Kolumne

Hoffnungsschimmer: Das Gute muss es geben

01.05.2017 - Rameza Bhatti

„Hast du von dem Anschlag gehört?“ „Welchen? Meinst du das Attentat auf den Polizisten in der Champ-Elysee oder den auf den BVB Bus?“. Eins, zwei, nein drei – in den letzten Monaten gab es unzählige Attentate. Mal zeigt sich der Terror in der Gestalt eines bärtigen Mannes, der sich in Sekundenschnelle in die Luft sprengt, dabei hunderte Menschen mit in den Tod zieht. Mal ist es ein Bombenleger, der sich als IS-Terrorist ausgibt, aber aus purer Habgier handelt, um die Aktienkurse zu beeinflussen. Mal ist es ein deutscher Bundeswehrsoldat, der sich aus einem rechtsextremen Motiv als syrischer Flüchtling ausgibt.

Terror, Krieg und Leid haben sich längst als Schatten in unserem Alltag manifestiert. Ab und zu vergrößert sich dieser Schatten und verdunkelt unsere Welt für einige Minuten. Plötzlich steht dann alles still und wir empfinden tiefe Traurigkeit. Viele Fragen kommen uns in diesem Moment in den Sinn: Wer hat das gemacht? Wieso gibt es so viel Leid in dieser Welt? Wie kann ein Mensch nur so herzlos und barbarisch sein?

Dann schweifen wir wieder ab und widmen uns unserer Realität zu, unserer Welt und unseren Aufgaben, die sind schließlich greifbar. Natürlich tut es uns Leid, dass auf der anderen Seite der Weltkugel ein Kind an Hungertod stirbt, auch ist uns klar wie sehr die Kinder in Syrien im Bürgerkrieg leiden müssen, aber was können wir denn schon tun?

Das ist die Aufgabe der Regierung! Die Aufgabe der UN! Die Aufgabe von denen da oben – nicht meine! Manchmal da frage ich mich, ob wir Menschen tatsächlich so egoistisch sind. Haben wir es verlernt das Leid der anderen nachzuempfinden oder waren wir nie emphatisch?

Kann der Mensch überhaupt selbstlos sein? Können wir unsere Empfindungen, unsere Wünsche zurückstellen, ja - gar in gewisser Weise unser Ego „töten“ und für das Glück der anderen leben?

Zuallererst stellt sich hier die Frage, ob der Mensch denn tatsächlich „gut“ ist. Werden wir als gute Wesen geboren? Und was macht den Menschen zu einem guten oder schlechten Wesen? Gewiss sind das die Taten der Menschen, die seine Charakterzüge und seine Moral definieren.

Kann eine Tat an sich Gut sein? Wenn ich aus Hass, jemandem Leid zufüge, ist dann die moralische Eigenschaft „Hass“ etwas Schlechtes?

Ich kann ebenso Hass gegenüber Terror empfinden und mich davon abgrenzen. In beiden Situationen spielt der Hass an sich eine Rolle. Dies lässt deutlich werden, dass eine moralische Eigenschaft an sich nicht etwas Gutes oder Schlechtes sein kann. Diese wird erst als gut oder schlecht bezeichnet, wenn man die Tat in den Bezug mit der Situation setzt und diese dann beurteilt.

So könnte man aus diesem schlussfolgern, dass der Mensch einen freien Willen verfügt und auch in der Lage ist zwischen Gutem und Schlechtem zu wählen. Was führt einen Menschen dazu, dass der Hass in ihm solchen enormen Zuwachs gewinnt, dass er sich zum Morden entscheidet?
 
Gibt es in dem Menschen eine innere Stimme, die ihn vor Schlechtem warnt und zum Guten hinleitet? Warum verfügen dann kaltherzige Mörder nicht diese innere Leitung?

Vielleicht besitzen sie diese sogar und vielleicht hält eine kleine schwache Stimme in ihrem Herzen sie sogar davon ab, dass sie unschuldigen Menschen das Leben nehmen, doch letztendlich muss der Hass überwiegen. Letztendlich muss der Durst nach Rache, die Angst und die Wut so groß sein, dass diese schwache Stimme lauthals übertönt wird. Für einen Moment vergisst der junge Mann, der mit dem Traum eines neues Lebens nach Deutschland gekommen ist, seine Moral. Verschließt sein Herz, vergisst die Zukunft und verdrängt die Sorgen. Er rast mit voller Wucht mit seinem LKW in eine Menschenmenge.

Wie kann ich überzeugt sein, dass der Mensch an sich gut ist? Warum muss es das Gute geben?
Ich sehe das Gute in der Liebe zwischen einem Kind und seiner Mutter, ich sehe es in Situationen, wenn Menschen selbstlos das Leben anderer retten. Oder wenn sie einen vergessenen Hund aus dem brennenden Haus retten. Ich sehe, wie es sich in einem flüchtigen Lächeln einer vorbeigehenden Passantin widerspiegelt, ich sehe es, wenn Obdachlose eine kalte Pizza teilen. Mal sehe ich es darin, wie Menschen zu ihrem Gott beten und mal darin, wie uns allen für eine Sekunde der Atem ins Stocken gerät, unser Herz aussetzt und ein Satz auf unseren Lippen liegt.

Wir fühlen mit euch. We are with you. Nous sommes avec vous.

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