Ausgabe #96

Aus der Chefredaktion: Verlorene Zeit

15.09.2017 - Alia Hübsch-Chaudhry

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Autorinnen und Autoren, 

„So manchen müßigen Tag grämte ich mich um die verlorene Zeit“ schrieb einst der indische Dichter und Literaturnobelpreisträger Rabindranath Tagore. Er träumte davon, dass alle Arbeit ruhen würde und fühlte sich schlecht, als er erwachte. Doch gibt es immer wieder Umstände in unserem Leben, die dazu führen können, dass wir Zeit auch unabsichtlich „verlieren“.  Es kann eine nervige Erkältung sein, die uns an unser Bett gefesselt hält, ein gestrichener Flug, ein unverlässlicher Freund, eine zähe Arbeitssuche, eine innere Blockade oder Unwissenheit und nichts läuft wie wir es uns wünschen. Eh wir uns versehen, überkommt uns die Angst davor, etwas verpasst zu haben, etwas verpassen zu können. Wie oft denken wir dann: „ In dieser Zeit hätte ich eigentlich was Wichtiges machen können!“ 

Was wir in diesen Momenten vergessen, ist die Relativität der Zeit und die Möglichkeit, die Zeit anders zu nutzen, als wir es gewohnt sind. Wir erhalten die Möglichkeit, Dinge zu tun, die wir in unserem gewohnten Alltag sonst vielleicht nicht tun würden. Vielleicht holen wir die "Minusstunden" nach unserer „verlorenen Zeit“ umso motivierter wieder auf, weil wir den Wert der Zeit erneut zu schätzen lernen, verstehen, wie wenig wir kontrollieren können und was uns alles jederzeit bremsen kann. Es ist ja auch nicht unbedingt so, dass wir mehr tun, wenn wir mehr Zeit haben.


Schade ist es nur, wenn wir aus sozio-ökonomischen Gründen dazu gezwungen werden, unsere Zeit mit Arbeit zu füllen, die uns jegliche Kraft raubt. So wenn Tagore schreibt: „Wir sind zu arm, als dass wir uns verspäten dürften.“ Wenn Menschen so wenig verdienen, dass sie dazu gezwungen sind, teils mehrere, schlecht bezahlte Minijobs anzunehmen, dann ist keine Passivität mehr erlaubt, dann dürfen wir zur schweigenden Politik nicht länger schweigen. Am 24.September stehen die Bundestagswahlen an und ich werde meine Zeit nutzen, meine Stimme nach meinem besten Ermessen für mehr Toleranz, mehr Frieden und Gerechtigkeit abzugeben und für alle anderen Ziele, die mir wichtig sind. Für atomare Abrüstung, gegen den Rüstungswettlauf, für eine schnelle Befriedung der Konflikte im Nahen Osten, gegen den Drohnenkrieg, für eine Zweistaatenlösung im Israel-Palästina Konflikt uvm.


Für alle, die noch Zeit zum Nachdenken brauchen, haben wir in unserem MILIEU-Wahlspezial alle zur Wahl stehenden Parteien zu ihren Sorgen und Hoffnungen befragt und die Antworten für euch zusammengetragen.
Außerdem schreibt unser neuer Kolumnist in "Illuminationen" über Amerika-Socken, die ihm seine Cousine geschenkt hat, Nicolas Wolf in seiner MILIEU-Kolumne „Lupus Oeconomicus“ über seine Bedenken zur Wahl, André Gottwald spricht im MILIEU-Interview mit Raed Saleh, dem SPD-Fraktionsvorsitzenden des Berliner Abgeordnetenhauses, über die deutsche Leitkultur, deutsche Identität und Migrationspolitik. Es warten also eine Menge lesenswerte Beiträge darauf, gelesen zu werden! 


Auch Tagore wusste schließlich um den Wert der vermeintlich verloren gegangenen Zeit: „Am Ende des Tages haste ich zu deinem Tor, aus Angst, es könnte schon geschlossen sein; doch stelle ich fest: Es ist immer noch Zeit.“ 

Genießt die neue Ausgabe!  

Beste Grüße,
Alia Hübsch-Chaudhry

Chefredakteurin DAS MILIEU

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