ZDF-Wetterexperte im Interview

Dr. Gunther Tiersch: "Der Meteorologe ist glaubwürdiger als das Smartphone"

15.05.2017 - Ira Opryshko

Wie ist die Sicht eines Wetterexperten auf die Klimaerwärmung? Und wie erhält man eigentlich eine genaue Wetterprognose für einen Ort? DAS MILIEU sprach mit einem der bekanntesten Meteorologen Deutschlands, dem ZDF-Wetterredakteur Gunther Tiersch, über seine Zeit als Olympia-Sieger, die Geschichte der Meteorologie, das derzeitige Phänomen des "El Niño" und seine Meinung zur Klimaerwärmung.

DAS MILIEU: Sie waren mit 14 Jahren als Steuermann des Deutschlandachters im Rudern Olympia-Sieger in Mexiko. Warum haben Sie Ihre erfolgreiche Karriere damals nicht weitergeführt?

Dr. Gunther Tiersch: Als Steuermann wird man irgendwann zu schwer und für das Rudern sollte man Muskeln haben. Außerdem musste ich wieder mehr für die Schule tun.

MILIEU: Seit 30 Jahren erklären Sie das Wetter. Sie erinnern sich bestimmt noch an die erste Wetterkarte auf dem Bildschirm, noch bevor das Fernsehen seinen Regelbetrieb aufnahm. Wie gehen Sie mit den neuen Techniken um?

Dr. Tiersch: Wir haben die Digitalisierung Mitte der 80er Jahre als erste im deutschen Fernsehen ins Programm gebracht. Die Fortschritte seit damals sind enorm: wir konnten zunächst nur 16 Farben darstellen, 7 für die Landkarte und 8 für die Wetterinformationen. In den 90er Jahren lernte das Wetter das ‚Laufen‘. Wir zeigten bereits bewegte Vorhersagedaten, wie Regengebiete, Wolken, Temperaturveränderungen und Windpfeile in den Wetterberichten.

Seit 2008 produzieren wir auch das Wetter im virtuellen Nachrichtenstudio des ZDF. Dieses Studio ist ein grüner großer Raum. Real sind nur die Kameras, die Beleuchtung und der Tisch für die Nachrichten in der Mitte des Raums. Meine Wetterkarte ist nicht real und ich sehe sie im Studio nicht. Nur ein Monitor an der Seite zeigt mir das fertige Bild, das auch der Zuschauer sieht. Daran orientiere ich mich und kann dann punktgenau zeigen. Man lernt mit neuen Techniken umzugehen und heute ist das alles spielerisch zu bewältigen. Neue Technik muss immer hilfreich sein und darf nie eine Hemmschwelle darstellen, um die eigentliche Information zu übermitteln.

MILIEU: Derzeit ist wieder das Wetterphänomen El Niño sehr präsent. Waren Sie selbst bei einem solchen Phänomen schon einmal vor Ort?

Dr. Tiersch: Nein, war ich noch nicht. Aber ich kenne die weltweiten Auswirkungen dieses Phänomens. Während einer Reise im letzten November nach Myanmar konnte ich die Schäden an Korallen im indischen Ozean sehen. El Niño erhöht in den tropischen Gewässern des Westpazifik und des Indischen Ozeans die Wassertemperaturen und hohe Wassertemperaturen können die Korallenbleiche auslösen. Was ich sah, war erschreckend: die Korallenskelette waren noch zu sehen, aber es war kein Leben mehr darin und auch Fische gab es nur noch sehr wenige. Die Korallen sind aber für den Küstenschutz sehr wichtig. An ihnen brechen sich die großen starken Wellen, die sonst große Schäden an den Küsten verursachen. Außerdem sind sie ein Quell des Lebens im Meer. Die Artenvielfalt ist hier besonders groß. Nicht nur hohe Wassertemperaturen gefährden die Riffe, sondern auch der Mensch durch Überfischung, Wasserverschmutzung und Tourismus.

MILIEU: Zwischen einem Hochdruckgebiet vor der Westküste Südamerikas und einem Tiefdruckgebiet vor der Ostküste Australiens bestimmen Ostwinde, die Passatwinde, die tropische Region. Parallel dazu gibt es kalte und warme Meeresströmungen. In einem El Niño-Jahr bricht das Hoch zusammen. Dies geschieht immer im Südsommer, der heißesten Jahreszeit. Dadurch werden die Passatwinde geschwächt und auch die Meeresströmungen verändern sich. Welche genauen Probleme haben dadurch die Menschen vor Ort?

Dr. Tiersch: Zum einen erwärmt sich während eines El Niño-Ereignisses das Wasser vor der Küste Südamerikas. Das hat zur Folge, dass der im kühlen Wasser vorhandene Fischreichtum verschwindet. Die Fischer fangen nichts mehr.

Zum anderen führt das warme Wasser zu sehr starken Niederschlägen an der Küste. Es kommt zu Überschwemmungen und verheerenden Erdrutschen in Gebieten die normalerweise sehr trocken sind. An der Küste Südamerikas haben sich Wüsten ausgebreitet und die Niederschläge betragen im Jahr normalerweise nur wenige Millimeter.

Im Westpazifik dagegen kommt es zu einer starken Dürre. Waldbrände, durch den Menschen gelegt, breiten sich in Borneo, Kalimantan, Malaysia und Indonesien zu riesigen Flächenbränden aus und zerstören den Regenwald.

An der Ostküste Nordamerikas regnet es in den Wintermonaten häufig bei Temperaturen im Minusbereich. Dieser stark unterkühlte Regen verwandelt sich sofort zu einer dicken Eisschicht, z. B. auf Stromleitungen, Bäumen, Autos und Straßen. Beim El Niño 1998 mussten in der Stadt Montreal (Kanada) die Kronen aller Bäume gekappt werden, da sie durch die Schwere des Eises teilweise abbrachen.

MILIEU: Sehen Sie, wie von manchen Forschern beschrieben, auch einen Zusammenhang zwischen Stärke und Häufigkeit und einer möglichen Klimaerwärmung?

Dr. Tiersch: Darüber gibt es noch keine eindeutige Aussage, aber vermutlich - die Klimamodelle weisen drauf hin - verursacht der Klimawandel, dass das Phänomen El Niño in Zukunft häufiger und stärker auftritt.

MILIEU: Dr. Tiersch, Sie haben an der FU Berlin Meteorologie studiert und dann an der TU promoviert. Sie kennen sich sehr gut mit Wetter- und Klima-Phänomenen aus. Welche Wetter-Phänomene sehen Sie in Deutschland als Hauptbedrohung?

Dr. Tiersch: Auch bei uns verändert sich durch den bereits eingetretenen Klimawandel teilweise der normale Wetterablauf. Wir beobachten seit etwa 40 Jahren höhere Niederschläge im Winter. Das ist dann für die Landwirtschaft im Frühjahr problematisch, da die Felder noch sehr nass sind und mit schweren Maschinen nicht bearbeitet werden können.

Die Winter sind milder geworden und damit treiben viele Pflanzen schon sehr früh aus. Dann können Spätfröste, wie in diesem Jahr, schwere Schäden verursachen. Denn es muss uns klar sein, dass milde Winter nicht den Luftaustausch zwischen der Arktis und den mittleren Breiten besonders im Frühjahr verhindern. Nur dieser Luftaustausch garantiert eine Erwärmung nördlicher Breiten, die stärkere Sonneneinstrahlung allein schafft diese Erwärmung im Frühling nicht. So kommt es weiterhin zu diesen Kälteeinbrüchen aus Norden. Am bekanntesten ist die Periode der Eisheiligen Mitte Mai.

In den Sommern werden sich Hitzewellen und Trockenheit ausbreiten Wir werden öfters mit Temperaturen von 35 bis 40 Grad konfrontiert. In der Landwirtschaft können diese Trockenperioden nur mit Bewässerung überbrückt werden.

Die Waldbrandgefahr wird dadurch steigen und viele Bäume werden unter einer schlechteren Wasserversorgung leiden, wie z.B. Buchen.

Wenn es regnet, und das wird es auch im Sommer weiterhin, fällt der Regen allerdings sehr heftig aus: Kurze starke Gewitterregen oder auch Wetterlagen mit anhaltendem Regen werden sich häufen und zu Überschwemmungen führen können.

MILIEU: Welche Gebiete weltweit sind Ihrer Meinung nach von der Erwärmung besonders betroffen?

Dr. Tiersch: Die stärksten Veränderungen finden zurzeit in der Arktis und Grönland statt! Seit 2005 taut das Eis in der Arktis in den Sommermonaten immer stärker ab. Dadurch sind die Seewege nach Asien über die Nordwestpassage, an Kanada vorbei, und über die Nordostpassage, vorbei an Sibirien, im August und September eisfrei. Das gab es seit Jahrhunderten oder wohl auch seit Jahrtausenden nicht mehr.

Grönland taut nicht nur mehr im Randbereich auf, sondern auch das Inlandseis schmilzt jetzt verstärkt ab. In einigen Jahrhunderten wird Grönland eisfrei sein können und der Meeresspiegel liegt dann etwa 8 Meter höher als heute.

In den nördlichen Gebieten, wie in Alaska oder Sibirien tauen die Permafrostböden auf. Die Straßen werden instabil, Häuser werden baufällig und versinken im aufgetauten Sumpf. In der Antarktis, also am Südpol wirkt sich der Klimawandel noch nicht so stark aus.

In den Gebirgen der Erde tauen fast alle Gletscher sehr schnell ab. In den Alpen beträgt die Erwärmung bereits über 2 Grad und ohne Gletscher bekommen die Flüsse wie Rhein und Donau im Sommer kaum neues Wasser. Dieses Szenario wird nach 2050 erwartet.

Der indische Monsun bringt weniger Regen, ist aber für die Menschen in Indien und am Himalayagebirge lebenswichtig.

MILIEU: Denken Sie, dass der Beruf des Meteorologen auch in Zukunft weiter bestehen bleibt - Dadurch, dass die Technik stetig verbessert wird, erscheint die Wettervorhersage im Fernsehen doch kaum noch notwendig, oder?

Dr. Tiersch: Wir beobachten keine abnehmende Tendenz der Attraktivität des Wetterberichtes nach den Nachrichten. Ich denke, dass die Zuschauer einem Meteorologen eher glauben als einer unpersönlichen Wettervorhersage z.B. auf dem Smartphone.

Aber die Meteorologie umfasst wesentlich mehr Aufgaben als die Wettervorhersage für die Öffentlichkeit.

Sie ist sehr wichtig für den Straßen - und Flugverkehr. Sie ist für unsere Wirtschaft und unseren Handel existenziell. Wetterberatung findet überall, statt, sei es bei der Energiewirtschaft, bei Großereignissen, oder bei der Produktion bestimmter Waren. Gute Ernten unserer Nutzpflanzen sind abhängig vom Wetter und wir wollen schon vor der Ernte wissen, wie sie ausfällt. Das gelingt nur durch genaue Vorhersagen.

Irgendjemand muss auch in Zukunft Wettermodelle verbessern und forschen. Und so wird der Beruf des Meteorologen bestehen bleiben. Die einzige große Herausforderung stellt die KI, die künstliche Intelligenz, dar. Aber das betrifft zukünftig nahezu alle Berufszweige.

MILIEU: Können Sie uns ein bisschen hinter die Kulissen führen und erklären, wie schwer es ist einen Wetterbericht zu erstellen?

Dr. Tiersch: Sie werden es nicht glauben, aber mein erster Blick nach dem Aufstehen geht morgens an den Himmel. Ist die Vorhersage so eingetroffen, wie ich es am Abend vorher gesagt habe? Wenn nicht, kann meine Laune schon mal kurzzeitig schlechter werden.

Im Sender angekommen, überprüfe ich die Wetterlage und den Wetterzustand in Deutschland und Europa.

Ich schaue mir die Wetterdaten an, die alle Stunde gemessen werden und auf meinem Bildschirm auftauchen. Dazu kommen weltweite Satellitenbilder und dann kann ich mich endlich über die neuen Modellläufe, also die Vorhersagen für die nächsten Tage hermachen. Wir beziehen Daten vom Deutschen Wetterdienst, den Amerikanern und vom europäischen Mittelfristvorhersagezentrum in Redding in England. Aus dem Internet können wir uns aber auch Modellinformationen anderer Nationaler Wetterdienste bedienen.

So beziehen wir häufig mehrere Modelle in unsere Vorhersagen mit ein. Daraus erarbeiten wir uns die Wetterkarten und ich lege dann den Inhalt des Berichtes fest, den ich am Abend präsentieren werde. Ich formuliere meine Texte für drei Berichte: für das ZDF die Berichte nach den 19 Uhr Nachrichten und nach dem heute journal und für 3Sat nach den heute Nachrichten. Stimmen Karten und Text gut überein, ziehe ich mich um, raus aus den legeren Klamotten, rein in den seriösen Anzug oder den Kombi, noch ein bisschen Schminke von unseren Maskenbildnerinnen und dann geht es ins Studio: Achtung! Kamera läuft. „Guten Abend meine Damen und……“ und am Ende, „machen Sie’s gut“. Das Tageswerk ist vollbracht, hoffentlich mit einer guten Vorhersage.

MILIEU: Wie präzise können Sie das Wetter selbst in kleinen Dörfern vorhersagen?

Dr. Tiersch: Man kann eine Prognose für jeden bestimmten Ort erstellen. Das hat eine hohe Trefferquote von über 90%. Schwierig ist das noch bei Schauer- oder Gewitterlagen, denn solche kleinräumigen Wettererscheinungen können wir nur für größere Gebiete, wie Landkreise, aber noch nicht für einzelne Orte genau vorhersagen. Aber wir arbeiten daran.

MILIEU: Was war die wichtigste Veränderung in der Wetterredaktion des ZDF in den letzen drei Jahren?

Dr. Tiersch: Wir haben endlich wieder zwei jüngere MitarbeiterInnen für das ZDF gewinnen können, die bereits erfolgreich präsentieren. Für uns ist es wichtig MeteorologInnen einzusetzen. Der Markt dafür ist allerdings sehr klein und es gibt nur wenig ausgebildete Meteorologen, die den Zuschauer überzeugen können.

MILIEU: Viele Menschen vertrauen auch heute noch Bauernregeln und dem hundertjährigen Kalender. Sehen Sie das als reinen Aberglauben an oder greifen auch Sie selbst manchmal darauf zurück?

Dr. Tiersch: Der hundertjährige Kalender ist unnütz und reiner Aberglaube. Im 18. Jahrhundert haben Mönche diesen Kalender erarbeitet, um das Wetter in Franken vorherzusagen und so die klösterliche Landwirtschaft zu optimieren. Sieben Jahre haben sie das Wetter beobachtet und aufgeschrieben. Anfang des 19. Jahrhundert kam dann ein Geschäftsmann auf die Idee, diese Aufzeichnungen auf hundert Jahre zu erweitern und als ‚Hundertjährigen Kalender‘ zu verkaufen. Die Genauigkeit liegt bei 50% und ist damit völlig ungeeignet für eine genaue Vorhersage. Für einzelne Tage kann der Hundertjährige Kalender mal zutreffen, für andere eben gar nicht.

Anders ist das mit den Bauernregeln. Sie sind durch jahrelange Beobachtungen der Landwirte für bestimmte Regionen in Mitteleuropa aufgestellt worden und treffen etwa je nach Regel und Region zwischen 55-70% zu. Meist sind es Regeln, die einen Witterungsverlauf über mehrere Wochen versuchen vorzusagen. Für eine genaue Vorhersage, wie wir sie heute erwarten, mit einer Genauigkeit von über 90%, sind aber auch sie völlig ungeeignet.

MILIEU: Vielen Dank für das Interview, Herr Dr. Tiersch!

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