Entwicklungshelferin im Interview

Bettina Landgrafe: "Ich wünsche mir mehr ghanaische Gelassenheit und Offenheit"

15.07.2017 - Astrid Knauth

Wie lebt es sich in einem Land, aus dem andere flüchten? Was macht Ghana so besonders und lebenswert? Wie wird man als Weiße zu der Königin der Ashanti, eines dort ansässigen Stammes? Vor 16 Jahren kam sie zum ersten Mal als Freiwillige nach Ghana. Die Armut und das Leid vieler Ghanaer bewegte sie dazu, den Verein Madamfo Ghana e.V. (Freunde Ghanas) zu gründen. DAS MILIEU sprach mit Bettina Landgrafe über ihren Verein und den dortigen Alltag.

DAS MILIEU: Bettina, du warst Kinderkrankenschwester aus Hagen, als du 2001 zum ersten Mal nach Ghana reistest, um dort in einer Buschklinik zu arbeiten. Warum bist du ausgerechnet nach Ghana und nicht in ein anderes Land in Afrika gegangen?

Bettina Landgrafe: Es mag plump klingen, aber es war einfach nur Zufall. Heutzutage mögen manche Menschen den Traum haben, unbedingt nach Australien zu wollen. Ich war Kinderkrankenschwester, wollte eine Veränderung und habe einfach eine Annonce – „Pflanzen, bauen, baden“ – gelesen. Daraufhin ging ich als Freiwillig in eine Buschklinik nach Ghana, um dort als Kinderkrankenschwester zu arbeiten.

MILIEU: Auf die Frage, warum du dein Leben den Menschen in Afrika widmest, hast du immer wieder geantwortet: „Man muss ihnen nur einmal in die Augen sehen.“ Was fasziniert dich an diesen Menschen und ihrer Kultur?

Landgrafe: Ghana hat ein unglaublich warmherziges Volk! Du musst nur einmal hierherkommen, das habe ich sonst noch nirgendwo auf dieser Welt erlebt und ich bin nicht wenig herumgekommen. Man muss auch kein Einheimischer sein, um diese Warmherzigkeit und Herzlichkeit zu erfahren. Jeder wird so empfangen.

Ich war vor kurzem auch erst in Namibia, Simbabwe und Botswana. Auch in diesen Ländern habe ich nicht so eine Herzlichkeit erfahren. Dabei war ich zum Teil noch nicht einmal Urlauberin, sondern ich habe für fünf Wochen eine Freundin besucht und mit ihr gelebt. In vielen Ländern kann man schon da einen Unterschied merken, wie man behandelt wird, ob man jemanden besucht oder wirklich „fremd“ ist.

Aber dieser Menschenschlag hier ist etwas ganz Besonderes. Ich war sehr jung, als ich hierher kam, und ohne richtigen Anschluss. Man muss sich das vorstellen, allein in der Fremde in einem noch nicht so weit entwickelten Land mit weniger Infrastruktur und so weiter. Trotzdem wurde ich unglaublich freundlich und offen empfangen.

MILIEU: Du verbringst den größten Teil des Jahres in Ghana und den Rest in Deutschland – zwei Kulturen, die sehr unterschiedlich sind. Wenn du ein Land schaffen könntest, das beide Kulturen vereint – welche kulturellen Eigenschaften der Länder würdest du behalten?

Landgrafe: Natürlich würde ich zuerst einmal die Herzlichkeit, Offenheit und auch die Innovationsfreudigkeit der Ghanaer behalten. Das vermisse ich sehr in Deutschland. Die Bevölkerung hier mag deutlich weniger Technik gesehen haben, aber sie sind bereit Neues auszuprobieren. Man setzt sich mit ihnen zusammen, bespricht es und dann wird es umgesetzt. In Deutschland dagegen wird von vorne bis hinten alles geplant und jedes Risiko muss besprochen werden. In Deutschland könnte man sich an dieser Innovationsfreude und dem Mut etwas Auszuprobieren ein Beispiel nehmen.

Dagegen vermisse ich hier in Ghana die Geradlinigkeit, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und Zuverlässigkeit der Menschen und auch die Qualität bestimmter Erzeugnisse. Das soll jetzt nicht heißen, dass die Menschen nicht zuverlässig und verlässlich sind – das sind sie durchaus, aber auf ihre Art. Ich meine damit, dass morgen hier durchaus auch in einer Woche oder in einem Monat heißen kann.

Das ist manchmal schwierig, gerade auch weil man als Deutscher die Pünktlichkeit gewohnt ist.

MILIEU: 2007 gründetest du den Verein „Madamfo Ghana“, um den Menschen vor Ort zu helfen. Kannst du mit wenigen Worten zusammenfassen, wie der Verein genau arbeitet?

Landgrafe: Zum einen ist das Besondere, dass Madamfo Ghana in beiden Ländern - also in Deutschland und Ghana – komplett rechtlich registriert ist. Dadurch haben wir den Vorteil, ein rechtlich anerkannter Partner des ghanaischen Staates zu sein. Wir sind bei bestimmten Sachen wie dem Personal nicht auf Spendengelder angewiesen, weil wir diese als Rechtspartner des Staates anfordern können.

Das andere ist, dass wir keine Freiwillige  aus anderen Ländern oder gar Weiße ins Land holen und bei uns arbeiten lassen. Auch hier gibt es ein Projekt, das sich „Youth employment“ nennt - eine Art Orientierungsprojekt für Kinder und Jugendliche, die Erfahrungen sammeln und sich bestimmte Berufe anschauen können und sogar eine kleine Aufwandsentschädigung/Unterstützung vom Staat erhalten. Damit unterstützen wir die Entwicklung dieses Landes, weil die Jugend die Zukunft ist.

Ich sehe ausländische Volontäre besonders im medizinischen Bereich und im Bereich der Bildung sowieso sehr kritisch. Von Medizin haben sie noch keine wirkliche Ahnung. Dazu müssen sie erstmal jahrelang studieren, um in Deutschland und anderen Ländern überhaupt an den Patienten gelassen zu werden. Warum sollen sie dann hier ins Krankenhaus gelassen werden? Außerdem nehmen sie den Einheimischen die Jobs weg. Das sieht man besonders im Bereich der Bildung. Anstatt einheimische Lehrer zu nehmen, dürfen Volontäre hier unterrichten. Und nur, weil sie in Englisch gut im Abitur waren, heißt das nicht, dass sie lehren können. Ihnen fehlt einfach die Ausbildung  dafür.

Für einen Austausch und das Kennenlernen anderer Kulturen sind Volontariate klasse. Und man kann vieles voneinander lernen. Aber man sollte mit ihnen keine der hiesigen Stellen besetzen.

Madamfo Ghana setzt Einheimische, die ein Studium absolviert oder eine Ausbildung gemacht haben oder bei der Berufsorientierung sind, ein. Das halte ich auch bei mir so. Ich arbeite nicht im Feld, ich arbeite beim Netzwerken zwischen der Regierung und der Organisation und zwischen Deutschland und Ghana und so weiter.

MILIEU: Dir ist es wichtig, sich mit den Einheimischen an einen Tisch zu setzen, damit deine Hilfe – wie der Bau eines Brunnens - dort akzeptiert und genutzt und nicht über deren Kopf hinweg entschieden wird. War es schwierig, einen Zugang gerade als „Ausländerin“ zu den Einheimischen zu finden, damit diese trotz ihres Stolzes die Hilfe einer Fremden akzeptieren?  

Landgrafe: Ich habe hier einen derartigen Stolz nicht erlebt. Das gibt es nicht. Erlebt habe ich es hier eher getreu dem Motto „Wie man in den Wald hereinruft, so schallt es heraus“. Außerdem arbeiten, wie bereits gesagt, die einheimischen Mitarbeiter in der ersten Reihe. Ich bin nicht direkt an der Front. Man könnte mich als Vermittlerin  zwischen Deutschland und Ghana bezeichnen. Die Umsetzung machen dann die Ghanaer selbst – dieses Land ist schließlich auch das Land der Ghanaer. Also nein, es ist ihnen nicht schwergefallen, diese Hilfe anzunehmen, weil unsere Herangehensweise von Anfang an so war.

MILIEU: Andere Vereine und Organisationen sind aufgrund der Verschwendung von Spendengeldern in die Kritik geraten. Du dagegen schickst denjenigen, die spenden, zum Teil sogar Bilder davon, was mit dem Geld gemacht wurde. Was würdest du anderen Organisationen raten, um wieder Vertrauen zu gewinnen?

Landgrafe: Von außen betrachtet, ist es immer einfach, gute Ratschläge zu erteilen. Aber bei den anderen Organisationen kenne ich mich nicht so gut aus, sodass ich da nicht zu etwas raten könnte. Wir sind auch nicht perfekt, denn wo Menschen sind, passieren Fehler. Ich kann nur sagen, dass es ungemein hilft, alles im Kontext des Landes zu sehen. Das ist zielführend. Wir sind lokal sehr gut aufgestellt, haben Leute und eine Vernetzung vor Ort. Es gibt uns wirklich – die Menschen haben von uns und unseren Mitarbeitern ein Bild vor Augen.

Man muss den Leuten in Deutschland klarmachen, warum es Verwaltungskosten gibt und wie das Geld letztendlich genutzt wird. Nehmen wir das Beispiel einer Dorffrau: Wir wollen ihr eine Schweinezucht ermöglichen, das würde ihr ein Einkommen bringen und damit auf Nachhaltigkeit ausgelegt sein. Aber natürlich gibt es die Anschaffungskosten. Dann stellt sich die Frage: Wie setzt man es konkret vor Ort um? Dafür muss man einfach vor Ort sein, denn sonst kennt man die Umstände und die Verhältnisse hier nicht.

Organisationen, die dagegen nur von Deutschland aus arbeiten, müssen sich auf ihre lokalen Partner verlassen. Und wenn sie dann einmal in zwei Jahren hierher fliegen und sich alles ansehen, sind sie letztendlich eine Art Besucher. Sie haben keine Ahnung von den Verhältnissen und den lokalen Bedingungen. Ich kenne hier alles vor Ort. Diese Vernetztheit fehlt bei anderen Organisationen.

Ein anderes Beispiel ist unser Patenprogramm. Deutsche Familien freuen sich über den „Familienzuwachs“, regelmäßig tauscht man Briefe aus. Und aus Deutschland wird dann beispielsweise über Weihnachten berichtet, über Urlaube und so weiter. Von manchen ghanaischen Kindern dagegen kommt immer die gleiche Antwort: „Mir geht es gut. Gott segne dich. Danke für deine Hilfe.“ Natürlich ist die Enttäuschung dann groß und man fragt mich: „Gibt es diese Kinder überhaupt?“ Das kann ich verstehen. Wenn man aber vor Ort ist, kann man antworten. Manche der Kinder können nicht lesen und nicht schreiben, da schreiben manchmal Erwachsene zurück. Manche wissen auch einfach nicht, was man von ihnen will. Sie können ja mit vielem, was für uns selbstverständlich ist, gar nichts anfangen. Diese Dinge muss man erklären, um Vertrauen aufzubauen und Aufklärung und Transparenz zu leisten.

Deshalb bitte ich auch immer wieder welche, die das Projekt vor Ort besuchen und alles live erleben, sie sollen es in Umlauf bringen – auf Facebook posten und in die Welt hinaustragen. Man muss diese Kultur – das Zwischenmenschliche - den anderen nahebringen. Das können deutsche Organisationen, die nur lokale Projektpartner haben, gar nicht. Die Projektpartner sind Einheimische. Sie können nicht zwischen den verschiedenen Kulturen vermitteln. Sie haben kein Verständnis für derartige Probleme, einfach weil auch sie nichts Anderes kennen.

MILIEU: „Hilfe zur Selbsthilfe“ ist das Motto deines Vereins. Für dein Engagement in Ghana erhältst du in diesem Jahr das „Goldene Bild der Frau“. Unter anderem setzen du dich gegen die Kindersklaverei vor Ort ein, die an der Tagesordnung ist – und das, obwohl Kinderarbeit auch in Ghana offiziell verboten ist. Wie ist es möglich, dass die Regierung dabei einfach wegschaut?

Landgrafe: Das ist ja nicht nur hier so – das gibt es in vielen Ländern. Man muss sich nur die Türkei anschauen, die zu Europa gehört, wo einer deiner Kollegen in Haft sitzt. Im Sudan werden schlimmste Verbrechen jeden Tag begangen. Aber um die Frage zu beantworten, sie können es einfach. Die Regierung kann wegschauen. Und es passiert aus den verschiedensten Gründen. Manchmal frage ich mich da auch, warum unter anderem Unicef nichts unternimmt, das politisch wirklich im Gegensatz zu unserem kleinen Verein die Möglichkeiten hätte.

Wir versuchen lokal vor Ort zu helfen. Die, die davon profitieren, sind die Leidtragenden, die Kinder, die zum Arbeiten von ihren Familien an die Fischer verkauft werden. Die freuen sich natürlich darüber, weil ihnen geholfen wird. Aber nicht alle sind damit einverstanden. Die lokale Bevölkerung, besonders auch die Gebildeten und diejenigen, die stolz darauf sind, einem bestimmten Stamm anzugehören, reagieren sehr abweisend. Du musst dir vorstellen, da ist eine weiße Frau aus Deutschland, die das Land, die Region und den Stamm in Verruf bringt. Da ist man natürlich nicht wenigen Gefahren ausgesetzt. Auch die Regierung sieht das Ganze sehr kritisch. Insbesondere, als das Projekt ins Leben gerufen wurde, mussten wir viele Hürden überwinden.

MILIEU: In Deutschland wird viel über die Flüchtlingswelle diskutiert. Nicht wenige der Flüchtlinge stammen aus Afrika, einige auch aus Ghana. Viele glauben, dass mit einer Flucht die Probleme wie Hunger, Durst, Kriege etc. gelöst werden und sie ein besseres Leben in Europa erwartet. Könntest du folgenden Satz beantworten: „Ich würde einem Einheimischen aus Ghana auf die Frage, ob er gehen oder bleiben soll, zu raten….“ Und warum?

Landgrafe: …hier zu bleiben, weil es an ihm ist, sein Heimatland aufzubauen. Dieses Land gehört den Ghanaern, nicht der UN, nicht anderen Staaten, nicht uns.

Bei der Frage allerdings, wie man ihnen helfen kann, ist die internationale Gemeinschaft, sind wir alle in der Pflicht. Die Welt ist schließlich ein Dorf. Wir alle profitieren davon, wenn es diesen Ländern besser geht, sie stabile Regierungen haben. Die Ghanaer sollten zu Hause bleiben und sich fragen: „Wie können wir mithelfen, dieses Land zu gestalten und aufzubauen?“ Das ist deren Aufgabe. Unsere Pflicht ist es zu helfen, weil es uns gut geht.

Viele Schicksale von Flüchtlingen kenne ich. Heutzutage bekommt man via Internet, Handys, einfach über die Medien viel mit, das war ja früher nicht so. Durch die Globalisierung haben die Menschen hier zu all dem Zugang. Und die Medien gaukeln ihnen in gewisser Weise eine heile Welt in Europa vor. Es fehlt bei den Menschen hier die reflektierte Betrachtung des Ganzen.

Diesem Land geht es im Vergleich zu anderen Ländern auch eigentlich recht gut. Und man darf nicht vergessen, Ghana zählt zu den sicheren Herkunftsländern – nicht wie der Kongo zum Beispiel. Fast alle Flüchtlinge werden hierher zurück abgeschoben.

MILIEU: Du lebst als eine „Weiße“ in Afrika südlich der Sahara, wurdest von den Einheimischen aber als eine der ihren akzeptiert und bist sogar Königin des Stammes der Ashanti. Leider stellt für einige Menschen die Hautfarbe und der Glauben ein Akzeptanzproblem dar, dabei sind wir alle letztendlich „nur“ Menschen. Was ist nötig und was wünschst du dir, damit Menschen in der heutigen globalisierten Welt nicht nach Ihrer Hautfarbe und dem Glauben beurteilt werden und Kulturen wirklich zusammenarbeiten?

Landgrafe: Einfach eine Betrachtungsweise wie zum großen Teil in Ghana – diese Gelassenheit und Offenheit gegenüber anderen.

In Deutschland wird eine Moschee gebaut, sofort sind überall Diskussionen und man regt sich auf. In Ghana dagegen geht man getreu dem Motto vor: „Erst schauen, dann „brüllen“.

Ich wünsche mir einfach mehr Gelassenheit. Ich kam hierher und war als Weiße alleine im Busch. Die Einheimischen haben mich erstmal machen lassen, vielleicht funktioniert es ja. Man schaukelt sich nicht so gegeneinander auf. Trotzdem muss man hier nicht alles mitmachen, aber man kann ja erstmal schauen. Natürlich gibt es immer irgendwelche Pessimisten, die alles schwarzsehen. Eine Frage wird einem hier auch immer gestellt, egal ob man mit Waffe kommt oder um essen bettelt: „Welche Mission hast du hier?“ Man fragt zuerst, egal wer du bist und was du trägst.

Ich wünsche mir einfach diese Gelassenheit und an zweiter Stelle die Offenheit.

MILIEU: Der Comedian Atze Schröder hat die Patenschaft für viele Projekte übernommen. Wie habt ihr euch kennengelernt und was verbindet euch?

Landgrafe: Wir haben uns bei „Wer wird Millionär?“ kennengelernt. Günther Jauch ist ja auch ein großer Unterstützer des Projekts. Der RTL Spendenmarathon „Wir helfen Kinder“ hat unter anderem unser Projekt gegen Säuglingssterblichkeit unterstützt. Außerdem hatte Atze privat noch einen Freund, der hier als Arzt war und das alles kannte.

Atze und ich haben uns von Anfang an gut miteinander verstanden, wir bewegen uns einfach auf der gleichen Wellenlänge. Er ist sehr intelligent, sehr belesen und hat eigentlich nichts mit der Kunstfigur zu tun, die er spielt und uns zeigt. Das Projekt, die Kinder, einfach die Menschen hier hat er sehr ernst genommen und ist sehr hilfsbereit.

MILIEU: Wie schaffst du es Familie und das Projekt unter einen Hut zu bringen und hat man als Königin der Ashanti überhaupt ein „normales“ Privatleben?

Landgrafe: Keine Ahnung. Ehrlich gesagt, aber wahrscheinlich wie jede Alleinerziehende in Deutschland. Die Gesellschaft macht es einem hier aber viel einfacher. Sie ist äußerst kinderfreundlich und sehr offen. Ganz anders als in Deutschland, wo manchmal sogar das Geschrei von Kindern als „Lärm“ wahrgenommen wird. Ich habe hier aber auch das Glück, gute Leute um mich zu haben, die meinen dreijährigen Sohn zur Schule mitnehmen und wieder abholen.

Weil ich den Vergleich kenne, kann ich auch sagen: Es gibt nichts Schöneres, als hier aufzuwachsen. Er ist immer draußen, kann dort buddeln, nackt herumlaufen und es gibt so viel zu entdecken. Ich möchte aber nicht unterschlagen, dass ein großer Nachteil die Gefahr der Infektion mit Malaria durch Mücken darstellt.

Aber ich habe gelernt, dass man entspannt bleiben muss. Mein Motto hier ist – und das haben mir auch die Einheimischen beigebracht: „One day at a time“. Man muss jeden Tag vollbringen, das habe ich mir bewusstgemacht. Heute ist heute, morgen ist schon wieder etwas Anderes. Das geht natürlich bei meinem Sohn, bei dem Projekt würde es nicht funktionieren. Aber ich kann nur jedem dazu raten, es entschleunigt ungemein.

14 Jahre lang hatte ich hier kein Privatleben, jetzt bestehe ich darauf. Ich habe es mir in gewisser Weise erarbeitet. Mittlerweile lebe ich auch in der Hauptstadt Accra wegen meines Sohnes und nicht mehr mitten im Busch. Er muss ja auch in den Kindergarten. Ich versuche auch viel zu Hause zu sein. Ein Kamerateam wollte bei uns einen Film drehen, das habe ich mehrmals abgelehnt. Das Privatleben ist mir heilig. Er kommt auch nirgends in den Medien vor. Wenn er das später möchte oder das Projekt unterstützen möchte, soll er das selbst entscheiden.

MILIEU: Zum Abschluss – auch wenn es noch ein langer Weg ist, was wünschst du dir für Ghana, hast du eine Zukunftsvision vor Augen?

Landgrafe: Ja – Ghana ist schon auf dem richtigen Weg. Es ist ja an sich kein schlecht entwickeltes Land, sondern steht sogar recht gut da. Ich wünsche mir, dass es so weitergeht, dass man über die politischen Parteigrenzen hinwegsieht. Die Menschen sollen lernen zu reflektieren, wie es weitergehen soll und wen sie wählen wollen – da haben ja auch Bevölkerungen gut entwickelter Länder Nachholbedarf. Es soll weiter den eingeschlagenen Weg beschreiten und die Jugend, insbesondere Kinder sollten gefördert werden, denn sie sind die Zukunft dieses Landes.

MILIEU: Vielen Dank für das Interview!

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