Islam-Debatte

Das Drama ums Händeschütteln

15.10.2015 - Khola Maryam Hübsch

Es ist für Islamthemen durchaus üblich, dass aus Provinzpossen schnell mal ein bundesweit diskutierter Skandal wird. Klientelpolitik sei Dank. Es hilft also alles nichts, da müssen wir durch. Und da ich genau weiß, dass TV-Talks in der Regel nicht die beste Plattform bieten, um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, sichere ich mich sozusagen ab und erkläre vorab meine Position zum weltbewegenden Thema: Händeschütteln – ja oder nein?

Man könnte es sich als handverweigernder Muslim nun einfach machen und auf orthodoxe Rabbiner verweisen, die Frauen auch nicht die Hand geben oder auf die no-hands Bewegung, die dringend empfiehlt die Unsitte des Händeschüttelns zu vermeiden – das habe nichts mit Unhöflichkeit zu tun, sondern sei schlicht umsichtig, schließlich werden weltweit 80 Prozent aller Infektionskrankheiten über das Händeschütteln übertragen.


Das wäre jedoch Nebelkerzen werfen, denn Muslime geben anderen Menschen ja sehr durchaus die Hand, es entspricht aber der Weisung des Propheten Mohammed Mitgliedern des anderen Geschlechtes nicht die Hand zu geben. Auch Frauen geben Männern nicht die Hand. Der Körperkontakt zwischen Männern und Frauen, die nicht miteinander verwandt sind, ist im Islam unüblich. Man kann es übertrieben finden, das Händeschütteln als routinierte kulturelle Praxis zu vermeiden, die meist ohne jeden Hintergedanken vollzogen wird. Vielleicht unterschätzen wir aber auch die Macht der Berührung, denn Studien zeigen, wie bereits ein einfacher physische Kontakt durch das andere Geschlecht – ein Anfassen der Schulter oder ein Händeschütteln – zu einer höheren Risikobereitschaft in finanziellen Angelegenheiten führt. Es gibt sogar Untersuchungen, die belegen, dass Flirtversuche nach einem einfachen Hautkontakt häufiger erfolgreich sind und das Händeschütteln unbewusst dazu dient, Geruchsstoffe auszutauschen, die bei der Partnerwahl eine erhebliche Rolle spielen. Möglicherweise sprechen also eine Reihe von physiologisch-psychologische Gründen dafür, das Händeschütteln zwischen den Geschlechtern nicht unbedingt zu forcieren. Deutlich sollte in jedem Fall werden: Mit dieser religiösen Tradition des Islam ist keine Wertung der Geschlechter verbunden und sie hat ganz sicher nichts mit einer angenommenen „Unreinheit“ der Frau zu tun. Es mag Muslime geben, die solche skurrilen Positionen vertreten, mit islamischen Quellen lassen sich diese Deutungen bei sachkundiger Exegese aber nicht beweisen.


Orthodoxe Kreise berufen sich auf die fünfte Sure des Korans, in dem es im 6./7. Vers um die rituelle Reinheit vor dem Gebet gilt. Nach dem Geschlechtsverkehr, so heißt es, müssen Männer und Frauen ein Bad nehmen, um das Ritualgebet verrichten zu können – nicht nach jeder Berührung des anderen Geschlechtes. Warum das so ist? Der Islam ist eine ganzheitliche Religion, die davon ausgeht, dass Körper und Seele sich gegenseitig beeinflussen. Deswegen wird zum Beispiel das Gebet mit Körperbewegungen verbunden, die eine innere Haltung verstärken oder  symbolisieren können: Das sich Niederwerfen steht für eine demütige Geisteshaltung. Sich waschen vor dem Gebet erfrischt, stärkt die Konzentration und bereitet auf das Gebet vor. Der inneren Reinigung geht eine körperliche Reinigung voran. Das gilt für Männer und Frauen gleichermaßen und hat nichts mit der Abwertung des einen oder anderen Geschlechtes zu tun.


Das Händeschütteln aber ist kein koranisches Gebot und stellt keine Verpflichtung da. Das heißt, es gibt einen gewissen Spielraum für die Umsetzung. Generell gilt im Islam der Grundsatz, bei unvermeidbaren Schaden den geringeren zu wählen. Wenn ich meinem Gegenüber vor den Kopf stoße und Gefahr laufe, ihn zu verletzten ist das islamisch gesehen sicher ein größeres Vergehen, als einer religiösen Tradition nicht zu folgen. Ich muss also abwägen. Es gibt Situationen, in denen man sich rechtzeitig erklären kann und ein gewisses kosmopolitisches Verständnis vorhanden ist, so dass ein freundlicher Hinweis und ein Lächeln das Händeschütteln ersetzt. Wenn der Chinese rülpst, dann empört sich der kulturell versierte Weltbürger nicht, denn er weiß, dass sich hier jemand für das gute Essen bedankt. Wenn sich Frau Klöckner also durch den verweigerten Handschlag brüskiert fühlt, dann sieht sie darin etwas, was garnicht gemeint ist. Es handelt sich ganz sicher nicht um einen Akt zur Herabsetzung der Frau. Ein klassisches kulturelles Missverständnis also.


Der Vergleich hinkt allerdings: rülpsende Chinesen müssen sich in Deutschland den Vorwurf gefallen lassen, sie hätten keine Manieren. Müssen sich Muslime also in ihrem eigenen Interesse an die Gepflogenheiten des Landes anpassen?
Anderseits praktizieren die rülpsenden Chinesen eine kulturelle Tradition, Muslime dagegen orientieren sich an ihrer Religion. Das ist ein großer Unterschied. In Deutschland gibt es keinen Händeschüttel-Paragrafen, aber durchaus die Glaubens- und Gewissensfreiheit. Solange mein Handeln dem Grundgesetznicht widerspricht, ist es mein gesetzlich verbrieftes Recht, mein gesamtes Verhalten nach dem Glauben auszurichten (Artikel 4 GG). Wenn ich das  tue, wird die eine oder andere Handlung meinen Mitbürgern, oder der Mehrheitsgesellschaft vielleicht nicht gefallen und als Zumutung wahrgenommen. Aber genau das bedeutet Freiheit in unserem Land: Dass der Staat uns nicht dazu zwingen kann unsere tiefen Überzeugungen zu verleugnen, so lange wir nicht gegen geltendes Gesetz verstoßen.


Religionen sind elementar sinnstiftend, sie definierenden Sinn unserer Existenz. Hier die Anpassung an gesellschaftliche Normen zu verlangen, würde bedeuten Minderheiten in einen inneren Konflikt zu zwingen, der sie davon abhält sich selbst und ihren Werten treu bleiben zu können. Der Einzelne muss also die Freiheit haben, religiöse Gebote einhalten zu dürfen, auch wenn dies der Mehrheitsgesellschaft missfällt. Ich darf also selbst entscheiden, wem ich die Hand schütteln möchte und wem nicht.


Da das Händeschütteln jedoch kein verpflichtendes Gebot darstellt, bewegen wir uns religiös gesehen in einer Grauzone. Es kommt in der Regel einem Affront gleich, eine ausgestreckte Hand nicht zu erwidern. Diese Provokation, die auch dazu führen kann, dass ich meine Religion in Verruf bringe, würde ich nicht in Kauf nehmen wollen. Wo immer sich aber die Gelegenheit ergibt, möchte ich mich verständlich machen und mit meinem Gegenüber ins Gespräch kommen. Hand aufs Herz, das hat Hand und Fuß und dafür lege ich wenn es sein muss meine Hand ins Feuer – oder in die Hand eines anderen.

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