Popsänger im Interview

Johannes Oerding: "Viele Leute denken nur bis zu ihrem Gartenzaun"

15.06.2017 - Ata Shakoor

Er ist einer der erfolgreichsten deutschen Sänger und Songwriter, erst kürzlich erschien sein neues Album "Kreise". DAS MILIEU sprach mit Johannes Oerding unter anderem über seine Ängste in Bezug auf den Zustand unserer Gesellschaft, wie seine Songs entstehen und was ihn als Menschen ausmacht.

DAS MILIEU: Vor dem Beginn deiner Arbeit am aktuellen Album warst du in Australien. Du mit Rucksack - ganz allein. Erzähl...

Johannes Oerding: Das ist genau das Kontrastprogramm, was ich mal brauchte nach den letzten Jahren, in denen ich sehr viel live unterwegs und auf Tour war und viele Reize um mich herum waren. In der Zeit habe ich halt permanent gearbeitet. Und um das alles zu verarbeiten und mitzubekommen, was man da eigentlich alles gemacht hat, war es wichtig eine Auszeit zu nehmen. Ich hab das immer verpasst. Nach der Schulzeit macht man ja normalerweise Backpack-Reisen. Da ich aber immer dachte, dass ich etwas verpasse, habe ich sofort losgelegt mit der Musik und dies und jenes, so dass ich dann jetzt das erste Mal auch die Zeit hatte. Und das war eine große Erfahrung, wirklich auch alleine unterwegs zu sein, da ich sonst immer Menschen um mich habe. Das war bitternötig, um auch überhaupt bestimmte Sachen zu verarbeiten.

MILIEU: Ging es bei deiner Reise darum, ein wenig Inspiration zu sammeln?

Oerding: Also, eigentlich war das nicht der Anstoß, aber es ist passiert. Ich war unterwegs und die ersten Wochen habe ich überhaupt nicht an irgendwas gedacht. An etwas Musikalisches oder sonstiges. Ich bin auch froh, dass ich kein Instrument dabei hatte, gar nichts. Aber dann in den letzten Wochen merkte ich, dass ich Gitarre spielen und Singen vermisse und deshalb fing ich dann auch in Australien an zu schreiben und zu machen und habe mich inspirieren lassen. Ich bin mit dem Fallschirm gesprungen und es gibt einen Song der heißt „Freier Fall“. Der ist dann mehr oder weniger so entstanden. Es gibt einen Song der heißt „Unser Himmel ist derselbe“. Da geht es genau um diese Situation. Ich war in Australien und am Ende der Welt ist halt jemand anderes. Das ist das was uns verbindet. Das war mein Blick in diesem Moment. Das heißt, dass die Reise wahnsinnig inspirierend war. Das ist eh so für mich in meinem Beruf so wichtig unterwegs zu sein, um überhaupt etwas mitzukriegen. Wenn ich nur zuhause rumsitzen würde, dann würde ich wahrscheinlich in drei Songs mein ganzes Leben verarbeiten. Deshalb muss man raus. Man muss unterwegs sein. Ich bin auch gerne in Hotels und treffe gerne Menschen, um einfach auch diese Inspiration zu bekommen.

MILIEU: Mich hat dein Song „Weiße Taube“ begeistert und berührt. Du skizzierst ja in diesem Song den Zustand der heutigen Gesellschaft. Verarbeitest du damit deine eigenen Ängste? Oder soll es ein Wachrütteln der Gesellschaft sein?

Oerding: Du hast schon schöne Sachen aufgezählt und es ist eigentlich eine komplette Mixtur daraus. Der Auslöser waren meine eigenen Ängste und Zweifel. Nicht zu wissen, wie man Dinge löst in einem bestimmten Moment, weil es zu komplex geworden ist. Man kann ja nicht mehr schwarz und weiß sagen oder Gut und Böse. Was ist richtig, was ist falsch? Es ist einfach alles zu komplex geworden. Eine gewisse Hilflosigkeit war auch der Auslöser, wenn ich ehrlich bin. Dann aber auch die Fragestellung „Warum gerade wir, unsere Generation? Warum die Generation unserer Eltern?“ Wir sind ja diese Hippie-Generation, die eigentlich dafür gesorgt hat, dass wir alle miteinander cool sind in Europa und dass es eben keine Spannung mehr gibt. Dass wir so tatenlos zugucken, wie der ganze Müll hier stattfindet. Jeder, der in Geschichte ein bisschen aufgepasst hat, weiß, dass nationalistische Tendenzen Protektionismus fördern und Mauern hochgezogen werden und dass das immer zu Spannung und Krieg geführt hat. Das wissen wir einfach. Und deshalb geht es mir nicht in den Kopf rein, dass die Menschen mittlerweile nach so einem Schwachsinn schreien. Das macht mich echt traurig. Wenn ich sehe, was in Frankreich eine verrückte LePen von sich gibt und man eigentlich in Hass erfüllte Augen blickt.

Ich wünsche mir natürlich, dass die Menschen ein bisschen weiter um die Ecke denken und an die Konsequenzen denken, wenn man nach etwas schreit was dann passieren kann. Ich habe das Gefühl, viele Leute denken wirklich nur bis zu ihrem eigenen Gartenzaun. Was danach dann kommt das ist ihnen egal. So funktioniert aber eine Gesellschaft nicht. So funktioniert die Welt nicht. Ich bin nicht so naiv, dass ich sage: „Es gibt eine Lösung, um diverse Themen zu bearbeiten, wie zum Beispiel das Flüchtlingsthema.“ Das ist komplex, aber das ist die Welt. Die verändert sich und wir müssen Lösungen finden. Aber es kann keine Lösung sein, Menschen absaufen zu lassen, Menschen zu erschießen, Kriege zu führen. Das klingt sehr pathetisch und plakativ, aber das war noch nie die Lösung.

Ich habe den Song mit Samy Deluxe zusammen geschrieben. Samy ist immer jemand gewesen, der es geschafft hat mit seiner Sprache, ohne mit erhobenem Zeigefinger dazustehen und politische Themen zu verarbeiten. Deshalb wollte ich den Song  unbedingt mit Samy zusammen schreiben. Es hat auch wunderbar geklappt. Der Song ist eigentlich fast wertfrei und relativ neutral. Ich stelle ja nur etwas in den Raum. Man spürt so ein bisschen meine Haltung dabei, aber ich schreibe niemanden vor, was er zu tun hat.

MILIEU: Du hast einmal in einem Interview geäußert: „Ich glaube, Musik muss gar nicht perfekt sein. Manchmal sind es gerade die handwerklich unperfekten Songs, die mich berühren.“ Könntest du ein Beispiel dazu nennen und was genau spricht dich da an? 

Oerding: Wir wissen ja zum Beispiel, dass man nicht ein großer Sänger sein muss, um Menschen zu berühren. Also, das sagt ja auch Grönemeyer selber von sich: „Ich bin ja nicht der größte Sänger.“ Trotzdem berührt er ja tausende von Menschen. Das gleiche gilt auch für Instrumente. Ich finde, das allerwichtigste ist, dass Menschen ernsthaft und glaubhaft gerade Musik machen. Und bei meiner jetzigen Platte hört man auch einen Stuhl knartzen vom Klavier und das haben wir drauf gelassen, weil das so der Moment ist.  Als Musiker ist man oft auf der Suche nach diesem magischen Moment und des einen Takes. Es gab eine Zeit in den 80ern, in der solche Sachen einfach ausradiert und maschinell gerade gezogen wurden. Und ich merke, dass ich für mich immer weiter davon weggehe und lieber eine gewisse Dynamik drin lasse. Mir fällt jetzt kein spontaner Song ein, aber da muss man sich eigentlich nur viele Singer-/Songwriter angucken. Ob es ein Damien Rice ist oder Ray LaMontagne, Bob Dylan. Die schrabbeln irgendwas auf ihrer Gitarre, man hört es knartzen, der Akkord ist nicht richtig gegriffen, aber es ist irgendwie was Geiles.

MILIEU: Welche Situationen sind es, bei denen du den Wunsch verspürst, sie in einen Songtext zu verwandelt?

Oerding: Die muss irgendwie eine Relevanz für mich haben. Wenn ich darüber nachdenke, sie mich berührt oder beeindruckt. Das merkt man ja auch, wenn man sich mit einem Thema auseinandersetzen will oder nicht. Zum Beispiel „Weiße Tauben“, das ist auf der Platte so ein Song, in dem ich mich zum ersten Mal politisch geäußert habe. Das habe ich vorher nie gemacht. Ich konnte das aber auch jetzt erst machen, weil mich das jetzt erst alles so berührt und mitnimmt. Ich bin wahnsinnig politisch geworden in den letzten zwei, drei Jahren und setze mich damit auseinander. Ich will mich nicht wiederholen in den Songs, das heißt, ich bin auch auf der Suche nach den Themen, zu denen ich vielleicht noch nichts gesagt habe.

MILIEU: Auch dadurch, dass du eine Reichweite hast, um damit Statements zu setzen.

Oerding: Ja, auch das ist meine Haltung, dass man als Künstler ein Stück weit Verantwortung übernimmt. Und wenn jemand was konstruktiv beizutragen hat, dann, finde ich, kann man das auch nutzen.

Das MILIEU: Wie würdest du dein aktuelles Album beschreiben?

Oerding: Es ist im Vergleich zum Vorgänger alles wieder ein bisschen liviger geworden. Also, ich habe viel mit der Band eingespielt. Es klingt dann alles ein bisschen bandischer. Und ich glaube der große Unterschied ist, es ist jetzt nicht besser oder schlechter als die anderen Alben oder tiefer oder persönlicher, ich glaube, dieses Album ist einfach von der Themenvielfalt her ein wenig breiter aufgestellt. Es sind Songs übers Dorf drauf, Songs über die Großstadt, über Love me tinder - analog versus digital, weiße Tauben – politisch, dann dieser Prince-Song, zieh dich aus – ein bisschen sexistisch daher lapidar gesungen. Es sind wahnsinnig viele unterschiedliche Themen drauf. Plus die klassischen Themen wie Liebe, unterwegs sein, Motivation. 

MILIEU: Du hattest es ja grad auch schon so ein bisschen erwähnt. Deine Songs sind sehr realitätsbezogen. Ist da vieles aus dem Erlebten, was du übernommen hast?

Oerding: Die meisten Songs, die ich schreibe, haben einen biographischen Hintergrund. Es gibt viele Songs, die ich so eins zu eins auch erlebt habe. Ich merke aber auch jetzt beim fünften Album, man kann nicht alles erlebt haben. Man muss sich manchmal auch in Gefühle reinversetzen, die man vielleicht bei anderen Menschen beobachtet. Wichtig ist für mich nur, dass ich das Gefühl kenne und auch die Glaubwürdigkeit habe darüber zu singen. Ich könnte wahrscheinlich nicht glaubwürdig darüber singen wie es ist vierfacher Vater zu sein, weil ich es nicht bin und nicht weiß wie es ist. Das würde mir auch keiner abkaufen. Deshalb muss ich immer irgendwie das Gefühl kennen. 

MILIEU: Brauchst du für das Schreiben deiner Songs einen bestimmten Ort oder einen ruhigen Raum? 

Oerding: (Lacht) Überall. Es ist tatsächlich so, dass ich kein Konzept oder System habe, wo und wann ich schreibe. Mir fallen die Sachen im alltäglichen Leben ein. Wenn ich zum Beispiel ein Buch lese und über einen bestimmten Satz stolpere, dann denke ich mir: „Oh cooler Satz!“ oder „Geiles Thema!“, „Das kenne ich das Gefühl.“ Dann schreibe ich das auf. Oder in Gesprächen. Manchmal schneidet man ja auch was mit, was andere Leute einem erzählen und „Love me tender“ ist auch so entstanden, dass ich eher beobachtet habe, als dass ich selber in mich reingehört habe. Und das passiert einfach so zwischendurch. Im Flugzeug habe ich auch schon einen Song geschrieben. Ich habe im Zug einen Song geschrieben. Ich bin nachts aufgestanden und habe in der Küche einen Song geschrieben. Das lasse ich mir immer offen, da gibt es kein Konzept.

MILIEU: Wie viel Zeit hat man nach der Fertigstellung eines Albums und der Planung einer Tour für sich selbst? Und was bedeutet dann, aus der Konsequenz, für dich Freiheit?

Oerding: Wir waren relativ früh dran mit der Tour. Wir hatten erst die Tour geplant und dann habe ich natürlich gesagt, dass das Album vorher raus kommen muss. Das hat einem schon einmal eine Deadline gegeben. Wenn ich aber eine Deadline habe, kann ich sehr gut arbeiten ist mir aufgefallen. Dann arbeite ich noch fokussierter darauf und es ist auch gut, wenn wir alle fokussiert an einem Strang ziehen, weil wir wissen, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt die Platte rauskommen muss. Dass alle Interviews stehen müssen und sie im Radio laufen muss. Dann macht es auch total Sinn. Ich habe die Songs natürlich schon seit Längerem fertig und höre sie im Moment gar nicht mehr. Ich habe sie im Zuge der Produktion, weil ich sie ja selber produziert habe, so oft gehört, dass ich mir jetzt eine Auszeit von meinen eigenen Songs gönne, damit ich sie auf Tour wieder mag.

MILIEU: Ist es dann schon so, dass man sich irgendwann satt hört?

Oerding: Ja. Es ist wahrscheinlich wie bei jedem Song so. Man kann sie auch satt hören und ich merke das immer, wenn mich ein Song nicht mehr gänsehautmäßig abholt, dann lass ich ihn eine zeitlang beiseite. Wenn man ihn dann nach längerer Zeit wieder hört, dann spürt man, warum man diesen Song eigentlich gemacht hat. 

MILIEU: Wenn du dich in wenigen Worten charakterisieren müsstest, welche Adjektive würdest du benutzen?

Oerding: Es ist schwer sich selbst zu beschreiben. Ich glaube, ich bin eher ein emotionaler Mensch, kein rationaler. Das äußert sich dann auch negativ in ein bisschen jähzornig. Positiv aber bin begeisterungsfähig. Ich kann mich sehr schnell für etwas entflammen und dann auch andere mitnehmen. Ich bin ein hektischer Mensch, ungeduldig. Das hat aber auch alles immer dazu beigetragen, dass alles so ist, wie es ist. Und ich bin, glaube ich, sehr loyal gegenüber meinen Menschen, meinen Leuten, meinem Team, meiner Band, meinen Musikern. Man kann sich auf mich verlassen. 

MILIEU: Wenn du einen Song über deine (in der Öffentlichkeit) unbekannten Seiten machen müsstest, was würde da alles hineingehören?

Oerding: Vielleicht würde ich noch mehr über Ängste schreiben. Da man einfach selbstbewusster geworden ist, um darüber zu schreiben, zu reden. Weil man auch weiß, dass viele andere Menschen das auch beschäftigt. Und jetzt konkret. Was würde man über mich erfahren? Dass ich wahnsinnig gerne Auto fahre. Das ist eine Sünde von mir. Ich sammle Knöllchen sehr gerne. Ich habe auch für ein halbes Jahr meinen Führerschein abgeben müssen. Musste einen Idiotentest machen und so weiter und sofort. Das ist eins meiner Laster. Das wissen nicht viele über mich.

MILIEU: Vielen Dank für das Interview, Johannes!

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