Metal-Band im Interview

Bury your hate: "Hass gibt es überall"

15.10.2017 - Astrid Knauth

Vor zwei Jahren wurde die Metal-Band „Bury your hate“ in Düsseldorf gegründet. Dieses Jahr erschien ihre neue EP „This is war“. DAS MILIEU sprach mit Tim Sontopski (Sänger), Dennis Bormann (Gitarrist) und Tobias Herzner (Gitarrist) über die Ambivalenz des Menschen zwischen Außen- und Innenwelt, den Hass in unserer heutigen Zeit, warum Metal sowohl Show als auch ein Lifestyle ist und warum der Mensch zuerst einmal er selbst sein sollte.

DAS MILIEU: „Bury your hate“ - frei übersetzt mit „Begrabe deinen Hass“. Wie würdet ihr diesen Hass definieren – eine Abwendung von der Welt, ihren Menschen, den Systemen? Und ist das „Begraben“ eine Art Verarbeitung in den Songs?

Tim Sontopski: "Hass" ist für mich ein ziemlich weiter Begriff. Vieles mag zwar nicht direkt so rüberkommen, aber Hass gibt es überall, sei es in Religion, Politik oder nur in der Einstellung vieler Menschen. Streng genommen hasse ich ja auch: Ich hasse die, die hassen. Die Menschen, die einem ein falsches Weltbild vor Augen halten wollen, dir deine Freiheit rauben oder dich eingrenzen wollen. In den Songs behandle ich nun mal Themen, die eben unter anderem damit zusammenhängen, spreche allerdings niemanden gezielt an.

Dennis Bormann: Den Namen haben sich Tobias und Tim ausgedacht, noch bevor ich eingestiegen bin, daher kann ich nur meine Interpretation dazu äußern: Es geht darum, dass es in der heutigen Welt leider viel Böses gibt - es brodelt überall, auch in uns selbst. Jeder einzelne muss versuchen, diesen Hass, den er in sich trägt abzulegen. Wir leben meiner Meinung nach in einer gefährlichen Zeit. Es wäre durchaus schön, wenn jeder Einzelne mal über seinen eigenen Schatten springen würde und man sich gegenseitig die Hand reicht, anstatt sich die Köpfe einzuschlagen.

MILIEU: Ihr habt gerade erst eure neue EP „This is war“ herausgebracht. Ein ambivalenter Name, wenn man den Namen eurer Band betrachtet. Warum diese Ambivalenz – auch ein Spiegel der Gesellschaft, schließlich sagte schon Nietzsche: „Frei ist, wer in Ketten tanzen kann“?

Bormann: Im Prinzip muss man sagen, dass der Name für unsere Debut-EP etwas Reißerisches haben sollte: Er sollte prägnant und einprägsam sein, und dennoch auch für unsere Musik stehen: immer Vollgas, immer kompromisslos. Bandintern reden wir von "keiner halbgaren Scheiße". Insofern ist "This is war" das Statement dahinter. Auf einer Meta-Ebene allerdings, kann man das durchaus als Analogie für die menschliche Ambivalenz sehen, oder? Überall wird der Weltfrieden propagiert, dennoch behaupte ich, dass unsere Welt, so wie sie aktuell regiert wird, ein gefährlicher Ort ist. Schau dir doch mal verschiedene Staatsoberhäupter an: Putin, Trump, Erdogan oder Kim Jong-un. Das sind gefährliche Menschen. Und im Falle von Trump oder Erdogan sind die sogar von der Bevölkerung "gewählt" (das muss man ja vorsichtig formulieren) worden. Von Bevölkerungen, die Frieden wollen. Ich schlafe, ehrlich gesagt, nicht besser, seit das Toupet aus Queens die Politik als Hobby entdeckt hat und Amerika wieder "great" machen möchte.

MILIEU: In dem Song „We have the same enemy“ singt ihr von Fesseln, fehlender Menschlichkeit und einer gewissen Passivität der Menschheit. Niemand rebelliert gegen Gesetze und Regeln, man nimmt sie einfach hin. Von der Dichterin Aurora Stechern stammt die Aussage: „Der größte Feind des Menschen war immer der Mensch selbst.“ Seht ihr das auch so?

Sontopski: Absolut, aber wir bemerken es einfach nicht, beziehungsweise ändern nichts daran. Stattdessen füttern wir die, die uns vortäuschen, dass sie das Richtige, das Gute tun - nur um irgendwann zu merken, dass dem doch nicht so ist. Wir regen uns darüber auf, wir diskutieren, demonstrieren und am Ende machen wir alles wieder wie zuvor, weil wir es einfach nicht bemerken, wie sehr wir verarscht werden.

MILIEU: Zum Teil kommt der Gedanke auf, dass ihr mit „enemy“ eine Person direkt ansprecht. Hattet ihr beim Schreiben direkt eine Person vor Augen? Aufgrund welcher Charakterzüge?

Sontopski: Ich habe schon etwas vor Augen gehabt, als ich die Texte geschrieben habe. Ich lasse den Hörer sich aber seine eigene Meinung dazu bilden.

Bormann: Der Text funktioniert meiner Meinung nach sehr gut, weil jeder etwas hat, sei es eine Person, eine Situation oder gar eine Ideologie, die ihm widerstrebt. Wenn wir den Song spielen, dann denke ich beispielsweise daran, dass mir diese ganze braune Suppe in Deutschland massiv auf den Senkel geht. Für mich sind die der "enemy", gegen den man vorgehen muss, gegen den man mobilmachen muss.

MILIEU: Bei manchen eurer Songs kommt man auf die Idee, es handelt sich um eine Art inneres Zwiegespräch – eine Stimme, die noch an der Welt festhält und eine, die nach Tod und Freiheit strebt. Schon Goethes Faust sagte: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust." Woran liegt diese Zerrissenheit des Menschen?

Bormann: Weil es scheinbar eine große Differenz zwischen der Person gibt, die wir sind, der Person, die wir möglicherweise sein wollen und der Person, die von unserem Umfeld erwartet wird. Ganz häufig muss man sich in vielen Lebensbereichen verstellen: Nimm den Beruf beispielsweise. Da wirst du ganz häufig in eine bestimmte Rolle gepresst, die du zu erfüllen hast. Manche Menschen können damit besser umgehen, andere weniger gut. Ganz häufig ist man dann mit sich selbst nicht mehr im Reinen, weil man keinen Bock mehr darauf hat, sich zu verstellen, und man als die Person akzeptiert werden möchte, die man ist. Und dann kommen eben diese Situationen, in denen man quasi im Dialog mit sich selbst steht, in denen man sich fragt: "Hm, wofür eigentlich das Ganze?" und nach möglichen Antworten sucht. Das ist am Ende auch das, was Menschen, meiner Meinung nach, psychisch krank macht: dass sie aus ihren "Ketten" nicht mehr ausbrechen können, weil sie den Erwartungen anderer gerecht werden wollen. Diese Erwartungshaltung der Gesellschaft ist aber häufig nicht gesund für einen selbst.

MILIEU: Allein mit dem Begriff „Metal“ verbinden viele Menschen eine Art negative, dunkle Musik, dunkle Klamotten meist mit Schriftzug, Album-Cover oder Symbolik einer Band, lange Haare, die Pommesgabel, Tattoos und Festivals. Sind das Vorurteile oder entspricht es der Wahrheit?

Sontopski: Für mich ist vieles im Metal einfach nur Show, gerade in den härteren Genres will vieles einfach nur brutal und böse rüberkommen. Die Menschen dahinter sind dann meistens die nettesten und liebevollsten, die man sich nur vorstellen kann. Die Leute machen einfach nur das, worauf sie Lust und Spaß dran haben.

Tobias Herzner: Ich persönlich denke, dass an diesen Vorurteilen definitiv was dran ist. "Metal" ist für viele ja nicht nur eine Musikrichtung, sondern auch ein Lebensstil, der sich dann durch Merch oder Konzert- und Festivalbesuche äußert. Verallgemeinern sollte man das aber nicht, von uns hat beispielsweise keiner lange Haare.

Bormann: Das aber tatsächlich nur, weil die nicht mehr so wachsen, wie ich das gern möchte - und schwarz trage ich gern, weil es schlanker macht (lacht). Tobi hat schon recht, wenn er sagt, dass es ein Lifestyle für viele ist, Tim allerdings auch, wenn er sagt, dass das alles mehr Schein als Sein ist. Die Wahrheit ist, denke ich, irgendwo in der Mitte. Klar hast du auch diese paar "True"-Metaller, die um jeden Preis in allen Lebenslagen böse sein wollen. Es ist für eine Metalband eben nicht "hip", wenn sie "Puffy Vanilla Rainbow" heißt und ein buntes Einhorn im Logo hat. Allerdings wäre das fast schon so geil, dass man es mal ausprobieren müsste.

MILIEU: Musik wird als eine Art Spiegel der Seele gesehen. Nur ein innerlich sensibler Mensch könne Gefühle in Musik verwandeln. Verweigert ihr mit der Musikrichtung „Metal“ die Auseinandersetzung damit oder drückt das Rebellische auch etwas Verwundbares in euch aus?

Sontopski: Ich finde, dass man gerade im Metal Gefühle am besten übertragen kann. Du wirst nicht groß eingegrenzt wie zum Beispiel in der Popmusik. Du bist sauer? Schrei deine Meinung einfach zu ein paar harten Riffs ins Mikro. So etwas ist zwar nicht radiotauglich, aber authentischer und ehrlicher als jemand der Weltprobleme auf Spanisch zu Samba-Rhythmen singt, nur weil es mehr Kohle bringt und es eh keiner versteht.

Bormann: Ist Metal immer rebellisch? Es bekommt diesen Stempel, aber einer der bekanntesten Songs des Genres "Metal" ist "Nothing else matters" von Metallica. In dem Song geht es darum, dass James Hetfield dauernd mit seiner Band durch die Weltgeschichte herumtourt und seine Partnerin vermisst. Und das von einem Mann, der ein paar Jahre vorher Titel wie "Seek and destroy" geschrieben hat. Dieses Rebellische ist meiner Meinung nach ein Klischee, das entstanden ist, als sich die Leute vor allem in der Anfangszeit des Heavy Metal wenig damit beschäftigt haben, was da genau musikalisch und textlich passiert. Viele dachten es ginge immer nur darum, Krach zu machen und das "Establishment" anzugreifen. Wie komplex der "Metal" an sich ist, dass Instrumente auf einem gewissen Niveau spielen zu können eine große Kunst ist und es textlich nicht immer nur darum geht, Satan durch okkulte Rituale anzubeten und die Welt in Schutt und Asche zu legen, ist eine Einsicht, die erst sehr spät in die Wohnzimmer der Leute gekommen ist.

MILIEU: Pete Townshend von „The Who“ sagte einmal: „Das einzig Rebellische in der zerfallenen Gesellschaft ist es, eine Familie zu gründen. Nur dort findet einer zu sich selbst.“ Ihr schreibt selbst über dieses Thema – würdet ihr das so unterschreiben? Und ist für euch die Band eine Art Familie?

Bormann: Rebellisch vielleicht nicht, mutig aber durchaus. Wir leben in einer schnelllebigen Zeit, in einer Wegwerf-Gesellschaft. Man sollte nur mal betrachten, wie viele Ehen heute wieder geschieden werden, weil "Wegwerfen" leichter als "Reparieren" ist. Da drängt sich die Frage auf, ob es die Institution "Familie" im ursprünglichen Sinne überhaupt noch gibt. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass es mehr "Patchwork"-Familien gibt, als im "klassischen" Sinne. Findest du in einer Familie, die du gegründet hast, zu dir selbst? Möglicherweise. Allerdings sollte man dazu nicht eine Familie brauchen. Du solltest immer du selbst sein. Sind meine Bandmates meine Familie? Puh... vielleicht werden sie es, wenn wir mal zwei Jahre auf Welttour sind und 24 Stunden am Tag miteinander verbringen (lacht). Ich würde sagen, dass wir gute Freunde sind. Mal lacht man miteinander, mal streitet man, aber am Ende haben wir einfach nur Bock drauf, miteinander unserem Hobby nachzugehen.

MILIEU: Ihr schreibt sehr negative, dunkle Musik. Wie ist das beim Schreiben dieser Texte – rutscht man automatisch in diese Stimmung oder kann man das ganz gut von der realen Welt und der eigenen Stimmung abblocken?

Sontopski: Im Grunde schreibe ich einfach auf, was mir gerade durch den Kopf geht. Sich über Texte den Kopf zu zerbrechen, bringt meiner Meinung nach nichts und wirkt einfach nur gezwungen beziehungsweise aufgesetzt.

Herzner: Uns macht "Metal" einfach Spaß. Klar, wenn man gerade nicht so gut drauf ist, hört man das auch, aber für mich als Gitarrist ist es wichtiger, Riffs zu schreiben, die einfach Druck erzeugen und zum Headbangen, Moshen oder was auch immer anregen. Das können welche sein, die eher traurig sind, genauso aber auch welche, die eher positiv klingen.

MILIEU: Die Richtung „Metal“ kommt ursprünglich aus England. Also ist es folgerichtig, dass die Songtexte auf Englisch sind. Kam es euch mal in den Sinn, einen deutschen Songtext zu schreiben, gerade um vielleicht Fesseln abzustreifen und einen Kontrast zur deutschen Popkultur, in der häufig das Thema Liebe im Mittelpunkt steht, zu bilden?

Sontopski: Ja, die Idee, auch etwas Deutsches zu machen, gab es tatsächlich mal. Irgendwann geriet das aber einfach mehr oder weniger in Vergessenheit.

Bormann: Meine Meinung dazu ist, dass deutsche Texte mit unserer Musik nicht funktionieren würden. Außerdem finde ich, dass die deutsche Sprache oftmals "peinlich" wirkt. Es gibt für mich ganz, ganz wenige Bands oder Künstler, die es schaffen, deutsche Texte zu verfassen, die gut mit der Musik zusammengehen. Und im schlimmsten Falle kommst du textlich dann in diese "Asi-Rapper"-Schiene: Da ist das Fremdschämen schon vorprogrammiert, weil ich nicht in einer Band spielen möchte, die textlich keine Worte häufiger nutzt als "Ey, Alter" und es inhaltlich darum geht, Geschlechtsverkehr mit Müttern von Leuten zu praktizieren, die man nicht leiden kann.

MILIEU: Ihr habt alle ein Leben neben der Musik. Habt ihr einmal darüber nachgedacht, euch komplett der Musik zu widmen und zu versuchen, damit euren Unterhalt zu bestreiten?

Sontopski: Ich war schon immer begeistert, was Musik betrifft. Vor der Band habe ich elektronische Musik gemacht und mache auch heute immer mal wieder was in der Richtung, aber davon leben werde ich niemals. Sicherlich ist es toll, wenn man mit seiner Musik Geld verdienen kann, aber im Grunde geht es darum, dass man damit Spaß hat und sich damit identifizieren kann.

Herzner: Ich kann mir das nicht vorstellen. Dafür ist unsere Musik auch nicht populär genug. Um als Musiker so viel Geld zu verdienen, dass man davon leben kann, muss man schon "ganz oben" mitspielen. Und das werden und wollen wir vor allem auch gar nicht.

Bormann: Diese vage Idee hat man, glaube ich, immer, wenn man beginnt, Musik zu machen. Tatsächlich schaffen es aber nur die Allerwenigsten. Für uns ist Musik ein Hobby, etwas, was wir machen um mal ein wenig aus dem alltäglichen Trott herauszukommen. Wenn jetzt jemand daherkommt und mir anbietet, dass ich nen Haufen Geld dafür bekomme, dass ich in meiner Band hier und da ne Show spiele und auf ner Gitarre rumklimpere, wäre ich ja behämmert, "Nein" dazu zu sagen, aber tatsächlich wollen wir nur gemeinsam Spaß haben. Musik ist bis zu einer gewissen Dimension finanziell immer ein Verlustgeschäft, wenn wir dir jetzt hier vorrechnen würden, was wir, allein rein wirtschaftlich, bisher in die Band gesteckt haben und was wir an Ertrag bekommen haben, kommen dir die Tränen. Versprochen! Was uns das Ganze aber emotional bringt, ist mit Geld nicht aufzuwiegen!

MILIEU: Vielen Dank für das Interview, Tim, Dennis und Tobias!

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