Harvard-Professor im Interview

Graham T. Allison: "Ein Krieg ist nicht nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich"

01.10.2017 - Moritz Matzner

Unter Clinton war er Assistant Secretary of Defense for Policy and Plans, mehrfach wurde er vor den US Senate Committee on Armed Services geladen, um über den Aufstieg Chinas und die daraus resultierenden Herausforderungen für die US-Außenpolitik zu referieren. DAS MILIEU sprach mit Graham T. Allison, der Direktor des Belfer Center for Science and International Affairs an der Harvard-Universität ist, über Chinas Aufstieg als Supermacht, den Rüstungswettlauf in Asien und die drohende Kriegsgefahr zwischen China und den USA.

DAS MILIEU: „Die Zukunft der Politik wird in Asien entschieden werden, nicht etwa in Afghanistan oder im Irak und die USA werden direkt im Zentrum des Geschehens sein“, verkündete die damalige Außenministerin Hillary Clinton im Jahre 2011. Was ist daraus geworden?

Graham T. Allison: Das war eine sehr ambitionierte Rede - aber keine gute Vorhersage darüber, was dann tatsächlich geschah. Analytisch gesehen hatte sie allerdings Recht: Die Zukunft des 21. Jahrhunderts wird sich in Asien entscheiden: Dort lebt beinahe die Hälfte der Weltbevölkerung, fast 40 Prozent des weltweiten BIP wird dort produziert und der Indische und Pazifische Ozean sind entscheidende Handelsrouten. 

Seit dem Zweiten Weltkrieg waren die USA die dominierende Macht in Asien. Sie sind ein Anrainerstaat, haben Militärbasen auf Hawaii und der westpazifischen Insel Guam. Diese Vormachtstellung kam durch den Aufstieg Chinas in Bedrängnis.

MILIEU: Das müssen Sie erklären. 

Allison: Stellen Sie sich eine Wippe vor. Vereinfacht dargestellt, sitzen beide Großmächte auf jeweils einer Seite. Wenn man nach der Kaufkraftparität urteilt, machte Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) 1980 lediglich ein Zehntel vom US-amerikanischen BIP aus. Die USA berühren mit beiden Füßen den Boden und China steht in der Luft, mit geringem Einfluss. 

2014 dann war die Wippe ausbalanciert. China wies dasselbe BIP wie die USA auf. In zehn Jahren wird Chinas Wirtschaft, laut aktuellen Vorhersagen, um ein Drittel oder die Hälfte größer sein als die der USA. Auf der Wippe werden die Amerikaner dann oben schweben und die Chinesen ihre Füße auf den Boden setzen. Anhand von 20 wirtschaftlichen Indikatoren habe ich belegt, dass China die USA bereits jetzt überholt hat.

MILIEU: Wie reagiert man in den USA auf das Erstarken Chinas?

Allison: Sie sind mit der Frage beschäftigt, ob sie mehr Gewicht auf den linken oder den rechten Fuß verlagern sollten, also ob sie den Nahen Osten oder Asien höher gewichten sollten. In Realität wird es so sein, dass die USA überhaupt keinen Fuß mehr auf den Boden haben werden.

MILIEU: Und was wurde aus Clintons Vision?

Allison: Die Konflikte im Nahen Osten haben einen erheblichen Anteil der US-amerikanischen militärischen Ressourcen eingenommen und wie von Clinton geforderte Gewichtung Asiens unmöglich gemacht. Dennoch sind die USA seit der Rede Clintons stärker auf dem asiatischen Kontinent involviert. Ein Beispiel wäre das die Transpazifische Partnerschaft (TPP), das südostasiatische Staaten stärker an die USA binden sollte.

MILIEU: Trump hat die TPP geschasst. 

Allison: Das wird diese Länder umso mehr in die Arme der Chinesen treiben. Bereits jetzt ist China für fast alle südostasiatischen Länder der Nummer 1 Handelspartner – und damit ihre wirtschaftliche Zukunft. Ein Interesse an einer Partnerschaft mit den USA verliert damit für Länder wie die Philippinen oder Malaysia an Bedeutung. 

MILIEU: Nährt sich daraus die aktuelle Annäherung zwischen den Philippinen, einem historischen US-Verbündeten, und China?

Allison: Auch auf den Philippinen ist die Politik von wirtschaftlichen Interessen und der außergewöhnlichen Präsenz Chinas geprägt. Es ist wahrscheinlich, dass sich das Land nach 70 Jahren weg von USA mehr und mehr Richtung China bewegen wird. 

MILIEU: Was würde geschehen, wenn sich die Philippinen von China abwenden?

Allison: Das wird sich noch herausstellen. Wenn man die Geschichte betrachtet, wird deutlich, dass China zwar nicht das Territorium anderer Länder einnehmen wollte, aber sie dazu gedrängt hat, die Interessen Chinas zu akzeptieren. Wenn etwas ihren Vorstellungen widerspricht, sagen sie zum Gegenüber: dieses Denken oder Handeln macht 1.3 Milliarden Menschen unglücklich.  

MILIEU: Angesichts der aktuellen SIPRI-Zahlen zum internationalen Waffenhandel sprechen heute einige Experten von einem neuen Rüstungswettlauf in Asien. Ist das eine berechtigte Sorge?

Allison: Der neue Rüstungswettlauf ist das Resultat des Aufstiegs von China und einer Angst, die die umliegenden Staaten in der Region befallen hat. Mit anderen Worten: das ist das Nebenprodukt der sogenannten Thukydides-Falle, die ihre Wirkung in der gesamten Region entfaltet.

MILIEU: Erklären Sie diese Falle.

Allison: Thukydides war ein griechischer Historiker, der im 4. Jahrhundert v.Chr. die Geschichte des Peloponnesischen Krieges zwischen Sparta und Athen aufschrieb. Kriegsursache war dabei allein die Befürchtung Spartas, Einfluss und Macht an Athen abgeben zu müssen. Genau diese Angst herrscht auf Seiten der USA, seitdem China seinen Markt geöffnet hat und stetig wächst. 

MILIEU: Ist wie im alten Griechenland auch hier ein Krieg unausweichlich?

Allison: Auf diese Frage ging ich auch vor dem US-Verteidigungsausschuss ein. Meine Antwort lautete: Ein Krieg ist nicht nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich. Zwar kam es in 12 von 16 Fällen der vergangenen 500 Jahre, die ich mit meinen Kollegen am Harvard Belfer Center for Science and International Affairs untersucht habe, zu einem Krieg. In den übrigen vier Fällen nicht. Dafür bedurfte es aber großer und schmerzhafter Veränderungen der Denk- und Handlungsweisen auf beiden Seiten. 

Wenn die Staatsführer beider Seiten über die Erfolge und Misserfolge der Vergangenheit reflektieren würden, dann könnten beide Seiten eine kluge Strategie dafür entwickeln, wie sie ihre Interessen ohne Krieg durchsetzen können. Aber dazu müssten die Chinesen bereit sein, ihre Ambitionen zurückzufahren und die USA müssten akzeptieren, auf dem Pazifik die Nummer Zwei zu sein. Doch die Versprechen von Xi Jinping und Donald Trump ihre Länder wieder groß („great again“) zu machen, stimmen angesichts des 17. Falls, vor dem wir stehen, nicht unbedingt optimistisch.

MILIEU: Was für eine Rolle spielt Russland in diesem sich anbahnenden Konflikt?

Allison: Die Russen pflegen eine komplizierte Beziehung mit den Chinesen. Putin und Xi kommen gut miteinander aus und pflegen eine robuste Beziehung. Sie teilen dieselben Befürchtungen vor der amerikanischen Dominanz und Einmischungsversuche in ihre Einflussbereiche. Beide Länder glauben, dass ihre Art zu herrschen und zu handeln in ihren jeweiligen Kontexten besser funktioniert, als diejenige, die der Westen ihnen vorschlägt. Trotz dieser Allianz wissen Kräfte innerhalb Russland, dass China langfristig gesehen ein Kontrahent Russlands sein wird. 

MILIEU: Das wissen auch die USA.

Allsion: Wenn man eine Strategie in diesen Trump-Chaos sehen möchte, und da könnte eine sein, dann eventuell: China und Russland etwas voneinander zu entfernen, um Pekings Machtposition zu schwächen. Diese Idee kursiert zumindest in bestimmten Kreisen in Washington, auch wenn solch eine Annährung des Westens an Russland unter gegebenen Umständen sehr schwer vorstellbar erscheint. 

Angewendet wurde diese Taktik in den 1970ern: US-Präsident Nixon und Kissinger reisten nach China, zu einer Zeit, als die Sowjetisch-chinesische Freundschaft schon stark am Bröckeln war. Die beiden waren in der Lage den Spalt zu vertiefen, was den USA im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion sehr half.  

MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Allison.

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