Eine Frage des MILIEUs

"Ist Angst eine Entscheidung?"

15.09.2016 - Romanus Benda

„Wir schaffen das.“ Wir alle kennen den Ausspruch unserer Bundeskanzlerin, Frau Angela Merkel, der uns nun schon seit gut einem Jahr begleitet. Warum wurde diese Aussage getroffen? Brauchen wir Motivation? Geht es uns schlecht? Brauchen wir Hoffnung, weil wir nicht weiter wissen?

Gäbe es diese Aussage überhaupt bzw. hätte sie überhaupt diese Popularität erreicht, wenn nicht primär eine - in diesem Fall kollektive - Angst dahinter steckt? Eine Angst, es nicht zu schaffen? Angst, dass eine Veränderung ansteht, deren Ausmaße wir nicht absehen können? Angst, dass unser Handeln schwerwiegende Folgen nach sich ziehen oder eine Zukunft mit unvorhersehbaren Notwendigkeiten mit sich bringen könnte? Wir entscheiden!

Was sagt der Duden zur Angst ? : „In der Fachsprache der Psychologie und Philosophie wird im Allgemeinen zwischen Furcht als objektbezogen und Angst als unbegründet, nicht objektbezogen differenziert.“

Ob wir nun Zeitungen und Zeitschriften lesen oder fernsehen, täglich werden wir konfrontiert mit Themen wie Flüchtlingsdebatte, Altersvorsorge, Versicherungen, Terrorgefahr, Wirtschaftskrisen, Hartz-IV, Krankheiten, Medikamentenwerbung. Auf der anderen Seite aber auch mit der Darstellung von Hypes, Trends, Statussymbolen, Schönheits-OP’s usw. Würde all dies in der uns gegenwärtigen Fülle und der permanent medialen Präsenz  überhaupt existieren, wenn keine Angst vorhanden wäre?

Warum beschäftigen wir uns so oft mit diesen Themen? Inwieweit lassen wir uns davon beeinflussen? War das schon immer so oder haben wir vielleicht heutzutage mehr Angst als früher oder auch mehr zu verlieren?

Entscheiden wir uns für ein Premium-Fahrzeug,  für die vierundzwanzigste Versicherung, für einen (vermeintlich) sicheren Arbeitsplatz, für die permanente Erreichbarkeit aus Freude oder vielleicht  aus Angst? Angst, nicht mehr dazu zu gehören? Angst, was wohl die Anderen denken könnten? Angst davor, unseren Lebensstandard nicht halten zu können? Wir entscheiden!

Viele Milliarden werden mit der Angst verdient. Ganze Wirtschaftszweige leben geradezu von der Angst bzw. der Angst vor der Angst. Angst wird auch gezielt erzeugt und zur Stabilisierung von Systemen eingesetzt.

Von Prof. Dr. Gerald Hüther, einem Gehirnforscher, stammt hierzu eine interessante Ausführung. Er beschreibt, dass „seit Beginn der Menschheit hauptsächlich die besonders vorsichtigen und ängstlichen Menschen überlebten. Die Übermutigen und Sorglosen wurden gefressen …. „. Und er führt weiter aus:  „Viele Programme und Reflexe, die früher unser Überleben gesichert haben, sind im heutigen Großstadtdschungel jedoch nicht nur überflüssig, sondern verhindern häufig auch ein erfülltes Leben und mehr Lebensqualität“. Und so gesehen, sind wir – bzw. die meisten unter uns Nachkommen der besonders vorsichtigen und ängstlichen Menschen, sozusagen ein „Volk von Angsthasen“

Wir Menschen sind seit jeher auf ein soziales Miteinander ausgerichtet und haben es dadurch – vielleicht auch aufgrund der Angsthasen-Mentalität - sehr weit gebracht. Doch seit Beginn der Menschheit waren es auch die wenigen Mutigen und Sorglosen, die uns neue Wege beschreiten ließen und auch viel Neues entdeckten. Ohne diese tapferen und mutigen Ahnen wären wir heute vermutlich auch nicht da, wo wir sind.

Was passiert denn, wenn wir unsere Zukunft planen oder an ein vor uns liegendes Ereignis denken und uns dafür entscheiden, der Angst viel Raum zu schenken? In den meisten Fällen beschäftigen wir uns damit, dass mögliche Worst-Case-Zukunfts-Szenarien Wirklichkeit werden und schlimme Folgen für unser Wohlergehen nach sich ziehen könnten.   

Wir entscheiden, dass wir dies auf gar keinen Fall wollen. Wir entscheiden, dass wir zu denjenigen gehören wollen, die alle Möglichkeiten abgecheckt und alle erdenklichen Vorkehrungen getroffen haben – mit einem überlegenen Plan (dem meistens viele andere auch folgen) oder mit     Vermeidungsstrategien (die ebenfalls viele andere anwenden).  

Angst und auch mögliche damit verbundene Symptome kann und werden wir immer wieder erleben. Dann passieren unwillkürliche, unbewusste Prozesse in uns. Bei reeller Gefahr (hier sprechen wir allerdings auch korrekter Weise von Furcht anstatt von Angst – Definition sh. oben) reagieren Körper und Psyche blitzschnell – auch hier wird entschieden. Dann kann es sehr wichtig sein, dass sich mein Pulsschlag erhöht, Adrenalin ausgeschüttet wird, sich meine Muskeln anspannen und sich meine Aufmerksamkeit primär auf Flucht, Angriff oder Totstellen fixiert.

Bei den zuvor erwähnten Beispielen oder bei bevorstehenden, aufregenden Situationen, die wir uns „schwarzmalen“ und die auch mit Angstsymptomen einhergehen können (Veränderungen, Zukunftssorgen, Konflikte, Entscheidungen, Prüfungen, Auftritte …) ist aber keine reelle Gefahr vorhanden.

Und jetzt kommt das Gute: Wenn keine akute Gefahr oder Bedrohung besteht, haben wir auch immer eine Wahl.

Und es gibt viele Möglichkeiten, dass wir unsere kognitiven Fähigkeiten und unser emotionales   Erfahrungsgedächtnis nutzen können, um diesen Situationen oder Anforderungen ohne ausschließliche Fixierung auf mögliche negative Folgen zu begegnen. Je mehr wir üben damit umzugehen und unsere Wahrnehmung erweitern (z. B. in einem Coaching), desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir etwas ändern können.

Einladungen, um Angst zu bekommen oder aufgrund dieser zu handeln, lauern überall. Statt jedoch viel Energie in Worst-Case-Szenarien zu investieren, die uns wieder lähmen und zu einem Volk von … (Sie wissen schon) werden lässt, können wir auch Neugier, Mut, Vertrauen, Humor, Konzentration auf unsere Kompetenzen, aber auch Abstand und Skepsis zu wichtigen Wegbegleitern erklären.

Und was tun mit der auftretenden Angst? Sie gehört zu uns und deshalb sollten wir sie nicht vertreiben, verleugnen oder bekämpfen, sondern zu einem geschätzten Botschafter und Berater erklären, der eine bestimmte Meinung – meist sehr energisch und kraftvoll - vertritt und uns damit zum Nachdenken und Handeln anregen will. Ob ich diesen oder anderen Einladungen folgen will, bestimme aber ich. Jeden Tag und jeden Augenblick aufs Neue.

Und deshalb lade ich Sie dazu ein, Medienberichte, Sendungen, Werbungen, diesen Artikel ;-)) und Aussagen anderer Menschen aber auch Ihre eigenen Überzeugungen einmal von einer anderen - differenzierten Seite – zu betrachten. Zum Beispiel als Einladung oder Aufforderung zu einer Entscheidung, etwas Bestimmtes (nicht) zu tun. Vielleicht steckt ja hier und da primär Angst dahinter? Seien Sie neugierig! „Sie schaffen das!“

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen