld und geben dem Anderen keine wirkliche Chance, sich von einer anderen Seite zu zeigen. Wir stecken Menschen in Schubladen, verpassen ihnen Rollen und leben in unseren Blasen, in eigenen kleinen Welten, die nach unseren Regeln und Codes funktionieren (sollen).

Der Lyriker Christian Morgenstern schrieb einmal: „Man sieht oft etwas hundert Mal, tausend Mal, ehe man es zum allerersten Mal wirklich sieht.“ Damit weist er auf einen großen Fehler vieler Menschen hin: sie denken zu klein, zu beschränkt, zu Ich-zentriert und werden für offensichtliche und subtile Einsichten und Erkenntnisse blind. Groß zu denken, heißt auch, negativen Erwartungshaltungen zum Trotz, an neue Erkenntnisse, Entdeckungen, Erfolge und Perspektiven zu glauben. Wer viel von Gutem redet, erzeugt automatisch Gutes. Wer immer wieder nur über Schlechtes spricht, verspricht damit, ohne es zu wollen, die Erfüllung einer negativen Erwartung.

Über die negativen Konsequenzen negativer Erwartungen und Angst als Kriegsursache spricht unser Autor Moritz Matzner in der neuen Ausgabe mit Politik-Professor Graham T. Allison, der den Begriff der "Thukydides-Falle" prägte. Außerdem erzählt unsere Autorin Michaela Ciolkowski in ihrer Kurzgeschichte von unterschiedlichen Erwartungshaltungen an das Leben, die sich mit der Zeit verändern. Und der Wissenschaftler Lars Jaeger macht sich laut Gedanken über Sorgen in Bezug auf die Forschung an künstlicher Intelligenz.

Beste Grüße,

Alia Hübsch-Chaudhry


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