Postfaktizismus

Ich rede, also bin ich?

01.05.2017 - Dr. Albert Wunsch

Postfaktisch ist nicht nur das (Un-)Wort des Jahres 2016, sondern meint "Mit Fakten setz ich mich nicht mehr auseinander, ist mir zu anstrengend". Heute werden stattdessen zu häufig selbst kreierte Denk-Ergebnisse zwischen Unfug und Halbwahrheit bzw. gezielte Unterstellungen oder Lügen an der Front der Meinungsmacher medienwirksam - oft emotional aufgehübscht - präsentiert. Warum Fakten immer stärker – wie die Pest - gemieden werden und zur Bedeutungslosigkeit verkommen und stattdessen flott-eingängige Sprüche oder Behauptungen die Medien zu beherrschen scheinen, darauf gibt dieser Beitrag mögliche Antworten.

Es scheint in Mode gekommen zu sein, anstelle von Fakten lieber eine Mischung aus Meinungen, Ideen, Gags, Kritik und Erwünschten zu diskutieren. Das ist zwar eine berechtigte Kommunikationsform, welche beim Smalltalk auf langweiligen Treffen trefflich als Einschlaf-Vermeidungs-Medium genutzt werden kann, sich aber von einer fakten-basierenden Auseinandersetzung deutlich abgrenzt. Auch wenn der weltbekannte Kommunikationsforscher Paul Watzlawick zum Ausdruck brachte, dass man nicht kommunizieren kann, hebt dieses Axiom die Unterscheidung nach substanz-armen und substanz-starken Redebeiträgen nicht auf. So gibt es eine deutliche Unterscheidung zwischen lockerer Herumplauderei und fakten-orientierten Diskussionen. Aber zuviele Menschen – besondern die zwischen 15 und 45 – scheinen den Unterschied zwischen Fakten und Meinung gar nicht mehr zu kennen. Zu dieser Fehl-Kenntnis gesellt sich eine furiose Hochachtung vor den eigenen Denk-Resultaten, so das diese wie eine für den Nobelpreis nominierte Botschaft gefragt oder ungefragt in die Welt hinein posaunt werden. Aber aktuell verdeutlichen einige Politiker recht lauthals, dass auch Ältere von diesem Schicksal betroffen sind, die Ergebnisse eigener Hirn-Akrobatik für Fakten zu halten bzw. diese als solche zu ‚verkaufen’. Dabei scheint es eine Gesetzmäßigkeit zu geben. Je abstruser die Denkergebnisse oder Vorhaben, je lauter und alternativloser werden sie in die Medien-Welt hinein katapultiert. Und dabei lassen sich Twitter, Facebook & Co. als recht geduldige, aber wirkungsstarke Abschuss-Rampen nutzen.

Journalisten und Politiker scheinen lieber Emotionen als fundierte Nachrichten oder überprüfbare Fakten zu transportieren.

Was die Medien angeht scheinen sich zuviele Journalisten an der Maxime zu orientieren, dass Fakten altmodisch und unwichtig, statt dessen spektakuläre Meinungen viel origineller und medienwirksamer seien. Beispielweise zu berichten, das eine Stadtkasse leer ist und damit die Vorhaben X – Z nicht realisiert werden können, will niemand zur Kenntnis geben und nehmen. Statt dessen werden lieber publikumswirksam Nebensächlichkeiten in Szene gesetzt. Dass dabei die Verantwortung der Medien, wichtige Fakten in die Welt tragen zu sollen verloren geht, wird dabei hingenommen. Verstärkt wird dieser, weil fast alle Medien ihre Infos von den großen Presse-Agenturen beziehen und diese von dort angebotenen Nachrichten meist ungeprüft übernommen werden. Das hat auch etwas mir Trägheit und fehlendem Berufs-Ethos zu tun. Ein weiteres Phänomen ist, dass die Medienvertreter ihre Sicht der Dinge als allgemeingültig darstellen. So werden Berichte, ohne dies kenntlich zu machen, zu Kommentaren und die Zusammenstellung von wichtigen News unterliegt einer persönlich oder redaktionell geprägten Vorsortierung. Dabei scheinen Wahrhaftigkeit und Bedeutsamkeit zu häufig nebensächlich. In meinen Uni-Seminaren weise ich dazu gerne auf die Parabel des Sokrates zu den drei Sieben „Wahrheit, Güte und Notwendigkeit“ hin. Denn, so folgerte der Weise: ‚Wenn du etwas berichten willst, was weder erwiesenermaßen wahr, gut, noch notwendig ist, so lass es und belaste niemanden damit!’ Würde diese Botschaft von Politikern, Medienvertretern und anderen öffentlich agierenden Personen beherzigt, wäre es recht still und beschaulich in der Welt.

Wenn sich ein Volk daran gewöhnt, postfaktische Medien-Meldungen als real aufzugreifen, wird der Verantwortungslosigkeit Vorschub geleistet.

An einem Beispiel soll die Gefahr verdeutlicht werden. Wenn der Satz: ‚Das Volk sind alle die hier leben’ unkritisch aufgegriffen wird, hat dies massive Auswirkungen auf die Berichterstattung von Ereignissen, bei welchen auch ethnische oder kulturell-religiöse Aspekte ein wichtige Bedeutung haben. Vom Grundsatz her wäre ja über eine solche Aussage trefflich unter den verschiedensten Gesichtpunkten zu diskutieren. Dazu wären jedoch Kenntnisse der Soziologie, Politologie und Sozial-Psychologie - um nur einige der betroffenen Wissenschafts-Disziplinen zu nennen - und die Fähigkeit des gegenseitigen Zuhörens notwendig. Aber sich selbst eine Auffassung aufgrund einer Auseinandersetzung mit Fakten und Notwendigkeiten - auch unter Einbeziehung und Kenntlichmachung persönlicher Bestrebungen - zu bilden und diese als Stellungnahme oder Entscheidung zu äußern, setzt eine beträchtliche Intelligenz voraus, ist reichlich mit Grübel-Arbeit verbunden und erfordert ein stabiles Rückgrat. Dies ist jedoch den meisten - durch eine verwöhnende Spaßkultur geprägten - Zeitgenossen viel zu mühevoll. So werden kunstvoll gestylte Worthülsen zum bevorzugten und leicht konsumierbaren Informations-Medium in Politik und Gesellschaft, frei nach der Devise: Je ausgefallener und abgedrehter, je besser ist die Meldung. So werden interessant und populär wirken sollende, aber substanzlose Meldungen generiert. Als Folge haben viele Nachrichten und Berichte einen erheblichen Unterhaltungswert, wobei die faktischen Sachzusammenhänge aus dem Blickfeld gedrängt werden. So wird der Desinformation gezielt Tor und Tür geöffnet. Aber Medien als Vernebelungs-Maschinen taugen am ehesten zur Erzeugung von Party-Flair.

Hier scheint zu gelten, was Peter Sloterdijk einmal so umriss: „Macht ist das Vermögen, die Tatsachen in die Flucht zu schlagen.“ Zwei große philosophische Vorgänger haben es kaum anders zum Ausdruck gebracht: "Denn so ist der Mensch! - Ein Glaubenssatz könnte ihm tausendfach widerlegt sein - gesetzt, er hätte ihn nötig, so würde er ihn immer wieder für wahr halten" (Nietzsche). Oder leicht variiert: ‚Was dem Wollen widerstrebt, lässt der Kopf nicht ein’ (Schopenhauer).

Das ‚postfaktische Phänomen’ hat sich – wenn auch ohne direkte Medien-Mitwirkung – in den Hochschul-Seminaren immatrikuliert.

Es war vorherzusehen, dass der postfaktische Zeitgeist auch in den Hochschulalltag eindringen würde. Standen sich vor Jahren noch wohlbegründete Thesen und Antithesen im – manchmal auch heftig verdeutlichten - Diskurs gegenüber, so werden heute immer häufiger wissenschaftliche Forschungsergebnisse oder rechtliche Grundlagen als persönliche Meinung des Vortragen zu deklarieren gesucht. Das bekommen nicht nur sich einbringende Studierende, sondern auch die Lehrenden zu spüren. Erst recht ist mit einem Ignorieren – bis hin zum Torpedieren - von Fakten zu rechnen, wenn es sich um ethische Fragen handelt. So hatte ich WS 16-17 eine Lehrveranstaltung zum Themenfeld Kommunikation an der Uni, wo eine Studentin innerhalb eines Beispiels von einer Abtreibungs-Beratungs-Einrichtung berichtete. Nach Abschluss ihrer Seminareingabe wies ich die Studierenden darauf hin, dass es in Deutschland keine Abtreibungs-Beratung, sondern nur Schwangerschafts-Konfliktberatungsstellen geben würde, weil Abreibungen laut StGB § 218 ein Straftatbestand sei, welcher eine bis zu 3jährige Gefängnisstrafe nach sich ziehen und nur durch die im § 218a geregelten Ausnahmen keine Strafverfolgung einsetzen würde. Diese Richtigstellung, welche ich – dank W-Lan - durch das Vorlesen des Gesetzestextes untermauerte, führte im Anschluss jedoch zu der Äußerung von einigen Studierenden, dass sie an einer Uni nicht durch die persönliche Meinung eines Lehrenden indoktriniert werden möchten. - Dass in Seminare natürlich kritische persönliche Auffassungen oder die Verdeutlichung von Veränderungs-Notwendigkeiten ihren diskursiven Platz haben und haben sollen, dürfet selbstverständlich sein. Aber die Mater verliert ihren wissenschaftlichen Bildungsauftrag, wenn Lehr-Veranstaltungen durch post-faktische Strömungen zu Leer-Stunden umfunktioniert werden.

Als Reaktion auf den Zeitgeist ist ein "Zurück zur Sachlichkeit - weg von emotionaler Affekthascherei" zu fordern?

Wir müssen: „Dem Volke aufs Maul schauen“. Es bietet sich an, im Luther-Jahr den in seinem berühmten Sendbrief formulierten Satz des Reformators im Zusammenhang des Post-Faktischen-Phänomens anzuschauen. Denn hier wird ausgesagt, dass Botschaften nur dann ankommen, wenn sie der Sprache und dem Denken des Empfängers entsprechen. Wenn wir uns die aktuelle gesellschaftliche Situation anschauen, scheinen leichte, lustige, groteske, angenehme oder auch absurde Meldungen eine recht große Eingängigkeit zu besitzen. In Abgrenzung dazu wird auf wahre, wichtige oder notwendige Botschaften schnell mit Verdrängung reagiert. Nun haben sachliche und emotionale Mitteilungen beide eine bedeutsame Funktion. Wenn jedoch Emotionales sich als Sachbotschaft zu verkaufen sucht, entsteht Konfusion. Somit geht es im Kern nicht um eine Reduktion von emotionalen Entscheidungen, sondern um die Bereitschaft, Fakten, Sinnhaftes und Notwendiges wieder viel stärker zuzulassen und eigene Wünsche – erst recht bevorzugte Ideologien – im Licht eines Diskurses um des Gemeinwohls willen einer Prüfung zu unterziehen. Denn authentisch getroffene emotionale Entscheidungen sind als solche zu erkennen und meist auch sehr glaubwürdig und nachvollziehbar. Äußern jedoch Menschen ihr emotionales Wünschen und Wollen unter der Tarnkappe des Faktischen, kaschieren sie gezielt ihre eigentlichen Beweggründe. Ein häufiges Motiv scheint zu sein, sich nicht als Egomanen outen zu wollen und statt dessen persönlichen Absichten möglichst als grundlegend wichtig, richtig und notwendig erscheinen zu lassen. Und zur Tarnung werden positiv wirken sollende emotional eingängige Kurz-Botschaften genutzt.


So wurde beispielsweise die Äußerung von Politikern, dass die Asyl-Suchenden als Arbeitskräfte wichtig für Deutschland seien, von den Medien ohne eine Überprüfung der Fakten aufgegriffen und immer erneut wiederholt, so dass die meisten Menschen irgendwann meinten, dass es so sei. Die nüchterne Bilanz vom Chef der Bundesagentur für Arbeit Frank-Jürgen Weise wirkt dann eher als Randnotiz: Nur 10 – 15% der Flüchtlinge sind gut und qualifiziert, die größte Gruppe hat praktische Erfahrungen aber keine anerkannte Ausbildung und ca. 20% haben weder einen Schul- noch Ausbildungsabschluss. Damit ist für Weise klar: „Flüchtlinge sind keine Antwort auf unseren Fachkräftemangel.“ (Interview in der RP vom 24.3.2013). Hier sind die Fakten eindeutig: Die 10 – 15 % der „Qualifizierten“ müssten die eigenen Eingliederungs- und Qualifizierungs-Kosten sowie die Befähigungs- bzw. Ausbildungskosten für die dazu Bereiten ohne Schulabschluss und für die restlichen Unwilligen bzw. Unfähigen die Sozialhilfekosten zeitlebens übernehmen, vorausgesetzt diese Kosten sollen nicht zusätzlich die öffentliche Hand belasten. Das so auch nicht wirklich ein demografischen Problem zu lösen ist, dürfte klar sein.

Wir benötige eine Renaissance des dialogischen Denkansatzes, eine verantwortungsorientierte Hinwendung zum gesellschaftlich Wichtigen

Als der weltbekannte Kommunikationsforscher Paul Watzlawick im Jahre 1976 sein berühmt gewordenes Buch: Wie wirklich ist die Wirklichkeit – Wahn, Täuschung, Verstehen in Deutschland veröffentlichte, ging es um ein Lehrbuch zum Konstruktivismus in der Psychologie. Hätte er gewusst, in welcher Intensität heute im Rahmen post-faktischer Diskussionen die Realitäten außer Kraft zu setzen versucht werden, hätte er sicher dazu ein Buch - jenseits psychologischer Deutungen – verfasst, wie sich durch ein Ignorieren oder Leugnen von Fakten eine Gesellschaft selbst abschafft. Daher ist eine grundlegende Umorientierung zwingend not-wendig, um sich nicht bald – mit Volldampf und Fun – ins Aus zu setzen, so wie die Titanic als sicherster Dampfer seiner Zeit, weil der Käpten die Eisberg-Warnung ignorierte, voll auf Kurs blieb und mit grandiosem Eventprogramm und toller Bordmusik voll in den Untergang schipperte.

Fakten außer Kraft setzen zu wollen, führt immer in kleine oder große Katastrophen. Um diese zu vermeiden, achten verantwortungsbewusste Unternehmen akribisch darauf, dass Produktionsabläufe, Kostenvorgaben, Zeitpläne, Reklamationsvorgänge und das Verhältnis von Umsatz und Gewinn im Blick gehalten werden, um nicht unverhofft-plötzlich in einen Konkurs zu geraten. Aber dazu sind Können, Selbstdisziplin, Denkfähigkeit, Geschicklichkeit, Frustrations-Toleranz, Konflikt-Management, soziale Kompetenz die Fähigkeit zum Dialog notwenig. Solche Persönlichkeits-Merkmale scheinen jedoch immer mehr Mangelware zu werden. So müssten sich alle gesellschaftlichen Kräfte darauf besinnen, was dem Gemeinwesen gut tut. Eine Folge ist, sich dann auch kraftvoll jener Mischung aus Egoismus und Selbstdarstellungs-Ambitionen entgegen zustellen. Das erfordert Achtsamkeit, Reflexionsfähigkeit, Selbstkritik und Veränderungsbereitschaft. Aber der Theologe Karl Rahner sagte einmal: „Das ‚In-Sich-Gehen’ ist die schwierigste Art der Fortbewegung.“

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