Rezension

Geschichte des politischen Denkens

15.03.2017 - Dr. Burkhard Luber

Über zwei Jahrtausende hat sich die Menschheit mit den gleichen, “ewigen” Problemen beschäftigt: Was ist ein gerechter Staat? Wie lässt sich Frieden zwischen den Völkern herstellen? Ist Widerstand gegen tyrannische Herrscher gerechtfertigt? Die Schriften zu solchen Themen füllen viele Regale der Bibliotheken. Es ist das Verdienst von Otfried Höffe, Professor für Politische Philosophie an der Universität Tübingen, mit seinem Buch “Geschichte des politischen Denkens” einen gut gegliederten Überblick über die politische Ideengeschichte vorzulegen.

Höffe verbindet in überzeugender Weise eine biographische Darstellung der politischen Denker mit ihren Werken und Argumenten. Dabei hebt er in seinem Buch weder intellektuell ab, so dass die/der LeserIn abgeschreckt wird, noch schreibt er langweilig. So werden die immerhin zwanzig Einzelkapitel von Platon bis Rawls nicht zu einer anstrengenden Tortur, sondern bleiben einladend und wecken die Neugier des Lesers, die immer wieder neuen Antworten der Denker für die o.a. übergreifenden Themen zu studieren. Höffe arbeitet auch dankenswerterweise “didaktisch”: Für denjenigen, der sich eingehender mit den Originaltexten beschäftigen will, gibt er gute Leseempfehlungen. Höffes Buch bleibt auch nicht im Monographischen stecken; es bezieht auch die Wirkungsgeschichte jedes Denkers mir ein und zieht entsprechende Bilanzen. Hier hätte allerdings Höffe durchaus prägnanter mit seinem Urteil sein können.

 

Wie immer bei solchen Sammeldarstellungen ist die Frage unvermeidlich: “Stimmt” die Auswahl der Präsentationen? Höffe hat hier wirklich gut umfassend ausgewählt und kleinere Kapitel mit der Überschrift “Zwischenspiel” ergänzen die Hauptkapitel. “Lücken” zu konstatieren, gelingt eigentlich nur, wenn man den Begriff “Politisches Denken” sehr dehnt, vielleicht unzulässig erweitert. Dann könnte man zum Beispiel auch an William Shakespeare denken, der natürlich kein konzises politisches Gedankengebäude entwickelt hat, aus dessen Königsdramen aber dennoch politische Botschaften ablesbar sind. Und als chronologisch letztes Kapitel hätte man auch Niklas Luhmann erwarten können; gleichfalls ein Denker, der nicht explizit eine politische Theorie entwickelt hat, aber eine sehr ambitionierte Gesellschaftstheorie, die mit enormer Feingliedrigkeit die verschiedenen autonomen Funktionssysteme der modernen Gesellschaft, inklusive der Politik, analysiert hat. Kulturhistorisch bezeichnend (entlarvend?) ist allerdings: Es finden sich unter den 20 vorgestellten politischen Denkern keine einzige Frau!

 

Ein spezieller Aspekt: Liest man Höffes Buch konzentriert zum Thema Demokratie, ist es merkwürdig, dass wir uns 2017 in allen Bereichen - Industrie, Kommunikation, Technologie u.a. - schon in der jeweiligen Version 4.0 bewegen, aber in der Politik immer noch auf dem Stand der Version 1.0 = wie vor 250 Jahren bewegen. Hier scheint Nachholbedarf zu sein.

Höffe gibt einen guten Überblick über tausende Jahre politischer Ideengeschichte. Man kann sein Buch als Geschichtsbuch lesen, aber auch als ein gutes “Lexikon” heranziehen, um sich über einzelne Denker zu informieren

 

 

 

Otfried Höffe: Geschichte des politischen Denkens. Zwölf Porträts und acht Miniaturen. 416 Seiten. 2016. C.H.Beck Verlag. 27.95 Euro

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