Rezension

Besser leben ohne Auto

15.04.2018 - Nikolai Luber

Nachdem der oekom Verlag mit dem Buch "Besser leben ohne Plastik" einen Spiegel Bestseller gelandet hat, legt er mit "Besser leben ohne Auto" nach. Das Buch will ein praktischer Ratgeber sein und so liest es sich auch: Klare, einfache Sprache, viele Tipps und Tricks. Auf den moralischen Zeigefinger oder politische Appelle wird verzichtet. Hier geht es um das Tun, den konkret machbaren Umstieg.

Der Stil des Buchs ist leicht, positiv, fast fröhlich. Man spürt, dass für die Autoren des Vereins "autofrei leben!" das Leben durch Verzicht auf das Auto besser wird, ein Gewinn ist. Vor allem die persönlichen Erfahrungsberichte von Umsteigern, die hier und da in den Text eingestreut sind, lesen sich wie eine poetische Hommage an das vom Auto befreite Leben, wenn von „Fliederduft“ und „frei wie ein Vogel“ die Rede ist.

Gut zu lesen ist es also. Nur: Für wen? Überzeugte Autofahrer werden, so sie das Buch denn überhaupt lesen, kaum umsteigen. Für überzeugte Autofreie bietet das Buch kaum Neues. Bleiben die Autofahrer, die vielleicht schon mal mit dem Gedanken gespielt haben, weniger oder kein Auto mehr zu fahren. Für diese Zielgruppe lohnt sich die Lektüre – wenn Sie, wie die Autoren des Buchs, in der Stadt wohnen. Nur eine Doppelseite widmet sich dem Thema „Auf dem Land mobil sein“. Und auch da bleiben die Autoren bei ihrer stadtgeprägten Sicht: Wenn sie von den „letzten Metern von der Bahn- oder S-Bahn-Haltestelle bis nach Hause“ schreiben, fühlen sich Leser, die von der nächsten Haltestelle kilometerweit entfernt wohnen, nicht abgeholt.

Wer aber in der Stadt wohnt und bereit ist, ein Leben ohne Auto zu wagen, dem bietet das Buch eine ausgezeichnete Anleitung für den Umstieg. In den ersten zwei Kapiteln werden zunächst die Vorteile des Lebens ohne Auto beschrieben sowie die richtige Vorbereitung und Einstellung für den Umstieg. Gelungen ist die Darstellung verschiedener Ansätze für den Umstieg: Vom zeitlich begrenzten „Autofasten“ über die schrittweise Entwöhnung auf kleinen Strecken bis hin zur „Radikalkur“. Auch die Empfehlung, sich mit dem durch Autoverzicht gesparten Geld zu belohnen, versüßt den Umstieg.

Die drei folgenden Kapitel widmen sich den Alternativen: zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit Bus und Bahn. Die letzten zwei Kapitel beschreiben Transportmöglichkeiten und Urlaub ohne Auto. Das ist gut und sinnvoll gegliedert. Viele Fotos, Grafiken, Checklisten etc. bereichern den Text und tragen sowohl zur Lesefreude als auch zum Nutzen bei.

Das Fahrrad als Alternative zum Auto steht im Mittelpunkt des Buchs und nimmt viel Raum ein. Bei der Beratung zur Auswahl des richtigen Fahrrads ist die vierseitige Klassifizierung von Fahrradtypen plakativ aber wenig hilfreich: Zum einen sind die Kategorien nicht trennscharf. Zum anderen gelten Binsenweisheiten wie die, dass das Rad mit höherwertigen Komponenten schnell teurer wird oder dass eine Federung das Gewicht erhöht für jeden Radtyp. Fahrräder, die aktuell im Trend liegen, wie Fixie, Gravel- oder Urban Bike werden gar nicht erwähnt. Schade, denn manche Leser werden sich über den "Fliederduft" zum Rad fahren locken lassen, andere mit einem coolen Bike, das zum Statussymbol taugt und so das Auto ablösen kann. Jeder Jeck ist eben anders und der urbane Hipster von heute wird "sein" Rad im Buch vermissen.

Auch an ein paar anderen Stellen stolpert der Leser über subjektive Auswahl oder Aussagen: So werden Longboard und Tretroller als Fortbewegungsmittel beschrieben - Inlineskates dagegen nicht erwähnt. Die Empfehlungen zur Radbekleidung erstrecken sich über vier Seiten – der Fahrradhelm fehlt. Und dass die Sitzbeinhöcker kein Kriterium für die Sattelauswahl sein sollen, ist eine recht gewagte Einzelmeinung – die meisten Fahrradfachleute dürften das anders sehen.

Die Kapitel über das Zu Fuß Gehen oder das Fahren mit Bus und Bahn sind vergleichsweis knapp aber lesenswert gehalten. Bei dem schönen Rat „Am allerwichtigsten ist jedoch ein gewisses Maß an Gelassenheit“ meint man fast, das Kapitel müsse heißen „Zen und die Kunst, mit Bus und Bahn zu fahren.“

Am Ende des Buches gibt es einen umfangreichen Anhang mit Quellen, Literatur und Links. Dem Praxisnutzen hätte es gut getan, wenn Text und Anhang mit Endnoten verknüpft wären. So muss der Leser jedes Mal mühsam suchen, wo er zu einem konkreten Absatz im Text weiterführende Informationen im Anhang finden kann.

Trotz Stolperstellen und Verbesserungsmöglichkeiten: Nach Lektüre des Buches hat man Lust bekommen, den Umstieg zu wagen. Das Wichtigste dafür wird gleich zu Beginn des Buchs genannt: „Eine gute Portion Neugier und Willensstärke“. Wer die mitbringt, der erhält mit dem Buch eine Fülle von Anregungen und Ideen, wie der Umstieg gelingt und dabei auch noch Spaß macht.


autofrei leben! e.V.: "Besser leben ohne Auto". Oekom-Verlag. 128 Seiten, Paperback, ISBN 978-3-96238-017-5, 14,- Euro.

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