Das Autoren-Duell: Hamed Abdel-Samad vs. Khola Maryam Hübsch

15.05.2014 - Tahir Chaudhry

Teil III: Abschlussdiskussion über Islamkritiker und gläubige Muslime

DAS MILIEU: Abschließend würde ich gerne um ein Statement bitten. Was erwarten Sie jeweils von der anderen Seite?
Herr Abdel-Samad, was wünschen Sie sich von gläubigen Muslimen wie Frau Hübsch?


Abdel-Samad: Ich wünsche mir mehr Selbstkritik, statt Ausreden und nur Beschönigungen. Was ich von Frau Hübsch vernommen habe, ist mehr Beschönigung als selbstkritische Haltung, wie man es besser machen kann. Ich würde mir auch wünschen, dass sich Frau Hübsch nicht nur dafür einsetzt, dass das Tragen des Schleiers als politisches oder religiöses Symbol salonfähig wird, sondern dass sie sich auch für diejenigen Frauen einsetzt, die zum Tragen des Schleiers gezwungen werden. Gerade in der deutschen Gesellschaft bringt das sonst auch nichts.

DAS MILIEU: Frau Hübsch, was wünschen Sie sich von Islamkritikern wie Herrn Abdel-Samad?

Hübsch: Zum einen wünsche ich mir einen gerechteren Umgang. Hätten Sie mein Buch gelesen, Herr Abdel-Samad, dann wüssten Sie, dass ich mich gegen Zwang im Glauben einsetzte, was natürlich auch heißt, dass man nicht zum Islam, zum Kopftuch gezwungen werden darf. Wir leben in einem säkularen Staat, wo Menschen mit unterschiedlichen Wertevorstellungen zusammenleben können. Aber dieses Klima in Deutschland wird leider von Islamkritikern wie Herrn Abdel-Samad vergiftet, weil versucht wird, alle möglichen, strukturellen, sozio-ökonomischen Umstände, geopolitischen oder machtpolitischen Interessen religiös zu erklären. Das alles wird dann unter dem Label der Religion vermarktet. Es entstehen dadurch Scheindebatten, die zu einem Problem werden, weil einer Minderheit in der Mehrheitsgesellschaft, aufgrund der durch die Islamkritiker geschürten Vorurteile, misstraut wird. Das hat dann nichts mit Tabubruch und Aufklärung zu tun, sondern mit sehr viel Demagogie und dass man seine eigene Überlegenheit zu zementieren versucht. Aber neben den Islamkritikern gibt es auch Muslime, die sich im Namen des Islam unislamisch verhalten und damit eine Steilvorlage bieten, die Islamkritiker nutzen. Das alles trägt zu einem vergifteten Klima bei. Das finde ich sehr schade.

DAS MILIEU: Damit wären wir auch…

Abdel-Samad: Aber das ist genau, was ich meine! Ich höre von Frau Hübsch nur Beschönigungen und Ausreden, aber null Selbstkritik. Das ist Teil des Problems. Sie hat mich jetzt mit fundamentalistischen Muslimen gleichgesetzt, obwohl die Fundamentalisten frei auf der Straße herumlaufen können. Auch Frau Hübsch kann ganz normal mit ihrem Kopftuch auf der Straße herumlaufen ohne Angst haben zu müssen und ich muss um mein Leben fürchten. Das hat Sie mit keinem Wort erwähnt!

Hübsch: Herr Abdel-Samad, ich habe deutlich gesagt, dass ich gegen diese Fatwa bin, die gegen Sie erlassen wurde! Diese Fatwa ist absolut nicht aus den islamischen Quellen zu erklären, wie ich sie verstehe. Das ist eine deutliche Kritik an den  sogenannten islamischen Gelehrten, die solchen Unfug von sich geben. Man hat die Todesstrafe für Sie angesetzt, aber wenn man hier anhand der Quellen des Islams argumentiert, dann sehen wir, dass der Koran keinerlei weltliche Strafe für Blasphemie oder Apostasie, geschweige denn Islamkritik vorsieht. Ich glaube, dass…

Abdel-Samad: Wo ist die Selbstkritik? Wo ist die Kritik aus islamischer Sicht? Wenn ich von gläubigen Muslimen höre, dass sie angefangen haben diese Selbstkritik zu betreiben, dann werde ich meine Kritik nicht mehr betreiben. Dann ist sie auch nicht mehr notwendig! Dann ist die Angst von vielen Menschen in diesem Land auch unbegründet. Dann hätten die Muslime das Heft selbst in der Hand, um die Probleme zu lösen. Alles als Scheindebatten zu bezeichnen und alle Probleme für konstruiert zu halten, das ist Schönfärberei. Es kommt bei der deutschen Gesellschaft nicht an, weil es unehrlich ist!

DAS MILIEU: Wir müssen zum Ende kommen.

Hübsch: Es sind ja Probleme, die wir ohne Frage haben. Aber es ist eine Scheindebatte, wenn man sagt, dass die Wurzel aller Probleme die Religion ist und das wars! Wenn man dabei beispielsweise die sozio-ökonomischen, strukturellen, bildungsbezogenen Ursachen und geopolitischen oder machtpolitischen Interessen verkennt, dann ist das unehrlich. Sie können doch nicht einfach behaupten, dass der Koran an allem Schuld ist und fertig!

Abdel-Samad: Ich habe doch nie gesagt, dass allein der Koran Schuld ist. Dann haben Sie mein Buch nicht gelesen! Ich rede darin von der Bildung, von der Wirtschaft, von geopolitischen Problemen, aber wir wollen doch nicht am Ende das marxistische Deutungsmuster benutzen, dass alle Probleme sozioökonomisch entstanden sind und sozioökonomisch zu lösen sind. Auch Kultur und Religion tragen dazu bei, weil sie eben die Bildung, Wirtschaft und Politik beeinflussen. Gerade der Islam ist da sehr aktiv. Daher kann man nicht sagen, dass die Religion nichts damit zu tun hat. Das ist Schönfärberei und unehrlich!

Hübsch: Gerade die Religion könnte ein Impulsgeber und sogar eine Waffe sein im Kampf gegen diese Probleme. Daher werbe ich für ein aufgeklärtes Islamverständnis, das uns weiterhilft. Das ist mein Einsatz, zu sagen, dass es unzählige Probleme gibt, mit denen wir fertig werden müssen. Gerade in der sogenannten islamischen Welt, wo Menschen die Religion für ihre egoistischen Motive missbrauchen. Das sehe ich sehr kritisch und genau hier knüpfe ich an.

DAS MILIEU: Das ist natürlich eine Diskussion, die wir unendlich weiterführen könnten, aber wir müssen hier aufhören. Vielen Dank für das sehr interessante Gespräch, Herr Hamed Abdel-Samad und Frau Khola Maryam Hübsch!

 

 

 

 

Khola Maryam Hübsch: "Unter dem Schleier die Freiheit. Was der Islam zu einem wirklich emanzipierten Frauenbild beitragen kann"
Patmos Verlag, 192 Seiten, 2014, Hardcover, 16.99 Euro

ISBN: 978-3-8436-0473-4

 

 

Hamed Abdel Samad: "Der islamische Faschismus"
Droemer HC, 224 Seiten, 2014, Hardcover, 18.00 Euro
ISBN: 978-3-426-27627-3

 

 

 

Das Gespräch moderierte Tahir Chaudhry am 25. April 2014.

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