Kolumne

Illuminationen: Der Krieg beginnt im Kopf

15.04.2018 - Tariq Hübsch

Unser Kolumnist Tariq Hübsch macht sich Sorgen über die internationale Poltik und denkt darüber nach, wie künftige Generationen auf die Ursachen eines dritten Weltkrieges blicken werden. Dabei wird es nicht um Einzelakteure, sondern um systematische Fehler gehen müssen.

Wenn der letzte Bombenhagel auf New York, Berlin oder Moskau niedergefallen ist und die ach so zivilisierte Welt wieder in Schutt und Asche liegt, dann werden sie wieder kommen, die großen Analysen, die erklären, wie es zu diesem erneuten Weltenbrand kommen konnte. Das war auch schon nach dem Zweiten Weltkrieg so. Man konnte es nicht fassen, dass es in einem Zeitalter der Aufklärung, Demokratie, Freiheit und Wissenschaft tatsächlich zum Holocaust kommen konnte. Zur Wannseekonferenz, wo fünfzehn eiskalte Nazi-Bürokraten die Endlösung der Judenfrage diskutierten, wo sie nüchtern analysierten, wie man am effektivsten mehrere Millionen Juden in den Osten deportieren und vernichten könne. Für viele war einfach Hitler Schuld. Er habe die Massen verführt, dieser dunkle Tyrann, Agitator, Meister der Propaganda, Autokrat, Diktator, Irrer. Das macht der Mensch gerne: Er projiziert das Böse auf eine einzelne Person, personifiziert es, entlädt den Wahnsinn auf dieses eine Gesicht, um nicht zu erschrecken, wenn er den Wahnsinn in seinem eigenen Spiegelbild entdeckt.

Genauso werden wir es wieder machen. Wir sagen dann einfach, das hat angefangen mit diesem narzisstischen Irren mit der schlechten Frisur. Twitter-Trump, statt Adolf Hitler. Irritierende orange-blonde Mähne, statt verkürzter schwarzer Schnauzer. Das Böse kriegt ein Gesicht und wirklich einzigartige Merkmale, denn man soll es ja wiedererkennen, das Böse, wenn es einem über die Straße läuft. Da kann man dann schnell die Straßenseite wechseln und ist wieder in Sicherheit.

Damals waren es Hitler, Mussolini, Stalin. Heute sind es eben Trump, Putin, Assad oder auch Erdogan. Immer illustre Männerrunden, sozusagen die Liga der verrückten Gentleman, üble Superschurken, so wie die Bösewichter aus Hollywood. Denn von dort haben wir ja gelernt, dass der Kampf zwischen Gut und Böse immer von einzelnen Menschen ausgetragen wird. Batman gegen Pinguin. James Bond gegen Dr. No. Die Kulturindustrie hat uns schon wirklich gut dressiert. Wenn wir uns mit Popcorn und Cola behaglich einrichten, um diesen apokalyptischen Duellen beizuwohnen, da sorgen diese millionenschweren, sorgsam ausgetüftelten Blockbuster schon dafür, dass wir das Gefühl haben, wir seien auf der richtigen Seite. Wir sind dann nicht für das Böse, sondern für das Gute. Das verschafft uns ein gutes Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, und das wissen sie auch, diese großen Leinwandzauberer, diese virtuosen Gefühlsmanipulatoren.
Hollywoods größte Kraft liegt darin, dass es uns zeigt, was gut ist. Eine Inszenierung des Positiven im Angesicht des Schrecklichen, dass dann mit allen Mitteln vernichtet werden kann. Auch wenn man dann manch eine moralische Grenze überschreiten muss. Wenn man nur ganz sicher ist, das Richtige zu tun, tut man auch Dinge, die ganz sicher nicht richtig sind. Genauso war es auch bei den Nazis. Es war nicht die blinde Vernichtungswut, die zum Völkermord an die Juden führte. Es war die Kraft des Guten. Denn wenn die Propagandamaschine uns nur oft genug eintrichtert, dass man es für eine gute Sache macht, da ist man eben irgendwann auch bereit,  Millionen von Menschen zu vernichten.

Wenn wir uns dann also fragen, wie es soweit kommen konnte, da sollten wir die Schuld nicht bei den Superschurken suchen. Wir sollten uns lieber fragen, an was wir alle gemeinsam geglaubt haben, als wir zugelassen haben, dass die Allianz des Westens in ihrer Machtgier einen Vernichtungskrieg nach dem nächsten über die islamische Welt flog. Und dann werden wir uns daran erinnern, dass wir an die Demokratie glaubten und an die Freiheit und daran, wie wir diese gegen den Islam verteidigen mussten. Wie wir Kopftücher verbieten wollten und die Burka und wie wir darüber diskutierten, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht. Wir werden uns an Campino erinnern, der klar gemacht hat, was unsere Werte sind. Und wir werden uns an die AfD erinnern. Wir werden uns daran erinnern, auf welch hohem moralischen Ross wir ritten, wir, die Guten, wir, die wir für Demokratie und Freiheit waren und gegen den Islam, gegen Russland. Und hoffentlich werden wir dann verstehen, wie sie uns mit diesen Werten manipulierten. Wie sie uns gefügig machten, zu Zuschauern degradierten, die man mit Popcorn, mit Zucker vollstopfte, wohl wissentlich, dass wir daran erkranken würden. Und hoffentlich werden wir dann verstehen, dass diese Krankheit uns nur lähmen sollte, damit wir einen Weltkrieg zulassen sollten. Den werden wir dann den dritten nennen, dem wir auch nicht entkommen konnten, als wir auf diesem hohen Ross saßen. 

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