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Die Wissenschaft des Glücks

15.01.2018 - Daniela Steppe

Das seit 1971 jährlich stattfindende World Economic Forum gilt schon seit Langem als ein verlässlicher Indikator für den weltweiten wirtschaftlichen Zeitgeist. So beschäftigte sich der WEF in den 1990er Jahren etwa mit Innovationsgedanken und dem Internet. 2014 findet sich zwischen zahlreichen Managern, Investoren, Forschern und Millionären ein auf den ersten Blick etwas ungewöhnlicher Gast. Ein buddhistischer Mönch.

Dabei handelte es sich natürlich nicht um irgendeinen Mönch, sondern um den französischen ehemaligen Biologen Matthieu Ricard, der auf seine eigene Art längst selbst eine Berühmtheit war. Vor jedem Meeting haben die Teilnehmer die Möglichkeit mit ihm zu meditieren und etwas über Entspannungstechniken zu erfahren. Matthieu Ricard fungiert nicht nur als Übersetzer für den Dalai Lama ins Französische, er ist auch für seine Vorträge zum Thema Glück bekannt. Und niemand scheint besser geeignet zu sein, über dieses Thema zu referieren: Matthieu Ricard ist einer Studie der Universität von Wisconsin zufolge der ‚glücklichste Mann der Welt‘, und das bereits mehrere Jahre in Folge.

Dieser Artikel befasst sich jedoch nicht mit Matthieu Ricards oder dem WEF, obwohl sich beide sicherlich als fruchtbares Thema erweisen würden. Nein, in diesem Artikel geht es um eine Entwicklung, die 2014 durch die Anwesenheit Matthieu Ricards ihren Ausdruck findet. Dieser Artikel befasst sich mit der ‚Wissenschaft des Glücks‘. Denn das ist es, was William Davies zufolge die ‚weltweiten Eliten‘ der Zukunft beschäftigen wird.

Glück in seinen zahlreichen Facetten und Ausprägungen beschäftigt die großen Denker unserer Welt natürlich schon lange. Beschränken wir uns jedoch auf die ‚Wissenschaft des Glücks‘,  ließe sich der Startpunkt William Davies zufolge im Jahre 1766 festsetzen, als der damals gerade Mal 18 Jahre alte Jeremy Bentham die Grundlage für eine umfassende und sehr einflussreiche Regierungsdoktrin legte: den Utilitarismus. Bewegt von dem Grundgedanken, dass eine Entscheidung dann als moralisch vertretbar und ‚richtig‘ angesehen werden könne, sobald sie das Wohlergehen aller Betroffenen maximiere, suchte Bentham nach einer Möglichkeit politische Entscheidungen auf der Grundlage ‚harter‘ empirischer Daten fällen zu können. Um dies gewährleisten zu können, müsste jedoch zunächst ein Weg gefunden werden, sowohl das Verhalten als auch die Gefühle andere Menschen messen zu können.

Die Wissenschaft schreitet in diesem Bestreben schnell voran. Neurowissenschaftler identifizieren die vermeintlichen Zentren für Glück und Wohlbefinden und beobachten wie sich Freude und Leid in unserem Gehirn abzeichnen. Darunter auch die Areale, die Gefühle der ‚Glückseligkeit‘ sowie einen ‚Schmerzdimmer‘ hervorrufen können. Aber die Daten über unser emotionales Innenleben werden nicht nur von Wissenschaftlern erhoben. Den größten Teil dieser Daten generieren wir selbst. Unter den unzähligen Apps, die uns dabei helfen sollen unseren Alltag zu erleichtern, finden sich auch zahlreiche ‚Mood tracker‘, Lifestyle Produkte wie ‚Tracking-Armbänder‘, Like Buttons auf Facebook aber auch Plattformen wie Twitter. Sie liefern einen konstanten Strom von Daten.  Die so generierten Daten schaffen das Bild einer mess- und somit auch belegbaren ‚Einheit Glück‘. Basierend auf diesen Daten zeichnen sogenannte ‚happiness economics‘ bereits schon jetzt ein vorsichtiges Bild, welche Regionen, Lebensstile, Formen der Beschäftigung und des Konsums das größte mentale Wohlbefinden generieren.  

Nun stellt sich natürlich die Frage: was ist so falsch daran? Was spricht dagegen, Daten zu sammeln um mithilfe von etablierten Entspannungstechniken wie etwa Meditation und achtsamkeitsbasierten Praktiken, das eigene Wohlbefinden zu steigern? Es ist die Tatsache, dass mit der vermeintlichen Möglichkeit der Messbarkeit von Glück und Wohlbefinden nicht nur eine Verbesserung, sondern auch ein Vergleich stattfindet. Akzeptiert wird das von einer Vielzahl von Studien und Forschungen über unser Verhalten und unsere Emotionen gezeichnete Bild. Wir laufen Gefahr, uns vorschreiben zu lassen, was Glück bedeutet und uns zufrieden macht.   

Laut einer Studie von Gallup, einer der führenden Markt- und Medienforschungsinstitute kostet die Abwesenheit von Mitarbeitern aufgrund von Stress und chronischen Erkrankungen und auch die körperliche Anwesenheit von Mitarbeitern, die nur zur Arbeit erscheinen um dort ihre Zeit abzusitzen, die US-Wirtschaft 550 Milliarden Dollar pro Jahr. Widerstand aufgrund von Unzufriedenheit am Arbeitsplatz manifestiert sich nicht länger in organisierten lautstarken Aufständen, sondern durch ‚abstruse Formen der Apathy‘ sowie chronischer körperlicher und geistiger Erkrankungen. Auch wenn die Gründe für mentale Gesundheitsprobleme wesentlich komplexer und bei weitem nicht auf die Bedingungen am Arbeitsplatz reduzierbar sind, manifestieren sie sich dort durch die körperliche und geistige Abwesenheit am deutlichsten.

Daher verwundert es niemanden, dass viele Institutionen eher große Beträge in Achtsamkeitsschulungen und Trainingsprogramme für Arbeitnehmer investieren, statt die Umstände und Ursachen in den Blick zu nehmen, die zu den Problemen der Unzufriedenheit führen. Wie in etwa der große Drang, bestimmten Idealen gerecht werden zu müssen, weil wir Zahlenwerte als Maßstab akzeptieren. Wollen wir uns wirklich vorschreiben lassen, was uns glücklich und zufrieden macht?  

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