Kurzgeschichte

Die Einsamkeit, nachts an einem Küchenfenster zu stehen

01.03.2015 - Jennifer Linda Kreis

Es ist Nacht. Freitag- oder Samstagnacht. Du weißt es nicht genau. Fast der Eindruck, die Stadt würde schlafen, doch es stimmt nicht, es kann nicht stimmen. Dort draußen, irgendwo, hinter dem Fenster, wo du stehst, muss jemand sein. Aus irgendeiner Entfernung dringen sacht Laute: Menschen auf ihrem Weg zur U-Bahn. Vielleicht nach Hause, vielleicht woandershin.

Es ist beinahe drei Uhr. Deine schlafstarren Glieder stehen müde vor dem Fenster, deine Augen sehen hinaus. Kaum mehr Licht in den Wohnhäusern gegenüber und wieder das Gefühl, du seist allein. Allein in dieser Straße, keine Nachbarschaft, niemand in deiner Nähe. Zwei, drei Wohnungen sind noch mäßig hell, hinter Gardinen Regale voll mit Büchern und die Ecke eines Sofas, auf dem niemand sitzt. Der Schatten der Tür, hinter der – man könnte es meinen – ein langer Flur die gegenüberliegenden Zimmer voneinander trennt. Die Kinder könnten in einem schlafen; das Arbeitszimmer verlassen wie die Küche, wo sind die Eltern der Kinder? Im Wohnzimmer auf der anderen Seite des Korridors; froh über die Ruhe der Nacht und über das schlechte Programm im Fernsehen.

Draußen bellt ein fremder Hund. Du hast das Fenster halb geöffnet, herein dringt die schwere, stumpfe Winterluft. Du kramst in der Tasche deines Bademantels, den du trägst, aus hellblauem Frottee, und greifst nach der Zigarettenschachtel. Wie sie dort hinkommt, wann du sie von der Kommode neben der Haustür genommen und in die lächerliche Tasche deines lächerlichen Bademantels gesteckt hast, weißt du nicht mehr. Du greifst nach der Streichholzschachtel, das erste Holz verglüht ohne wirkliche Flamme in der hereinströmenden Kälte.
Draußen fährt ein Taxi vorbei. Du siehst ihm, die mit dem zweiten Streichholz entbrannte Zigarette in der Hand, nach, bis es am Ende der Straße nicht mehr zu sehen ist.

Der Rauch brennt in deiner Lunge, es sind französische Zigaretten. In dem Kiosk in deiner Straße kaufst du sie, wenn du morgens früh zur Arbeit gehst oder abends, wenn du zurückkommst. Der Kioskbesitzer grinst ein unförmiges Lächeln, wenn er dir das Rückgeld in die Hand drückt. Nie hast du das Zigarettengeld passend. Man sollte es sparen, aufhören mit dieser Raucherei. Doch in dieser Nacht bist du froh um sie, wie meist in diesen Nächten: Zigaretten zwischen deinen kalten Fingern.
Du beugst dich aus dem Fenster. Von hier aus kannst du den Kiosk nicht sehen, er bleibt verborgen hinter dem Vorsprung des Hauses, der in der Nacht dunkelgrau aussieht. Du bist sicher, dass dort noch Licht ist und der Besitzer die wenigen Menschen, die sich um diese Uhrzeit zu ihm verirren, ähnlich schief ansieht wie dich.
Du aschst in den Wind, siehst wieder hinüber zu der Wohnung mit den schlafenden Kindern und den Eltern, die gelangweilt im Wohnzimmer sitzen. Das Licht ist aus, nichts mehr zu sehen vom Flur oder den Bücherregalen.
Du gähnst. Es ist spät, denkst du, und das ist es.

Was wäre nun – du gingst hinaus, im hellblauen Bademantel mit dem Rest deiner Zigarette in der linken Hand, und du gingst einfach los. Auf ein Ziel zu, einen Punkt, ohne zu wissen, welcher es ist. Und dort kommst du an, vorbei an den Laternen, die orangefarbenes Licht auf den Asphalt werfen; vorbei an den Reklamen, die keiner liest. Vorbei am Kiosk und den Menschen, die wirklich existieren, auf ihrem Weg irgendwohin.
Und dort – bist du dann.

Die letzte Glut deiner Zigarette brennt heiß an deinem Zeigefinger. Du schnippst sie auf die Straße, siehst ihr nach und die letzten Funken sterben, irgendwo vor dem Haus, in dem du bist.
Du wendest den Blick rasch ab, schließt das Fenster vor dem Weg ins Bad, das du verlassen wirst, um ins Bett zu steigen, in dem niemand auf dich wartet.

 

 

 

 

 

Foto: © ArTeTeTrA

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen