Buchautor im Interview

Emran Feroz: "Die ganze Welt ist zu einem Schlachtfeld geworden"

15.12.2017

Ein trauriger, aber kein seltener Fehler im US-Drohnenkrieg: Unschuldige Menschenleben werden auf Knopfdruck ausgelöscht. Der "Krieg gegen den Terror" fördert Radikalisierung in den betroffenen Ländern. DAS MILIEU sprach mit dem Buchautoren und Journalisten Emran Feroz über sein aktuelles Buch "Tod per Knopfdruck" und das wahre Ausmaß des US-Drohnen-Terrors.

DAS MILIEU: Einige Ihrer Kritiker werfen Ihnen Unsachlichkeit vor, dass Sie den Moralapostel spielen und eine zu große emotionale Nähe zu den Opfern haben. Halten Sie als Journalist nichts von Neutralität und Objektivität?

Emran Feroz: Ich weiß gar nicht, welche Kritiker das genau gesagt haben. Ich würde ihnen natürlich sagen, dass ich bei dieser Thematik eine eindeutige Haltung habe und diese spricht sich schon für die Opfer und gegen dieses tägliche Morden, was dort tagtäglich durch Drohnenangriffe geschieht, aus. Ich finde, dass bei dieser Thematik eine eindeutige und kritische Haltung, von mir aus auch eine moralische Haltung notwendig ist, um auf ein Unrecht aufmerksam zu machen.

MILIEU: Es klingt wie ein Ausschnitt aus einem Science-Fiction-Roman, der jedoch keiner ist: In Ihrem jüngsten Buch „Tod per Knopfdruck“ zeichnen Sie das düstere Bild einer fortschrittlichen Technik. Die ferngesteuerte Drohne, ein unbemanntes Fluggerät, lenkt den „Krieg gegen den Terror“ aus der Ferne. Das hört sich doch gar nicht so schlecht an…

Feroz: Ja, so klingt das natürlich, aus dem Munde eines Drohnenbefürworters, schön. Man nutzt diese Narrative des präzisen Kriegs, der ausschließlich Terroristen tötet. Doch sie haben überhaupt nichts mit der Realität zu tun. Es reicht, einen Blick in die Länder zu werfen, in denen sich das Ganze abspielt. Das tun aber leider die wenigsten. Sei es nun im Jemen, in Somalia, in Afghanistan oder in Pakistan, im Irak oder in Syrien. In all diesen Ländern, in denen diese fortgeschrittene Technologie zum Einsatz kommt, sehen wir, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Es werden sehr viele Zivilisten getötet, in vielen Fällen sogar mehr Zivilisten als militante Kämpfer. Und dadurch werden wiederum die lokalen Gruppierungen, die bekämpft werden sollen, nur stärker. Und auch das sehen wir in all diesen Ländern. Unabhängig davon, ob dort die Taliban vor Ort sind oder Al-Qaida - all diese Gruppierungen sind seit Beginn des Drohnenkrieges in der Region stetig gewachsen. Die lokalen Führer dieser Gruppierungen machen außerdem überhaupt kein Geheimnis daraus und sagen ganz offen, dass sie mehr oder weniger von diesen Angriffen profitieren, weil das eben die lokale Bevölkerung radikalisiert. 

MILIEU: Der Drohnenkrieg gegen Terroristen züchtet neue Terroristen? 

Feroz: In meinem Buch habe ich zwei Ebenen angesprochen. Einmal die lokale Radikalisierung und einmal die globale Radikalisierung. Die lokale Radikalisierung will ich an einem Beispiel erläutern: Die Familie von Person X wird irgendwo in Afghanistan angegriffen, die männlichen Verwandten schwören Rache und schließen sich dann den Taliban an. Und diese Form des Anschlusses muss nicht mal unbedingt dadurch stattfinden, dass man sagt: Ich greife jetzt auch zur Kalaschnikow und kämpfe mit euch. Sondern es gibt verschiedene Unterstützungsformen. Man kann den Kämpfern auch einfach nur Unterschlupf, Essen, Nahrung und Ressourcen anbieten. Das ist natürlich eine lokale Radikalisierung, die stattfindet. Das heißt natürlich nicht, dass alle Familienmitglieder von Drohnenopfern sich per se radikalisieren. Der Punkt ist, dass es schon in vielen Fällen passiert.

Die globale Radikalisierung wäre jene, dass junge Extremisten, die im Westen aufgewachsen sind, bei der Verhöhnung des Westens den Drohnenkrieg als Beispiel nennen. Da gab es zum Beispiel einen Fall in den USA, wo der betroffene Mann, ein Amerikaner mit afghanischen Wurzeln, dann zum Richter, der ihn verhört hat, seine Absicht, mit einer Bombe auch Unschuldige und Kinder zu töten, erläuternd sagte: „Sie brauchen mir bitte gar nichts erzählen. Sie machen das jeden Tag mit ihren Drohnenangriffen und sie sind nicht in der Position mir so etwas zu predigen oder den Moralapostel zu spielen.“ 

Zur Technologie, die Sie vorhin angesprochen haben: Was in diesem Kontext immer wieder zu beachten ist, ist die Tatsache, dass alle Personen, die aus dem Drohnenprogramm ausgestiegen sind, die zu Whisteblowern geworden sind, diese Technologie kritisieren. Sie sagen, dass abgesehen von vielen moralischen Problemen, diese Technologie an sich ein Problem darstellt. Denn es werden Narrative konstruiert, die nicht der Wahrheit entsprechen. Die US-Regierung und die NSA, sagten etwa vor einigen Jahren selbst, dass auf Basis von Metadaten (Daten über Daten) mit den Drohnen getötet wird. Allein da fangen schon sehr viele Probleme an. 

MILIEU: Wie kann man sich solch einen Angriff vorstellen? Das Vorgehen wird oft mit dem Vorgang eines Computerspiels verglichen, per Knopfdruck eben.

Feroz: Bei einem Drohnenangriff bzw. generell bei diesem ganzen Drohnenprogramm sind sehr viele Menschen beteiligt. Aus diesem Grund kann man nicht sagen, dass irgendein Einzeltäter irgendetwas gemacht hat, sondern dahinter steht ein gesamter Tötungskomplex. Manchmal ähnelt er tatsächlich einem  Drohnenangriff. Erst mal ist es so, dass mehrere Personen daran beteiligt sind, die verschiedene Aufgaben haben. Es gibt zum Beispiel Sensor-Operatoren, die die Rakete und Kameras der Drohne steuern, dann gibt es zwei verschiedene Piloten, einmal den Piloten, der die Drohne startet und dann wieder landen lässt, und einen weiteren Piloten, der die Drohne in der Luft steuert, während die Operation ausgeführt wird. Dann gibt es noch zahlreiche andere Experten, wie beispielsweise Wetterexperten, die einschätzen sollen, ob das Wetter in der jeweiligen Region zum jeweiligen Zeitpunkt geeignet ist, um eine Operation durchzuführen. Denn es ist bekannt, dass solche Operationen nur bei klarem Himmel stattfinden. Dann gibt es noch höherrangige Militärs, die ebenfalls darin involviert sind. Dann kann es auch sein, dass z.B. irgendein Operator oder Analytiker (der das Video oder die Bildmaterialien bewertet) stunden- oder tagelang am Bildschirm sitzt und ein Ziel beobachtet und dann ein Vorgesetzter  in den Raum tritt und zu den Piloten und Operatoren sagt: So, jetzt steht mal auf, ich schaue mir das jetzt alleine an. Daraufhin verlassen diese Personen dann den Raum, er schaut sich das dann an und dann kann es sein, dass er den Abschuss bewilligt. Dann kommen die anderen Piloten wieder in den Raum und dann wird nach Befehl der Abschuss getätigt. 

Das ganze Szenario ähnelt einem Computerspiel. Außerdem ist das Problem,dass die beobachteten Personen überhaupt nicht anhand dieses Videomaterials identifiziert werden können. Es gibt z.B. bis zum jetzigen Zeitpunkt nur ein einziges veröffentlichtes Protokoll eines Drohnenangriffs. Dies geschah aufgrund einer Recherche der ‚Los Angeles Times‘. Man sieht anhand dieses Protokolls, dass diese vorhin erwähnten Personen involviert sind und Ziele beobachten. In einem Fall sah man z.B. Menschen mittels der Drohnenkamera und diese Menschen beteten gerade. Von dem Drohnenteam wurde dies dann schon als eine Art feindliche Handlung betrachtet. Aus dem Protokoll ging dann hervor, dass diese Menschen einen Angriff planen würden. Dann wurde vermutet, dass jemand eine Waffe bei sich tragen würde. Irgendwann fand dann der Angriff statt und es geht aus dem Protokoll hervor, wie die Piloten sich plötzlich fragen, ob die Zielperson eine Frau mit einem Kind in den Armen sei. Die Piloten waren also selbst unsicher, doch da war es dann schon zu spät. Das kommt daher, weil diese vermeintlich präzise Waffe überhaupt nicht präzise ist und selbst mittels der Kamera nicht richtig erkennt, wer da unten ist. 

MILIEU: Der Einsatz von Drohnen scheint zu einer Verlagerung der Einsatzorte von Soldaten weg von der direkten Front geführt zu haben. Was bedeutet diese moderne Kriegsführung für den Frieden?

Feroz: Ich denke, dass dadurch die ganze Welt zum Schlachtfeld geworden ist. Es gibt keine klaren Kriegsgebiete mehr. Diese Art von Kriegsführung beinhaltet nicht nur Drohnen, sondern auch Elitetrupps der Amerikaner, die mit wenigen Männern geheime Operationen ausführen. All das sind Dinge, von denen man wenig bis nichts mitbekommt. Das passiert aber in vielen Ländern, auch in zahlreichen afrikanischen Staaten. Für den Frieden ist das alles sehr kontraproduktiv. Das führt zu noch mehr Eskalation und dazu, dass sich diese Gruppierungen, die bekämpft werden sollen, ermutigt sehen, diese Art der Kriegsführung zu imitieren, die dann wiederum auch die ganze Welt als Schlachtfeld betrachten und letztlich ihre Anschläge dadurch rechtfertigen. Mittlerweile benutzen ziemlich viele Gruppierungen, von Hizbollah bis zum IS, Drohnen als Kampfmittel. Der technologische Stand ist natürlich nicht vergleichbar mit dem der Amerikaner, aber es sind dann beispielsweise kleine Fluggeräte, die ferngesteuert werden und an denen Bomben befestigt sind. Hinzu kommt, dass die Drohnentechnologie von den Amerikanern in Gang gebracht wurde, und mittlerweile auch viele andere staatliche Akteure Drohnen haben - vom Iran bis hin zur Türkei, China, Großbritannien und Israel. Es ist einfach zum globalen Trend geworden. Das ist natürlich keine positive Entwicklung im Hinblick auf den Frieden.

MILIEU: Hauptmann Andreas Steinmetz der Deutschen Bundeswehr z.B. meint, dass automatisierte Drohnen nicht besser oder schlechter als andere Waffen seien. Wie sehen Sie das? 

Feroz: Es gibt zu dieser Diskussion eine Analyse des Council of Foreign Relations, ein US-Think Tank. Dort wurden die Daten von Drohnenangriffen in Jemen, Somalia und Pakistan mit denen von konventionellen Luftangriffen im Irak und Syrien verglichen. Das Ergebnis dieser Analyse war, dass Drohnenangriffe im Fall der Tötung von Zivilisten sogar unpräziser sind als konventionelle Luftangriffe. Deshalb würde ich dem widersprechen: diese Angriffe sind sogar schlechter als konventionelle Luftangriffe. 

MILIEU: Den Drohnenkrieg bezeichnet der bekannte linke Intellektuelle Noam Chomsky als „mörderischste Terror-Kampagne der Gegenwart" und seine Heimat, die USA, sind für ihn deshalb ein „Schurkenstaat“.  Ist das nicht zu polemisch?

Feroz: Natürlich kann man das als polemisch betrachten, wenn man sagt, die USA sei ein Schurkenstaat. Diese Meinung ist von Chomsky, die nicht jeder so teilen muss, aber ich denke, es macht trotzdem sehr viel aus, wenn jemand mit solch einem intellektuellen Gewicht so etwas behauptet. Er behauptet das ja nicht irgendwie aus dem Bauch heraus, sondern er ist meiner Meinung nach einer der besten Kenner der gegenwärtigen amerikanischen Geschichte. Die Vereinigten Staaten sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt das größte militärische Imperium der Welt und auch das mächtigste, das es in der jüngeren Geschichte gegeben hat. Ich finde, dass kommt oft noch zu kurz. Und es ist auch dieser Status des Imperiums, dass die Amerikaner meinen lässt,  viele Extrarechte zu haben. Im Fall des Drohnenkriegs ist es  genau so. Barack Obama meinte 2014, im Bezug auf die Raketen der Hamas, als der letzte Angriff der israelischen Armee auf den Gazastreifen stattfand,  kein Land der Welt würde tolerieren, wenn es von irgendwelchen Raketen angegriffen wird. Diese Worte von Obama waren für viele sehr heuchlerisch, weil genau das permanent durch die Drohnenangriffe stattfindet. Davon sind Staaten wie Pakistan, Jemen und Somalia betroffen, mit denen die USA offiziell gar keinen Krieg führen. 

MILIEU: In Ihrem Buch behaupten Sie, dass dieser Drohnenkrieg der CIA und des US-Militärs mehr Menschen den Tod gebracht  habe, als jeder Terroranschlag im sogenannten Westen. Sollte man das so pauschal vergleichen?  

Feroz: Da müsste ich mit einer Gegenfrage antworten: Wieso sollte man das nicht dürfen? Menschenleben sind ja Menschenleben, es ist egal, ob das jetzt 3000 Menschen in New York waren oder in Pakistan oder im Jemen. Man kann dann natürlich generell fragen, ob man Menschenleben gegeneinander aufwiegen sollte. Aber ich finde, in diesem Fall muss man das machen.

Schauen Sie, bis vor kurzem führte eine amerikanische Drohne lediglich zwei Hellfire-Raketen mit sich, mittlerweile sind es vier. Durch einen Drohennangriff werden nicht sehr viele Menschen getötet, es sind immer ungefähr 10 Menschen. Dadurch gewinnen viele Menschen den Eindruck, das sind gar nicht so viele Menschen, die durch Drohnen getötet werden. Jetzt müssen Sie sich aber vorstellen, wenn die ganze Zeit Drohnenangriffe stattfinden, dann sind es sehr schnell 70 oder 150. Im Endeffekt hat man dann über Tausende von Opfern. Um darauf aufmerksam zu machen, finde ich schon, dass solche Vergleiche angebracht sind. Die Opfer der Drohnenangriffe befinden sich immer im Schatten, sind namenlos und gesichtslos. 

MILIEU: 2010 veröffentlichte Wikileaks „Collateral Murder“, ein Video des US-Militärs, das die Tötung von Irakern zeigt, darunter auch von Zivilisten. Dabei hört man das Lachen der Soldaten. Es gibt keinen Zweifel daran, dass das total krank ist, aber was unterscheidet den Piloten eines Kampffliegers oder den Panzerfahrer konkret von dem Drohnenpiloten?

Feroz: Das ist eine gute Frage. Viele Beobachter des Drohnenkriegs meinen, dass dies alleine durch diese Entfernung, die nichts mehr mit konventioneller Kriegsführung zu tun hat, ein heimtückischer Mord ist. Mir fällt ein Beispiel aus Afghanistan ein. Das war in den 1930er Jahren, als erstmals britische Bomber die pakistanische/afghanische Region Wasiristan angegriffen haben. Das war das erst Mal, dass diese Region, die schon immer sehr umkämpft gewesen ist, aus der Luft angegriffen wurde. Für die Menschen vor Ort, auch für diejenigen, die gegen die Briten gekämpft haben, war das Heimtückische daran sehr schlimm, weil die dortigen Soldaten der Ansicht waren, dass man von Angesicht zu Angesicht kämpfen sollte. Durch diesen Angriff fühlten sie sich komplett machtlos und unterlegen. Ich denke, dass die Drohnenkriegsführung die nächste Stufe dieser heimtückischen Art der Kriegsführung ist. Wenn so ein Pilot da oben ist und bombardiert, gibt es Rebellengruppierungen und viele Zivilisten, die total machtlos sind. Deshalb würde ich sagen, es gibt schon Unterschiede zwischen den Drohnenpiloten und den konventionellen Piloten. Allerdings sollte man sich vielleicht nicht zu sehr darauf fokussieren. Das Interessante bei dieser Diskussion ist, obwohl diese Drohnenpiloten noch nie auf dem Kampffeld vor Ort gewesen sind, ist die Selbstmordrate und die Pharmatisierungsrate ähnlich hoch, zum Teil sogar höher, als bei normalen Soldaten, die aus dem Krieg zurückkehren.

MILIEU: …und das Ganze wird trotzdem weiter fortgeführt.

Feroz: Ja, seit einigen Jahren ist es der Trend, dass mehr Drohnenpiloten ausgebildet werden, als Piloten für konventionelle Flugzeuge. Es gibt auch immer wieder Whisteblower, ehemalige Militärs, die sich dagegen aussprechen, aber ich habe den Eindruck, dass das in den Medien zwar kurz präsent ist, eine wirkliche Diskussion allerdings wird eher selten geführt. Vor allem innerhalb des US-Militärs und der Waffenlobby, die von all diesen Dingen profitieren, ist es natürlich nicht von Vorteil, wenn plötzlich über solche Angelegenheiten diskutiert wird. Ich denke, dass diese Akteure zum gegenwärtigen Zeitpunkt die Deutungshoheit über diesen Diskurs haben und eine Diskussion nicht in deren Interesse liegt.

MILIEU: Die „normalen“ BürgerInnen wissen meist wenig bis gar nichts von dieser Art der Kriegsführung. Vieles scheint rätselhaft zu sein. Wie sind Sie bei der Recherche vorgegangen, um an tiefergehende Informationen zu gelangen? 

Feroz: Ich beschäftige mich schon seit einigen Jahren mit dieser Thematik. Ich muss zugeben, es gibt schon viele Informationen, die öffentlich zugänglich sind. Es gibt sehr viele Statistiken, Zahlen und Analysen. Empfehlen könnte ich z.B. jene vom ‚Bureau of Investigative Journalism' in London, das hervorragende Arbeit leistet. Es ist alles frei zugänglich und ein einfacher Bürger könnte das auch ganz unkompliziert verfolgen und würde dann mehr davon mitbekommen. Ich habe mich darauf fokussiert, Menschen zu finden, denen solche Sachen widerfahren sind, die solche Angriffe erlebt haben oder unter dieser Art der Kriegsführung leben. Dabei war für mich der Zugang vielleicht etwas einfacher, weil ich ursprünglich aus Afghanistan stamme. Auch vor Ort hatte ich einen einfacheren Zugang, als andere westliche Journalisten.

MILIEU: Sie reisten nach Afghanistan, um sich dort mit Hinterbliebenen von Drohnenopfern zu unterhalten. Mit welchen Eindrücken und Gefühlen gingen Sie aus solchen Gesprächen heraus? 

Feroz: Meine letzte Reise nach Afghanistan war im Mai. Als ich dort war und mit den Menschen gesprochen habe, habe ich während der Gespräche versucht, nicht zu viel nachzudenken. Ich habe auch nach den Interviews im Kopf das jeweilige Gespräch abgehakt und bin zum nächsten gegangen. Als ich dann in Deutschland war und das alles mehr verarbeitet habe, dann war es schon etwas krasser. Wenn man dann nochmal alles hört und aufschreibt, was die Menschen so durchgemacht haben, dann ist es wirklich zum Teil irgendwie traumatisierend. Was ich an den Menschen dort bewundere ist, dass sie das Ganze einfach hinnehmen und versuchen irgendwie weiterzuleben. Obwohl sie teilweise aus sehr armen Verhältnissen kommen und unter Umständen leben, die man sich hier gar nicht vorstellen kann. Das finde ich bewundernswert, aber auch traurig.

MILIEU: Der rasende Fortschritt der Technologie wird oft als etwas Positives gesehen, er erfährt jedoch auch immer mehr Kritik. Wie stehen Sie mittlerweile generell zu diesem Phänomen?

Feroz: Ich betrachte es sehr kritisch, vor allem in Anbetracht, dass wir jetzt vor der nächsten Stufe stehen. Die nächste Stufe wären die komplett automatisierten Drohnen, die keine Piloten haben, sondern völlig autonom handeln und eine eigenen künstliche Intelligenzsoftware haben. Da wird dann nicht mal mehr per Knopfdruck getötet, sondern das tun dann einfach diese Roboter. Das ist insofern besorgniserregend, weil das US-Militär auf ihren US-Basen in den USA schon solche Modelle ausgetestet hat. Diese Art der Kriegsführung, denke ich, wird der nächste Schritt sein. Viele wollen sich dagegen einsetzen, aber nehmen wir mal an, die Amerikaner fangen an, diese Drohnen in Afghanistan oder im Irak einzusetzen, wer hätte denn wirklich die Macht, sie daran zu hindern? Ich bin da sehr pessimistisch. Das alles würde natürlich noch mehr ethische und moralische Fragen aufwerfen, wenn Roboter töten. Dann wird auch die Frage gestellt werden müssen, wen man dafür in Verantwortung ziehen kann. Vielleicht die Forscher, die diese Technologie vorantreiben? Es wird dann noch schwieriger dagegen etwas zu machen.

MILIEU: Wöchentlich unterzeichnet der US-Präsident die sogenannte „Kill List“ und segnet damit die Drohnen-Morde in Afghanistan, Pakistan, Jemen oder Somalia ab. Wonach werden die Zielpersonen ausgesucht?

Feroz: Hierzu treffen sich wöchentlich u.a. hochrangige Militärs mit dem US-Präsidenten und schlagen ihm dann bestimmte Ziele vor. Wir wissen aber bis heute nicht, wie Personen auf diese  Kill List kommen. Das ist ein sehr intransparenter Vorgang. Es gibt z.B. den Verdacht, dass sich auf dieser Liste Zivilisten befinden, darunter auch Journalisten. Da gab es beispielsweise einen US-amerikanischen Journalisten in Syrien, der nicht ganz unumstritten ist, Bilal Abdul Karim, der dort schon länger vor Ort ist. Ihm werden gute Kontakte zu Al-Qaida vor Ort nachgesagt. Er wurde bisher dreimal durch Drohnen angegriffen und ihm wurde von einer geheimen Quelle mitgeteilt, dass er auf der Kill List der Amerikaner stehen würde. Ähnliches passierte mit Malik Jalal, ein Paschtune aus Pakistan. Er wurde mindestens zweimal angegriffen und auch ihm  wurde gesagt, dass er auf der Kill List stehen würde. All diese Personen, vor allem Bilal Abdul Karim, der sich mit einem anderen Journalisten dort zusammengetan hat, dem ähnliches widerfahren ist, wollen herausfinden, wie man auf diese Kill List kommt und ob sie da drauf stehen. Bis jetzt gibt es da allerdings keine neuen Entwicklungen. Ich bin da auch skeptisch, ob das unter der Trump-Regierung passieren wird, weil die jetzige Regierung noch intransparenter ist als die Obama-Regierung. Wie man also auf dieser Liste landet, ist zur Zeit nicht bekannt.

MILIEU: Sie erwähnen, dass nach offiziellen Schätzungen durch Drohnen und andere Luftangriffe der USA in den vergangenen Jahren bis zu 116 Zivilisten getötet worden sind. Andere Quellen sprechen allerdings von einer weitaus höheren Anzahl. Recherchen des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ sowie der Investigativ-Plattform „The Intercept“ bestätigen, dass der gesamte Drohnenkrieg der USA ohne ihre Basis in Ramstein nicht durchführbar wäre. Trägt Deutschland also Mitschuld an der Tötung von Zivilisten?

Feroz: Ja, auf jeden Fall. Durch die Rolle Ramsteins einerseits und andererseits die von Africom in Stuttgart, das allerdings nicht so eine maßgebliche Rolle spielt wie Ramstein. Um das nochmal technisch zu erläutern: Es gibt die sogenannten Satelliten-Relaisstation. Durch diese Station laufen alle Daten, die von den Drohnen gesammelt werden und ohne diese Relaisstationen können diese Daten die Piloten bzw. Operatoren in den USA nicht zeitgerecht erreichen. Wenn, dann wäre es viel zu spät oder eben gar nicht möglich. Dies würde wiederum bedeuten, dass ohne Ramstein diese Drohnen blind herum fliegen würden und folglich könnte man keine einzige Drohnenoperation korrekt durchführen. Das ist mittlerweile in der Öffentlichkeit bekannt, was in diversen Medien ausführlich berichtet wurde, hat aber trotzdem keine Debatte erzeugen können. 

Ich kann mich daran erinnern, wie vor ein paar Monaten SPD-Kanzlerkandidat Schulz auf einer Bundespressekonferenz gesagt hat, Deutschland sei gar nicht am Drohnenkrieg beteiligt. Ich finde das einfach total realitätsfern wenn ein führender Politiker so etwas sagt. Die Berliner Regierung spricht auch sehr ungern darüber und das Problem ist, dass Deutschland sich ein gutes Gewissen verschafft, indem es sich erstens auf die Angaben der Amerikaner verlässt, die sagen, dass alles ganz einwandfrei und gesetzestreu verläuft. Und zweitens: Laut gegenwärtigem Kenntnisstand - ich persönlich denke, dass das auch so stimmt - befinden sich in Ramstein keine Drohnenpiloten. In Ramstein wird der Knopf also nicht gedrückt. Der Punkt ist allerdings, dass ohne Ramstein, der Knopf nicht gedrückt werden kann. Das macht Deutschland natürlich mitschuldig. 

MILIEU: Drohnen sind für die USA ein wesentliches Mittel zur Terrorbekämpfung. Wie kann man Terror effektiv bekämpfen, ohne dass Unschuldige zu Schaden kommen?

Feroz: Um das machen zu können, ist eine gehörige Portion Selbstkritik gefragt. Es müsste generell geschaut werden, wen man bekämpft und warum diese ganzen Gruppierungen entstanden sind und warum diese Regionen in vielerlei Hinsicht überhaupt so unstabil sind. Dann wird man zum Ergebnis kommen, dass vieles hausgemacht ist und Ergebnisse der eigenen Politik sind. Und, dass diese Gruppierungen durch diese Art von Kriegsführung zunehmen. Es ist natürlich schwierig, wie man ansonsten Terroristen bekämpfen kann. Ich habe generell ein Problem mit dem Wort Terrorismus. Es ist mittlerweile ein bedeutungsleeres Wort geworden, rechtfertigt aber irgendwie alles. Ich finde, es muss sehr vieles dekonstruiert werden und die Debatte (um den Terrorismus und den Nahost-Konflikt) muss sich komplett verändern. Da steckt noch viel Imperialismus und Kolonialismus in der Debatte.

MILIEU: Sie sind Initiator einer virtuellen Gedenkstätte für zivile Drohnenopfer namens „Drone Memorial“. Wie kann man sich dieses Projekt vorstellen? 

Feroz: Es handelt sich dabei um eine ganz simple Webseite mit einer Liste von Namen ziviler Drohnenopfer aus verschiedenen Ländern der Welt. Im besten Fall werden da alle Daten, die bekannt sind, Name, Alter, Herkunft, dazu geschrieben; wobei das Alter in vielen Fällen nicht bekannt ist. Vor drei Jahren dachte ich mir, dass es viele Gedenkstätten für andere Kriegs - und Terroropfer gibt und für Drohnenopfer keine. Und eigentlich wäre es das Mindeste, wenn man das virtuell machen könnte. Die Namen, die von diversen Organisationen veröffentlicht wurden, habe ich alle gesammelt und auf diese Webseite gestellt.

MILIEU: Wenn Ihnen alle technologischen Ressourcen der Welt zur Verfügung stehen würden, was für eine Maschine würden Sie zu welchem Zweck bauen? 

Feroz: Gute Frage. Es gibt Maschinen, die nicht wirklich etwas abschießen, sondern elektromagnetische Wellen, durch die eine Drohne abstürzt oder nicht mehr funktionsfähig ist. Ich würde die Ressourcen nutzen, um viele Maschinen davon zu bauen und dann an die Menschen dort zu verteilen.

MILIEU: Vielen Dank für das Interview, Herr Feroz!

 

 

Emran Feroz: "Tod per Knopfdruck, Das wahre Ausmaß des US-Drohnen-Terrors oder Wie Mord zum Alltag werden konnte", Westend Verlag 2017.

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