Kommentar

Die Krise des Christentums im digitalen Zeitalter

15.05.2017 - Dr. Burkhard Luber

Ich gehe nicht häufig zum evangelischen Gottesdienst. Die Predigten sind oft langweilig und austauschbar. Die Liturgie kommt mit jahrhundertealter Zähigkeit daher. Mit dem Opfersakrament kann ich nichts anfangen. Aber mit Jesus. Dem widerständigen Jesus (“ich aber sage euch!”), aber auch mit dem meditativen Jesus (“er stieg auf einen hohen Berg und war am Abend dort allein”). Das Christentum als Religion ist in eine nicht leugbare Krise geraten. Und die Kräfte gegen das, was man einmal die christliche Kultur nannte, sind weniger die Postmoderne oder der Islam, sondern die Digitalisierung, speziell die digitalbasierende Kultur und Kommunikation.

Das was früher einmal die wegweisenden Kategorien christlicher Kultur waren - Predigten, Andachten, gemeinsames Singen und christliche Hauskreise sind im Zeitalter von smartphones und ihren einschlägigen apps (snapchat, whatsapp, twitter, instagram, facebook) obsolet geworden und es sieht nicht danach aus, dass sich dieser Trend auf absehbare Zeit ändern würde. Noch nie zuvor wurde mehr als heute ohne jegliche kulturelle oder gar pädagogische Ambitionen in der Zeit des Smartphone gechattet, noch nie zuvor wurden in der digitalisierten Musikkommerzialisierung so viele Musikstücke konsumiert.

Und an den seltenen Stellen, wo ein Zeitgenosse vielleicht noch Hoffnung auf eine gesellschaftsverändernde Kraft des Christentums setzen könnte, wird er realiter auch enttäuscht. Das Magnifikat der Maria z.B. mit seinen revolutionären Visionen ist in der christlichen Gottesdienstliturgie längst zu einem einmal in der Adventszeit deklamierten hübschen Poem degeneriert, und wer es in der Hoffnung hört, nun auch vom Pastor oder gar der Kirche mehr zu erfahren, was sie konkret zum Umsturz der Mächtigen denken und wie sie sich die Revolution hier und jetzt vorstellen, wird enttäuscht. So entsteht der Verdacht, dass diese Widerstandsemphase bei Maria im etablierten post-marianischen Christentum auch nur eine seelen-delektierliche Innerlichkeits-Vision ist.

Zwar hat sich das Christentum in den letzten zwei Jahrzehnten verstärkt dem Thema Wirtschaft und Ökologie angenommen, aber leider doch viel zu viel in der Weise von “man müsste, man sollte, eigentlich wäre” etc. Die, die so in satter Zahl von kirchlichen Denkschriften, Enzyklika und anderen Verlautbarungen sprechen, unterschätzen allerdings bedenklich die Regenerationskräfte des Kapitalismus und seines Protagonisten, die USA. Noch sind bei weitem die Ausbeutungsmöglichkeiten der kapitalistischen Produktionsweise weder lokaliter noch methodisch ausgeschöpft. Noch warten z.B. die Pole und die Meeresböden darauf, die unersättliche kapitalistische Gier nach Rohstoffen auch in diesen Quadranten noch zu stillen, noch sind die Weltzentren auf Jahrzehnte hinaus militärisch kräftig genug, die (z.B.) sich abzeichnenden Kriege ums Wasser für sich zu gewinnen. Noch entwickeln die Waffen- und Überwachungstechnologien genügend Macht, dass sich die Reichen in Manhattan das entrechtete Proletariat in der Bronx mit Stacheldraht, automatischen Schussanlagen und gut bezahlten Bürgerwehren vom Leibe halten können; eine Entwicklung, die - wie es immer in der Menschheitsgeschichte seit dem 20. Jahrhundert der Fall ist - mit entsprechender Zeitverzögerung nun auch beginnt, sich in London, Frankfurt und Paris durchzusetzen. Der Untergang der USA ist schon so oft falsch prognostiziert worden, dass jegliches recycling dieser angeblichen “Hoffnung” (die bemerkenswerterweise oft Alt-Marxisten wie Neo-Christen vereint) nur lächerlich wirkt. Selbst das wunderlichen Kapitel Trump werden die USA erwartbar unbeschadet überstehen und an dem berüchtigten “pursuit of happiness” der US-Unabhängigkeitserklärung (eine euphemistische Umschreibung für den im Calvinismus inhärenten Freibrief zur unlimitierten Kapitalakkumulation) wird sich weiterhin nichts ändern. Und das Feindbild Globalisierung an den USA festzumachen ist ebenfalls eine schiefe Optik. Es geht nicht um diesen speziellen Staat; es geht um die durch die Digitalisierung ins Temporäre ausgedehnte und von den Finanztechnologien ins Übermächtige katapultierte kapitalistische Welt-Ausbeutung.

Inzwischen erfährt das Narrativ vom Kampf der Kulturen wieder eine Renaissance. Allerdings: Der Kampf zwischen Orient und Okzident (um es mal verkürzt zu formulieren) ist kein ideologischer, auch wenn beide Seiten, zunächst der Terrorismus und mit Trumps Wahlsieg unter seinem Chefideologen Bannon nun auch der US-Kapitalismus, diese Front ideologisch vereinnahmen wollen. In ihrer ureigensten Form ist es aber eine Auseinandersetzung zwischen Weltproletariat und Weltkapitalismus, wirtschaftlich eindeutig und propagandistisch durch die Arroganz des Westens befeuert. Wie wenig dieser Kampf ideologisch und wie sehr er wirtschaftlich-lebensstilmäßig angeheizt wird, kann folgendes bonmot verdeutlichen, das vor einiger Zeit die Runde machte: Wenn alle Terroristen auf einen Schlag eine kostenlose Greencard für die USA bekämen, würde sich das Problem des Terrorismus sofort von selber lösen. Selbstmord-Attentäter-Terroristen haben keinen überzeugenden gesellschaftlichen, kulturellen, religiösen Gegenentwurf. Sie führen einen hasserfüllten asymmetrischen Krieg gegen den Kapitalismus, der sich nach wie vor erfolgreich gegen solche Terroristen-Krieger mit einer ständig gesteigerten Aufrüstung von (elektronischen) Festungstechniken und Überwachungsarsenalen zur Wehr setzt. Diesen Krieg wird keine der beiden Seiten gewinnen, jeder getötete Terrorist produziert seinen Nachfolger und jedes neue Attentat steigert den Umsatz von noch mehr Überwachungskameras und vergrößert den Umfang (privatisierter) Sicherheitsarmeen.

Die grösste Herausforderung für das Christentum ist gegenwärtig zweifellos der Islam. Ohne sehr ins Details zu gehen, stellt sich mir der Islam so dar: An der einen extremen Ecke positioniert sich der sog. “Islamische Terrorstaat” (Daesh), der für Andersgläubige keinen Pardon gibt. Dann gibt es eine breite islamische Mitte, die wahrscheinlich ebenso mainstream ist wie die christliche Mitte, und schließlich gibt es am anderen Ende der Skala so erfreuliche positive islamische Leuchttürme wie der sich explizit der Toleranz verpflichtende islamische Staat Oman oder die gewaltfreie und friedensorientierte islamische Reformbewegung der Ahmadiyya (Motto: “Liebe für alle, Haß für keinen”). In der islamischen Mitte droht den bisherigen nationalen Stützpunkte des Islam, den autoritären Petrokratien im Nahen Osten der schleichende Bankrott, weil nicht mehr dem Erdöl sondern alternativen Energiegewinnungen die Zukunft gehört. In Deutschland ist es für die gesellschaftliche und politische Integration des Islam entscheidend, dass er sich ohne Wenn und Aber verlässlich zum Grundgesetz hält, ohne zu versuchen, rechtsfreie Nebenwelten zu generieren.

Für das Christentum ist die spannende Frage, welche gestalterischen Chancen es für die Zukunft noch hat und welches Profil das Christentum noch einmal attraktiv machen könnte, wo es doch schon seit längerer Zeit keinen wesentlichen Beitrag mehr im Sinnsuchesegement der modernen Zeit liefert. Dafür sehe ich persönlich nur einen Weg, von dem jedoch die EKD und die katholische Bischofskonferenz, um nur stellvertretend die Spitzen des kirchlichen Establishments zu nennen, meilenweit entfernt sind: Ein energischer kompromissloser Bruch mit aller Komplizenschaft zwischen Thron und Altar, sei sie nun markiert in der Militärseelsorge, im staatlichen sponsoring der Kirchentage, den Militärkonzerten in den Kirchen, den kirchlichen Steuerprivilegien und den Bundeswehrvereidigungen auf Kirchplätzen. Solange die Christen nicht eindeutig als Christen und das heißt nicht-konformistisch in der Gesellschaft wahrgenommen werden, hat das Christentum keine Relevanz mehr. Fulbbert Steffensky hat es prägnant so formuliert: "Man kann von uns ChristInnen verlangen, dass wir nicht tun, was alle tun. Denn wozu braucht man uns, wenn wir tun, was alle tun?" Dem ist nichts hinzuzufügen. Das wird allerdings dem Konformismus der hochbezahlten etablierten Kaste von Oberkirchenräten und Prälaten schwer fallen (Friedrich der Große hätte sie sicherlich treffend “blackschisser” genannt), und wenn die christliche Kirchenbasis sie in diesem Sinne entmachten will, ist das sicherlich eine Herkulesaufgabe. Unmöglich ist sie allerdings nicht, das zeigen seit vielen Jahrhunderte christliche Minderheitenkirchen wie Quaker, Mennoniten oder Hutterer.

Eine Kirche, die sich wirklich von Grund auf reformiert und einen sichtbaren Gegenentwurf zum mainstream des Geldes und der Macht lebt, hätte durchaus mein Interesse. Letztlich geht es um die Front zwischen Ekklesiokratie und Jesus. Um Macht und Geld einerseits oder Wahrheit und Gerechtigkeit andererseits. Klingt eigentlich ganz einfach.

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