Rezension

Die große Regression

01.07.2017 - Dr. Burkhard Luber

“Die Probleme, vor denen wir heute stehen, lassen sich nicht mit einem Zauberstab, per Handstreich oder Wunderheilung lösen; sie erfordern nichts Geringeres als eine kulturelle Revolution. Dazu brauchen wir einen kühlen Kopf, Nerven aus Stahl und jede Menge Mut.” (Zygmunt Bauman)

Nach dem Ende des Kalten Krieges machte ein Wort die Runde “Die Neue Unübersichtlichkeit”. Heinrich Geiselberger, der Herausgeber des hier besprochenen Sammelbandes will nun “Regression” als neues Deutungswort in die politische Debatte einführen, und dankenswerterweise soll diese Debatte nicht mit dem Buch enden, sondern wird auf der Webseite www.diegrosseregession.de weitergeführt.

Nicht nur der Blick auf Trump zeigt, dass wir eine Renaissance populistischer Führer erleben: Nach Orban und Kaczynski siegte Macron nicht nur über Le Pen, sondern auch gegen das französische Parteien-Establishment, und Stefan Kurz will es ihm in Österreich demnächst gleichtun. Während diese neuen Führerfiguren sich immer weniger um demokratische Strukturen alter Facon scheren, können aber zur gleichen Zeit bemerkenswerterweise die linken Parteien in Europa davon überhaupt nicht profitieren: Die Sozialisten in Frankreich sind ein zerstrittener Scherbenhaufen, Labour hat im Wahlkampf gegen May schon frühzeitig resigniert, die SPÖ hat dem Aufsteiger Kurz nichts entgegen zu setzen, und in Deutschland blickt die Eiserne Kanzlerin in Berlin eher gelangweilt auf den Wahlkampf des Kandidat aus Würselen herab.

Was ist also los im politischen Diskurs in Europa? “An allem ist nur die Globalisierung und die Digitalisierung schuld” rufen die Einen, die vornehmlich populistisch auf Stimmenfang gehen wollen. Ja, es gibt in der Tat die Globalisierungs-Verlierer, aber ein noch größeres Problem sind die, die die Globalisierung nicht verstehen oder den durch die Digitalisierung ausgelösten technischen und gesellschaftlichen Wandel auch nicht wahrhaben wollen. Hier liegt ein schlimmes Versäumnis der Parteien und des politischen Establishments vor. Sie bereiten die Bevölkerung, den Handel, letztlich: die Kultur viel zu wenig auf die fundamentalen Veränderung vor, die mit der IT-Ökonomie und -Kultur einhergehen wie z.B.: Dass der online-Konsum den stationären Einzelhandel obsolet macht, dass die Sozialen Medien immer mehr Zeitungen in den Ruin treiben und dass durch das Internet nicht mehr direkter Produktverkauf sondern immer Produktvermittlung der entscheidende wirtschaftliche Hebel ist (Amazon druckt keine einziges eigenes Buch; Uber fährt kein einziges eigenes Auto, Airbnb verfügt über kein einziges eigenes Bett). Allerdings ist es - man verzeihe die nicht arrogant gemeinte Ironie des Rezensenten - beim Beitrag von Z.Bauman eher eine analytische Regression, wenn der Autor sich eine ganze Seite lang über die Geschichte und kulturelle Identität von “Europa” abarbeitet, wo die BürgerInnen ihre Frustration über Europa doch wahrlich nicht an der am Rücken des Stiers (Zeus) entführten phönizischen Königstochter festmachen, sondern an der immer bürgerferneren Eurokratie in Bruxelles und den immer mehr zunehmenden Streitpunkte der dortigen abgehobenen Akteure.

So wie diese fehlleitende analytische Perspektive von Bauman fehlt auch bei anderen Aufsätze in diesem Band leider oft eine energische grundlegende politische Betrachtungsweise. Der Sammelband vereinigt zwar dankenswerterweise viel Material an Symptomen für die gegenwärtige politische Krise, und die Autorenschaft ist erfreulicherweise international bestückt, er bleibt aber bei den Fragen nach den Gründen dessen, was der Titel mit Regression meint, bemerkenswert blass. Das liegt daran, dass die Autoren zu wenig die klassischen Kategorien politikwissenschaftlicher Analyse bemühen, wie zum Beispiel Macht und Interesse. So wirken die Alternativen, wie die konstatierte Regression überwunden werden könnte, leider zum einen recht unkonkret, zum anderen unrealistisch, im schlechtesten Falle beliebig oder im vagen Bereich des Wunschdenkens. Das erinnert tatsächlich etwas an das geistige Ambiente des Buches von Karl Jaspers, das er mit dem gleichen Titel wie der Untertitel der vorliegenden Aufsatzsammlung 1931 geschrieben hatte. Statt nach Faktoren der Krise zu suchen und sie zu benennen wird in Geiselbergers Band meist nur Hoffnung angeboten. Das ist aber dann aber auch ein Defizit analytischer Art: wenn zum Beispiel nirgendwo auf die Macht- und Gesellschaftsanalyse von Niklas Luhmann Bezug genommen wird oder auf die Imperialismus-Analyse von Johan Galtung. Denn das, was die die AutorInnen an den jüngsten politischen Entwicklungen verwundert, ist doch nicht aus heiterem Himmel gekommen. So hatte die Brexit-Entscheidung auch was mit der schon lange zuvor anhaltenden EU-Skepsis in Großbritannien zu tun; Hollandes Abstieg in Frankreich war auch kein Fall in kürzester Zeit und eine Analyse der Umstände, wie Trump es überhaupt zur Kandidatur bei den Republikanern schaffen konnte, hätte die Überraschung über seine dann finale Wahl zum Präsidenten vielleicht doch abfedern können. Besonders attraktiv liest sich erfreulicherweise demgegenüber der vorletzte Beitrag in diesem Sammelband, ein fiktiver Brief an den EU-Präsidenten Juncker, in dem endlich auch die digitalisierte Wirtschaft und Kultur thematisiert wird.

Das Buch präsentiert erfreulicherweise ein internationales AutorInnen-Spektrum. Dass allerdings als Fallbeispiel das global atypische Beispiel Israel präsentiert wird, ist unverständlich, und dass wirklich typische Staaten und Gesellschaften der Peripherie wie z.B. Congo, Venezuela oder Pakistan außen vor bleiben - interessant wäre auch ein Blick auf “regressive” failed states wie Somalia oder Jemen gewesen - ist bedauerlich.

Wer die Aufsätze des Bandes durchliest, wird gut deskriptiv eingestimmt auf eine “Neue Unübersichtlichkeit 2.0”. Analytische Werkzeuge für die Gründe - gar Interessen - dieser “Regression” muss sie/er sich allerdings bei anderen Büchern der politischen Analyse suchen.

 

 

Heinrich Geiselberger (Hg): Die große Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit”. Suhrkamp Verlag. Zweite Auflage 2017. 319 Seiten. 18 Euro

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen