Rezension

Der Fluch des Reichtums

15.06.2017 - Dr. Burkhard Luber

“Im Extremfall bricht der ungeschriebene Vertrag zwischen Regierenden und Regierten zusammen, weil die Herrschenden zur Finanzierung von Staat und Regierung nicht auf die Besteuerung und daher auch nicht auf die Zustimmung der Menschen angewiesen sind”

Diese Entdemokratisierung vieler Länder Afrikas infolge der Komplizenschaft ihrer Machteliten mit den rohstoffausbeutenden internationalen Konzernen ist eines der Fazits des Buches von Burgis. Es steht in der kurzen Einleitung, die der Autor seinen zehn politischen Reportagen über verschiedene afrikanische Staaten vorausschickt, die den Hauptteil des Buches darstellen. Diese Reportagen sind farbig geschrieben, oft wie ein politischer Kriminalroman und stellen ein hervorragendes Beispiel investigativen Journalismus dar. Auch wenn sich Burgis mitunter (zu?) sehr in Details verliert, bleibt die Spannung für den Leser in allen Kapiteln erhalten.

Die Schwäche des Buches liegt allerdings in dem Missverhältnis dieses eindrucksvollen detaillierten story tellings im Kontrast zur fast gänzlich fehlenden analytischen Aufarbeitung der Fallstudien. Denn: Was lernen wir wirklich an neuen Erkenntnissen, nachdem wir die unterschiedlichsten Aspekte der Plünderung verschiedener Ländern Afrikas erfahren haben, die Burgis unter dem Thema “Fluch des Reichtums” zusammenfasst, was nicht schon seit Jahrzehnten in der politologischen Diskussion bekannt ist? Korruption, der wirtschaftliche und finanzielle Neo-Kolonialismus der in Afrika agierenden multi-nationalen Konzerne, die vielen afrikanischen failed states und die Expansion der wirtschaftlichen Macht Chinas gehören doch als empirischer Befund zum Standard-Repertoire der Diskussion über die Probleme Afrikas. Was Burgis der Leserin aber bedauerlicherweise gerade schuldig bleibt, sind alternative Perspektiven oder zumindest eine kluge Zusammenfassung, was aus seinen Fallstudien analytisch gelernt werden könnte. Dafür sind die einleitenden acht Seiten und die zweieinhalb Seiten Epilog leider viel zu kurz und nur wenig ergiebig. Hier hätte Burgis sich zum Beispiel eingehend mit der Frage beschäftigen sollen: Warum gelingt es in keinem Land Afrikas, ein wirklich überzeugendes und nachhaltiges Gegenbeispiel von Demokratie, gerechter Verteilung des Wohlstandes und Befriedigung der Grundversorgung der Bevölkerung herzustellen, obwohl schon so viel über “Negritude”, “Afrikas Stunde wird kommen” und “Africa First” geschrieben worden ist.

So ist das Fazit, nachdem man das Buch aus der Hand gelegt hat, doch enttäuschend. Wenn Burgis genau so viel Energie, Scharfsinn und Esprit, mit dem er seine einzelnen Fallstudien geschrieben hat, in ein größeres Kapitel über eine alternative Perspektive für Afrika inklusive deren Konsequenzen für die gegenwärtigen Ausbeuter USA, die Staaten der EU und China, investiert hätte, wäre das Buch überzeugender, analytisch wie auch politisch.

 

 

Tom Burgis: Der Fluch des Reichtums. Warlords, Konzerne, Schmuggler und die Plünderung Afrikas. Westend Verlag. 2. Auflage 2017. 351 Seiten. 24 Euro

 

Photo credit: futureatlas.com via Visualhunt.com / CC BY

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen