Reflexionen

Hilfe - mein Kind wird operiert

15.04.2017 - Eva Vos

Wenn ich plötzlich mein Kind den Ärzten anvertrauen muss, bricht auf einmal alles über mir zusammen. Gefühle der Ohnmacht und der Angst überfallen mich und haben mich fest im Griff. Tränen schießen aus den Augen und lassen den Blick verschwimmen.

Es ist nur ein kleiner Eingriff. Ich weiß. Doch eine Vollnarkose ist eine Vollnarkose. Egal wie lange die Prozedur dauert. Der Verstand weiß, dass die meisten Operationen problemlos verlaufen. Aber eben nur die meisten. Bei elektronischen Geräten bekomme ich eine Garantie und sollte das Gerät vor Ende der Frist kaputt gehen kann ich es umtauschen und erhalte Ersatz. Doch bei einer OP gibt es keine Garantie und somit auch kein Umtauschrecht. Kannst du dir vorstellen was sich für ein Kino gerade in meinem Kopf abspielt? Jetzt kann ich empfehlen an etwas anderes zu denken. Übrigens ist es auch ratsam keine melancholische Musik zu hören. Sie unterstützt das Ohnmachtsgefühl und fördert den Tränenfluss. -Taschentuchpause-

 

Wer mich kennt weiß, dass ich mich bewusst entschieden habe meinen Weg mit Alternativen zur Schulmedizin zu gehen. Ein paar Zwischenfälle haben mir schmerzlich gezeigt, dass es gut ist, dass es die Notfallmedizin gibt. Also habe ich versucht mit ihr Frieden zu schließen und mich in Dankbarkeit zu üben. Die Erfahrungen habe ich gut ausgehalten und ich bin bereit zu lernen. Doch jetzt ist es anders. Jetzt geht es um mein Kind. Alle Mütter die ihre Kinder hinter einer OP Tür verschwinden sahen, können jetzt wahrscheinlich das Gefühlschaos, das in mir abläuft, nachvollziehen. Denn erst wenn man selbst in dieser Situation steckt versteht man was das bedeutet.

 

Angst. Sorge. Ohnmacht. Vertrauen.

 

Das sind vier starke Worte und auf eines muss ich mich jetzt ganz besonders konzentrieren. Eins, das Kraft und Zuversicht versprühen kann. Eins, das positive Energie freisetzt. Eins, das meinem Kind und schließlich auch mir wirklich hilft.

 

Es heißt: VERTRAUEN

 

VER – TRAUEN, das muss man sich trauen. Es ist das einzige Gefühl, welches jetzt Sinn macht. Vertrauen, dass alles gut geht. Jeder, der an dieser Schnippelei beteiligt ist, gibt sein Bestes. Alle haben das gleiche Ziel. Die Gesundheit des Kindes. Und das ist alles was zählt.

 

Vertrauen, alles wird gut gehen. Es ist für uns gesorgt. Danke.

 

Für jemanden, der gerne immer alles unter Kontrolle haben möchte, ist das schon ein bisschen viel verlangt. Aber wir sind auf dieser Welt um zu lernen. Und das übe ich jetzt bei dieser Challenge. Kontrolle abgeben, Vertrauen, dass alles gut ist wie es ist. Und letztendlich muss ich stark sein. Denn meine Aufgabe ist nun einzig und allein für mein Kind da zu sein. Es nützt ihm nichts, wenn ich jetzt heulend vor ihm sitze. Damit verunsichere ich es. Jetzt muss ich zeigen wie stark ich wirklich bin. Als es um mich ging, fing mich meine Familie auf. Sie gaben mir Halt und Kraft und Zuversicht. Jetzt muss ich es meinem Kind schenken. Das ist mein Job. Der einzige. Also, Jammerlappen in den Schrank legen und Rückgrat zeigen. Und das ist meine Arbeitsplatzbeschreibung:

 

So oft wie möglich Kind in den Arm nehmen.

Verständnis für unerwartet aggressives Verhalten zeigen.

Liebevoll kümmern.

Etwas Gutes zu Essen kochen.

Verwöhnen und umsorgen.

Einfach da sein.

Zärtlich streicheln.

Wunde versorgen.

Tee kochen.

Wäsche waschen, bügeln und zusammenlegen.

Bett machen.

Dafür sorgen, dass das Kind sich schont.

Für genügend frische Luft sorgen.

Fliegen verscheuchen.

Einfach nur da sein.

Wünsche von den Lippen ablesen.

 

Den Arbeitsvertrag habe ich mit Einwilligung in die OP automatisch unterzeichnet. Es ist eigentlich ein ungeschriebenes Gesetz, aber manche brauchen dafür eine Erinnerung.

 

Ich wünsche allen Müttern und Vätern, denen eine ähnliche Herausforderung bevorsteht viel Kraft. Mit viel Liebe schaffen wir mehr.  

 

Alles Gute.

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