Reflexionen

Heute ist Morgen schon Gestern

01.10.2017 - Michaela Ciolkowski

Mir schien, es war gestern, als ich die Musik der 80er Jahre höre und erst in den 20er Jahren alt bin, dass das Leben schier endlos vor mir liegt, wie eine Autobahn, eine gerade Schnur bis zum Horizont und darüber hinaus. Und dieses Leben wollte mir damals ebenso sinn- wie endlos erscheinen, mich meiner Jugend höhnen und der Unwissenheit strafen. Meine Ängste und auch Hoffnungslosigkeit steckte in all den Texten jener Musik, mit der wir alle uns betäubten, uns der Endgültigkeit, ja dem plötzlichen schicksalhaften Abbruch unserer Autobahnen versicherten.

Es gibt soviel Traurigkeit in dieser Welt und nur wir, ja nur die Mittzwanziger empfinden mit ganzem Herzen, voller Leidenschaft, die allertiefsten Gefühle und die Tiefe will uns versuchen, uns hinunter zu ziehen in den Abgrund einer Trauer, die wir weder sehen noch kennen können und doch fühlen. All die Alten, so abgeklärt, so vernünftig und der Gefühle müde, nein sie können nicht verstehen und schon gar nicht uns Jüngere. Alles ist intensiv, ist tief, ist hoch, ist farbig, ist laut, ist leise aber ist nie, niemals die Mitte, ist schwarz, ist weiß, aber niemals grau.

Mir schien! An diesem Tage, an dem ein Zufall entscheidet, dass ich den Fernseher anstelle, dass ich eine Musiksendung sehe, dass ich jene Musik höre, die mich fühlen lässt, als wäre ich noch wirklich jung. An diesem Tage, als ich die vorwurfsvollen Blicke im Spiegel meide, an dem ich dem sprechenden Bild einer jungen Frau gegenüber sitze, mit einem so lieblichen wie unschuldigen Gesicht, will sagen spurenlos, nein, faltenfrei oder doch ein unbeschriebenes Blatt und so – auf die Gefahr mich zu wiederholen – so lieblich dabei, äußerlich ein wenig eine jüngere Version meiner Selbst und doch eine Frau mit dem Weg, den ich gerne gegangen wäre. Schnurstracks geradeaus, keine Kinder, dafür einen Beruf; keine Verantwortung in Unwissenheit und Unfähigkeit, dafür die Freiheit den Weg zu wählen. Ach Gott, warum zurücksehen? Ich danke dir für meine Kinder und darum … warum eine 25 jährige beneiden? Sie tut, was sie tun muss oder will. Ich tat, was ich tun musste. Oder wollte? Es kam, wie es kommen musste. Oder sollte? So ist das Leben!

Nun bin ich einundfünfzig, der Wahrheit willen, ich werde einundfünfzig, bald, sehr bald, eigentlich zu bald. Warum hat mir keiner gesagt, wie nah der Horizont ist, wie kurz die Wegstrecke meines Lebens, wie sichtbar die Vergänglichkeit der Jugend? Weil, ich will ehrlich sein, ich nicht richtig zuhörte, mich nicht genug interessierte, meine Ohren gegenüber den melancholischen Klängen in den Stimmen der Alten verschlossen waren oder meine Augen die Sinne ablenkten. Denn anderenfalls hätte ich jenen vertrauten, wehmütigen Seufzer, der heute auch meinen Erzählungen anlastet, ein wenig mehr Beachtung geschenkt. Hätte mich gefragt, woher die inbrünstige Leidenschaft entstammt, längst vergangene Zeiten herauf zu beschwören, als seien deren Zeiten und Geschichten gestern gewesen.

Der Gedanke, das dreißig vergangene Jahre erst gestern waren, so lebendig, so, so … Wie kann ich es beschreiben … so gerade erst geschehen, nein, gestern eben, im Sinne von eben passiert. Ja, wie hätte ich damals ahnen können, dass der Horizont am Ende der Autobahn, nur eine Erinnerung weit ist? Trotzdem bin ich froh, dass die Welt nicht mehr so bunt ist, so laut, so leise, so schwarz, so weiß. Ich finde das beruhigend, finde, grau ist eine gelungene Mischung, denn niemand, wirklich niemand ist nur gut, ist nur böse, ist nur schön oder hässlich. Ich weiß so vieles, dass ich gerne vergessen würde und so wenig, dass ich gerne noch erfahren möchte. Ich weiß, ich fühle auch in dieser Zeit, in diesem Alter, ebenso tief wie die Jungen, doch sehe ich vieles stiller. Ebenso weiß ich, dass das Leben stetig zur Mitte führte und diese Mitte ist, wie alles andere, nur eine kurze Zeit. Am Ende werde ich sehen: Vom Horizont aus, die Autobahn entlang, überrascht, dass zu Ende ist, was eben erst begann. 

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