Rezension

Hilde und Gretl - Über den Wert der Dinge

01.04.2018 - Dr. Burkhard Luber

“Die beiden Cousinen Hilde und Gretl, um die es hier geht, sind in den Geschichten, die übrig geblieben sind. Aber, wo genau, das lässt sich einstweilen kaum ausmachen. Die Geschichten sind zu sehr verstreut, in jeder Lade eine andere, manchmal nur ein Teil, der andere in der Speisekammer, am Dachboden oder in einer der unzähligen Schuhschachteln, die penibel beschriftet sind – und uns mit ihren Hinweisen doch ständig in die Irre führen. Wir wollen in diesem Buch die Hinweise auf ihr Leben, auf zwei Leben im 20. Jahrhundert, ausstellen.” (Seite 11)

 

Peter Coeln kauft ein altes Haus – und mit ihm Vergangenheit. Denn darin konserviert wie in einer Zeitkapsel, findet sich das Leben zweier Frauen, der Cousinen Hilde und Gretel. In abertausenden Dingen – Fotografien, Notizzetteln, Kleidung, Briefen, Nippes – schreibt sich kunstvoll eine Inventur des Alltags im 20. Jahrhundert.

 

Auf so eine Idee muß man erstmal kommen. Sie kann auch nur als Bauchidee entstehen, rational fällt man solche Entscheidung nicht. Das Buch lässt die Leser teilhaben, wie sich Coeln, unterstützt von seinem Projektpartner Leitner, dieses Haus-Objekt der Nostalgie Zug um Zug aneignet. Es sind “Eroberungen”, die weit auseinander liegende Sphären verbinden: Nippes und Sammelwut, Akribie und “Niemals-Etwas-Wegwerfen-Können”, Chaos und Müll. Filigrane Psychologen würden vielleicht von Messi-Charakteren sprechen, obwohl die beiden Protagonistinnen durchaus kein bloßes Durcheinander hinterlassen haben.

Nein, vieles ist von Hilde und Gretl derart akribisch eingeschachtelt, katalogisiert, aufgeschrieben, vermerkt, dass sich das Haus schon zu Lebzeiten der Cousinen im Übergang zu einem Museum befand, ohne dass die Bewohnerinnen die späteren Ausgrabungen von Coeln und Leitner ahnen konnten.

Was bringt dieses Buch den LeserInnen nahe? Vielleicht zunächst die riesige Fülle sinnlicher Nach-Erfahrung eines vergangenen Jahrhunderts mit Artefakten (“Klumperts” ist das von den Autoren benutzte österreichische Wort), an die sich Menschen, die vor 1960 geboren sind, zumindest noch vage erinnern können, zum Beispiel wie - pardon - für unseren heutigen Geschmack damals so “altmodisch” Werbung produziert wurde oder die Anfänge des Fernsehens mit seinen Röhren-TV-Sets oder das Rechnungsformularwesen der damaligen Zeit. Einen Schritt weiter macht vielleicht ein Betrachter der reichhaltigen Bilderserie dieses Buches, wenn er dieses bis auf den Dachboden und tief hinunter in den Keller vollgestopfte Haus unter der Perspektive der Vergänglichkeit resümiert. Denn sieht man die vielen im Buch abgebildeten Objekte, fällt es nicht schwer festzustellen: Außer nostalgischem Wert haben sie keinerlei Gebrauchswert mehr. Ob man dann gleich noch einen weiteren Schritt machen will wie Byung-Chul Han mit seiner folgenden etwas theatralischen Sentenz, mag dahingestellt bleiben, aber im Sinne der Buch-Promotion macht sich vielleicht dieses Zitat des koreanischen Querdenkers nicht schlecht (Seite 9):

“In der ausgestellten Gesellschaft  ist jedes Subjekt sein eigenes Werbe-Objekt. Alles bemisst sich an seinem Ausstellungswert. Die ausgestellte Gesellschaft ist eine pornografische Gesellschaft. Alles ist nach außen gekehrt, enthüllt, entblößt, entkleidet, exponiert.“ (Byung-Chul Han, Transparenzgesellschaft)


Die beiden “Kramulogen” (Sprach-Neuschöpfung oder Substantiv aus dem österreichischen Wörterbuch?) haben jedenfalls ganze Arbeit geleistet in ihrem Ausgraben, Öffnen, Analysieren, Rätsel (von Herkunft oder Gebrauch) Aufschlüsseln, Dokumentieren, Bewerten. Manchmal schütteln sie die Köpfe, lächeln - meist etwas wehmütig - über diese versunkene Biographien von Hilde und Gretl. Ein Betrachter, der sich nicht kulturpessimistisch oder mit Alters-Rancune der Gegenwart verschließt, wird Seite um Seite immer mehr den entscheidenden Unterschied feststellen, der uns im Jahr 2018 von den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhundert trennt: die Digitalisierung. Mag es auch in unserem Jahrzehnt solch sammelwütige Personen geben wie die hier porträtierten beiden Damen, sie kämen niemals auf die Idee solche horrenden Berge von Dokumenten, Bildern oder Kleinprodukten aufzuheben. Sie würden - natürlich - vor die Kamera des smartphones gebracht, in terrabyte-großen Datenspeichern verewigt, allenfalls mit tags indiziert soweit man das nicht gleich automatisiert Google oder Microsoft überlässt. Man kann also, wenn auch nicht das Haupt-Thema der Autoren bei ihrer Expedition in dieses Haus im niederösterreichischen Waldviertels, konstatieren: Heute überwölbt die digitale Welt die reale, und es nicht von ungefähr, dass die elektronischen Spiele- und Filmemacher sich einen Spaß damit machen, vor unseren Augen und zunehmend auch in unseren übrigen Sinnen die reale und virtuelle Welt ineinander verschwimmen zu lassen. Wer weiß in welch naher Zukunft eine Generation dann noch den nächsten Schritt machen wird mit dem Dictum: Was nicht virtuell bzw. digitalisiert ist, kann auch nicht real sein. (Dave Eggers hat  diese Perspektive in “The Circle” schon angedeutet).

So können, immer ein Zeichen guter Publikationen, aus diesem Buch ganz unterschiedliche Lese- und Betrachtungsgewinne gezogen werden. Dazu tragen die Autoren mit ihren hervorragenden Bilderketten großartig bei, und der im Sinne eines kleinen Entdeckungskrimi geschriebenen Text nimmt die/den LeserIn sehr attraktiv auf die Reise ins Reich von Hilde und Gretl mit. Wenn man bis zur letzten Seite des Buches vorgedrungen ist, legt man es beiseite, nostalgisch angerührt und einmal mehr wissend was Vergänglichkeit bedeutet. Und wer präzise auf diese Vergangenheit blickt, kann auch mancherlei über die Gegenwart lernen. (der Rezension lag die pdf-Version des Buches zugrunde)

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