Romanautor im Interview

Daniel Kehlmann: "Trump ist kein Narr, der uns den Spiegel vorhält"

01.12.2017 - Patricia Bartos

Daniel Kehlmann zählt zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Nun kommt sein neues Buch „Tyll“ heraus, dass die Geschichte von Tyll Ulenspiegel erzählt, der in Zeiten des 30-jährigen Krieges mit der Bäckerstochter Nele durch das verwüstete Land wandert und verschiedenste Leute trifft. DAS MILIEU sprach mit dem Schriftsteller Daniel Kehlmann über seinen neuen Roman, die Seltsamkeit des Schreibens und dem Erstarken des Rechtspopulismus in Österreich.

DAS MILIEU: Können Sie etwas Anderes so gut wie das Schreiben?

Daniel Kehlmann: Ich hoffe nicht.

MILIEU: Warum schreiben Sie lieber Romane als Drehbücher für Filme oder Serien? 

Kehlmann: Ich habe ja Drehbücher geschrieben, und auch mehrere Theaterstücke. Aber Romane sind am flexibelsten, man kann am meisten mit ihnen machen. Ich weiß nicht, ich mag einfach Romane!

MILIEU: Ihr Erfolg mit dem Roman „Die Vermessung der Welt“ (2005) zählt zu den größten der deutschen Nachkriegsliteratur. Wie hat sich für Sie das Schreiben seitdem verändert? 

Kehlmann: Ich fühle mich seither freier. Ich werde mich nie über diesen Erfolg beklagen, er war ein großes Glück für mich, und ich werde immer dafür dankbar sein.

MILIEU: Ihre Popularität ist bis heute ungebrochen. Wünschen Sie sich manchmal gerne wieder in die Zeit vor 2005 zurück?

Kehlmann: Ich wünsche mir manchmal wieder die Unbefangenheit zurück, mit der ich 1997 meinen ersten Roman geschrieben habe, aber grundsätzlich nein, ich bin heute freier und glücklicher als damals.

MILIEU: Wenn Sie damit beginnen, einen neuen Roman zu schreiben, haben Sie Angst vor einem leeren Blatt?

Kehlmann: Nein, das leere Blatt ist etwas Wunderbares! Anfangen ist leicht, weitermachen ist schwer. Ich habe unzählige Anfänge für unzählige Romane geschrieben, aber die meisten sind nie darüber hinausgekommen.

MILIEU: Sie haben an Ihrem neuen Roman „Tyll“ fünf Jahre geschrieben. Können Sie das Gefühl beschreiben, das Sie empfinden, wenn der letzte Satz des Manuskripts geschrieben ist und jahrelange Arbeit zum Ende kommt?

Kehlmann: Diesen Moment gibt es ja eigentlich nicht, das ist das Seltsame. Wenn man eine erste Fassung fertig hat, ist das Buch ja noch lange nicht fertig, dann kommt monatelanges Überarbeiten auf einen zu. Das Überarbeiten geht ins Lektorat über, und wenn dann endlich die korrigierten Fahnen in den Druck gehen, hat man wiederum das Gefühl, das Buch wäre schon lang fertig gewesen. Der große Moment, nach dem man sich immer sehnt, ist eigentlich keiner, den man wirklich erlebt – leider.

MILIEU: „Tyll“ bringt im Grunde zwei Welten zusammen: das Mittelalter und die Zeit des 30-jährigen Krieges. Was hat sie dazu gebracht Tyll Ulenspiegel in die Zeit des 30-jährigen Krieges zu versetzen?

Kehlmann: Ich brauchte einen Gaukler, einen Entertainer, der sich durchs Land und durch die sozialen Schichten bewegen kann. Und dann dachte ich: warum nicht gleich den archetypischen deutschen Narren, warum nicht gleich Till Eulenspiegel selbst?

MILIEU: Hatten Sie anfangs Bedenken, dass diese Verbindung von „Humor und Elend“ anecken könnte?

Kehlmann: Ich glaube nicht, dass man den Roman so beschreiben kann. Tyll ist bei mir keine lustige Figur. Und ich glaube nicht, dass mein Buch irgendetwas verharmlost, es handelt ja gerade von dem Schrecken und der Grausamkeit. Mehr als irgendetwas, das ich sonst geschrieben habe.

MILIEU: Tyll Eulenspiegel, oder Ulenspiegel bei Ihnen, ist eigentlich die Urgestalt des Narren. In Ihrem Roman wirkt er jedoch eher wenig lustig und mehr brutal und unheimlich. Haben Sie diese Figur schon immer so wahrgenommen oder schlichtweg in Ihre Geschichte übertragen

Kehlmann: Nein, der Narr ist ursprünglich eher eine dämonische Figur – das spiegelt sich ja sogar noch im modernen Horrorclown wieder, selbst seine Schellenkappe (die Tyll bei mir übrigens nicht trägt) leitet sich von den Bockshörnern ab, wie die Hörner des Teufels. Und der Till Eulenspiegel des Volksbuchs spielt den Leuten die bösartigsten Streiche! Gerade dieser Aspekt hat mich fasziniert – im Vergleich dazu ist mein Tyll eigentlich sogar eher sanft und sogar rücksichtsvoll.

MILIEU: Sie haben mal in einem Interview erwähnt, dass Sie bei dem Wahlsieg Donald Trumps in großer Sorge waren. Wenn Donald Trump blödelt, witzelt und stichelt findet das die Mehrheit seines Publikums oft gar nicht lustig. Wie viel Eulenspiegel steckt in Trump?

Kehlmann: Trump ist ein inkompetenter und bösartiger Lügner, kein schlauer Narr, der den Menschen den Spiegel vorhält. Er hat etwas Clownhaftes, aber mit Eulenspiegel ist er für mich nicht verwandt.

MILIEU: Sie haben österreichische Wurzeln. Dort entsteht gerade eine rechtskonservative Regierung, dies war während der Jahrtausendwende ebenso der Fall. Laut aktuellen Umfragen ist beispielsweise die Opferthese des Nationalsozialismus in der Gesellschaft nach wie vor präsent. Glauben Sie, dass es rechtspopulistische Kräfte in Österreich generell leichter haben? Wie empfinden Sie dies?

Kehlmann: Das ist ganz sicher der Fall und hat damit zu tun, dass in Österreich die nationalsozialistische Vergangenheit nie aufgearbeitet wurde wie in Deutschland. Es hat auch damit zu tun, dass es in Österreich keine Tradition liberaler, unabhängiger Medien gibt – im Gegenteil, die unheilvolle Kronenzeitung hat wesentlich zum Aufstieg Jörg Haiders beigetragen. Aus heutiger Sicht ist das Österreich der neunziger Jahre fast wie ein Labor der Zukunft. Vieles, was heute die Welt bedroht, haben wir in Österreich damals schon erlebt. Auch die Fragmentierung der Gesellschaft. Ich kannte damals in Österreich keine FPÖ-Wähler, so wie ich heute in Amerika niemandem im Bekanntenkreis habe, der Trump gewählt hat.

MILIEU: Sie haben mal geschrieben: Der Narr ist der kleine Bruder des Teufels. Der Teufel in Goethes Faust verfolgt etwa das Ziel den Egoismus, die Gier und den Hass des Menschen sichtbar zu machen, um den Beweis dafür zu erbringen, dass der Mensch eine üble Kreatur sei. Welches Ziel verfolgt Tyll Ihrer Meinung nach?

Kehlmann: Schwer zu sagen. Ich weiß es nicht genau. Er ist eine sehr rätselhafte Figur, auch für mich. Ich glaube, er will vor allem überleben. Und manchmal will er auch seinen Spaß haben.

MILIEU: Vielen Dank für das Interview, Herr Kehlmann.

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