Rezension

Beating the Odds

15.09.2017 - Dr. Burkhard Luber

“The Truth we seek is like a shoreless sea,/ Of which your pradise is but a drop./ This ocean can be yours; why should you stop/ Beguiled by dreams of evanescent dew?/ The secrets of the sun are yours, but you/ Content yourself with motes trapped in its beams” (Seite 320)

Ein bemerkenswertes Buch: Zwei hochkarätige Wirtschaftswissenschaftler, ein früheres Vorstandsmitglied der Weltbank und ein Chefökonom der Afrikanischen Entwicklungsbank, stellen sich gegen die herrschenden Lehrmeinungen der Entwicklungspolitik. Kein leichtes Unterfangen, so dass der Titel durchaus passend ist: “Gegen den Trend” (frei übersetzt). Und gleichermaßen ehrgeizig der Untertitel: “Jump(!)-Starting Developing Countries”. Als Einstieg, was trotz der verbreiteten Skepsis in der Entwicklungsdebatte möglich ist, präsentieren Lin und Monga für ihre Publikation die eher unwahrscheinlichen Erfolgsgeschichten des Kartoffelanbaus in China, des Mango-Anbaus in Mali und die start ups von Schönheits- und Frisiersalons in einer der Township von Diepsloot in Johannesburg. Das dient den Autoren als Hinführung zu ihrer These, dass in der gegenwärtigen globalisierten Welt auch Späteinsteiger in der Weltwirtschaft wie z.B. China, Indonesien, Brasilien und die Türkei voran kommen können (“jump start”). 

Der Schlüssel zum Erfolg: Die Entwicklung von Industrien, in denen das Land einen latenten komparativen Vorteil hat und das Einrichten eines Geschäftsumfelds in industriellen Zonen und Parks. Die beste Methode: Die Konzentration auf Reformen, die die wenigsten störenden Konsequenzen haben und die höchste Wirkung erzielen (S. 19).In den ersten vier Kapiteln des ersten Teil des Buches räumen die Autoren mit den gängigen Vorurteilen der aktuellen Entwicklungspolitik auf, als seien die oft wohlfeil genannten Defizite in den Ländern des Weltsüdens an allem schuld: Schlechte politische Regime, zu wenig Ressourcen, ungenügender Ausbildungsstand, schlechte Geschäfts-Bedingungen, geringe Produktivität. Lin und Monga weisen nach, dass sich diese Vorwürfe weder historisch noch empirisch halten lassen: Länder mit ganz unterschiedlichem kulturellen Hintergrund und Verwaltungsgeschichte ist es gelungen in der Weltwirtschaft aufzuholen (vgl. dazu die sehr instruktive Tabelle auf den Seiten 85 bis 87, die diese falschen Argumentationen zusammenfasst). Manchmal heben die Autoren in ihrer Argumentation ab, wenn sie z.B. die Leserin mit für Laien unverständlichen wirtschaftswissenschaftlichen Formeln konfrontieren. Wer sich aber davon nicht irritieren lässt, findet in den drei Kapiteln der zweiten Buchhälfte genügend Material für ein Entwicklungskonzept, das alternativ zur meisten Fachliteratur steht und von Lin/Monga auf S. 203 und 204 wie folgt umrissen wird:

1.) Das Finden des richtigen Ansatzhebels zur Ankurbelung der Wirtschaft

2.) Die Vernetzung von kleinen kontext-bezogenen Ideen zu einem größeren Wirtschaftsrahmen

3.) Ein sorgfältiges schrittweiser Abbau der physikalischen, finanziellen und institutionellen Defizite

4.) Die Nutzung staatlicher Ressourcen für infrastrukturelle Plattformen und die Schaffung fiskalischer Anreize, um erfolgreiche Verbindungen zwischen lokalen Firmen und ausländischen Investoren zu schaffen

Diese Elemente stellen den Rahmen her, in dem auch in einem schwierigen Wirtschaftsumfeld nachhaltiges Wachstum, Beschäftigung und Armutsbekämpfung gedeihen können. Die Autoren untermauern ihre Argumentation mit dem Verweis auf die immer hochkomplexeren Strukturen moderner Produktion, bei der z.B. bei der Herstellung eines modernen Passagierflugzeuges eine Vielzahl von Firmen unterschiedlicher Nationen beteiligt sind (vgl. das instruktive Schaubild auf S. 263). Hier sehen Lin/Monga die Chance, dass auch Nachzügler in der internationalen Wirtschaft aufschließen können. Das Fazit der Autoren auf S. 317 ist eine Absage an den oft verbreiteten Pessimismus in der modernen Entwicklungsdiskussion: “Handel bedeutet nicht länger das Herstellen eines Produktes in einem Land und dessen Verkauf anderswo, sondern bedeutet Zusammenarbeit  über Ländergrenzen und Zeitzonen hinweg, um die Produktionskosten zu senken und sich einen maximalen Markt zu erschließen”. Der globale Handel und die sich über die ganze Welt erstreckenden Wertschöpfungsketten eröffnen somit armen Nationen neue Möglichkeiten. Clusters, Industrieparks und exportorientierten Zone sind pragmatische Instrumente, die die Defizite an Infrastruktur, Humankapital und good governance überwinden können, die so oft prägend für Länder mit niedrigem Einkommen sind. Brasilien, China, Indien, Indonesien, Vietnam und Äthiopien haben diesen Weg beschritten und trotz mancherlei noch vor ihnen liegenden Herausforderungen spricht die wirtschaftliche Entwicklung dieser Länder in den vergangen Jahren für sich. Keinesfalls dürfen die Ländern im Weltsüden Industriebranchen protegieren, die keine internationale Wettbewerbschancen haben, nicht zur Ausstattung des Landes passen und auch keine Arbeitsplätze schaffen - also z.B. nicht Schiffsbauindustrie, Automobilindustrie, Schwerindustrie. Und statt die Entwicklung landesweit und für alle Wirtschaftszweige gleichzeitig voranzutreiben, sollten die knappen vorhandenen Mittel gezielt und effektiv in ausgewählte Regionen und Wirtschaftszweige eingesetzt werden. Das Buch ist eine willkommene Einladung für alle, die der ausgetretenen Pfade in der internationalen Entwicklungsdiskussion überdrüssig sind und neue unkonventionelle Anregungen erhalten wollen.

Justin Yifu Lin / Célestin Monga: Beating the Odds. Jump-Starting Developing Countries. Princeton University Press. 2017. 393 Seiten. 31.49 Euro

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