Rezension

Futurzwei Zukunftsalmanach 2017/18

01.04.2017 - Dr. Burkhard Luber

Alle zwei Jahre gibt die Stiftung Zukunftsfähigkeit “Futurzwei” einen Zukunftsalmanach heraus. Die neue Ausgabe hat diesmal den Schwerpunkt Stadt. Wie in den bisherigen Ausgaben des Zukunftsalmanach wird auch dieser durch einen generell argumentierenden Essay von Harald Welzer, Direktor von Futurzwei eingeleitet. Welzer ist schon seit längerem prominent mit seiner doppelten Warnung: Die eine Warnung, dass die Welt sich ökologisch zu Grund richtet und die andere Warnung, dass die globale Digitalisierung unsere Autonomie zerstört.

Der Befund von Welzer in der vorliegenden Publikation ist klar und empirisch fundiert: Nachhaltigkeit und hohe Lebenssicherheit schließen sich aus. Jedenfalls bislang. “Die historische Entwicklung zeigt, dass die Steigerung der Lebenssicherheit mit einem nichtnachhaltigen Umweltverbrauch einhergeht. Es existiert kein Land, das eine nachhaltige Praxis mit einem hohen Niveau von Lebensstandard und Lebenssicherheit verbindet.” Konkret: Der Lebensstandard von Deutschland, Japan und der USA ist hoch, aber ebenso hoch ist dort die Umweltzerstörung und Ressourcenverschwendung. Simbabwe, RD Congo und Niger sind arme peripherisierte Länder, aber sie zerstören ihre Umwelt viel weniger. Welzer macht sich keinerlei Illusionen, dass dieser Trend bald nachhaltig gebrochen werden könnte. Stattdessen wird die Erdbevölkerung immer mehr zwischen Arm und Reich zerklüftet werden und das mit weitreichenden politischen Konsequenzen: Kapitalismus funktioniert prima ohne demokratische Zivilgesellschaft, ohne selbstbewussten Mittelstand und ohne kämpferische Arbeiterklasse. Autokraten können ihre Herrschaft gut stabilisieren, wenn sie die Wohlstands- und Konsumbedürfnisse ihrer Bevölkerung befriedigen und bei Nicht-Gelingen brutale Unterdrückungsmechanismen einsetzen und die Medien und das Internet zensieren. 

Welzers Blick in die Zukunft ist düster: Die Welt dümpelt als multipolares Kollektiv dahin, wo sich die mächtigsten Akteure erbitterte Kämpfe über die noch verbleibenden Ressourcen liefern. Bald könnte sie in einen Zustand eintreten, wo sich die Reichen dieser Erde von den Prekarisierten, Ausgegrenzten, “Überflüssigen” mit aller Gewalt abschotten, eine sich in den Großstädten der USA und Europas schon heute abzeichnende Entwicklung. Dass die Welt einen wirklich wirksamen Paradigmenwechsel, eine ökosoziale Transformation einleiten und erreichen wird hin zu einem nachhaltigen Umgang mit der Natur, ist ein Wunsch, realistisch ist es nicht. Hier, wie auch in anderen ähnlichen Büchern von Welzer liegt auch die Schwachstelle seines Denkens: Seinen dramatisierenden Hinweise auf den katastrophalen ökologischen Zustand der Welt entsprechen keine überzeugenden Hinweise, wie eine Änderung entstehen könnte. Aber gerade darauf ist die Leserin neugierig, denn apokalyptische Schreckensmeldungen muss sie ja übergenug tagtäglich erdulden. Bei diesem wichtigen Punkt ist eine bedenkliche Leerstelle bei Welzer: Er schreibt zwar geradezu emphatisch vom Irrweg der Menschheit, er legt auch dar, was sich “eigentlich” ändern müsste, weil es schon ein paar Minuten vor Zwölf ist, aber durch was diese Änderungen zustande kommen sollen, dazu schweigt Welzer. Man kann also in diese Leerstelle nur vermutend hineinextrapolieren: Durch Notwendigkeit? Darauf ist im digitalen Turbokapitalismus kaum zu hoffen. Eher werden die Rohstoffe extrahierenden profitorientierten Konzerne immer tiefer schürfen, sich auf immer neue (uns heute vielleicht noch absurd vorkommenden) Techniken und Explorationsregionen fokussieren (zB die Polargebiete oder die Meeresböden) Durch Einsicht? Unwahrscheinlich angesichts der seit der industriellen Revolution gnadenlos und pausenlos fortgesetzten Umweltzerstörung, die auch durch mahnende Hinweise auf den Zustand der Erde bei unserer Enkelgeneration nicht gestoppt wird. Durch sog. “Ethik”? Solch “intellektuelles recycling”, wie es Niklas Luhmann ironisch tituliert hat, ist im postmodernen Zeitalter wo “everything goes” eine quantité négligeable, die - wenn sie überhaupt nochmal zur Sprache kommt - nur noch als ein rührendes Relikt aus längst versunkenen Zeitaltern bestaunt und eher belächelt wird. Warum sollten die Umweltzerstörer also inne halten, da ihre Missetaten ja nur kaum und höchstens punktuell geahndet werden und die Katastrophe eh erst dann kommt, wenn die Verursacher längst tot sind? Warum nicht solange wie möglich auf dem Vulkan tanzen (das Wort “Titanic” ist vielleicht geeigneter), da doch niemand zur Rechenschaft gezogen wird? Sich einschränken, das sollen gefälligst die anderen machen. Solange die Reichen und Mächtigen genügend Mittel haben, ihren Reichtum und ihre Macht mit Mauern, Stacheldraht und Waffen zu verteidigen, welche “Vernunft”, welche “Ethik” wäre machtvoll genug, sie von ihrer Strategie abzubringen? Hier findet sich leider nichts bei Welzer. Aber immerhin ist es sein Verdienst, dass er den Traum einer sog. “grünen Technologie” demaskiert, der besonders gerne von jenen geträumt wird, die am liebsten alles beim Alten belassen möchten, nur eben etwas sanfter, ökologischer und die armen Peripherien in der Welt möglichst auf das Niveau der reichen Zentren hievend, aber auf keinen Fall die Wachstumsideologie antastend. Hier verknüpft Welzer in überzeugender Weise im letzten Abschnitt seines Essay die ökologische Frage mit der Gerechtigkeitsfrage. Nach Gerechtigkeit zu fragen ist weitaus zielführender als die Nachhaltigkeitsfrage, wenn man sich klar macht, dass zur Zeit 86 Prozent der globalen Flüchtlingen von den Entwicklungsländern aufgenommen werden, aber nur 14 Prozent von den reichen Ländern der Welt….

Der Hauptteil des Buches besteht (in der Tradition aller Futurzwei Zukunftsalmanachs) aus “Geschichten des Gelingens”, in der die Zukunft, wie sie sich die HerausgeberInnen erhoffen, schon jetzt vorweggenommen und in kleinen Schritten verwirklicht wird. Die Geschichte passieren in vielen Orten der Welt und in vielen Bereichen: beim Essen und Trinken, beim Verkehr, im Kampf gegen unnötigen Müll, in der Kleidung und in anderen Bereichen.

Hier kann sich jeder informieren, was Nachhaltigkeit und Grenzen des Wachstums schon hier und jetzt bedeutet, - konkret und anschaulich - jenseits der Abertausend von gedruckten Papierseiten, die das Thema über die Jahrzehnt in Konferenzen und Resolutionen produziert haben. 

Besonders haben dem Rezensenten (natürlich ganz subjektiv) bei diesem story telling folgende Geschichten gefallen: 

  • Der Schuhdoktor aus Schöneberg (repariert auch das, was nicht mehr reparierbar scheint)
  • Der Minimalist Joachim Klöckner (alles was er braucht, passt in einen einzigen Rucksack)
  • “Unverpackt - lose, nachhaltig gut” (das erste Lebensmittelgeschäft Deutschlands, das vollständig auf Einwegverpackungen verzichtet)
  • Das Tauschmobil in Berlin
  • Langsamreisen (Berliner Agentur für nachhaltiges und bewusstes Reisen)
  • Posteo (der alternative email Anbieter)
  • Openet (Aufbau eines freien Funknetzes in Rostock)
  • Ruelle Verte (Renaturierung von Straßen in grüne Gassen in Montreal)
  • Bürgerradio LOTTE (nichtkommerzieller Radiosender)
  • El Pergola (politisches Straßentheater in Kairo)

 

Der nächste Buchteil ist dem Thema “Stadt” gewidmet und behandelt Aspekte wie die weltweite Verstädterung (schon jetzt wohnt die Hälfte der Menschheit in Städten, Tendenz steigend), die sozialen, kulturellen und infrastrukturellen Dimensionen des städtischen Lebens aber auch alternative Stadtstrategien wie die Initiativen von Slow Cities, Transition Towns, Degrowth Cities. Darauf folgt ein Kapitel mit futuristischen und erzählerischen Essays. 

Wieder einmal macht der Futurzwei Zukunftsalmanach Mut, sich nicht mit den bestehenden Verhältnissen des konterproduktiven Wachstums und der Umweltzerstörung abzufinden. 

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