Kolumne

Illuminationen: Everything Now!

15.10.2017 - Tariq Hübsch

Das mit dem Urlaub ist eine schwierige Sache, wenn man entspannen will. Und wenn man Kinder hat, wird es zu einem Ding der Unmöglichkeit, will man sich einen Rest Distinktion bewahren und nicht in der All-Inclusive-Pauschalurlaub-Tourismus-Hölle schmoren. Wir dachten, wir hätten die Quadratur des Kreises vollbracht, als wir uns in ein Luxus-Ressort in der Toskana einbuchten. Die Bedingungen waren fantastisch. Auf einer Anhöhe gelegen, mit atemberaubendem Blick auf die wunderschöne Toskana, erwartete uns, einem Tross von zehn Erwachsenen und acht Kindern, ein Anwesen, das keine Wünsche übrig ließ. Es beherbergte eine Villa und drei angegliederte Appartements. Ein Swimming-Pool, eine Sauna, ein Fitness-Raum, das mit Laufbändern bestückt war, auf denen man über einen riesigen Touchscreen Netflix schauen konnte, ein Heimkino, ein Billard-Tisch, einen riesengroßen Garten mit Grill und dutzenden Plätzen, die zum Relaxen einluden. Vor der Villa standen zehn Mountainbikes, mit denen man die hügeligen Schotterpisten der Umgebung abstrampeln konnte, und zu guter Letzt stand nur einen Steinwurf entfernt eine Tennisanlage für uns bereit, die wir nachts unter Flutlicht bespielten. Es konnte kaum bessere Bedingungen geben, um den Urlaub tatsächlich dafür zu nutzen, für was er gedacht ist: Abschalten, Seele baumeln lassen, Relaxen, ja, die innere Mitte finden, um gewappnet und gestählt zu sein für die Selbstverwirklichung in der Großstadt, was ja auch nur ein Euphemismus ist für den Sozialdarwinismus im Raubtierkapitalismus. 

Doch natürlich kam es anders. Wir waren zwar geflüchtet vor den rotangelaufenen, von Spot zu Spot hechelnden Großstadttouristen, die, das Haupt sklavisch vor Google-Maps gebeugt, mit glasigen Augen und schwitzend und keuchend dem Gott der Selbstverwirklichung huldigen und nur dann Erlösung finden, wenn sie ihre Urlaubs-To-Do-Listen abgelaufen haben (Wahnsinn!). Doch vor dem Gott der Selbstverwirklichung konnten auch wir nicht flüchten. Er hatte uns fest im Griff. Wie unter Hypnose, mit glasigen Augen und schwitzend und keuchend, pressten wir das Maximale aus dem Tag. Morgens um 7 ging es mit den Bikes auf die Piste, um 8 auf den Tennisplatz, um halb 10 Cardio mit einer Politserie, um 11 gab es ein Low-Carb-Frühstück, nach einer kurzen Siesta (ich weiß, das macht man in Spanien!) ging es mit den acht Balgen in den Pool, und nach einem Abendessen, das natürlich im besten Restaurant in einem der pittoresken Dörfer der Umgebung über drei Gänge und Kindergeschrei und Terror und Gezeter „zelebriert“ werden musste, musste unbedingt noch der Salon genutzt werden. Schließlich bietet es sich nicht immer, den Tag mit Billard und Heimkino auszuklingen zu lassen. Kurzum, Stress pur. Das erinnerte mich an die letzte Platte der Lifestyle-Analysten von Arcade-Fire. Ja, wir hatten alles jetzt, „Everything now!“, es war der reinste Horror, dieser Zwang zur Selbstverwirklichung.

Nach einigen Tagen dann hat sich der Tennisplatz zum allseits favorisierten Vergnügungsort herauskristallisiert. Keiner konnte so richtig spielen, doch trotzdem hatten alle einen Heidenspaß. Um zum Court zu kommen, musste man durch ein Tor, das man durch eine Fernbedienung öffnete. Wir kamen ganz in weiß. Tagsüber bekamen wir Besuch. Direkt neben unserem perfekt getrimmten Rasenplatz machten sich Bauarbeiter an irgendwelche Arbeiten zu schaffen. Sie kamen in orange. Einmal kam es fast zu einem Gespräch. Doch ich konnte kein italienisch und sie kein Englisch. Ich glaube, wir blieben die nächsten Tage deswegen meistens auf dem Tennisplatz. Wenn es unübersichtlich wird, wenn der Zwang zur Selbstverwirklichung zu glasigen Augen, zum Keuchen und Schwitzen führt, dann tut so eine klare Hierarchie ganz gut. Übrigens verstehe ich seitdem, warum immer mehr Deutsche die AfD wählen.

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