Autor und Vortragsredner im Interview

Hermann Scherer: "Wir müssen unsere Kinder wieder mehr zu Luftschlossarchitekten ausbilden"

01.09.2017 - Astrid Knauth

Er zählt zu den Besten seines Faches, nicht nur seine Bücher, Seminare und Vorträge sind gefragt. Wenn er über Erfolg spricht, weiß er, wovon er redet, denn er baute nach seinem Studium mehrere eigene Unternehmen auf und wurde vom Herausforderer zum Marktführer in der Branche. Gerade ist sein neues Buch „Fokus“ erschienen. DAS MILIEU sprach mit dem Autor und Vortragsredner Hermann Scherer über fiktive Grenzen, die man sich setzt oder gesetzt werden, dass Geld alleine nicht glücklich macht, warum wir auf Fantasie nicht verzichten sollten und warum wir in einem ständigen Prozess der Entwicklung sind und diesen weiterverfolgen sollten.

DAS MILIEU: Herr Scherer, Sie widmen sich hauptsächlich den Themen „persönlicher Erfolg“, „Unternehmenserfolg“ und „Chancenintelligenz“ und haben sich vor allem im Bereich der Wirtschaft einen Namen gemacht. Kann man viele Ihrer Aussagen nicht auch auf das ganz „normale“ Leben anwenden oder muss ich dafür Manager eines Unternehmens sein? 

Hermann Scherer: Nein, natürlich nicht. Wie Sie es schon eingangs gesagt haben, kann man es auch auf den persönlichen Erfolg anwenden, denn viele der Eigenschaften sind in beiden Bereichen wichtig. Ich gehöre zu den Leuten, die glaubt, dass besonders Fleiß und Willenskraft entscheidend ist. Das hilft sowohl im Privat-, als auch im Geschäftsleben, unabhängig von der Hierarchie. 

MILIEU: Eine Aussage von Ihnen hat mir besonders gefallen: „Geld verdienen ist Ablenkung von der Schönheit der Erde.“ Würden Sie sagen, Geld macht unglücklich, weil man die Freude an den kleinen Dingen vergisst? 

Scherer: Ich würde die Aussage nicht so weit fassen. Wir wissen erst einmal, dass Geld nicht glücklich macht – zumindest nicht in dem Rahmen, in dem wir glauben, es mache glücklich. Es gibt aber Forschungen, die herausgefunden haben, wie Geld glücklich machen kann. Dies ist interessanterweise immer dann der Fall, wenn man anderen Geld gibt. Das macht uns glücklicher, als es selbst auszugeben. Der zweite Ansatz ist, dass es uns dann Freude schenkt, wenn wir dieses Geld in unsere Erlebnishistorie einzahlen. Denn in der Stunde unseres Todes werden wir uns kaum noch beispielsweise an unser iPhone 7 erinnern, aber vielleicht noch daran, wie wir den Flug nach New York gebucht haben und dort ein wildes Wochenende hatten. Geld an sich macht also nicht glücklich. Um auf das Zitat zurückzukommen: Wenn Sie die ganze Zeit nur mit Geldverdienen beschäftigt sind – meiner Meinung nach in einem gewissen Zeitrahmen sinnvoll -, dann werden Sie sehr wenig Möglichkeiten haben, die Welt zu genießen. In den seltensten Fällen gibt es Berufe wie die digitalen Nomaden, die es schaffen, beides zu kombinieren, und die in der Regel auch keine 40-Stunden-Wochen haben.

MILIEU: In Ihrem aktuellen Buch „Fokus!“ kommt zur Sprache, dass der Mensch seinen Fokus auf kurzfristige Erfolge anstatt auf langfristige Ergebnisse legt. Woran liegt es, dass er so wenig Geduld und Vertrauen auf die Zukunft hat? 

Scherer: Das weiß ich nicht. Ich vermute aber, dass die Neurowissenschaftler sagen würden, dass auch dies mit den Belohnungssytemen im Gehirn zu tun hat. Um einmal bei meinem Beispiel mit der Kinderschokolade aus dem Buch zu bleiben: Es ist natürlich viel schöner, jetzt sofort diesen Geschmack im Mund zu spüren und – wenn auch nur kurzfristig – zu genießen, statt einen Genuss zu haben, dafür aber in ein paar Monaten eine schlankere Figur. Über diese quick wins gibt es den schönen Spruch: „Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach“. Meiner Meinung nach haben wir uns im ganzen Leben angewöhnt, nach diesen Spatzen zu greifen. Der Unternehmer verdient heute lieber Geld, als es für Investitionen in die Zukunft auszugeben, denn überall lauern Gefahren. Deshalb nimmt man sich lieber erst einmal das, was man gleich haben kann. Das ist dann sicher. Wer weiß schon, was in ein paar Sekunden oder Jahren ist? 

MILIEU: Viele Menschen lassen sich von einem Traum oder zumindest einem Ziel in ihrem Leben leiten. Nicht wenige kommen dann bei ersten Rückschlägen ins Wanken und geben dieses Ziel oder den Traum sogar auf. Schon Konfuzius sagte: „Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel.“ Stimmen Sie dem zu und wenn ja, wieso gerät man so leicht ins Zweifeln? 

Scherer: Ich stimme dem zu. Das knüpft gut an die vorherige Frage an. Es ist manchmal schwierig, ein Durchhaltevermögen zu haben. Dazu gibt es auch eine wunderschöne Langzeitstudie – den Marshmallow-Test: Man hat Kindern einen Marshmallow auf den Teller gelegt und gesagt: „Du bekommst noch einen zweiten Marshmallow, wenn du in den fünf Minuten, in denen ich nicht da bin, den ersten noch nicht gegessen hast. Du kannst ihn natürlich auch gleich essen, dann bekommst du aber keinen zweiten.“ Der größte Teil der Kinder hat den ersten Marshmallow gleich gegessen, weil sie es nicht aushalten konnten. Mit dieser Langzeitstudie hat man festgestellt, dass diejenigen Menschen, die als Kind den Marshmallow nicht gegessen haben, die wesentlich Erfolgreicheren waren, weil sie langfristige Ziele fokussieren und zumindest teilweise erreichen konnten. Ich habe häufig das Gefühl, dass wir Menschen während der Erziehung nicht gelernt haben, das ganz große Bild zu sehen. Als ich meinen ersten Lohn erhielt, waren das umgerechnet 1000€. Damals dachte ich: „Das ist doch Wahnsinn. Damit wirst du nie Schwierigkeiten haben. Du hast es geschafft.“ Heute muss ich sagen, dass ich mit dem Geld nicht weit kommen würde. Damit möchte ich zeigen, dass mir einfach dieses große Bild fehlte und nicht mitgegeben wurde. Viele Eltern hatten ja selbst keine Vorstellung davon. Würde man Menschen dagegen in einen größeren horizontalen Rahmen stecken, würden sie wahrscheinlich ganz anders denken. Wir haben in der Regel das Großdenken nie gelernt. Deshalb glaube ich, dass Unternehmerkinder häufig ein anderes Denken lernen. Sie bekommen schon am Frühstückstisch ganz andere Zahlen zu hören und ganz andere Bandbreiten zu sehen. Genauso gibt es vier Nobelpreisträger aus dem Bereich Physik, deren Väter auch Nobelpreisträger auf diesem Gebiet waren. Sie haben gewissermaßen schon am Frühstückstisch physikalische Formeln aufgeschnappt. Meiner Meinung nach ist das gut. 

MILIEU: Sehr gelungen finde ich in dem Zusammenhang ein von Ihnen gewähltes Zitat von Goethe: „Was immer Du kannst, beginne es. Kühnheit trägt Genius, Macht und Magie. Beginne jetzt.“ Wieso schrecken so viele Menschen vor Veränderungen zurück? Wie kann man sie aus ihrem Alltagstrott befreien? 

Scherer: Veränderung ändert etwas und die Menschen mögen grundsätzlich keine Veränderungen. Wenn man sich die sieben Todsünden anschaut, dann war eine davon die Trägheit und eine Veränderung ist das Gegenteil von Trägheit. Früher meinte man mit Trägheit auch noch etwas Anderes, was ich ganz schön finde: Akedia – damit ist gemeint, dass die Menschen im Augenblick leben können. Mit Augenblick ist nicht nur der Genuss dessen – Carpe diem – gemeint, sondern auch, sich dem ganz hingeben zu können. Egal was man in diesem Augenblick tut, sei es ein Telefonat oder das Backen eines Kuchens, man fokussiert sich darauf. Heutzutage denkt man meistens nicht daran, was man gerade tut oder wo man ist: Wenn man im Geschäft ist, denkt man an den Urlaub, ist man im Urlaub, denkt man ans Geschäft. Wenn man diese Fähigkeit, sich ganz und gar einer Sache hingeben zu können, wieder lernt beziehungsweise hat, spielt Veränderung keine so große Rolle mehr. 

MILIEU: Gerade in einem Land wie Deutschland muss man sagen, dass dem Menschen relativ wenige Grenzen gesetzt werden. Arthur Schopenhauer sagte einmal: „Jeder sieht die Grenzen seines Gesichtsfeldes als die Grenzen der Welt an.“ Wie kann man die Macht der eigenen Gedanken, die Grenzen setzen, überwinden? 

Scherer: Indem wir uns bewusstmachen, dass es überhaupt gar keine Grenzen gibt. Die meisten Grenzen, die es gibt, - einige physikalische außen vor – sind von den Menschen gesetzt. Die Grenze zu Frankreich gibt es, weil irgendwann einmal gesagt wurde, dass zwischen diesen beiden Ländern an einer gewissen Stelle eine Grenze existiere. Diese ist von Menschen gemacht. Wir brauchen diese Grenze auch, um unterscheiden zu können. Die Schwierigkeit sich klarzumachen, dass es eigentlich gar keine Grenzen gibt, liegt darin, dass wir Menschen mit aufgezeigten Grenzen aufwachsen. Bis zum 18. Lebensjahr werden uns alleine von unseren Eltern ca. 150.000 – 200.000 Grenzen gesetzt. Schlimm genug, dass die Eltern das sagen, noch schlimmer ist aber, dass die Kinder das glauben. 

MILIEU: Kommen wir zu etwas Unbegrenztem – unserer Fantasie. Eines meiner Lieblingszitate stammt von Albert Einstein: „Fantasie ist wichtiger als Wissen. Wissen ist begrenzt, Fantasie aber umfasst die ganze Welt.“ Birgt diese Ansicht nicht auch die Gefahr, dass der Mensch in einer eigenen Fantasiewelt lebt? Wie sehen Sie das? 

Scherer: Natürlich! Diese Gefahr sehe ich aber äußerst selten eintreten. Ich habe ganz andere Sorgen: Meiner Meinung nach setzen die meisten Menschen ihre Fantasie gar nicht ein – im Gegenteil sie, wird von uns noch reduziert. Wenn Kinder beispielsweise „Prinzessin auf der Erbse“ spielen, existiert die Erbse meistens nur virtuell. Wir Erwachsene versuchen das dann immer gleich zurechtzurücken: „Hier hast du eine echte Erbse, eine virtuelle gibt’s doch gar nicht.“ Dadurch lernen wir, unsere Fantasie einzugrenzen. Es wäre ein schönes Abfallprodukt, wenn wir Menschen mehr unserer Fantasie schwelgen würden, was aber kaum passiert. Wenn Fantasie dagegen mit Mut gepaart ist, könnte man meiner Meinung nach mehr erreichen. Aber ich kenne wenige Menschen, die noch viel Fantasie haben. 

MILIEU: Sehen Sie eine Möglichkeit, die Fantasie „wieder in Erinnerung“ zu rufen? 

Scherer: Dazu habe ich in einem meiner Bücher mal geschrieben: „Wir müssen unsere Kinder wieder mehr zu Luftschlossarchitekten ausbilden.“ Ich liebe Luftschlösser. Zwar ist mir klar, dass es am Ende noch einen Schuss Realität braucht, aber wir beginnen doch schon mit der Realität bevor wir das Luftschloss überhaupt gebaut haben. Schon Einstein sagte: „Im Versuch des Unmöglichen ist das Mögliche erst entstanden.“ Wir müssen zumindest in Planungsphasen die Hirngespinste wieder größer denken, verrückter und wahnsinniger sein. Dann können wir immer noch die Realität einfließen lassen. So war auch das Brainstorming gedacht. „Brainstorming“ heißt Gedankenwirbelsturm. In der Grünlichtphase kann man erst einmal jeden Blödsinn erzählen, um auf neue Lösungen zu kommen. Erst wenn ein gewisser Erschöpfungsgrad eingetreten ist, kommt die Rotlichtphase, in der der Filter der Realität zum Einsatz kommt. Die meisten Meetings laufen jedoch so ab, dass die Realität von vornherein Einfluss nimmt. Das finde ich falsch. 

MILIEU: Viele Menschen sehnen sich nach Frieden auf der Welt. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was passieren würde, wenn sich all diese Menschen vereinen und gemeinsam für diesen Wunsch eintreten würden? Hätten sie als Masse nicht die Möglichkeit, eine Veränderung hervorzurufen und Frieden zu schaffen? 

Scherer: Das wäre ja großartig – da wäre ich sofort dabei. In dem Moment hätte die Masse nicht die Möglichkeit Frieden zu schaffen. In dem Moment, in dem die gesamte Menschheit dafür eintreten würde, Frieden zu stiften, herrscht Frieden. In meinen Augen gibt es nur zwei Probleme: Zum einen tut es die Menschheit nicht. Zum anderen betrachten wir den „großen“ Frieden, aber wir haben diesen noch nicht einmal mit unseren Nachbarn. Es scheint in unserer menschlichen Struktur ein gewisses Aggressionspotenzial zu geben, was in die richtige Richtung gelenkt, durchaus positiv zu sehen ist. Es ist eine Art Angriffspotenzial, um Dinge zu erreichen. Solange wir aber noch Schwierigkeiten mit unserem Partner, der Familie und unseren Nachbarn haben, brauchen wir keine Hoffnung haben, dass wir den Weltfrieden so schnell herstellen. Im Gegenteil – in der heutigen Zeit mache ich mir um den Weltfrieden mehr Sorgen denn je. 

MILIEU: In Ihrem Buch kommt die Sprache auch auf die Hybris des Menschen. Schon die Novellistin Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach sagte: „Ein stolzer Mensch verlangt von sich das Außerordentliche, ein hochmütiger schreibt es sich zu.“ Warum verfallen viele erfolgreiche Menschen in Hybris? Kann man sie wieder auf den Weg der Demut zurückführen?

Scherer: Es fällt sehr leicht, in so etwas zu verfallen, wenn man Erfolg hat, weil man zu früh Anerkennung bekommt, ohne sie verdient zu haben. Auf der anderen Seite stelle ich dieses Phänomen vermehrt bei den erfolgreichen Menschen fest, denen der Erfolg mehr oder weniger wie zum Beispiel in Form einer Erbschaft zugefallen ist. Diejenigen, die sich ihren Erfolg wirklich hart erarbeitet und auch den schwierigen Anfang noch in Erinnerung haben, vergessen das in der Regel nicht. Mir geht es beispielsweise beruflich sehr gut. Ich darf mich unbescheiden als erfolgreich bezeichnen. Dennoch bin ich jedem einzelnen Kunden sehr dankbar, dass er das Geld freiwillig in mich investiert, weil ich mich auch nach wie vor an die Sachen erinnere, die ich alle tun musste und auch heute noch tue, um Geld zu verdienen. Nach wie vor muss ich Kunden gewinnen und weiß, dass das Geld nicht einfach so auf der Straße liegt. Es gibt einen Grund, warum die Leute mir freiwillig Geld geben. Das tun sie in der Regel nur, wenn sie glauben, dafür mehr zu bekommen, als sie gegeben haben. 

MILIEU: In der heutigen Zeit nehmen Egoismus und auch Egozentrik zu. Viele wollen – sei es in der Firma, in der Familie oder in ihrer Stadt – im Mittelpunkt stehen. Schon der Autor Jules Renard sagte: „Es fällt viel schwerer, eine Woche lang ein guter Mensch zu sein als eine Viertelstunde lang ein Held.“ Haben Sie eine Erklärung dafür?

Scherer: Heldentum klingt spannender, als „nur“ ein guter Mensch zu sein. Ich glaube schon, dass wir in uns eine große Schöpferkraft tragen und dass jeder – auch mit Recht – etwas im Leben erreichen will. Aber der Preis des Erfolgs ist immer schon im Voraus am Kassenhäuschen des Lebens zu entrichten. Ich habe das Gefühlt, dass wir eine Gesellschaft geworden sind, die vielleicht noch den Preis der Ware kennt, aber nicht mehr den Wert. Vor allem kennt sie nicht den Wert, den man selbst entrichten muss, um Dinge zu erreichen. Spätestens nach „Deutschland sucht den Superstar“ wollen alle Erfolg haben, ohne etwas dafür getan zu haben. Und seit Facebook und Co. wird uns immer wieder suggeriert, dass man über Nacht Millionär werden kann – wobei ich mir immer noch die Frage stelle, wie das funktioniert. Das alles verleitet einen schnell dazu, manchmal so zu tun, als wäre man ein Millionär. Aus diesem Grund ist man immer weniger dazu bereit, einen gewissen Preis dafür zu bezahlen. Mein Wunsch wäre mal auf einem Marktplatz einen Stand mit der Überschrift „Wollen Sie Millionär werden? – Dann kommen Sie rein!“ zu eröffnen. Dann müsste man den Menschen sagen, was sie zu tun hätten. Dem Raucher würde man zum Beispiel mitteilen, dass er zu rauchen aufhören soll, weil ihn das in seinem Leben um einen beträchtlichen Teil seines Geldes bringt. Außerdem soll man mehr arbeiten und so weiter. Ich glaube, dass die meisten dann kein Millionär mehr werden wollen. Andersherum gesagt: Held sein will jeder, Held werden will keiner. Das Sein ist einfach, das Werden ist das Schwere.

MILIEU: Stellen Sie sich eine Person vor, die vor Ihnen sitzt. Sie denkt nur an sich, das Schicksal anderer lässt sie vollkommen kalt. Die einzigen Gedanken sind, den Reichtum zu vermehren und welche Farbe der neue Porsche Cayenne haben soll. Wie würden Sie versuchen, diese Person wieder auf die Menschlichkeit und die Wertschätzung der Menschen zurückzubesinnen? 

Scherer: Die erste Frage ist, muss man das überhaupt? Jeder darf glücklicherweise nach seinem Gusto leben. Wenn das also dessen Gusto ist, dann mag das richtig sein. Spätestens wenn er sich den dritten Porsche Cayenne in der Wunschfarbe gekauft hat, dürfte er feststellen, dass dies allein keine sehr große Aufregung im Leben verursacht. Ich glaube, dass man die Menschen im Leben zu nichts zwingen kann – da sind sich auch die Philosophen mittlerweile einig. Das ist auch die Erfahrung aus der Geschichte der Menschheit. Man muss sie vielmehr dahin bringen, sich einzeln und als Gesamtheit weiterzuentwickeln, um vielleicht Dinge zu lernen, die wir gerade in dieser Generation lernen sollen. Vielleicht soll sich die Nach-Nachweltkriegsgeneration nicht mehr mit ihren Porsche-Cayennes beschäftigen, sondern mit der Erlebnishistorie ihres Lebens. Vielleicht kommen in der Weiterentwicklung ganz automatisch diese Schritte und Erkenntnisse. 

MILIEU: Wenn man Ihr Buch liest, kommt zum Ausdruck, dass jeder für seine Handlungen und auch für sein Denken selbst verantwortlich ist. Halten Sie es für möglich, dass man jeden Charakter ändern und jeden Menschen wieder auf Werte wie Menschlichkeit, Verantwortung, Nächstenliebe etc. rückbesinnen kann? 

Scherer: Diese Frage ist sehr radikal. Meiner Meinung nach kann man durchaus Menschen ändern, aber möglicherweise nicht in dieser ganzheitlichen Dimension. Vielleicht geht es nur um einen gewissen Änderungsgrad im Mühen oder vielleicht muss auch nur der Schmerz und das Chaos, das die Menschen erfahren, größer sein, damit das erreicht wird. Immer wieder erleben wir, dass gerade die Menschen menschlicher und charismatischer sind, die mehr Schmerz und Leid erfahren haben. Grundsätzlich sind wir Menschen aber dazu in der Lage, uns zu ändern und bessere Menschen zu werden – davon bin ich überzeugt! 

MILIEU: Zum Abschluss möchte ich Sie bitten, die Aussage von Friedensreich Hundertwasser „Die Menschen müssen begreifen, dass sie das gefährlichste Ungeziefer sind, das je die Erde bevölkert hat.“ mit wenigen Worten ins Positive zu verkehren. Vervollständigen Sie dafür bitte folgenden Satz: „Ich gebe die Menschheit nicht auf, weil…“ 

Scherer: …die Menschheit noch in einer niedrigen Entwicklungsstufe ist, sich aber von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr und von Jahrhundert zu Jahrhundert immer weiterentwickeln und Dinge besser verstehen und umsetzen wird, als sie es heute tut.

MILIEU: Vielen Dank für das Interview, Herr Scherer!

 

 

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