Fleischkonsum

Die vegetarische Utopie

01.12.2013 - Tahir Chaudhry

Der Vegetarismus ist unaufhaltsam im Vormarsch. Nie organisierten sich so viele Vegatarier, um offensiv für ihren Lebensstil zu werben. Dass diese Art von Kampagnen auf starken Gegenwind in der Gesellschaft stoßen, sah man beispielsweise an der Debatte um den „Veggie-Day“ der vergangenen Monate. Einerseits kritisieren Fleischesser die Einführung eines fleischfreien Tages als Einschränkung der ihrer persönlichen Freiheit. Andererseits werben Vegetarier für diesen Tag als Zeichen gegen den unmoralischen Fleischverzehr.

 

Einst galten Vegetarier als Außenseiter in der Gesellschaft. Heute ist ihr Lebensstil jedoch modern und voll im Trend. Ein Trend, der sich gerade in städtischen, industrialisierten Gesellschaften ausbreitet. Es ist insofern jener Ort, an dem es selten zu Interessenkonflikten zwischen Mensch und Tier kommt. Gleicherweise ist es auch der Ort, an dem die Sozialisation über das Etikett bestimmt, das Menschen dem Tier anheften. In der Stadt wird man meist mit vermenschlichten Tiere aus dem Fernsehen oder Haustieren mit Menschennamen konfrontiert statt mit Jagdtieren, Nutztieren oder Schlachttieren vom Lande.

Dabei begann alles mit den Lebensmittelskandalen der letzten Jahrzehnte, die zu diesem Umdenken führten. Menschen dachten plötzlich über ihre bisherigen Gewohnheiten nach und fingen an, den übermäßigen Fleischkonsum zu hinterfragen. Doch bald ging es nicht mehr nur darum, die schlechte Fleischqualität anzuprangern, sondern darum, die radikale Abkehr vom Fleisch als einen moralischen Fortschritt zu deklarieren.

Leisten wir uns zu viel?

Es ist das emotionsgeladene Spiel mit Daten und Fakten, das bestimmte gewisse Vegetarier gut beherrschen. Und natürlich bewegt es jeden mitfühlenden Menschen, wenn behauptet wird: Man verschwende Getreide für die Tierfütterung, während 842 Millionen Menschen in der Welt hungern. Wenn gesagt wird, dass die Wasser-Bilanz der Fleischproduktion beschämend sei, da die Süßwasserknappheit in der Welt ein großes Problem ist. Wenn es heißt, dass Fleischkonsum der „Klimakiller“ Nummer eins sei, denn die Tierhaltung sei für 18 % der globalen Treibhausemission verantwortlich. Und, wenn schließlich noch als Fazit formuliert wird, dass Fleischkonsum unseren Planeten zu „verzehren“ drohe. Wer kriegt es dann nicht mit der Angst zu tun?

Eine Vielzahl an „Experten“, die medienwirksam auftreten, spielen zu oft sehr leichtfertig mit den Ängsten der Menschen. In einer Welt, die durch und durch von einem übermäßigen Angebot und von Reizüberflutung geprägt ist, kämpfen solche Leute vehement um jede Art von Aufmerksamkeit. Wer in der Öffentlichkeit am lautesten schreit, die extremste Meinung vertritt und das spannendste Untergangszenario präsentiert, der kann Massen anziehen und bewegen. Wenn man eine These dann auch noch oft genug wiederholt, dann wird solchen Aussagen irgendwann auch geglaubt.

Dass es den hungernden Menschen an Getreide fehle, weil Tiere mit Getreide gefüttert würden, ist eine durchaus gewagte Behauptung. Es ist doch eher so, dass nicht ein „gottgegebenes“ Schicksal oder jeder Bissen in ein Fleischprodukt Schuld daran ist, dass Menschen in der Welt hungern und dürsten. Die Gründe sind vor allem die ungerechte Verteilung der Ressourcen und Lebensmittel. Es liegt an den Spätfolgen des Kolonialismus und auch an den zum Teil korrupten Regierungen der Entwicklungsländer. Ebenso liegt es an den Billigimporten von Überproduktionen aus Industrieländern in diese Länder, die auf diese Weise dort die heimischen Märkte zerstören. Außerdem bleibt die Frage, ob ein Fleischersatz gerade durch Reis, Mais oder Weizen zu weniger Wasserverbrauch führen würde. Auch die oftgenannten 18 % Treibhausgase, die für die Viehhaltung verantwortlich  sind, sind eine Zahl, die völlig aus dem Zusammenhang gerissen wurde. Es ist bekannt, dass das Vieh durch  seine  Ausscheidungen den Boden auf natürliche Weise düngt, ihn mit Humus anreichert und dadurch wiederum Treibhausgase bindet.

Das Problem ist also nicht die Viehhaltung an sich, sondern die Massenhaltung, die Tiere in Ställe zwängt und regelrecht mit Getreide vollpumpt. Es ist richtig, dass der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch zu hoch ist. Daher wäre Maßhalten  besser. Doch durch die niedrigen Preise für Fleischprodukte entsteht  eine riesige Nachfrage. Deshalb muss auch um der eigenen Gesundheit willen und der Umwelt zuliebe die Frage gestellt werden: Ist es richtig, wenn sich Menschen mehrmals am Tag den Verzehr von Fleisch leisten können? Sollte Fleisch nicht eher ein Luxusprodukt sein, das - wie früher – nur an Sonn- und Feiertagen aufgetischt wird? Teureres Fleisch und die damit einhergehende Verringerung  des Fleischkonsums würde die Fleischproduktion entschleunigen, die Massentierhaltung abbauen, die Umweltbelastungen verringern und das Vorkommen von Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Bluthochdruck oder Diabetes reduzieren .

Im Interesse der Tiere?

Doch auch mit diesem Argument wären gewisse Vegetarier nicht zufrieden. Es geht ihnen um den vollkommenen Fleischverzicht, der aber weder in der Praxis durchsetzbar noch moralisch gesehen begründbar ist. Der dieser Forderung zu Grunde liegende Gedanke  ist die der Grenzziehung zwischen Mensch und Tier. Peter Singer, einer der bedeutendsten Bioethiker unserer Zeit, wirft der gesamten Menschheit wegen ihres Umgangs mit den Tieren “Speziesismus” vor und stellt diesen auf eine Stufe mit Rassismus und Sexismus. Laut Singer “setzt der Speziesist die Interessen seiner eigenen Spezies über die fundamentalsten Interessen der Mitglieder anderer Spezies”. Aber woher will Singer wissen, was die genauen “Interessen” eines Tieres sind? Immerhin kämpften Frauenbewegungen jahrhundertelang für die “Interessen” des weiblichen Geschlechts und Befreiungsbewegungen für die “Interessen” der Schwarzen. In diesen Fällen bestand andersherum stets die Möglichkeit für Männer oder Weiße, unter Umständen gegen eine umgekehrte Diskriminierung vorgehen zu können. Auch konnte ein mögliches Zuwiderhandeln gegen das Gleichheitsprinzip immer durch die andere Seite verantwortlich gemacht werden. Jedes Individuum unserer Menschheitsfamilie hat Interessen und fundamentale Rechte, die es einfordern kann. Jedes von ihnen befindet sich jedoch ständig in einem Aushandlungs- und Abwägungsprozess. In diesem Sinne zeichnet sich der Mensch im Gegensatz zum Tier durch seine Kompromissfähigkeit aus.

Wenn der Mensch jedoch versucht als ein Anwalt für ein anderes Lebewesen aufzutreten, das nicht in der Lage ist, seine Bedürfnisse zu kommunizieren, dann bewegt er sich auf hoch spekulativem Terrain. Woher weiß der Mensch, dass ein Tier beispielsweise kein Recht auf Wohnen hat? Es wäre doch eine deutliche Diskriminierung, wenn wir aus unserer Sicht willkürlich nur eingeschränkte Rechte für Tiere festlegen, die sich im Laufe der Zeit als ihr “Interesse” entwickelt haben könnten. Letztlich können die Interessen eines Tieres mit denen eines “normal-veranlagten” Menschen nicht auf eine Stufe gestellt werden. Tierisches Verhalten beruht darauf, dass es mit einem bestimmten Verhalten anderer Tiere rechnen kann. Genauso ist auch das gesamte Sozialverhalten des Menschen ausgelegt. Im Straßenverkehr kommt er nämlich nur zurecht, wenn er damit rechnen kann, dass sich andere Verkehrsteilnehmer dementsprechend verhalten. Der Versuch die Tier- und Menschenwelt auf eine Ebene zu stellen, muss scheitern, denn bei der Frage nach dem vorrangigen Interesse zwischen beiden stünde der Mensch vor dem Problem der praktischen Durchsetzbarkeit.

Warum nicht konsequent?

Nun kommt es nicht von ungefähr, dass sich in letzter Zeit die Stimmen derer mehren, die gegen eine Grenzziehung zwischen dem nur-animalischen und dem menschlichen Bereich argumentieren. Doch was ist deren Ziel? Sie schwärmen von einer Welt, in der sich der Mensch weder als eigenartiges Tier verhält noch den gemeinsamen Ursprung von Tier und Mensch verdrängt. Wenn alle Lebewesen gleich und wir alle Tiere sind, dann müsste es keinen Vorbehalt gegen das Töten von Tieren geben. Denn dann sollten wir die natürliche Selektion entscheiden lassen! Wir sollten zurück in den Dschungel, wenn wir keine Werteunterschiede zwischen der menschlichen Gesellschaft und dem Tierreich erkennen können. An einen Ort, der weder “gut” noch “böse”, weder Dankbarkeit noch Hass, weder Neid noch Machthunger kennt. Ein Ort, wo das Recht des Stärkeren gilt und Töten aus reinem Selbsterhaltungstrieb geschieht. Wenn man jedoch Wertunterschiede anerkennt, aber trotzdem auf Gleichheit beharrt, dann stellt sich die Frage: Zählt ein afrikanisches Kind, das einen Hitze-Tod erleidet, genauso viel, wie eine Kuh, die aufgrund starker Sonneneinstrahlung auf der Weide verendet? Und wie kann es denn sein, dass Vegetarier, Veganer und Tierschützer in Wintermonaten in Ruhe schlafen können, während wenige Schritte vor ihrer Haustür Insekten, Vögel oder Nagetiere an Unterkühlung sterben?

Ganz egal, wo die Grenze zwischen Tier und Mensch gesetzt wird, sie ist nötig. Wäre der Mensch wie das Tier ein instinktgebundenes Wesen und bloßes Triebsubjekt, dann würde sich ein Zusammenleben schwer gestalten lassen und nur mit kontinuierlich ausgeübter Gewalt funktionieren. Menschen können jedoch aus Einsicht, vernunftgemäß und sittlich handeln. Für Tiere indes existiert weder Richtig noch Falsch. Der Mensch ist jedoch in der Lage, mit seiner Vernunft zu reflektieren und sich selbst in Beziehung zu anderen zu setzen. Genau diese Fähigkeit macht ihn sowohl frei als auch  für sein Handeln verantwortlich. Eben deshalb kommen Tiere auch nicht vor Gericht. Es muss also die Vernunft und Moralfähigkeit sein, die die Menschenfamilie vom nur-animalischen Tier, den Pflanzen, Bakterien oder auch dem Stein unterscheidet.

Selbst wenn Teilerfahrungen der Wissenschaft belegen, dass Tiere zwar eine Art Intelligenz und Gefühle haben, grübeln Tiere aufgrund ihrer Nicht-Vernünftigkeit nicht lange vor sich hin. Sie leben im Hier und Jetzt. Sie haben im Vergleich zum Menschen kein Potenzial, welches es zu verwirklichen gäbe. Sie können zwar Erfahrungen speichern, aber sie können nicht  im menschlichen Sinne „wissen“, zum Beispiel, , dass sie irgendwann einmal sterben werden. Aufgrund dieser Tatsachen kann der Tötungsakt selbst nicht problematisiert werden und wie lange das Tier existiert, spielt für das Tier selbst keine Rolle. Andererseits ist aber das Leben für das Tier essentiell. Schon Schopenhauer und Bentham lehnten den Vegetarismus als eine zu weitgehende Konsequenz ab, da sie glaubten, dass es möglich sei, schmerzlos zu töten. Auch wenn sie sich offenbar nach den heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen täuschten, bleibt der Tötungsakt ein Augenblicksschmerz. Unsere Pflicht besteht darin, dieses Leid zu minimieren. So sprach sich beispielsweise Immanuel Kant gegen die Tierquälerei aus, weil seiner Ansicht nach Tierquälerei zu einer Verrohung des Menschen führe und das Mitleid am Menschen abgestumpft werde. Daher sollte die menschliche Spezies in ihrem Eigeninteresse und wegen ihres Verantwortungsbewusstseins den Tieren eine artgerechte Haltung zusichern. Die Haltung von Tieren muss sich an den natürlichen Lebensbedingungen orientieren und auf die angeborenen Verhaltensweisen Rücksicht nehmen.

Wie wär’s mit Selbstmord?

Es wäre realitätsfremd, ein grundsätzliches Tötungsverbot von Tieren zu fordern. Bei aller Sensibilität sollte nämlich eines im Auge behalten werden: Der Menschheit hätte sich wäre ohne das Verlangen nach Fleisch und dem damit verbundenen Töten von Tieren nie so weit entwickelt. Der Mensch hätte ohne Tierversuche keine Medizin entwickeln können, die die Lebensqualität verbessert und viele Leben rettet. Die Rettung eines Menschenlebens muss ein vorrangiges Interesse der Menschenfamilie sein. Alles andere würde an der Praktikabilität scheitern. Egal wo der Mensch einen Lebensraum beansprucht, es müssen dort zwangsläufig bewusst oder unbewusst wegen des vorrangigen menschlichen Interesses Lebewesen anderer Spezies sterben. Köche setzen Desinfektionsmittel gegen Bakterien ein. Kinder spielen im Garten und zertreten Pflanzen. Bauern töten zum Schutz ihrer Ernte Ungeziefer, Feldhasen und Wühlmäuse. Die Transportmittel in der Luft, auf dem Land oder im Wasser, töten Vögel, Kröten und Fische. Die einzig konsequente Lösung gegen dieses Problem, wäre ein sofortiger Selbstmord.

Was wir brauchen, sind keine Radikallösungen, sondern mehr Verantwortung im Umgang mit den Tieren. Aus philosophischer Sicht ergibt sich die Verantwortung aus der Handlungsfreiheit des Menschen und der Fähigkeit, Mitleid oder Glück überhaupt zu verspüren. Aus religiöser Sicht wird der Mensch zum respektvollen Umgang mit der Schöpfung Gottes verpflichtet. Die Ethik der monotheistischen Religionen legitimiert den Menschen nicht zur Ausbeutung der Umwelt. Sie macht dem Menschen seinen Vorrang über das Tier lediglich bewusst, damit der Mensch Verantwortung übernimmt.

Dieser Verantwortung sind wir ausgewichen und haben stattdessen brutale Praktiken hinter hohen Zäunen und in abgelegenen Lagerhallen entwickelt. Vor dem technischen Fortschritt des 20. Jahrhunderts hatten wir noch kein genmanipuliertes Futter, das Kühe zur doppelten Milchproduktion anregen sollte. Wir hatten keinen massenhaften Transport von Tieren, die über tausende Kilometer eingepfercht quer durch die Welt gekarrt wurden. Wir hatten keine Massentierhaltung, die heute ein Wartebereich für geschwächte und halbtote Tiere darstellt, die geschlachtet werden, um ihre Kadaver in die Abnehmerländer zu bringen.

Die Folgen der ökologischen und gesundheitlichen Schäden unserer tagtäglichen Fleischexzesse haben wir letztlich selber zu tragen. Daher sollten wir den Veggie-Day zu unserem Wohle annehmen, und ihm als einen ersten Schritt zur Fleisch-Entwöhnung eine Chance geben. Die moralische Aufwertung einer vegtarischen Lebensweise ist hingegen durchaus kritisch zu betrachten, da sie in ihrer Umsetzung nur zu unzähligen Widersprüchen führt und in konsquenter Art und Weise nicht praktikabel ist. Eine radikale Abkehr macht wenig Sinn. Teilzeit-Vegetarier braucht die Welt!

 

 

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