Religiöse Symbole

Die rationale Diskriminierung

01.02.2018 - Dr. M. Sarfraz Baloch

Es gibt viele Merkmale, anhand derer diskriminiert wird. Einige dieser Merkmale können im wirklichen Leben nicht abgelegt oder versteckt werden, z.B. Hautfarbe, Geschlecht oder Ethnie. Wenige können zumindest versteckt werden, wie etwa Religion oder die politische Gesinnung. Die Frage ist jedoch, ob das Verstecken religiöser Zugehörigkeit die ideale Art und Weise ist, mit der eine ideale Gesellschaft Diskriminierungen bekämpfen oder überwinden möchte? Wenn der Diskriminierung aufgrund der religiösen Zugehörigkeit damit entgegengewirkt werden soll, dass die Gesellschaft oder der Staat jedwedes Zugehörigkeitssymbol einer Religion verbannt, dann verlangt dies nach einer genaueren Betrachtung.

Die Menschen sind noch damit beschäftigt, die Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe, Geschlecht und Ethnie zu bekämpfen und doch ist sie in der Gesellschaft allgegenwärtig vorhanden, wenn auch glücklicherweise rückläufig. Obwohl der offene Umgang unter den Menschen zunimmt, wird die Benachteiligung der Menschen mit geschickten Begriffen und auf intellektuellem Niveau betrieben. Es werden rationale oder juristische Gründe gesucht und angegeben. „Eine Kopftuchträgerin darf im Kaufhaus an der Kasse nicht arbeiten, weil die Kunden es nicht wünschen“. Eine Kopftuchträgerin darf mit Kopftuch nicht als Ärztin arbeiten, da sie Patienten abschrecken würde. Eine Kopftuchträgerin darf dies nicht und jenes nicht aus diesem und jenen Grund. Was ist, wenn wir die Diskriminierungsmerkmale nur für einen Moment vertauschen. Anstatt Kopftuchträgerin nehmen wir einen Dunkelhäutigen, den wir aus gleichen Gründen aus den gleichen Bereichen abweisen? Der gesellschaftliche Aufschrei wird dann etwas anders sein.

Wie wird beispielsweise die Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe in einer Gesellschaft bekämpft? Nicht die Hautfarbe wird versteckt, übermalt, abgelegt oder Anstrengungen seitens der Gesellschaft unternommen, diese Hautfarbe irgendwie physisch auszublenden, sondern es wird vielmehr ein Bewusstsein in der Gesellschaft entwickelt, das die Hautfarbe auf eine emotionale und mentale Weise ausblendet, dass sie nicht mehr diskriminiert werden kann. Das alles geschieht nicht physisch. Der dunkelhäutige Mensch bleibt weiterhin dunkelhäutig, er darf auch als solcher beschrieben werden. Er darf als solcher genannt werden. Er darf aber nicht dazu aufgefordert werden, dieses Merkmal abzulegen oder zu verleugnen. Er darf aufgrund dieses Merkmals von der Gesellschaft nicht minderwertig oder herablassend gesehen werden. All die Vorurteile, all die negativen Assoziationen, die eine negative Auswirkung auf die Entscheidungen der Gesellschaft, diese Hautfarbe betreffend, haben können, werden von der Gesellschaft selbst idealerweise eliminiert.

Die Praxis können wir auch auf die anderen Merkmale übertragen, sei es Geschlecht oder nationale Herkunft. Was letzten Endes zählt, ist die Kompetenz der einzelnen Person, seine Fähigkeiten und Talente. Im Lebenslauf verliert der Name jegliche Bedeutung, die Ausbildung gewinnt dafür mehr an Bedeutung. Das Bild im Anhang sollte nur zeigen, ob es fachmännisch gemacht wurde. Die Hautfarbe und die Herkunft des Bewerbers sollten in der Wahrnehmung des Betrachters ausgeblendet werden. Nur so schafft man die Diskriminierung ab.

Das Kopftuch sollte in dieser Gesellschaft keine Rolle spielen, der Kopf darunter aber eine umso größere. Die Kippa, die Nonnentracht, der Turban werden irrelevant. Eine Ärztin ist nicht schlecht dadurch, weil sie ein Kopftuch oder ein Kreuz am Hals trägt. Sie ist nur dann schlecht, wenn sie die Patienten einfach schlecht behandelt. Gerade in Bezug auf das Kopftuch kommen so viele pseudorationale Gründe zum Vorschein, die einem die Hoffnung auf eine diskriminierungsfreie Gesellschaft nehmen können. Es sind immer die gleichen Phrasen: Zeichen der Unterdrückung, nicht vereinbar mit dem Gesetz, der Kultur, der nationalen Interessen, der nationalen Identität oder: der Islam gehöre nicht hierher usw.

Und langsam wird hier ein Schlupfloch geschaffen, das zu stopfen eigentlich die Aufgabe einer offenen Gesellschaft ist. Es wird allmählich eine Grundstimmung in allen Gesellschaftsschichten geschaffen, die in dieser Frage gewisse Passivität zulässt: Beim Thema religiöser Diskriminierung dürfen wir gerne lange debattieren und auch gewisse Diskriminierung als gesellschaftstauglich gelten lassen, ohne dagegen etwas zu unternehmen. Solange diese Gesellschaft eine hellhäutige Frau im Rollstuhl (Geschlecht und Behinderung)* und eine dunkelhäutige Muslima im Rollstuhl (Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, Religion und Behinderung)* nicht gleichermaßen vor einer Diskriminierung zu bewahren versucht, solange haben wir einen langen Weg vor uns.

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