Philosophie

Eine Welt jenseits von Gut und Böse?

15.01.2014 - Tahir Chaudhry

Unsere Gesellschaft wird aufgefordert, "Gut und Böse auf die gleiche Stufe zu stellen", beklagte Vladimir Putin in seiner Rede an die Nation zum 20-jährigen Jubiläum der russischen Verfassung im Dezember 2013. An dieser Stelle muss man Putin wohl recht geben! Dass gerade er als Moral-Apostel auftritt und diese Anklage erhebt, sollte uns sicherlich zu denken geben.

Immerhin leben wir in Zeiten eines radikalen Relativismus. Auf internationaler Ebene sind wir ganz klar die Guten und im Zweifel die anderen immer die Bösen. Doch auf interpersoneller Ebene wurde der Begriff des „Bösen“ aus unserem Vokabular nahezu verbannt. Gut und Böse gelten heute nur noch als Zuschreibungen, die von der jeweiligen Perspektive abhängen. Aber bedeutet dies in der Konsquenz, dass sie relativ sind?

Die Intoleranz des Relativismus

Seit einigen Jahrzehnten erleben wir verstärkt eine Rebellion der neueren Generationen gegen das Vergangene. So werden auch Moralvorstellungen zum Opfer dieser Entwicklungen. Die Jugend hat ihre Identität und Orientierung in einer hochtechnologisierten und globalisierten Welt noch nicht entdeckt. Sie konsumiert all das, was sie gerade anziehend findet. Unter dem Deckmantel des Individualismus und der Selbstbestimmung haben wir uns den Weg zu den „klassischen“ Sieben Todsünden gebahnt, die mit neuem Etikett versehen sind und oftmals sogar als Tugenden wahrgenommen werden. Die Wollust ist zu einem Ausdruck der Lebensfreude und Genussfähigkeit geworden. Hochmut heißt heute, elitär und edel zu sein, Habgier ist das Streben nach Wohlstand und Trägheit, cooles Abhängen mit Freuden. Zorn lässt im politischen Kontext Revolutionsromantik aufkommen, die Völlerei drückt sich etwa in Form des organisierten Wettessens aus. Und Neid ist die Konkurrenz, die das Geschäft belebt.

Gut und Böse sollen nicht mehr existieren. Eine endgültige Wahrheit wird abgelehnt. Sie wird als Quelle von Streitigkeiten und Zerwürfnissen abgestempelt. Dies ist nicht zuletzt ein Nebenprodukt des menschlichen Fortschritts und der Relativismus ist sozusagen die Krankheit unseres Zeitalters. Jeder Vertreter einer altgedienten Vorstellung wird auf dem medialen Scheiterhaufen verbrannt. Es interessiert nicht, was wahr ist, sondern was man sagen darf. In Diskursen gilt das Recht des Stärkeren. Zudem ist es eine verbreitete Auffassung, dass es auf ethische Fragen keine Antwort gäbe. Dies ist ein Fehlschluss, da unterschiedliche Epochen, soziale Schichten oder Kulturkreise der Menschheit druchaus ihre Antworten bereitstellten.

Deuschlands Chef-Atheist Michael Schmidt-Salomon etwa bezeichnet den Gut-und-Böse-Dualismus seit Jahren wiederholt als „moralische Fiktion“ und als eine „kulturelle Erfindung neueren Datums“. Ihm gemäß müsse dieser Dualismus in einer neuen säkularen Ethik aufgelöst werden. Schmidt-Salomon spricht von einer Verantwortung vor sich selbst, auf dessen Grundlange man allein mit der Vernunft nach Lösungen für Interessenskonflikte suchen sollte. Somit müssten Gut und Böse immer wieder neu verhandelt werden. Gut und Böse hätten keine Allgemeingültigkeit. Und trotzdem würde jeder vernünftige Mensch zustimmen: Barmherzigkeit ist besser als Hartherzigkeit, Treue ist besser als Untreue, Wahrheit ist besser als Lüge. Diebstahl, Kindesmisshandlung und Vergewaltigung wären immer schlecht. Sagen wir denn, dass die Handlung gut ist, nur weil sie für die Täter befriedigend war? Vielmehr sagen wir, dass die Handlung schlecht für das Opfer war und daher böse ist. Schmidt-Salomon würde sagen, dass wir solche Taten nur deshalb verabscheuen, da ein biologischer und sozialer Nutzen von dieser Haltung ausginge. Doch Freundschaft, Dankbarkeit oder Hilfsbereitschaft blieben etwas Gutes, auch wenn morgen die Welt unterginge. Und überhaupt: Warum sollte sich jemand für ein gutes Leben entscheiden, wenn Schaden davon ausginge?

Der dunkle Ritter
 
Es ist ohne Zweifel, dass seit Menschengedenken einerseits Hass, Leid und Ungerechtigkeit, andererseits Liebe, Glück und Gerechtigkeit existieren. Die Erde erlebt tagtäglich Harmonie und Zwietracht, Krankheit und Gesundheit, Kreation und Zerstörung. Jeder Mensch ist in der Lage diese voneinander zu unterscheiden. Und ein jeder steht in seinem Leben immer wieder vor der Wahl. Während sich der eine für das Gute entscheidet, wählt der andere den Pfad des Bösen. Es scheint gar so zu sein, als wären zwei unterschiedliche Mächte mit jeweils einer magnetischen Kraft im Spiel, die die Menschen entweder zum Guten oder zum Bösen ziehen. Der Sinn für das Gute und Böse wurde ursprünglich durch Religionen stark in unterschiedliche Gesellschaften verankert. Doch heute, wo sie immer seltener eine bedeutende Rolle spielen, finden wir das Böse fast ausschließlich in Hollywood-Filmen oder im Geschichtsunterricht. Dort bedient sich entweder das Gute den Mitteln des Bösen oder das Böse selbst bestimmt darüber, was das Gute ist. In den Köpfen entsteht dadurch ein verwässertes Bild, was ihre Unterscheidung unmöglich macht.

„Ich bin das notwendige Böse!“ verkündet Batmans Erzfeind, Bane, im Hollywood-Blockbuster „The Dark Knight Rises“. Seine Maske, eine Art schwarzer Ledermaulkorb, hilft ihm dabei, diese undurchschhaubare, dunkle Seite darzustellen. Bane erläutert den Effekt: "Niemand interessierte sich für mich, bis ich die Maske aufhatte". Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, dem Joker, dessen Gewalt wahnsinnig und unkontrolliert war, ist die Gewalt des Bane kühl und berechnet, der proklamiert: "Es spielt keine Rolle, wer wir sind. Alles was wichtig ist, ist unser Plan". Ein Plan, von dem sich das Volk in Zeiten der Krise gerne verführen lässt. Schließlich herrscht eine tiefe, wirtschaftliche Rezession vor. Bane überfällt die Wallstreet als die Broker rufen: "Was wollt ihr hier an der Börse? Hier gibt es nichts zu stehlen." Bane antwortet: "Wieso seid ihr dann hier?". Der Bösewicht möchte mit denen da oben abrechnen. Allerdings ist sein Plan äußerst widersprüchlich, was das Volk jedoch nicht bemerkt. Er will dem Volk die verkommene Stadt zurückgeben und gleichzeitig die Stadt zerstören.

Nun braucht es jemanden, der die sich zum Untergang neigende Stadt rettet. Gotham City wartet sehnsüchtig auf ihren Helden. Aber Bruce Wayne alias Batman ist eingerostet. Er vegetiert vor sich hin und verlässt nicht einmal sein Haus. Sein Butler findet wie immer die richtigen Worte: „Sie leben nicht, Sie warten bloß, dass sich wieder etwas zum Schlechteren wendet". Es soll deutlich gemacht werden, dass Wayne keinen Daseinsgrund hätte, wenn ewiger Frieden vorherrschen würde. Als Batman kann er allerdings nur Gutes vollbringen, wenn er Gesetze bricht und seine eigene dunkle Seite ab und zu gewähren lässt. Es entsteht der Eindruck, dass das absolut Gute gar nicht existieren kann. Auf der anderen Seite sind Bane und seine Gefolgsleute ebenso bemitleidenswerte Kreaturen. Sie halten die bestehende Ordnung für verkommen und sehen sich als Stifter einer reinigenden Vernichtung. Diese Finsterlinge bieten doch passende Identifikationsangebote für jeden, der sich gegen den Mainstream richtet oder etwa nicht?

Die Signatur des Bösen

Würden wir nun aber neueren Forschungsergebnissen unseren Glauben schenken, dann müssten wir davon ausgehen, dass der Mensch eigentlich keine Entscheidungsfreiheit bestitzt - ein sich verbreitender Gedanke. Damit wären der Joker, Bane oder Hitler nur Sklaven ihrer genetischen Vorbestimmung. Ein Beleg dafür soll sein: Noch bevor der Proband im Experiment bewusst eine Entscheidung trifft, ließe sie sich aus den elektrischen Reizmustern des Gehirns ablesen. Adieu, freier Wille! Adieu, Schuldfähgikeit! Wir sind programmierte Roboter. Das wird also bald im Biologieunterricht gelehrt? Klar, wenn es nach den Wünschträumen einiger Hirnforscher gehen würde. In solch einer Welt könnte folglich ein Mann, der eine Frau vergewaltigt und tötet, sagen: "Es tut mir wirklich Leid, ich konnte nicht anders, denn ich habe ja keinen freien Willen. Meine Hormone, Gene, Neuronen haben mich dazu gezwungen". Mit diesem Argument könnten wir jede Handlung rechtfertigen. Wir können und dürfen dies auf keinen Fall zulassen!

Ebenso können wir die Idee eines „notwendigen“ Bösen nicht gelten lassen. Denn sie besitzt große, logische Mängel. Prof. Hans-Ludwig Körber, ein forensischer Psychiater, beschreibt die Signatur des Bösen auf folgende Weise: "Im Angesicht des Bösen sind wir fassungslos, empört, die Welt ist aus den Fugen - weil jemand sie bewusst zerstört. […] Das Böse ist umso augenfälliger, je eindeutiger es darauf abzielt, ganz bewusst das Schöne, das Heile, das Kindliche, die Zukunft zu zerstören". Wenn das Böse also für das Zerstörische steht, das Gute hingegen für das Schöpferische und Erhaltende, dann könnte das Gute sehr gut ohne das Böse auskommen. Denn das Böse kann ja nur etwas zerstören, was schon da ist.

Man kommt hierbei zwangsläufig zur Erkenntnis, dass das Böse keine unabhängige Existenz besitzt. Mirza Tahir Ahmad (1928-2003), ein islamischer Universalgelehrter und viertes Oberhaupt der weltweiten Ahmadiyya Muslim Jamaat, beschreibt dieses Verhältnis im Kontext der monotheistischen Religionen in seinem Werk Revelation, Rationality, Knowledge & Truth überaus treffend. Ihm zufolge besitzt das Böse keinerlei Substanz. Es ist vergleichbar mit einem Schatten, der erst dadurch entsteht, dass Licht durch ein Objekt gebrochen wird. Ein Objekt kann also erst zu einer Quelle von Dunkelheit werden, wenn es kein Licht passieren lässt. Dementprechend erschafft nicht das Licht den Schatten, sondern die Abwesenheit von Licht lässt den Schatten entstehen. Gleichermaßen ist das Böse nichts anderes als ein Zustand, der durch die Abwesenheit des Guten zum Vorschein kommt. In diesem Sinne kann es den bösen Menschen als Verkörperung des absolut Bösen nicht geben. Da aber das Böse als Prinzip existieren muss, kann es sehr wohl Menschen geben, die bewusst böse Taten begehen. Dabei wird der Grad des Bösen durch die Durchlässigkeit des Mediums bestimmt, welches dem Guten den Weg versperrt.

Das Prinzip „Teufel“

Oftmals werden in unterschiedlichen Darstellungen Gott und Teufel als zwei rivalisierende Urmächte charakterisiert. Beide Mächte stehen dabei auf einer hierarchischen Ebene. Johann Wolfang von Goethe (1749-1832), bricht in seinem Werk Faust mit dieser Vorstellung und liefert eine andere Definition des Machtverhältnisses. Es beginnt mit einem Gespräch zwischen Gott, dem Herrn und dem Teufel, Mephisto. Der Teufel gibt an, lediglich ein Teil der Schöpfung Gottes zu sein. Er macht deutlich, dass er geschaffen wurde, um den Menschen zur Schaffung von Gutem anzuregen. Als der Protagonist, Faust, zum ersten Mal auf Mephisto trifft und ihn fragt, wer er denn überhaupt sei, bezeichnet er sich selbst als "Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“. Mephisto wurde also erschaffen, um das Böse sichtbar zu machen. Das Böse gehört folglich so zum Guten, wie der Zweifel zum Glauben.

Als eine „Kraft, die stets verneint“, erfüllt der Teufel seine Aufgabe im Menschenreich nur mit der Erlaubnis Gottes. Goethe weist damit auf die deutlich untergeordnete Stellung von Mephisto in der Hierarchie hin. Denn ihm fehlt es – im Gegensatz zu Gott - an Allmacht und Allwissenheit, denn er muss sich eingestehen, dass ,,dieses Ganze nur für einen Gott gemacht wurde" und er nichts „von Sonn? und Welten“ wisse. Mephisto kann also nur einen beschränkten Teil der Welt wahrnehmen, aber nicht das große Ganze überschauen. Schließlich fordert Mephisto den Herrn zu einer Wette heraus. Der Teufel wettet, dass es ihm gelingen könne, Faust von dem rechten Weg abzubringen. Somit beginnt ein Test, der für Faust ein Kampf zwischen Gut und Böse bedeutet. Dabei ist von Anfang an klar, dass Mephisto nicht über den Tod hinaus wirken darf und Gott betont: ,,Solang? er auf der Erde lebt, Solange sei dir?s nicht verboten." Auch wenn Überheblichkeit zu den Grundeigenschaften des Teufels gehört, sagt er zum Abschluss des Dialogs: „Von Zeit zu Zeit seh‘ ich den Alten gern, Und hüte mich, mit ihm zu brechen“. Dieser Satz deutet auf eine Abhängigkeit und auf einen Respekt vor der Allmacht Gottes hin, vor der er sich fürchtet.

Auch im weiteren Verlauf wird immer wieder deutlich, dass Mephisto selbst eher machtlos ist. Als er einen Verjüngungstrank für Faust benötigt, muss eine Hexe diesen Trank für ihn brauen und es heißt: "Der Teufel hat sie's zwar gelehrt; allein der Teufel kann's nicht machen". Mephisto schafft es, den Gelehrten, Faust, aus seiner Sinnkrise heraus von dem ursprünglichen Ziel, zu verstehen, wie die Welt funktioniert, abzubringen. Ihm gelingt es, Faust durch seine Verlockungen dazu zu bringen, sich nicht dem großen Ganzen zuzuwenden, sondern sich seine eigene, kleine und beschränkte Welt aufzubauen. Bald bemerkt Faust, dass er immer mehr will, auch wenn er gerade etwas Schönes genießt: "So tauml ich von Begierde zu Genuss, und im Genuss verschmacht ich nach Begierde". Aber Mephisto versteht es, ihn stets umzustimmen und so gibt Faust leichtfertig seine Bedenken auf und ebnet damit den Weg zum Untergang. Es kommt zum entscheidenden Satz Mephistos als Gretchen, die Geliebte Fausts, im Kerker sitzt, da sie Faust zuliebe ihre Mutter umgebracht und ihr Kind ertränkt hat. Faust bittet den Teufel um Hilfe. Doch der erwidert: "Wer war's, der sie ins Verderben stürzte? Ich oder du?“.

Das letzte Wort

Was lehrt uns Geothes Faust? Es ist nicht irgendein Schicksal, oder der Teufel, dem wir unsere eigenen Fehltritte in die Schuhe schieben können. Es ist der Mensch, mit seinem gesunden Menschenverstand, der schuldfähig ist. Denn er besitzt den freien Willen, für das Gute und das Böse. Aufgrund seiner Fähigkeit zur Einsicht, trägt er die Verantwortung für sein Handeln. Nicht die wandelnden Bedürfnisse von Individuen oder Bevölkerungsgruppen sollten darüber entscheiden dürfen, was Gut und Böse ist. Würden wir nun versuchen, jeden moralischen Maßstab zu relativieren, müssten wir letztlich beim absoluten Skeptizismus landen. Doch um dies zu vermeiden, muss sich der Mensch als wahrheitsfähig begreifen. Die moralischen Botschaften, die durch die Menschheitsgeschichte an uns getragen wurden, sollten nicht allein deshalb abgelehnt werden, da sie ihren Ursprung in den Religionen haben.

Ein Relativist könnte sagen: „Wir brauchen kein Gut und Böse! Jeder soll nach seiner Moral leben. Meine Moral sagt mir, dass ich meine Mutter töten soll“. Solch ein Mensch, der keinerlei Werteunterschiede kennt, braucht sicherlich Erfahrung, die ihn eines besseren belehrt. Kein Argument der Welt würde dieser Relativist gelten lassen. Sprechen wir jedoch von einem allgemeingültigen Maßstab, dann Bedarf es der Idee einer gemeinsamen Wahrheit, eines übereinstimmenden Willens. Erst dann kann es um eine Gesellschaft des guten und richtigen Lebens gehen. Hierbei geht es nicht um die Utopie des ewigen Friedens in der Welt, sondern vielmehr um einen langanhaltenden Frieden, für den wir uns einsetzen können. Das Böse darf nicht das letzte Wort haben und Erich Kästners weise Worte werden zweifellos bis zum Ende des menschlichen Lebens Gültigkeit besitzen: “Es gibt nichts Gutes, außer man tut es”.

 

 

 

 

Foto: © Markus Flicker / foto-maxl.at

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