Regisseur im Interview

Florian Froschmayer: "Mich interessieren die Menschen und ihre Abgründe"

01.05.2017 - Astrid Knauth & Anna Alvi

Ein Regisseur, der sowohl einen spannenden Krimi dreht als auch eine lustige Komödie, das zeichnet ihn aus - den in Berlin lebenden Schweizer Regisseur und Drehbuchautor Florian Froschmayer. Im Abendprogramm der ARD läuft demnächst seine Komödie „Verliebt in Amsterdam“. Was fasziniert ihn an den Filmen? Warum hat er sich für diesen Weg entschieden? DAS MILIEU sprach mit ihm über Erfolge und Tiefpunkte, was für ihn einen guten Darsteller/in ausmacht und seine unternehmerische Tätigkeit beim Start-up SCRIPTtoMOVIE.

DAS MILIEU: Der japanische Regisseur Akira Kurosawa hat mal gesagt: „Ich glaube, ein Regisseur dreht seine Filme immer für sich selbst. Wenn er sagt, er macht es für das Publikum, so lügt er.“ Stimmen Sie dem zu?

Florian Froschmayer: Ja, dem stimme ich zu (lacht). Ich würde sagen, ich versuche nur Filme zu machen, die ich auch selber gerne gucken würde.

 

MILIEU: Herr Froschmayer, Sie sind Regisseur und Drehbuchautor. Aus welchem Grund haben Sie sich für diese Karriere entschieden?

Froschmayer: Das ist eine sehr gute Frage. Einen bestimmten Grund kann ich Ihnen, ehrlich gesagt, gar nicht nennen. Die Leidenschaft für den Film ist einfach in mir drin. Vielleicht ist das auch der ausschlaggebende Punkt gewesen, weshalb ich bei der Aufnahmeprüfung an der Filmschule gescheitert bin - weil ich keinen konkreten Grund benennen konnte. Es gab für mich irgendwie keine andere Alternative: Das ist das, was ich immer machen wollte. Seit ich zwölf bin. Und ich konnte das irgendwie nie erklären. Ich habe auch im Laufe meiner Karriere Phasen gehabt, in denen ich mich gefragt habe, was ich außer Regie noch machen könnte. Ich bin aber irgendwie immer wieder zu dem Schluss gekommen, dass ich eigentlich, obwohl ich viele Interessen habe, genau den Job mache, den ich liebe.

 

MILIEU: Viele Jugendliche träumen davon, Regisseur zu werden. Wodurch unterscheidet sich der Traum von der Wirklichkeit?

Froschmayer: Der Traum ist zunächst einmal viel glamouröser, glaube ich. Das ist so ein bisschen wie bei einem Fußballspieler, der für die 90 Spielminuten auf dem Feld hart trainieren muss. In Wirklichkeit ist es einfach sehr arbeitsintensiv. Wenn man aber so einen inneren Antrieb hat, dann ist dieses Arbeitspensum auch kein Problem. Ich mache das ja gern, darum merke ich meine 80-Stunden-Woche nicht. Im Prinzip weiß ich nie, welchen Wochentag wir haben, weil man ja dauernd am Arbeiten ist. Ich lasse mich gerne inspirieren und bin in Gedanken dann schon beim nächsten Projekt. Viele, die Regisseur oder auch Schauspieler/in werden wollen, weil das von außen reizvoll aussieht, sind überrascht, mit wie viel Arbeit das verbunden ist. Dass gerade, wenn man es professionell und auch auf einem gewissen Niveau betreiben möchte, es diesen inneren Antrieb braucht. Ansonsten, glaube ich, reicht es einfach nicht. Es gibt dann doch genügend andere, die diese besondere Motivation haben - mit denen steht man ja im Wettbewerb. Und da muss man den extra Meter gehen wollen, damit man das im Prinzip zu seinem Beruf machen und davon leben kann.

 

MILIEU: Ihr persönlicher Lieblingsfilm aus Kindertagen - Und warum?

Froschmayer: „Zurück in die Zukunft“, weil mir an dem Tag an dem ich den Film gesehen habe, klar war, dass ich Regisseur werden möchte.

 

MILIEU: Filme schauen als Kind, Filme schauen als Erwachsener. Wie hat sich Ihr persönlicher Blick darauf verändert?

Froschmayer: Ich behaupte immer, gar nicht! Ich bin nach wie vor ein Konsument und kann mich sehr gut in einen Film reinfallen lassen. Es ist vielleicht so, dass, wenn ein Film mich nicht packt, ich früher einfach gelangweilter dasaß als heute, weil ich dann anfange zu überlegen, warum packt er mich nicht – ich rutsche einfach so in eine Analyse rein. Aber das passiert mir eigentlich nur bei Filmen, die mich nicht fesseln.


MILIEU: Welche Faktoren machen Ihrer Erfahrung nach eine/n Schauspieler/in zu einem Darsteller/in der höchsten Qualität?

Froschmayer: Als Schauspieler brauchst du natürlich Talent. Aber für den Beruf des Schauspielers braucht es ist auch viel Handwerk. Für mich sind die besten Schauspieler die, die ihr Bauchgefühl dabei nicht verlieren. Ich arbeite am liebsten mit denen, bei denen ich merke, da ist das Handwerk, die treffende Marke, die können etwas immer und immer wieder wiederholen ohne das Emotionale zu einer Situation und zu einer Haltung zu verlieren. Ich bin deshalb nicht so ein Fan von der Methode „method-acting“. Ich verstehe den Ansatz, aber im Endeffekt ist Film eben auch viel Wiederholung und manchmal sehr technisch. Für mich sind die faszinierendsten Schauspieler die, die eben eine Emotion herstellen und bei Bedarf immer wieder abrufen können. Da gibt es große Bühnenschauspieler, mit denen ich drehen durfte z.B. Pauline Peters oder Filmschauspieler wie auch Mišel Maticevic. Beide beherrschen das Handwerk und sind gleichzeitig große Bauchmenschen. Mišel ist ein Schauspieler, mit dem man bei der Erarbeitung einer Szene oft über „Es fühlt sich für mich falsch an“ diskutiert, wenn etwas noch nicht stimmt. Bei mir funktioniert das genau gleich. Bei mir ist es einerseits sehr analytisch. Andererseits kann es sein, dass wenn ich z.B. zum ersten Mal eine Probe sehe und die Schauspieler lesen erstmals das vor, was ich davor schon tausendmal gelesen habe, es sich falsch anfühlt - dann muss man dem auf den Grund gehen. Ich mag Schauspieler sehr, die mit auf diese Suche kommen. Ich sehe meine Aufgabe als Regisseur ist darin, dem Schauspieler eine Tür zu öffnen und ihm den Weg zur Emotion zu öffnen. Herstellen muss er sie dann selbst.

 

MILIEU: Also eher interaktive Schauspieler…

Froschmayer: Ja, die im Prinzip bereit sind, ihre Seele zu öffnen, da reinzugucken, etwas rauszuholen und das Gefundene auch zu teilen. Das kann, glaube ich, für einen Schauspieler, ein sehr intimer und auch schmerzvoller Prozess sein. Ich als Regisseur muss dafür sorgen, dass ich ihm das bestmögliche Bett bereite, damit sie sich fallen lassen können.

 

MILIEU: Ihr Karriereweg verlief sicher nicht ohne Hürden und Hindernisse. Wie blicken Sie heute auf die schweren Momente zurück?

Froschmayer: Naja, die gibt es immer wieder. Ein Teil meines Berufes ist auch das Warten und das Aushalten, nicht zu arbeiten. Es gibt auch mal Phasen, wo es die NullStunden-Woche gibt. Das muss man auch aushalten, gerade wenn man ein aktiver Mensch ist. Und da bin ich immer noch am Lernen, auch nach 20 Jahren. Das ist etwas, was mir nach wie vor nicht leichtfällt. Natürlich sagt die Erfahrung, dass nach einer Pause auch immer wieder etwas Schönes kommt. Aber diese Pausen, die gibt es. Und diese muss man überstehen. Das ist auch etwas, woran man zu Beginn einer Karriere nicht denkt. Da denkt man eigentlich nur an das Machen, aber dass das nicht immer geht, weiß man da noch nicht.

 

MILIEU: Sie haben sich 2001 dazu entschlossen, der Schweiz trotz fulminanter Reaktionen den Rücken zu kehren mit der Begründung: „In der Schweiz gibt es keine Filmindustrie…Ich will nicht alle sechs Jahre einen Film machen, sondern sechs Filme pro Jahr.“ Warum haben Sie in Ihrem Heimatland, was die Filmbranche betrifft, keine Hoffnung mehr gesehen?

Froschmayer: Also die Schweiz hat in Bezug auf die Filmbranche das Problem der Dreisprachigkeit. Und das Publikum ist einfach zu klein, um kommerziell Erfolg haben zu können. Das heißt, man ist total abhängig von der Filmförderung. Deren Mittel sind aber auch beschränkt. Da geht es dann auch viel um Politik. Und ich mache eher Filme, die im Unterhaltungsbereich sind, es somit ein bisschen schwieriger haben, finanziert zu werden. Mittlerweile hat es sich ein bisschen verändert. Aber damals war es so, dass eigentlich vor allem schwere Stoffe aus dem Arthouse Kino gefördert wurden. Das hat sich inzwischen in der Schweiz etwas verändert. Im Fernsehen produzieren sie in der Deutschschweiz nur ihre fünf Filme im Jahr. Deshalb ist es, wenn man davon leben möchte, in der Schweiz eigentlich nicht möglich, außer man macht Werbung. Aber das hat mich damals als ich anfing, nicht so interessiert, darum bin ich nach Deutschland gegangen.

 

MILIEU: Was zeichnet die deutsche Filmbranche aus? Könnte man da eine Besonderheit benennen, die in den anderen Branchen, Hollywood z.B., eher eine Rarität darstellen?

Froschmayer: Ja – die Art des Humors ist sehr eigen. Gerade im Kino spricht im Moment die Komödie das Publikum sehr gut an. Das Drama dagegen tut sich im Kino eher schwer. Krimis produziert man eigentlich gar nicht fürs Kino, weil wir das im Fernsehen exorbitant viel haben, und Genrefilme wie Thriller oder Horrorfilme werden hierzulande immer mal wieder gemacht, finden aber im Kino nur sehr schwer ein Publikum. Ich glaube, dadurch, dass wir eine sehr hochwertige einheimische Fernsehlandschaft haben, ist die Filmproduktion für die Kinos schwieriger. Denn warum sollte ein Deutscher ins Kino gehen, um sich zum Beispiel einen Krimi anzusehen, wenn er jeden Abend auf irgendeinem Sender eine Erstausstrahlung sehen kann? Am Montag gibt es im ZDF einen Krimi, am Mittwoch und am Freitag in der ARD meistens ein schönes Drama, am Sonntag wird dann der Tatort ausgestrahlt, am Samstag wiederum im ZDF ein Krimi… Man ist da sehr verwöhnt mit hochwertigen Erstausstrahlungen im deutschen Fernsehen. Der deutsche Fernsehmarkt ist damit sehr groß und sehr stabil, auch wenn er weniger geworden ist – dadurch ist es im Kino an sich schwieriger.

 

MILIEU: Am 28. April wird die Culture-Clash-Komödie "Verliebt in Amsterdam", bei der Sie Regie geführt haben, im Ersten zu sehen sein. Können Sie in wenigen Sätzen zusammenfassen, worum es darin geht – und uns von einem besonderen/unvergesslichen Moment beim Dreh erzählen?

Froschmayer: Es ist es ein Stoff, der mir sehr nahe liegt. Er handelt von einem Anfang 30-Jährigen, der sein Heimatland verlässt, um woanders sein Glück zu finden - was ich damals in dem Alter ja auch gemacht habe. Das Tolle ist einfach, wenn man in die Fremde kommt, sich dort erstmal selber finden und arrangieren muss und sich dann verliebt. Es kommt alles zusammen. Es passieren viele schöne Dinge, die mir Spaß gemacht haben zu inszenieren, einfach dabei zu sein. Gerade auch in Amsterdam - eine wunderschöne Stadt, die man wunderschön fotografieren kann mit einem überaus herzlichen Volk. Wir hatten auch eine gemischte Crew – ein Großteil war Holländer, davon viele holländische Schauspieler. Es hat mir mit ihnen wahnsinnig viel Spaß gemacht zu arbeiten.

 

MILIEU: Ihren Kino-Durchbruch brachte 1999 der Film „Exklusiv“. Ohne einen Rappen öffentlicher Gelder wurde der Film dank Ihrer Kreativität und mittels Sponsoring und Crowdfunding Realität. In der Schweiz war das gewissermaßen ein Ding der Unmöglichkeit. Was war der Auslöser für diesen Weg entgegen traditioneller Konventionen des Schweizer Filmschaffens?

Froschmayer: Wenn man in die damalige Zeit zurückgeht, ich war war ich 25 und mein Produzent Lukas Hobi war 23 Jahre alt – wir waren praktisch noch Kinder – wir hätten für unseren großen düsteren Thriller, wenn wir ihn ausfinanziert hätten, 3,5 – 4 Millionen Franken beantragen müssen. Das hätten wir nie bekommen. Da blieb uns letztlich nur der Weg, dass wir die Energie und den Aufwand dieser Förderungseinreichungen sparen und uns andere Wege suchen. Am Anfang der Karriere bist du ja auch bereit ohne Geld zu arbeiten um Deinen Traum zu verwirklichen. Ziel war, unserem Team minimal was zu bezahlen. Wir haben das aber vor allem als Referenz angesehen, die wir uns schaffen. Das ist auch das Schöne am Film – auch jetzt, wo ich Profi bin – keiner wird gezwungen einen Film zu machen. Das sind alles sehr leidenschaftliche Menschen, die dabei sind. Und wenn man noch jung ist und sein erstes großes Projekt macht, dann ist das nochmal leidenschaftlicher. Darum war das möglich. Die meisten von damals sind heute im Business tätig und haben von diesem Film profitiert.

Der eine Kraftakt war sicher in einem Land, wo kommerzieller Film an sich schwierig ist, einen großen Batzen Cash Cache über die Wirtschaft aufzutreiben. Das zu einer Zeit, in der das Product Placement noch nicht so salonfähig war. Aber irgendwie haben wir es geschafft das Kapital aufzutreiben und hatten Leute, die bereit waren, den Weg mitzugehen.

 

MILIEU: Sie haben das Start-up SCRIPTtoMOVIE aus Frustration über die schwerfälligen Abläufe während der Filmarbeit gegründet. Das anspruchsvolle Computerprogramm erleichtert die Kommunikation zwischen Regisseur, Produktionsteam, Cast und Crew und eliminiert Stunden von administrativem Ballast. Wie kommt ein Regisseur dazu, unternehmerisch tätig zu werden?

Froschmayer: Erstens, weil es das nicht gab, und zweitens, weil ich, als ich das machte, in einer Phase war, wo ich eine dieser bekannten Durststrecken hatte. Ich musste quasi meine Zeit füllen und habe dann überlegt, was mir sonst noch Spaß macht. Ich bin sehr IT-interessiert und habe dann überlegt, ob ich es die Software selber programmiere oder Leute ranlasse, die es wirklich können, was ich grundsätzlich immer besser finde. Deshalb habe ich dann Unterstützer gesucht. Es war im Prinzip wie ein kleines Filmprojekt: es gab eine Finanzierung, ein bisschen Förderung über Crowdfunding und sehr viel Eigenleistung, die nicht bezahlt wurde - wie bei einem Erstlingsfilm, nur eben mit einer „Erstlingsoftware“. Es macht mir heute noch wahnsinnig viel Spaß. Ich bin sehr froh, dass ich das gemacht habe und es ist ein tolles Produkt geworden, das immer wieder zum Einsatz kommt. Damit habe ich auch den Film „Verliebt in Amsterdam“ vorbereitet.

 

MILIEU: Sie haben beim Tatort und bei gewissen anderen Krimiserien wie SOKO 5113 oder POST MORTEM als Regisseur mitgewirkt. Gibt es etwas herausragendes, was Sie an solchen Krimiserien fasziniert?

Froschmayer: Mich interessieren die menschlichen Abgründe – warum begeht jemand ein Verbrechen? Das ist mein Ansatz. Warum kommt jemand in die Situation, dass er seine Frau, sein Kind, seinen Chef umbringen muss? Das finde ich viel spannender, als die eigentliche Suche nach dem Täter. Ich suche mir immer die Krimis aus, wo die menschlichen Abgründe und die Frage nach dem warum im Mittelpunkt stehen und weniger das klassische „Whodunit“. Ich habe zum Beispiel das große Glück, dass vier meiner Tatorte insofern außergewöhnlich sind, als dass sie die Täterperspektive sehr ausführlich behandeln konnten. Bei IHR WERDET GERICHTET haben wir den Täter sogar offen erzählt. Da weiß man nach dreißig Sekunden, dass wer der Täter ist. Der Film nimmt sich dann viel Zeit zu zeigen, warum er zum Täter wurde. Bei BOROWSKI UND DIE HEILE WELT lädt der Kommissar am Anfang eine Schuld auf sich – da erleben ich wir dann mehr die Abgründe des Kommissars. Meine Krimis sind dadurch meist düster und sehr ernsthaft. Aber auch meine Komödien funktionieren im Prinzip ähnlich. Nehmen wir zum Beispiel den Amsterdam-Film. Unsere Hauptfigur steckt in einem großen, existenziellen Konflikt, den sie lösen muss. Diesen Konflikt nehme ich ernst und aus dieser Ernsthaftigkeit entsteht dann die Komödie – es geht also in beide Richtungen.

 

MILIEU: Wenn Sie heute auf die Filmbranche schauen und sehen, was sich im Laufe der Jahre verändert hat - was würden Sie Nachwuchsregisseuren raten, was sie an Eigenschaften mitbringen müssen, um erfolgreich zu sein?

Froschmayer: Eigentlich gibt es für mich nur eine Eigenschaft: Man muss es unbedingt wollen. Es muss alternativlos sein, weil es Leute gibt, für die es alternativlos ist, und wenn man sich da durchsetzen will, muss man den inneren Antrieb haben, ansonsten schafft man es wahrscheinlich nicht. Aber wenn man den hat, wird man es schaffen, weil man nicht aufgibt. Dann wird man später auch an den Punkt kommen, wo sich der Traum erfüllt, da bin ich mir ganz sicher. Wenn ich es geschafft habe, können es andere auch.


MILIEU: Vielen Dank für das Interview, Herr Froschmayer!

 

 

 

Foto: © Steven Lüdtke

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen