G-20 Gipfel

Die Täter von Hamburg: links, unpolitisch, männlich

15.11.2017 - Martin Renghart

Vier Monate sind die gewalttätigen Ausschreitungen rund um den Hamburger G20-Gipfel nun vorbei. Die ersten Täter sind verurteilt, die Schäden geringer ausgefallen als erwartet. Ansonsten scheinen die Krawalle genauso schnell wieder aus der Diskussion verschwunden zu sein wie der ergebnisarme Gipfel. Einen Erfolg hatten die Krawallmacher allerdings: Es wird so schnell kein solcher Gipfel mehr in Deutschland stattfinden. Und genau das wollten sie wohl auch, die, ich möchte fast schon sagen, Attentäter vom Schanzenviertel. Sie wollten den Gipfel zu Tode bringen, und seine Akteure durch gezielte Provokationen in den Schatten stellen.

Das jedenfalls ist das Fazit von analyse & kritik – Zeitung für linke Debatte und Praxis, eine der wenigen Zeitungen, die sich die Mühe machten, nach den Hintergründen der Gewalt zu fragen. So meinte Jan Ole Arps in seinem Artikel „Zur Gewaltdebatte“ in der Augustausgabe der Zeitung. Die Riots seien zu werten „als Begleiterscheinung der ökonomischen Krise und der wirtschaftlichen Transformation der westlichen Industriegesellschaften“. So kommt Arps zu einer weitgehenden Verteidigung der Ereignisse, und zwar mit dem Argument, sie seien die einzige Möglichkeit gewesen, die Aufmerksamkeit vom Gipfel abzulenken:  Ohne die „Rauchsäulen“, so meint er, „hätte kaum jemand über die Proteste gesprochen, und ganz sicher auch nicht über Gegengipfel und Großdemonstration.“ Aber stimmt das so einfach? Hätte es nicht auch andere Protestaktionen gegeben, die weniger gefährlich und genauso „zielführend“ gewesen wären? Man denke nur an Graffitis, Schweigemärsche oder spontane Happenings, bestückt mit Friedenssymbolen und mit nachdenklich machenden Gesten. Ein interessantes aktuelles Beispiel hierfür gaben Greenpeace-Aktivisten, die im Berliner Regierungsviertel öffentlichkeitswirksam ein großes Kunststoffschwein und ein Transparent von einer Brücke abseilten, auf dem es hieß: „Jamaika; Lasst die Sau raus!“ Oder man hätte sich statt der blindwütigen Zerstörungswut  neue friedliche Protestformen ausdenken können.

Eines steht jedenfalls fest: Ihrem Namen und Auftrag ist die Zeitung so nicht gerecht geworden. Deshalb versuche ich, in aller Kürze eine solche persönliche Analyse: Die Krawallmacher waren links, unpolitisch und – selbstverständlich– männlich. Links heißt hier: gesellschaftskritisch. Es ging – wie Arps und andere korrekt festgestellt haben – um mehr als nur Zerstörung oder Gewalt. Aber auch wenn man den Akteuren irgendwie eine linke Grundhaltung zubilligt, waren sie in ihrer Mehrheit kaum Wähler oder Anhänger der Linkspartei, allenfalls vielleicht einiger linker Splittergruppen. Es waren Menschen, die über unsere Gesellschaft frustriert, in anarchistischer Weise dem Staat entgegentraten. Nicht nur die Täter, auch die Formen ihres unpolitischen Protests bis hin zur Eskalation waren betont männlich. Aber auch die Gegner – Staatsmänner wie Polizisten - wurden als männlich imaginiert – gegen Frauen, behaupte ich, wäre man nicht so radikal vorgegangen. Und auch die Kommentatoren von analyse & kritik waren männlich, aber Arps fragte immerhin besorgt: Wie hält man „Männerbünde im Zaum, die in unkontrollierbaren Situationen zur Gefahr werden?“

Es fanden in Hamburg auch andere – politische – Demonstrationen gegen den Gipfel statt, die stärker von Frauen dominiert waren. Aber wie sehen weibliche Formen unpolitischen Protests aus? Ich denke hier an Veranstaltungen wie die Loveparade, von der die letzte 2010 In Duisburg zu einer schrecklichen Tragödie wurde. Bereits vorher musste die Loveparade Kritik einstecken, da sie zu stark kommerzialisiert und zu sexualisiert sei. In der Tat war die Loveparade ein merkwürdiges Zwischending zwischen Protest und Kommerz. Aber sie war letztlich, trotz aller Ekstase und Enthemmung friedlich und so gesehen ein Ausdruck unpolitischen „weiblichen“ Protestverhaltens.  Links, unpolitisch, weiblich, so würden wohl viele damalige Teilnehmer sich selbst bezeichnen. Und es war ein durchaus authentischer Protest, ohne allzu viel ideologischen Ballast und Hass. Auch Veranstaltungen wie der Christopher Street Day, ungeachtet seiner ursprünglich politischen Intention, und im weiteren Sinne auch der Karneval gehören in diese Kategorie. Ich will hier keinen unmittelbaren Zusammenhang herstellen, aber die fehlende Akzeptanz solcher Protestformen in Politik und Medien  mag dazu beigetragen haben, dass es zum vermehrten Auftreten männlich bestimmter, und das heißt tendenziell gewaltsamen, Protests gekommen ist. Jede Gesellschaft braucht gewisse Rituale zur Kanalisierung diffuser Frustrationen von Menschen, die der Gesellschaft einmal „den Hintern“ zeigen möchten, ohne große politische Ambitionen zu haben. Damit ließe sich wohl verhindern, dass diese meist jungen Leute – und es handelt sich hier leider (fast) ausschließlich um Männer – wieder einmal „die Sau rauslassen“ möchten.




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