Ausgabe #108

Aus der Chefredaktion: Hohe Ziele setzen

15.03.2018 - Alia Hübsch-Chaudhry

Liebe Autorinnen und Autoren, liebe Leserinnen und Leser,

das Leben ist kein Hollywood-Blockbuster, in dem wir die langatmigen, etwas eintönigen oder zwischentönigen Szenen des Lebens einfach wegschneiden können. Ich befinde mich derzeit auf einer langen Zugfahrt: von München nach Remscheid für einen Poetry Slam-Auftritt. So zumindest war der Plan. Nach einem planmäßigen Umstieg setzte ich mich in einen Zug, von dem ich dachte, dass er der richtige sei. Es stellte sich heraus, dass er jedoch in eine andere Richtung fuhr. Ich war frustriert. Erst die stundenlange Fahrt (teilweise stehend, weil alle Sitze durch einen Ausfall belegt waren) und dann dieser blöde Fehler, der alles nur noch mehr in die Länge zog. Das Taxi wäre zu teuer gewesen und eine Rückfahrt am selben Tag nicht mehr möglich. Ich stand irgendwo im Nirgendwo und der einzige Ausweg wäre gewesen, mit einem anderen Zug zu einem Ort zu fahren, von dem aus eine langer Fußmarsch zu meinem Ziel geführt hätte. In meiner Verzweiflung rief ich den Veranstalter an, der etwas sagte, was ich nicht zu hoffen gewagt hatte: einer seiner Kollegen sei gerade "zufällig" auf dem Weg zum Tagungsort und könne mich mitnehmen. Ich war überglücklich und sehr dankbar.

Manchmal fühlt sich das Leben insgesamt wie diese lange Fahrt an. Meist wissen wir, wohin wir wollen, teilweise dann auch wieder nicht. Zeitweise wissen wir es und verfahren uns. Wir steigen aus und steigen um und lassen uns überraschen, wohin uns der nächste Halt bringt. Wenn wir gut gelaunt sind, spüren wir ein tiefes Gefühl der Neugier auf etwas Neues, das wir antreffen könnten. Wenn unsere Stimmung aber am Boden ist, sind wir schlichtweg enttäuscht darüber, dass wir unseren ursprünglichen Plan nicht umsetzen konnten und beißen uns daran fest. Aber immer mal wieder, ja, da kommt es auch vor, dass wir in Staunen versetzt werden, weil alles noch viel schöner und wundersamer ist, als wir uns vorgestellt hatten.

Es heißt allzu oft, unsere Erwartungen würden uns unser Leben erschweren. In gewisser Weise mag das auch stimmen. Aber es gibt auch einen anderen, gegenteiligen Effekt: Positive Erwartungshaltungen können zu positiven Vorstellungen und Gefühlen werdend das tatsächliche Verhalten des Selbst oder des anderen im positiven Sinne beeinflussen. Wenn ich wiederholt sage, dass ich Maria für einen sehr zuverlässigen Menschen halte, wird die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie auch tatsächlich zuverlässig wird oder bleibt. Wenn ich das Gegenteilige behaupten würde, könnte sie das im negativen Sinne beeinflussen. Ich bin der Meinung, wir sollten uns besonders hohe Ziele setzen, damit wir es uns nicht zu bequem machen. Die Frage, warum tun wir, was wir tun?, muss wichtiger sein, als die Frage, ob es für die Leistung am Ende eine Medaille gibt oder nicht. Der Grund ist allemal wichtiger als die Antwort. Wichtig ist aber, dass wir nie die Geduld verlieren. Es kommt darauf an, mit guten Absichten immer voranzuschreiten, besser zu werden und nie stehen zu bleiben.

In der neuen MILIEU-Ausgabe gibt es ein Interview mit dem katholischen Philosophen Robert Speamann über die Notwendigkeit des Glaubens in der Postmoderne. Das neue Essay von Lars Jaeger gibt uns Einblicke in das Wirken des kürzlich verstorbenen Stephen Hawking. Das ist natürlich nicht alles. Viele weitere Texte warten darauf, von euch inspiziert zu werden. Schaut selbst!

Beste Grüße,

Alia Hübsch-Chaudhry
Chefredakteurin

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