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Die neuen Stimmen! Stand-Up im TV

01.07.2016 - Schirin Rajabi

Noch vor einigen Jahren hat man sie kaum gesehen, doch nun sprießen sie wie Pilze aus dem Boden. Immer mehr, immer bessere. Die Rede ist von Bühnenkünstlern, und zwar von denen, die mit der klügsten Methode versuchen, auf die unklügsten Verhaltensweisen aufmerksam zu machen. Nämlich mit kritischem Humor.

Abdelkarim, Masud Akbarzadeh, Jilet Ayse, Faisal Kawusi, Fatih Cevikkollu, Enissa Amani, Ususmango, Pu. Der Anfang einer Liste mit Künstlern, die endlich zu Wort kommen dürfen. Gerade jetzt, in einer Zeit, in der der Hass gegen „Fremde“ vor allem im Internet immer weiter geschürt wird, scheinen sie eine besonders wichtige Rolle im deutschen Fernsehen zu bekommen. Ihre Worte haben Kraft, sprechen gesellschaftliche Tabus und Ungerechtigkeiten an. Sie sind dabei stets gewitzt und teilen nicht nur aus, sondern nehmen sich auch selber auf den Arm. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, Vorurteilen entgegenzutreten und sie aufzuheben.

Comedians wie Kaya Yanar und Bülent Ceylan dagegen, die schon länger im Fernsehen zu sehen sind, gehen in ihren Bühnenshows den Vorurteilen nach und bestätigen sie in gewisser Weise. Mit überspitzten Darstellungen zeigen sie zwar Humor, doch fast nur einseitig: Ja, der Türke kann kein richtiges Deutsch und ja, der Türke arbeitet als Türsteher und ist ein oberflächlicher Angeber. Sie bestätigen die Eigenschaften, die der Großteil der Gesellschaft ihnen ohnehin bereits offen oder latent zuweist.

Doch die neuen Künstler, wie eingangs vorgestellt, schlagen nun zurück und bleiben dabei stets kritisch-humorvoll. Sie weisen nicht nur auf die Eigenarten ihrer eigenen Kultur hin, sondern auch auf die Eigenarten der Deutschen. Sie kämpfen auf ihre Art gegen Rassismus und Fremdenhass, indem sie zeigen, dass sie doch gar nicht so viel anders sind, als viele denken. Dass ein Marrokaner, ein Türke, ein Libanese, ein Iraner, ein Tunesier oder ein anderer „Anders-Aussehender“ genauso fühlen, denken und sprechen kann wie der deutsche Durchschnittsbürger.

Ihre immer häufigere Präsenz im deutschen Fernsehen sorgt außerdem für Abwechslung: Der „Ausländer“ ist eben nicht mehr nur als Kleinkrimineller mit gebrochenem Deutsch zu sehen. Sondern: als schlagfertiger, kluger, gewitzter Mensch – mit perfektem Deutsch. Abgesehen davon, ein anderes, wahrheitsgetreueres Bild von Migranten zu zeigen, gibt es noch einen anderen Aspekt dieser Comedy. Mit ihrer Präsenz im Fernsehen sieht nun auch ein nicht-deutsch-Deutscher jemanden auf dem Fernsehbildschirm, mit dem er oder sie sich identifizieren kann. Und zwar mit jemandem, der dieselben Erfahrungen in der Kindheit gemacht hat und dieselben Probleme und Freuden mit den Eltern hatte wie er oder sie selbst. Jemand, der ihm/ihr oder dem Bruder oder der Schwester oder den Eltern sogar ein wenig ähnlich sieht. Zumindest ähnlicher als ein Markus Lanz, ein Günther Jauch, Jan Hofer, Sandra Maischberger oder Jan Böhmermann. Und das nicht nur, wenn er oder sie Musik-/Tanz- oder Lifestyle-Sendungen einschaltet. Die Sendung Let's Dance auf RTL scheint ohne Kandidaten/Jurymitglieder/Moderatoren deren Akzent im Deutschen deutlich zu hören ist, nicht mehr auszukommen. Nach dem Motto: Wenn schon ausländisch, dann aber auch deutlich erkennbar und alle Erwartungen erfüllend.

Der Stand-Up-Comedian Abdelkarim verfolgt in seiner Sendung Stand Up Migranten auf EinsPlus seit knapp drei Jahren ein neues, weniger voreingenommenes Konzept: Ausschließlich Comedians mit Migrationshintergrund kommen auf seiner Bühne zu Wort und gehen ironisch und mit oft bissigem Humor mit dem Thema Migration, Integration und der Frage „Was ist eigentlich Deutsch?“ um. Er kommt gut beim gemischten Publikum an und ist immer häufiger auch als Gast in der Kabarettsendung Die Anstalt (ZDF) zu sehen.

Vielleicht sind Abdelkarim und seine Kollegen der Anfang einer deutschen Fernsehlandschaft, die mehr von den Menschen widergibt, die in Deutschland zu sehen sind: Menschen aus anderen Kulturen, Menschen aus fernen Ländern, Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist – und es trotzdem akzentfrei sprechen können.




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