Myanmar | Bhutan

Buddhistischer Faschismus?

15.12.2017 - Wolfgang Koschnick

Man hat sich einigermaßen damit abgefunden, dass vor allem die drei monotheistischen Religionen aus dem Nahen Osten den Gedanken der ebenso frommen wie scheinheiligen Gewalttätigkeit praktizierten. Doch dass auch der ach so friedfertige Buddhismus eine hässliche Fratze hat und seine ausgeprägte Friedfertigkeit unentwirrbar mit brutaler Gewalttätigkeit verschmilzt, mögen viele nicht wahrhaben.

Das kann man aber auf erschütternde Weise gegenwärtig in Myanmar sehen, wo buddhistische Mönche massenhaft muslimische Rohingya massakrieren und zugleich beim Bau von Klöstern besonders achtsam die Erde umgraben, damit sie bloß keinem Regenwurm etwas zuleide tun. Täter und geistige Anstifter zugleich sind Mönche. Die buddhistische Argumentation für Friedfertigkeit und universelle Liebe zerplatzt angesichts der verbalen und brachialen Argumentation der myanmarischen Buddhisten; denn die Moral im Buddhismus lautet ja nicht, Liebe und Friedfertigkeit seien ein Gebot der Religion. Es lautet, man tue sich selbst keinen Gefallen, wenn man nicht friedfertig sei. Die Mehrheit der Buddhisten in Myanmar steht in krassem Widerspruch zu ihren eigenen buddhistischen Überzeugungen. Das ist schwer erträglich. Aber es gibt einen buddhistischen Faschismus. Und er ist in Myanmar zu Hause.


Heute gehen alle Beobachter davon aus, dass vor allem die burmesische Militärjunta für die Verbrechen verantwortlich ist. Das trifft auch ohne jeden Zweifel zu. Die machen die Drecksarbeit. Aber der Terror gegen die muslimischen Rohingya in Myanmar nahm seinen Ursprung in einem ausgesprochen fremdenfeindlichen und verbohrten Rassismus der buddhistischen Mönche. Bis heute lebten in Myanmar, vorwiegend in der nordwestlichen Provinz Rakhaing oder auch Rakhine, an der Grenze zu Bangladesch, ungefähr eine Million Moslems, die Rohingya. Die Mehrheit ist inzwischen nach Bangladesch geflohen. Genaue Zahlen sind derzeit nicht verfügbar, aber das menschliche Elend ist unermesslich.


In den Reihen der Mönche setzten sich die rigoros islamfeindlichen Strömungen durch. Ja, an die Spitze der Buddhisten in Myanmar gelangte das Sprachrohr aller Fremden- und Islamfeinde im Lande, der Mönch Ashin Wirathu. Er wurde wegen seiner „Verdienste“ um die Anheizung der antimuslimischen Hetze an die Spitze der Buddhisten in Myanmar gehievt. Er gilt als der Sprecher und der führende Buddhist Myanmars. Bis vor einigen Jahren war er auch in Myanmar recht unbekannt. Dann brachen die Zusammenstöße zwischen der buddhistischen Mehrheit und der muslimischen Minderheit aus und brachten erst die rassistische Hetze gegen die Minderheit zum Kochen und dann den Hetzer Wirathu an die Spitze der Buddhisten. Unter den Buddhisten in Myanmar gibt es heute kaum noch Leute, die sich gegen den Hetzer und seine primitive Hetze stellen. Die Mehrheit der Buddhisten gefällt sich in der Rolle der Speerspitze der Faschisten.

Rassistische Hetze wie von Julius Streicher

Heute ist die antiislamische Stimmung in Myanmar allgegenwärtig und umfasst nahezu alle Schichten des Volks. Die Buddhisten liefern die moralisch-ideologische „Rechtfertigung“, übrigens mit den übelsten rhetorischen Verrenkungen im Stile der deutschen Nationalsozialisten, das Militär vollzieht gewissermaßen im Geiste der Buddhisten die Vertreibung der Rohingya aus dem Land, und die Politik in Gestalt von Aung San Suu Kyi schaut tatenlos zu, wie Hundertausende aus dem Land vertrieben werden. So reichen Mönche, Militär und Politik einander die Hände, um die Moslems aus Myanmar zu vertreiben oder gar auszurotten.
Wer bislang stets dem Irrglauben anhing, der Buddhismus sei die einzige Religion, die zu verbaler und brachialer Gewalt aus sich heraus nicht fähig sei, wird durch die Gewalt in Myanmar – und nicht nur dort – eindrucksvoll widerlegt.


Ashin Wirathu ist Vorsitzender der in Myanmar weit verbreiteten Bewegung 969 und hält Reden gegen den Islam, die sich durchaus mit den wahnwitzigen Reden von Julius Streicher auf ein und dasselbe Niveau stellen lassen, zumal die Verschwörungsfantasien ganz ähnlich sind. Wirathu, der auch schon mal als „Burma Hitler“ bezeichnet wird und das offenbar als Ehrennamen versteht, ist allen Ernstes davon überzeugt, dass die arabische Welt die „globalen Medien“ kontrolliert – eine geradezu krankhafte Fantasie. Und von Myanmar – einem Land, in dem der Buddhismus nun wirklich fester als in jedem anderen Land verankert ist – behaupten er und seine Bewegung, es stünde in der Gefahr, vom Islam überrollt zu werden.


Wie absurd diese Fantasien sind, zeigen die nackten Zahlen. Von 51 Millionen Einwohnern Burmas, die auf einer Fläche leben, die fast doppelt so groß wie Deutschland  ist, sind weniger als zwei Millionen Moslems. Und die wohnen oder wohnten fast ausschließlich in der nordwestlichen Provinz Rakhine an der Grenze zu Bangladesch. Fast eine Million sind bereits vertrieben worden. Ziel der radikalen rassistischen Bewegung 969 ist es, Burma zur moslemfreien Zone zu machen. Und das ist nicht ein abstraktes Ziel. Die Vertreibung der Rohingya ist seit Monaten in vollem Gange. Und in ihrer Unmenschlichkeit und grausamen Brutalität ist sie unvergleichlich und geht über Leichen. Es ist eine nationalistische Bewegung gegen die islamische „Expansion“ im buddhistischen Burma – eine Expansion, die objektiv gar nicht stattfindet. Auf Kundgebungen fordert Wirathu seit Monaten dazu auf, die Muslime aus dem Land zu vertreiben – ohne Erbarmen und ohne auch nur Spuren von Menschlichkeit.


Die Ziffern von 969 symbolisieren die Tugenden des Buddha, buddhistische Praktiken und der buddhistischen Gemeinschaft. Es ist offenbar eine Taktik übler Gewalttäter, sich als höchste Tugendwächter zu gerieren. Die erste 9 steht für die neun besonderen Attribute des Buddha, die 6 für die sechs besonderen Attribute der buddhistischen Lehre, des Dharma, und die letzte 9 für die neun besonderen Attribute des buddhistischen Ordens, des Sangha. Diese Eigenschaften stellen die drei Juwelen des Buddha dar. Die geradezu verschlagene Scheinheiligkeit der buddhistischen Faschisten manifestiert sich in der Inanspruchnahme dieser drei Juwelen; denn das schließt nach der buddhistischen Lehre auch einige Silas ein: 1) Kein Lebewesen zu töten oder zu verletzen, 2) Nicht zu lügen oder unheilsam zu reden.

Mit Buddhas Lehren von Offenheit und Toleranz hat das alles nichts zu tun. Im Vergleich mit anderen Weltreligionen galt der Buddhismus bislang als Glaube, der für extremistische Positionen weniger anfällig ist. Das ist vorerst einmal widerlegt.


Wirathu wurde 2003 noch zusammen mit vier Anhängern wegen Anstiftung zur Gewalt gegen Muslime zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. 2011 kam er im Zuge einer Amnestie wieder frei. Seitdem nutzt er die sozialen Medien für obszönste Agitation. Jeden Tag liest man auf seiner Facebook-Seite von neuen angeblichen Gräueltaten: Morden, Anschlägen und vor allem Vergewaltigungen, die die Muslime, so hämmert es Wirathu seinen Glaubensbrüdern unermüdlich ein, nutzen, um das Land zu islamisieren.

Voller Liebe gegen den tollwütigen Hund namens Islam

Wirathu sagt, dass sich die Buddhisten gegen die Verschwörung der Muslime zur Wehr setzen müssen, die ganz Myanmar islamisieren wollen. Das Beispiel Indonesiens zeige das. Dort sei der Islam in wenigen Jahrhunderten zur größten Religion geworden. Das rechtfertige auch den vollkommenen Verzicht der Buddhisten auf ihre sonst so viel gepriesene Friedfertigkeit, meint Wirathu: „Man kann voll von Liebe und Freundlichkeit sein, aber nicht wenn man neben einem tollwütigen Hund schlafen muss." Er verbreitet die absurdesten Vorurteile und Hass, Wut, Neid und Angst: „Wenn du in muslimischen Geschäften einkaufst, bleibt dein Geld nicht dort. Es wird benutzt, um deine Rasse und deine Religion zu zerstören." Die Muslime „sind verantwortlich für fast alle Verbrechen in Myanmar: Opium, Diebstahl, Vergewaltigungen".


Über die Moslems meint Wirathu: „Sie sind wie afrikanische Karpfen. Sie vermehren sich schnell, sind sehr gewalttätig und fressen sich gegenseitig.“ Die Rohingya beschreibt er als „Tiere, die mit dem Hintern fressen“. Und er „argumentiert“: „Meine Religion und meine Rasse zu beschützen ist wichtiger als Demokratie.“ Auf die Idee, dass er als buddhistischer Mönch fehl am Platze sein könnte, ist in Myanmar offensichtlich noch keiner gekommen. Wie auch? Die sind ja alle derselben Überzeugung. Buddhisten und Muslime lieferten sich in den vergangenen Wochen blutige Auseinandersetzungen. Unzählige Menschen wurden getötet oder verletzt, Moscheen wurden in Brand gesetzt, Wohnviertel und ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Tatsächlich kursieren in Myanmar Gerüchte über die Moslems, an denen kein Wort wahr ist – der Vergleich mit den Gerüchten, die in der deutschen Nazizeit über die Juden kursierten, liegt auf der Hand. So wird stets behauptet, die Rohingya seien erst in den letzten Jahren aus Bangladesh eingewandert, obwohl sie in der Provinz Rakhine seit Jahrhunderten ansässig und auch unzweifelhaft nachweisbar sind.


Das Militärregime erklärte die Rohingya 1982 für staatenlos. Seither leben sie praktisch ohne alle Rechte und werden wie Aussätzige behandelt. Ashin Wirathu und seine 969-Bewegung postulieren ein striktes Eheverbot für Buddhisten mit Nicht-Buddhisten. Das soll angeblich dem Frieden zwischen den Religionen dienen und verhindern, dass buddhistische Frauen muslimischer Männer gezwungen werden, zum Islam zu konvertieren. Man sieht, wie sehr die perversen Fantasien der burmesischen Buddhisten und der deutschen Nationalsozialisten einander ähneln. Es ist dieselbe Denkwelt.

Laufend Berichte über muslimische Gräueltaten

Fast täglich berichtet Wirathu auf Facebook von angeblichen Gräueltaten, die Muslime angeblich an Buddhisten begehen – ganz im Stile Julius Streichers: Vergewaltigung junger Mädchen, Enthauptungen von Babys, bestialische Morde von Jungen und Alten. Muslime nennt er einfach „Kalar", eine verächtliches burmesisches Schimpfwort für schmuddelige Fremde, vergleichbar mit der Bezeichnung von Schwarzen als „Niggers" in den USA. Primitive Vorurteile über dunklerhäutige Menschen gibt es überall auch in Asien. Und als die damalige UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navanethem Pillay, 2015 die Lage der Rohingya anprangerte, bezeichnete Wirathu sie öffentlich als „Schlampe" und „Hure" und forderte sie auf, sie solle doch ihren „Arsch den Kalars" anbieten. Bei Weitem nicht so krass wie in Burma zeichnen sich auch im thailändischen Buddhismus nationalistische Tendenzen ab. Sie zeichnen sich allerdings nur in den Anfängen ab. Die thailändische Gesellschaft beobachtet genüsslich den Rohingya-Konflikt im Nachbarland und ist der festen Überzeugung, dass die verzweifelten Flüchtlinge zurück aufs offene Meer zurückgestoßen gehören. Soll doch das Schicksal über ihre Zukunft entscheiden.


Schandtaten gegen Hindus im Land des Bruttosozialglücks

Was nur wenigen bekannt ist: Ein zu Gewalttaten und Extremen neigender buddhistischer Nationalismus findet immer mal wieder größere Anhängerschaften. Und weil das vielen Menschen auch im Westen so ganz und gar unvorstellbar und auch unvereinbar mit dem romantischen Bild des friedfertigen Buddhismus ist, leugnen oder verdrängen die meisten Beobachter diese Erfahrung. Shangri-la und aggressiver Nationalismus scheinen den Beobachtern irgendwie nicht zusammenzupassen. Und doch ist Buddhismus mit bösartigem Nationalismus eine grausame Realität. In Bhutan, dem letzten Land aller buddhistischen Glückseligkeit, das sich geradezu hymnisch wegen der Verankerung des „Bruttosozialglücks“ in seiner Verfassung rühmen und preisen lässt, fand vor gar nicht so langer Zeit eine brutale Vertreibung statt. Aus dem kollektiven Gedächtnis der Welt ist diese Schandtat längst wieder hinter dem Bild von Bhutan als Shangri-la und Heimat wallender buddhistischer Glückseligkeit verschwunden. Man kann sich doch seine schönsten Vorurteile und Illusionen über eine heile Welt nicht einfach durch die krude Realität kaputt machen lassen.


Ganz Bhutan ist flächenmäßig ungefähr ebenso klein wie die Schweiz, hat aber nur gerade mal um 700.000 Einwohnern – so wie Bremen. Aus diesem Land wurden über 120.000 Menschen mit Gewalt vertrieben: also ungefähr jeder Fünfte oder Sechste. Die Lhotshampa oder nepalesischen Bhutaner lebten und leben meistens im Süden, an der Grenze zu Nepal. Vertrieben wurden sie, weil sie als Hindus nicht in die in Bhutan zelebrierte buddhistische Glückseligkeit hineinpassen; denn die meisten der Bhutaner gehören dem tibetischen Kulturkreis an und sind Anhänger des tantrischen Mahayana-Buddhismus, des Vajrayana. Sie machen ungefähr 75 Prozent der Bevölkerung aus, die Lhotshampa rund 25 Prozent.


Wenn ungefähr jeder fünfte oder sechste Bewohner eines Landes vertrieben wird, müsste das sich eigentlich dramatisch in den Veränderungen der Bevölkerungszahl niederschlagen. Nicht so in Bhutan. Die Zahlen sind ungefähr gleich geblieben. Ein  Hinweis darauf, dass die offiziellen Angaben nicht ernst zu nehmen sind. Sie zeigen bestenfalls Größenordnungen und schwanken zwischen dem Minimum von 600.000 und dem Maximum von 2.2 Millionen Einwohnern. Allen Ernstes: Je nach Statistik schwankt die Bevölkerungszahl zwischen 600.000 und 2,2 Millionen. Die meisten Bhutaner sind ethnisch und kulturell mit den Tibetern verwandt. Der Buddhismus hat sich schon im 7. Jahrhundert ausgebreitet. Im 8. Jahrhundert hielt sich der sagenumwobene Guru Rinpoche oder Padmasambhava – er gilt als der zweite Buddha und hat den Buddhismus nach Tibet gebracht– in Bhutan auf, bevor er nach Tibet aufbrach. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ließen sich die ersten Einwanderer aus Nepal in Bhutan nieder. Die britischen Kolonialherren warben sie als Hilfsarbeiter auf den Reisplantagen im Süden des Landes an. 1958 verhängte die Regierung Bhutans erstmals einen Niederlassungsstopp und erließ zugleich ein Gesetz, das den bis dahin eingewanderten Nepali und ihren Nachfahren die Möglichkeit bot, Staatsbürger von Bhutan zu werden. Mit den alteingesessenen Bevölkerungsgruppen Bhutans, den Ngalong und den Sarchop, hatten die Lhotshampa wenig Kontakt. So behielten sie auch ihre nepalesische Sprache und Kultur bei. Die meisten sind Hindus.

Eine beispiellose Orgie der politischen Gewalt

Seit Mitte der 1980er Jahre unternahm die Regierung den Versuch, die Lhotshampa stärker in die vorherrschend buddhistische Kultur zu integrieren. Eine Volkszählung hatte 1980 ergeben, dass der Bevölkerungsanteil der Lhotshampa teilweise auf über 35 Prozent angewachsen war. Und das löste in Regierung und Bevölkerung des Landes große Besorgnis über die drohende „Überfremdung“ und die Gefährdung der traditionellen tibeto-buddhistischen Kultur durch eine von den Nepalesen getragene Demokratie aus. Ende der 1980er und Anfang der 1990er wurde schließlich dem größten Teil der Lhotshampa die bhutanische Staatsbürgerschaft brutal entzogen. Etwa 120.000 von ihnen wurden nach Nepal abgeschoben oder mussten dorthin fliehen. Alle Nicht-Bhutaner mussten innerhalb von vier Tagen das Land verlassen.

1985 bekam Bhutan ein neues Staatsbürgerschaftsgesetz mit einer diskriminierenden Vorschrift: Wer als Bhutaner anerkannt werden wollte, musste nachweisen, dass er vor 1959 seinen ständigen Wohnsitz in Bhutan hatte. Viele Lhotshampa konnten das nicht, wurden zu illegalen Einwanderern erklärt und ohne Federlesen aus dem Land gejagt. Seitdem betreibt die Regierung eine massive kulturelle Assimilierung und Bhutanisierung. Dazu zählt das Gebot, die nationale Kleidung der ethnischen Bhutaner zu tragen, deren Sprache als einzige Sprache zu sprechen, das Verhalten der Eingeborenen zu praktizieren und den Grundsatz der Einheit von König, Regierung und Königreich („tsa wa sum“) zu achten. Während der Unruhen fanden viele Lhotshampa Zuflucht in den umliegenden Ländern. Wie viele es sind, und vor allem, was sie sind, darüber herrscht bis heute zwischen der bhutanischen Regierung und den Bewohnern der Flüchtlingscamps Uneinigkeit. Fakt ist, dass heute noch um 60.000 Menschen in Flüchtlingslagern leben, die sich selbst als vertriebene Bhutaner sehen.


Das rigorose Vorgehen löste unter den Lhotshampa heftige Unruhen aus, die von Armee und Polizei mit Gewalt niedergeknüppelt wurden. Im Zuge der anhaltenden Unruhen verließen ab 1991 über 120.000 Menschen das Land, zum großen Teil wurden sie deportiert, zu einem anderen Teil flüchteten sie nach Nepal. Die vor 1985 ausgestellten Staatsangehörigkeitsdokumente wurden für ungültig erklärt. Die Behörden begannen, neue Ausweise auszugeben. Ab 1988 setzte die gezielte Verfolgung der nepalisch stämmigen Bevölkerung und der ostbhutanischen Sarchops ein. Als Staatsbürger galt nun nur noch, wer nachweisen konnte, dass Mutter und Vater Staatsbürger Bhutans waren, und mit Steuerquittungen aus den Jahren vor 1958 belegen konnte, dass sie in Bhutan lebten. Selbst alte Leute, deren Kinder und Enkelkinder nachweislich in Bhutan geboren waren, wurden mangels Schriftstücken als „Ausländer" behandelt. Wer seine Staatsbürgerschaft nicht dokumentieren konnte, musste das Land verlassen. Die königliche Regierung verfolgte seit 1989 die Politik „Eine Nation, ein Volk". Mit aller Macht versuchte das regierende Volk der Ngalong, alle anderen Ethnien unter Androhung von Strafen zur Aufgabe ihrer Kultur, Sprache und Kleidung zu zwingen. So wurden auch hinduistische Rituale und Nepali als Verkehrssprache verboten. Mit Gewalt ließ das Königshaus Proteste der anderen Volksgruppen niederschlagen, Demonstranten wurden festgenommen, viele Dörfer von der Armee zerstört, in denen Kritiker des Königshauses vermutet wurden, und mutmaßliche Unterstützer vertrieben.


1989 wurde der Parlamentsabgeordnete der Südbhutaner, Teknath Rizal, festgenommen. Er hatte in einer Petition gefordert, Dokumente aus dem Jahr 1985 zur Ausgabe von Staatsbürgerschaftsnachweisen heranzuziehen. Rizal wurde gefoltert und erst zehn Jahre später wieder freigelassen. Heute lebt er in Nepal und ist dort einer der Sprecher der Flüchtlinge und der Demokratiebewegung Bhutans. Weit über 100.000 Süd-Bhutaner leben seither in sieben Lagern im Osten Nepals. Vergeblich hofften sie bislang auf eine Rückkehr in ihre Heimat. Mehrere Verhandlungsrunden zwischen den Regierungen Bhutans und Nepals brachten keine Lösung. Die Flüchtlinge sowie Menschenrechts- und Hilfsorganisationen werfen Bhutan eine Verschleppungstaktik vor, die nur darauf abziele, jede Wiedereinbürgerung der Vertriebenen zu verhindern. Die hartherzige Verstocktheit der Regierung steht in krassem Widerspruch zur glückseligen Gefühlsduselei des bhutanischen Glücksversprechens. Auch der Hochkommissar für Flüchtlinge der Vereinten Nationen (UNHCR) sowie die USA und die Regierungen verschiedener europäischer Staaten mahnten eine schnelle Rückführung der Vertriebenen an. Die Regierung Bhutans unterband alle Bemühungen um eine Heimkehr. Flüchtlinge, die versuchten über Indien nach Bhutan zurückzukehren, wies man schon an der Grenze nach Nepal ab.


2007 erklärten sich die USA bereit, 60.000 Lhotshampa-Flüchtlinge aufzunehmen, weitere sollen in anderen Drittländern angesiedelt werden. Bis November 2015 wurde bereits der hunderttausendste Flüchtling umgesiedelt. Fast 85.000 Menschen wurden von den USA aufgenommen, 6.500 von Kanada, 554 von Australien, 1.002 von Neuseeland.

Die Buddhisten wehren sich gegen Überfremdung

Die offiziellen Zahlen – egal von welcher Seite – stimmen vorn und hinten nicht: Wenn 60.000 in Lagern leben, 85.000 in den USA Aufnahme fanden, dann sind weit über 120.000 geflüchtet oder vertrieben worden. Es ist auch relativ gleichgültig, in welcher genauen Höhe sich die Zahl der Vertriebenen bewegt.
Bhutan hat zwischen 120.000 und 200.000 seiner Bewohner mit brachialer Gewalt mit der Begründung aus dem Land vertrieben, mit der Faschisten so etwas immer tun: Die passen nicht zu uns. Sie integrieren sich nicht. Sie vermehren sich wie die Karnickel und werden immer mehr. Unser buddhistischer Volkskörper wehrt sich gegen die wachsende Überfremdung. Der Hinduismus gehört nicht zu unserer buddhistischen Kultur.


Im Kontext politischer Radikalisierungen im früheren Sikkim, in Darjeeling und in Nepal wird das Motiv für den erzwungenen Massenexodus eindeutig klar. Der kontrollierte Umbau des politischen Systems diente im Kern der machtpolitischen Konsolidierung der Monarchie und bediente sich zur Rechtfertigung der Gewalt der üblichen faschistischen Argumente.


Bhutans Verfassung bietet zwar aktives Wahlrecht für die Bevölkerung, das  passive Wahlrecht bleibt jedoch an akademische Bildung gebunden. In Bhutans Parlament sitzen Angehörige der alten und neuen Elite. Bhutans bäuerlicher Bevölkerung, die mehr als 90 Prozent ausmacht, bleibt der Zugang zu parlamentarischen Institutionen verwehrt. Der König verfügt über ein Vetorecht gegen Gesetze, bestimmt 20 Prozent der Oberhaus-Mitglieder und kann Regierung und Parlament auflösen. Bhutans formaldemokratischer Wahlprozess verschleiert die autokratische Stellung der Monarchie und verbrämt die Autokratie durch die unkritische Verherrlichung der Demokratie in Bhutan als Geschenk des Königs an seine Untertanen. Wie unendlich weit sind solche Positionen entfernt von einer der wichtigsten Lehren des historischen Buddha: „Glaube nichts, weil ein Weiser es gesagt hat. Glaube nichts, weil alle es glauben. Glaube nichts, weil es geschrieben steht. Glaube nichts, weil es als heilig gilt. Glaube nichts, weil ein anderer es glaubt. Glaube nur das, was Du selbst als wahr erkannt hast.“

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