Daimler-Chefdesigner im Interview

Gorden Wagener: "Wenn sich Sehgewohnheiten ändern, bleiben gewisse Grundmuster erhalten"

01.02.2018 - Qamar Mahmood

Er gestaltet Fahrzeuge für die Daimler AG und ist verantwortlich für eine Vielzahl von Mercedes-Benz und smart-Modellen. Unter seiner Anleitung wurde die Mercedes-Design-Philosophie der "Sinnlichen Klarheit" entworfen. DAS MILIEU sprach mit Gorden Wagener über Schönheit, die größten Gegner des Designers, optimale Bedingungen für Kreativität und die Zukunft des Automobils.

DAS MILIEU: Wann ist ein Auto schön?

Gorden Wagener: Schön ist relativ, denn ein Auto kann aufgrund seiner Optik extrem polarisieren, und trotzdem erfolgreich sein. Wenn Sie „schön“ jedoch mit „begehrt und als schön empfunden“ gleichsetzen, dann würde ich sagen, ist ein Auto schön, wenn ich als Designer es schaffe, beim Kunden Emotion und Ratio gleichermaßen anzusprechen – und Kunden dieses Auto lieben.

MILIEU: Henry Ford hat gesagt: „Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie sich schnellere Pferde gewünscht“. Welchen Sinn und Zweck erfüllt ein gutes Design?

Wagener: Gutes Design löst Emotionen aus, spricht nicht nur die Ratio an. Design gehört zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren unserer Marke und wird immer häufiger als Kaufgrund genannt, gerade auch von neuen Kunden.

MILIEU: Wie oft bekommen Sie als Designer zu hören: "Das geht nicht"?

Wagener: Je nachdem wen ich frage: wenn ich meine Designer frage, geht prinzipiell alles, wenn ich unseren Controller frage, geht nichts (lacht). Erfreulicherweise hören wir vom Vorstand bis zu den Kunden ganz oft: „So soll es sein.“ „Geht nicht“ gibt es ja angeblich gar nicht.

MILIEU: Wer oder was zählt zu den größten Gegnern des Designers?

Wagener: Jegliche Vorgabe, sei es eine rechtliche Vorgabe oder ein Zeitplan, engt erst einmal ein. Also braucht es Kreativität, um neue Lösungen zu finden. Wir nehmen „Gegner“ sportlich und halten uns an Picasso, der gesagt hat: „Ich suche nicht. Ich finde.“

MILIEU: In der Designabteilung herrschen enge Rahmenbedingungen: die gesetzlichen Vorgaben, die Vorstellungen der Führungsspitze, die Perspektive der Techniker, die Sichtweise der Marketingleute und zuletzt auch die Erfahrungen der Konkurrenz. Wie kann man unter diesen Umständen kreativ sein?

Wagener: Als „creative artist“ sehe ich beim Designen keine Grenzen, weder von der Technik noch von wirtschaftlichen Faktoren. Mein Antrieb ist, dass ich - wie jeder Designer - Ikonen erschaffen möchte.“ Bei Mercedes-Benz sind wir in einer tollen Situation: Unser Vorstand versteht Design. Unsere Kollegen in der Entwicklung wollen die Technologie auch „schick“ verpackt haben. Und das Marketing mag auch gerne „schöne Autos“ verkaufen. Die Zahlen sprechen für sich: Wir haben gerade das erfolgreichste Jahr abgeschlossen, das ist auch dieser Konstellation zu verdanken.

MILIEU: Welche Art von Faszination wird dazu benötigt, um Autodesigner zu werden und in welchem Lebensabschnitt beginnt sie?

Wagener: Ich habe schon immer, seit ich denken kann, gerne Autos gezeichnet. Ich glaube an Schönheit und ich habe großen Spaß daran, schöne Dinge zu gestalten. Ich konnte sogar meine Leidenschaft zum Beruf machen, also - „A dream came true.“

MILIEU: Wie viel Ingenieurswesen, wie viel Managertalent und wie viel Fahrspaß muss ein Autodesigner in seinem Arbeitsalltag mitbringen?

Wagener: Ein Designer ist heute Generalist, man muss viele Disziplinen beherrschen. Bei uns arbeiten Designer vieler Fachrichtungen auf allen Kontinenten zusammen. Das ist besonders spannend, denn so erfahren wir ständig neue Trends und Entwicklungen aus allen Märkten. Das Gute am Job des Designers ist, dass man alle Aspekte kennen und beherrschen muss – also die künstlerischen, gestalterischen, technischen und interkulturellen.

MILIEU: Seit 20 Jahren arbeiten Sie für Mercedes Benz und die Daimler AG. Was hält Sie dort so lange?

Wagener: Ideale Bedingungen, würde ich sagen. Großartige Marken, das beste Designteam der Welt und ein Vorstand, der Design versteht.  

MILIEU: Ihr Konzern befindet sich auch im kommenden Jahr weiter auf Wachstumskurs. Ist das ein Beleg dafür, dass Ihre Designkonzepte gut ankommen?

Wagener: Ich möchte sagen, ja, wir Designer leisten unseren Anteil am Erfolg. Wir sind nicht allein dafür verantwortlich, aber wir können, und dürfen aktiv mitgestalten.

MILIEU: Was halten Sie von der Aussage, dass das heutige Autodesign im Vergleich zum Design der Oldtimer „nicht mehr zeitlos“ ist und „nicht genug Kultur“ mit sich bringt?

Wagener: Wir wissen ja gar nicht, was die Öffentlichkeit vor 50 Jahren über die damaligen Autos, die heutigen Klassiker, gesagt hat. Lassen Sie uns noch ein bisschen warten und dann schauen, welche Autos wir in unserem Museum wiederfinden. Ich meine, es gibt gestalterische Grundmuster, die bleiben erhalten. Volle Flächen zum Beispiel finden wir großartig, schon immer. Das ist bei Klassikern so, und das ist in unseren aktuellen Autos so. Sehgewohnheiten ändern sich, aber es gibt einige Konstanten. Aber wenn Medien schon heute schreiben, dass wir beispielweise mit dem GT eine Ikone geschaffen haben, dann bin ich ganz zuversichtlich.

MILIEU: Abgesehen von ein paar Details sehen aus Käuferperspektive viele der heute produzierten Autos sehr ähnlich aus. Fehlen den Designern die Ideen?

Wagener: Im Gegenteil. Unsere Kunden kaufen genau deshalb unsere Limousinen. Weil eine Mercedes-Benz Limousine in der Wahrnehmung unserer Kunden genauso aussehen muss. Das klassische Drei-Box-Design unserer C-, E- und S-Klasse ist genau deshalb so erfolgreich, weil unsere Kunden sofort erkennen, dass da ein Mercedes auf sie zukommt. In jedem Segment sieht der Mercedes so aus, wie er aussehen muss.

MILIEU: Einige sprechen auch von einer gewissen Mutlosigkeit in der Branche. Liegt der fehlende Mut eventuell an der Überhöhung der Marken?

Wagener: Wir wurden vor einigen Jahren für unseren Mut, unsere Autos alle neu zu gestalten, sehr in die Kritik genommen. Jetzt, nachdem wir fast die ganze Modellpalette nach unserer Designphilosophie der Sinnlichen Klarheit neu gestaltet haben, können wir die Früchte ernten. Wir sind der erfolgreichste Luxuswagenhersteller der Welt und ernten viel Lob dafür.

MILIEU: Gibt es ein bestimmtes Fahrzeug, dass Sie als beispielloses Meisterstück bezeichnen könnten?

Wagener: Nicht weil wir ihn gemacht haben: Den aktuellen GT. Sondern weil in den Medien und bei den Autotestern weltweit dieses Auto schon heute als Ikone gelobt wird. So ein großer Wurf ist nicht allen Designern gegönnt. Ich bin sehr stolz, dass uns dieses Auto gelungen ist. Der GT steht in Museen neben dem 300 SL, das ist die Krönung für jeden Autodesigner.

MILIEU: Es ist kein Geheimnis, dass die Zukunft der Automobilindustrie in elektronisch betriebenen Fahrzeugen liegt. Wie sehr wird sich dadurch die Benutzererfahrung - im Vergleich zu heute - ändern?

Wagener: Wir werden uns auf grundlegend neue Erfahrungen einstellen können. Wir haben mit den neuen, vor allem den autonom fahrenden Autos eine spannende Zukunft vor uns, davon bin ich überzeugt. Die Zeit im Auto wird zum „dritten Platz“, neben Büro und Zuhause. Elektrisch fahren ist großartig - volles Drehmoment lautlos aus dem Stand heraus.

MILIEU: Selbstfahrende Autos sind lange kein reines Konzept mehr, wenn man sich Tesla ansieht. Wo sieht man die moralische Verantwortung in Bezug auf Sicherheit? Kann gutes Design hier den Übergang vereinfachen?

Wagener: Ein Mercedes-Benz war und ist immer ein Synonym für Sicherheit, das ist ein Kernwert unseres Unternehmens. Ich bin ein Fan der Idee des autonomen Fahrens, weil es Designern die Chance bietet, die ganze Branche so grundlegend zu verändern, wie in den vergangenen 50 Jahren nicht, das ist eine extrem spannende Aufgabe.

MILIEU: Steve Jobs hat gesagt: „Bevor die Autos kamen, fuhren die Menschen Traktoren als Fortbewegungsmittel – das Auto hat den Traktor verdrängt.“ Welche Erfindung oder welcher evolutionäre Schritt, könnte in naher oder ferner Zukunft das Auto verdrängen?

Wagener: Das autonome elektrische Fahrzeug. Sie fahren nicht mehr selbst, sondern wenn die Lust zur Last wird, beispielsweise im Stadtverkehr, lassen Sie das Auto übernehmen und widmen sich anderen Dingen. Im gleichen Fahrzeug, das ist für mich eine tolle Aussicht.

MILIEU: Vielen Dank für das Interview, Herr Wagener.

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