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Jürgen Todenhöfer: "Amerika ist ein schwaches Europa lieber!"

Datum: 01.06.2014 | Autor: Hamed Chaudhry

Es gibt nur wenige Krisengebiete, die er noch nicht bereist hat. Er setzt sich gegen die Propaganda von Kriegstreibern ein und wirbt für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt. Was ihn ausmacht? Er spricht immer mit beiden Seiten und er gibt den Opfern ein Gesicht. DAS MILIEU sprach mit dem ehemaligen Politiker, Medienmanager sowie Publizisten Dr. Jürgen Todenhöfer über die andauernden Konflikte in Ukraine und Syrien, über Morddrohungen gegen ihn, den Fall Wulff und Hoeneß, Islamkritik und sein unermüdliches Streben für den Frieden in der Welt.

DAS MILIEU: Sie waren erst vor kurzem auf dem Maidan in Kiew und haben aus nächster Nähe erleben können, dass sich die Ukraine ganz deutlich in einem Umbruch befindet. Aber es scheint so, als wäre sie nur ein Spielbrett für West und Ost. Worum geht es eigentlich?


Todenhöfer: Ich glaube, dass Amerika eine große Rolle spielt und ich glaube, dass Amerika ein schwaches Europa, eine schwache EU und ein geschwächtes Russland lieber ist, als eine EU die eng mit Russland zusammenarbeitet. Um diese enge Zusammenarbeit geht es eigentlich. Als die Wiedervereinigung vor der Tür stand, gab es Verhandlungen zwischen Gorbatschow, Helmut Kohl und dem amerikanischen Außenminister James Baker. Dabei haben Kohl und Baker Gorbatschow versprochen - ich zitiere ihn jetzt wörtlich - die Nato keinen Zentimeter auswärts auszudehnen. In der Zwischenzeit sind zwölf frühere Partnerstaaten des Warschauer Pakts Mitglied der Nato geworden. Die Ukraine war der nächste Kandidat. Außerdem plant Amerika vor der Nase Russlands in Polen einen großen Raketenabwehrschirm aufzubauen, der die gesamte Verteidigungs- und Abschreckungsstrategie unterlaufen würde. Irgendwann hat Putin dann offenbar beschlossen sich zu wehren und er hat damit  begonnen, als sein Verbündeter Janukowitsch gestürzt wurde. Da war wahrscheinlich der Punkt gekommen, wo er gesagt hat, ich mache das nicht mehr mit und wo er den Eindruck hatte, der Augenblick ist gekommen wo ich mich wehren muss.

Aus Sicht  Amerikas macht das alles Sinn, nämlich wenn man die Landkarte betrachtet und sich vorstellt, dass Russland und Europa eine Achse bilden würden, dass sie eng politisch und wirtschaftlich zusammenarbeiten und dass sie sich gegenseitig Sicherheitsgarantien geben würden. Dann wäre das ein ganz starkes Gegengewicht gegenüber Amerika. Amerika hätte nicht mehr diese alleinige Vorreiterrolle in der Welt. Es gäbe ein ganz starkes Gegengewicht und ich glaube, dass diese strategischen Gründe eine große Rolle in diesem Konflikt spielen.

DAS MILIEU: Schaut man sich gleichzeitig Syrien an, dann beobachtet man dasselbe Muster eines Konfliktes: Die Menschen gehen auf die Straßen, ausländische Mächte mischen sich ein, es kommt zum Gewaltausbruch und es sterben Menschen.
Sie waren ja in beiden Krisengebieten. Welche Parallelen haben Sie da entdecken können?


Todenhöfer: Ich hoffe, dass die Ukraine nicht das erlebt, was Syrien erleben musste. Syrien ist eine Tragödie. Es gab die berechtigten Aufstände, demokratische Aufstände am Anfang, hinter denen nicht die Mehrheit der Bevölkerung stand. Das schreibt heute selbst die Süddeutsche Zeitung, aber doch standen viele junge Leute dahinter. Dieser berechtigte, demokratische Protest junger Leute ist taktisch völlig falsch und moralisch inakzeptabel niedergeschlagen worden. Aber in dem Augenblick beginnt eine zweite Phase, ausländische Mächte mischen sich ein, Saudi Arabien und Katar liefern Waffen und sie liefern sie nicht an die demokratischen Idealisten, sondern sie liefern sie an radikale Kräfte. Diese radikalen Kräften haben inzwischen die demokratischen Demonstranten an die Seite geschoben und inzwischen findet ein Krieg statt zwischen dem Regime, zwischen der Assad Regierung und extremistischen Kräften. Auch Al Kaida spielt da eine ganz starke Rolle, die im Grunde die nützlichen Idioten Saudi Arabiens und der USA sind. Wenn ich jetzt ganz ausführlich werden sollte, müsste ich sagen, dass es im Kern gar nicht um Syrien geht. Es geht Saudi Arabien und den USA darum, den Bündnispartner Irans - Syrien - zu schwächen. Den Amerikanern ist der Iran zu stark geworden, durch den törichten Krieg gegen Saddam Hussein. Da hat man das Gegengewicht gegen den Iran weggeräumt und jetzt versucht man den engsten und den wichtigsten Partner des Irans aus dem Weg zu räumen. Das ist Assad und das ist eine völlig falsche Politik, weil wir die Extremisten stärken und eine Regierung Assads schwächen, die ich nicht für eine Idealregierung ansehe, aber mit der man, glaube ich, verhandeln müsste. Aus meinen vielen Gesprächen, die ich mit ihm hatte, wäre der Mann bereit, große Zugeständnisse an die Bevölkerungsgruppen, die bisher in Syrien benachteiligt sind, z.B. sunitischen Bevölkerungsgruppen, zu machen. Man hat überhaupt nicht versucht, mit Assad zu verhandeln. Ich habe eine ganze Reihe von Gesprächen mit der amerikanischen Regierung geführt. Ich habe gesagt, Assad wäre bereit mit Ihnen zu verhandeln. Ich habe auch die Punkte genannt, die Assad als Zugeständnisse machen würde und die Amerikaner haben gesagt, nein, mit dem reden wir nicht und das ist immer falsch. Willy Brandt in Deutschland hat mit dem Führer des Sowjetischen Reiches Breschnew verhandelt. Man muss mit seinen Feinden verhandeln, wenn man Frieden erreichen will. Das machen die Amerikaner nicht und ich halte dies für einen großen Fehler. Mit Al-Kaida werden wir keine Lösung in Syrien finden, mit Assad hätten wir eine Chance dazu gehabt. Vielleicht wird der Westen gezwungen sein, diesen Weg noch zu gehen, nach drei oder vier Jahren Krieg.

DAS MILIEU: Wenn man sich nur durch die Mainstream-Medien informiert, dann hat man doch  bei Syrien das Gefühl, dass der Krieg dort vorbei wäre. Wieso ist das so? Warum bekommen die Menschen dort keine Aufmerksamkeit mehr?

Todenhöfer: Ich telefoniere ganz häufig mit Syrien. Ich habe auch gestern ein sehr langes Gespräch geführt und ich spreche meistens mit Mitgliedern der Opposition. Diese Menschen sind einfach nur noch verzweifelt, weil die Welt sich nicht mehr um Syrien kümmert, weil die Welt diesen demokratischen Aufstand im arabischen Frühling, der junge Syrer unterstützt, hatte und jetzt hat der Westen festgestellt: Das sind ja überwiegend Al-Kaida Kämpfer und die wollen auch keine Demokratie, die wollen das, was sie unter einem 'islamischen' Emirat oder Kalifat verstehen, das war ja was ganz anderes. Das was sie wollen, ist eine Diktatur der Fanatiker und damit will der Westen nichts mehr zu tun haben. Man hat sich geirrt und jetzt will man mit Al-Kaida nichts zu tun haben und auch nicht mit Assad. Doch dieses Volk schreit um Hilfe, dieses Volk braucht Hilfe und es gibt so viele Wege diesem Volk zu helfen. Das eine sind Verhandlungen, dass heißt, der Westen müsste auch mit der syrischen Regierung verhandeln und das andere ist, es wird ja immer gesagt wir müssten intervenieren, da sage ich ja, aber nicht mit Bomben. Man kann z.B. humanitäre Hilfe dorthin bringen. Wann bringt welche Regierung humanitäre Hilfe nach Syrien? Man könnte diese humanitäre Hilfe sogar abwerfen, das hat man alles gemacht. Man könnte eine Luftbrücke bilden, wird alles nicht einmal diskutiert. Humanitäre Interventionen heißt für westliche Politiker inzwischen Bomben abwerfen, aber es gibt keine humanitären Bomben.

DAS MILIEU: Kommen wir zur Rolle Deutschlands! Bundespräsident Gauck fordert auf, mehr Verantwortung in der Außenpolitik zu übernehmen. Was halten Sie davon?

Todenhöfer: Das finde ich gut! Wir müssen Verantwortung übernehmen. Deutschland ist inzwischen das beliebteste Land der Welt, das war Deutschland noch nie, ist es aber nach Umfragen der BBC inzwischen mit Abstand. Deutschland ist wirtschaftlich das stärkste Land Europas, also hat Deutschland als das stärkste und beliebteste eine Verantwortung. Wie kann man der Verantwortung gerecht werden?

Die Geschichte hat gezeigt, dass Kriege immer ins Unglück geführt haben, aber wir könnten es als ehrlicher Makler versuchen, als jemand, der versucht, friedliche Lösungen herbeizuführen und ich gelte als Kritiker dieser Regierung. Ich habe die Regierung schon häufig kritisiert, z.B. im Afghanistankrieg. Aber ich muss sagen, dass sie in der Ukraine-Krise die bisher klügste Haltung einnimmt. Sie versucht den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen, sie versucht mit Konferenzen eine Lösung zu finden und das finde ich positiv. Der amerikanische US-Senator McCain, der bekannt dafür ist, dass er Kriege liebt, hat gesagt, die deutsche Haltung sei peinlich und sie sei eine Schande. Ich rate der Bundeskanzlerin und dem Außenminister, dass sie das als eine Auszeichnung annehmen. Das ist gut, wenn man so von McCain kritisiert wird.

Ich glaube, die deutsche Regierung macht in der Ukraine einen guten Job und was sie jetzt machen müsste, wäre, einen Friedensplan vorzulegen und dieser Friedensplan könnte aus 3 Punkten bestehen:
1. Die Nato verzichtet auf eine weitere Ausweitung in Osteuropa und wir verzichten auf den Raketenabwehrschirm.
2. Russland erkennt und bekräftigt die Unantastbarkeit aller Grenzen in Osteuropa einschließlich der Ukraine.
3. Und da komme ich zurück auf den ersten Punkt, wir Europäer sollten mit Russland einen großen Freihandelsraum gründen, von dem beide Seiten wirtschaftlich kräftig profitieren würden. Russland, Westeuropa und wir sollten uns gegenseitig Sicherheitsgarantien geben.

Alle Politiker, die Russland in Europa unterschätzt haben, also Napoleon, die Nachfolger von Bismarck, die dann im 1. Weltkrieg gelandet sind und Hitler, der den 2. Weltkrieg vom Zaun gebrochen hat – sind gescheitert. Russland sollte man nicht unterschätzen. Russland sollte man nicht als Gegner haben, sondern als Freund und Partner.

DAS MILIEU: Sie äußern ja von Zeit zu Zeit Ihre Gedanken auf Ihrer Facebook-Seite. Mir sind vier Beiträge besonders aufgefallen. Ich werde Ihnen nacheinander die Titel nennen und Sie können uns etwas darüber erzählen:
'TOD DEM TODENHÖFER!'

Todenhöfer: Ich bekomme viele Morddrohungen. Hier, an meinem Büro unten, hing schon mal ein dicker Strick mit einer großen Schlinge, wo man sich meinen Kopf darin vorstellte. Letzte Woche schrieb einer: 'Ich stech dich ab, du Dreckschwein!'. Da gibt es heftig Widerspruch. Ich sage, der erreicht gar nichts, sondern gute Argumente erreichen viel mehr. Und 'Tod dem Höfer' war eine dieser Überschriften, ich hatte glaube ich zum Palästina-Konflikt Stellung genommen. Mein Sohn sammelt alle Morddrohungen, ich glaube wir sind jetzt bei 30, vielleicht auch schon bei 40.

DAS MILIEU: 'Lasst endlich Christian Wulff in Ruhe!'

Todenhöfer: Wir haben in Deutschland ein Lieblingsspiel, das ist die Vernichtung von Siegern. Je höher jemand steigt, desto größer ist das Vergnügen ihn wieder runterzubringen. Wulff hat kleine Fehler gemacht und wurde wie ein Schwerverbrecher behandelt und ich habe dann relativ früh einen Aufruf an die Politik gemacht, aber auch an die Gerichte, ihn in Ruhe zu lassen. Ich habe nie verstanden, warum die Staatsanwaltschaft diese Klage erhoben hat. Ich war selber Staatsanwalt, ich war selber Richter. Es war völlig unverantwortlich, diesen Mann ohne Prüfung der Fakten vor Gericht zu stellen, völlig unverantwortlich. Dieses Spiel wird auch bei anderen Menschen gemacht, die einen Fehler machen und wir machen alle Fehler, auch ich. Da muss man sich notfalls vor Gericht verantworten, aber man darf nicht so niedergemacht werden, wie Wulff niedergemacht wurde. Ich habe zum Beispiel einen politischen Gegner: Guttenberg, mit dem ich mich gestritten habe, weil er für den Afghanistan-Krieg war. Wie er dann vernichtet wurde, weil er bei seiner Doktorarbeit gepfuscht hat und was auch immer getan hat, war völlig übertrieben. Ich finde man darf Menschen bestrafen, aber man darf sie nicht vernichten.

DAS MILIEU: 'Hoeneß und Marwa'
 
Todenhofer: Es war auf dem Höhepunkt des Prozesses und ich finde, wenn eine Selbstanzeige nicht wirksam ist und wenn jemand Steuerhinterziehung begeht, muss er auch bestraft werden. Das ist unzweifelhaft. Aber ich wollte erzählen, wie ich Hoeneß einmal erlebt habe. Wir saßen in einem Restaurant, bei einer Clique mit einem kleinen irakischen Mädchen, das nur noch ein Bein hatte, weil bei einem Bombenangriff auf ihr Viertel in Bagdad ihre kleine Schwester getötet wurde und sie ihr Bein verlor. Ich hatte zwei Karten für ein Fußballspiel im damaligen Olympiastadion und ich habe mich bemüht eine freie Durchfahrt zu kriegen. Wenn man die nicht hat, dann muss man mindestens ein oder zwei Kilometer von den Parkplätzen laufen und das konnte das Mädchen natürlich nicht. In dem Restaurant in dem wir Mittags saßen, saß der Vorstand von Bayern München, gemeinsam mit dem Vorstand einer anderen Bundesligamannschaft. Vor den Spielen treffen die sich und ein hübsches, junges Mädchen ist dann zu Hoeneß rübergegangen und hat gefragt, ob er mir helfen könnte, dass ich eine freie Durchfahrt bekomme, damit ich das Mädchen zumindest an die Treppen heranbringen könne. Das hat er wohl nicht ganz richtig aufgefasst, weil das mitten im Gespräch mit dem Vorstand der anderen Mannschaft war. Dann hat es in ihm gearbeitet und dann war das Essen zu Ende und dann kam er zu mir an den Tisch und hat sich vorgestellt und bekam einen knallroten Kopf. Da war er ganz schüchtern, ganz verlegen und sagte, er wolle mir nur sagen, er arrangiert alles, wir kriegen eine freie Durchfahrt und er hilft auch, dass das Mädchen ins Stadion kommt. An welchen Eingang wir kommen würden, er würde sich dorthin stellen. Da hat er sich dann wirklich an den Eingang gestellt, hat halt keine Fernsehinterviews gegeben und hat gewartet, bis das kleine, einbeinige, irakische Mädchen kam und hat sie zu ihrem Platz gebracht und da war keine Presse dabei. Er konnte gar nicht wissen, dass ich diese Geschichte viele Jahre später erzählen würde. Das fand ich schön und ich glaube, wenn Hoeneß mal vor einer höheren Instanz steht, als vor dem hiesigen Gericht, wird diese höhere Instanz nicht nur sein Steuervergehen berücksichtigen, sondern auch, wie er diesem kleinen, völlig unwichtigen, irakischen Mädchen geholfen hat.

DAS MILIEU: 'Islamkritik als Geschäftsmodell'

Todenhöfer: Es gab in den 60er, 70er und auch 80er Jahren ein ganz klares Feindbild. Das war die Sowjetunion. Nicht ganz zu Unrecht. Als die Sowjetunion zusammenbrach, hat der damalige, amerikanische, oberste Befehlshaber der amerikanischen Truppen Paul gesagt, mir gehen die Schurken aus. Ich habe nur noch Fidel Castro und den nordkoreanische Diktator und dann geschah 9/11. '9/11' ist eine lange Geschichte, das ist ein Anschlag gewesen, bei dem ägyptische, saudische und jemenitische Attentäter etwas ganz Furchtbares gemacht haben. Aber diese Tat wurde so überhöht, als muslimisches Verbrechen dargestellt und plötzlich hatte die westliche Welt wieder ein Feindbild. Das Feindbild Islam! Ich habe darüber auch ein Buch geschrieben.

Dann haben einige Publizisten wie Sarrazin gemerkt, damit kann man richtig Geld verdienen. Also hat Sarrazin Angst geschürt vor den Muslimen aus der Türkei und aus den arabischen Ländern, die uns überschwemmen würden und die geistig behindert seien und alle nichts könnten außer unsere Sozialleistung in Anspruch nehmen. Es gab auch andere Literaten die es sehr ähnlich gemacht haben und es gibt einen ägyptischen Autor Hamed Abdel Samad, der das jetzt sehr ähnlich gemacht hat, mit einem Todschlagwort gegen den Islam, obwohl er selbst einmal Muslim gewesen ist und sein Vater Imam war. Er hat gesagt, Islam ist Faschismus und hat es mit einigen Passagen aus dem Koran begründet und das findet große Aufmerksamkeit. Damit können sie viel Geld verdienen, das steigert die Auflage. Ich habe halt geschrieben, er soll doch diese Theorien in einem Land vortragen, wo das schwierig ist, also z.B. in Saudi Arabien oder er könnte damit in den Iran gehen. Das ist so ähnlich, wie wenn ich nach Saudi Arabien gehen würde und als Christentum-Kritiker auftreten würde. Bekäme ich auch tosenden Beifall, weil mir die Muslime Saudi Arabiens, die Wahhabiten alle sagen würden, wir dachten auch schon immer, Christentum ist nicht so gut und da kriegt man nur Beifall und als ehemaliger Muslim, seine eigene Religion zu verraten und in Deutschland zu sagen, Islam ist Faschismus, das ist einfach unfair und das ist auch Schwachsinn. Er hat das mit einigen Passagen aus dem Koran begründet, die es in viel, viel härterer Form auch im Alten Testament gibt, weil beide großen Bücher Koran und das Alte Testament auch Schlachten bestimmter Zeiten schildern. Also die Passagen auf die er sich bezog, sind Schlachten zwischen Mekka und Medina und die Anweisungen, die der Koran dort gibt, die der Prophet von Gott und vom Erzengel Gabriel bekam, bezogen sich auf die damaligen Kampfsituationen. Derartige Passagen haben wir im Alten Testament zu dutzenden, das blutigste aller heiligen Bücher ist das Alte Testament und es ist ein poetisches, großartiges Buch. Aber es schildert auch alte Mythen und alte Schlachten und da muss man halt sagen, das sind alte Schlachten und kann nicht sagen, das Alte Testament ist faschistisch oder der Koran ist faschistisch. Der Koran ist ein großes Buch der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit. Daher habe ich das angegriffen, da hier mit Islam-Schelte Geld verdient wird.

DAS MILIEU: Man sieht, wie oft Sie unterwegs sind und wie Sie sich ständig auf unterschiedliche Weise engagieren. Können Sie auch mal ab und zu einfach zu Hause auf Ihrer Couch liegen und entspannen?

Todenhöfer: Eigentlich nicht. Wenn ich Zeit habe, dann lese ich. Das gibt mir die Möglichkeit von anderen Menschen zu lernen, die nachgedacht haben. Und wenn ich viel Zeit habe, am Samstagnachmittag, spiele ich Fußball. Das ist mein wichtigster Termin in der Woche und Nichtstun empfinde ich als Zeitverschwendung. Ich denke, wenn ich so alt werde, wie mein Vater, dann habe ich noch 30 Jahre zu leben und die will ich voll ausnutzen und dazu gehört auch reisen.

DAS MILIEU: Es ist eine sehr zentrale Frage, die in der Menschheitsgeschichte sehr relevant war: Warum existiert so viel Leid auf dieser Welt? Können Sie mir das beantworten?

Todenhöfer: Ich weiß es nicht. Das ist eine der schwierigsten Fragen. Ich habe, als meine jüngste Tochter mit 18/19 multiple Sklerose bekam, diese Frage einem sehr gläubigen Christen gestellt, der ein Freund ist und ein hohe Position in der Wirtschaft einnimmt. Ich habe ihn gefragt, wie kann Gott das akzeptieren, dass ein Mensch so viel tragen muss und da hat er gesagt: 'Auf dieser Welt gibt es keine Gerechtigkeit, aber es gibt noch eine andere Welt.' Ich glaube, dass damit viel beantwortet ist, aber ich glaube auch, dass man, auch wenn man leidet, glücklich sein kann.

Einmal habe ich den Khyber-Pass mit dem Auto überqueren wollen und das Auto war vollgepackt mit schwerbewaffneten Soldaten, weil man über den Khyber-Pass eigentlich nicht rüber kommt. Dort gibt es in der Nähe Al-Kaida und die Passagen werden häufig bombardiert und kurz vor der Grenze des Khyber-Passes, an einer der tristesten Stellen die man sich vorstellen konnte, gab es einen Stopp. Ich saß auf einem Antiminengerät und bekam also einen ganz heißen Hintern, weil dieses Antiminensuchgerät permanent versuchte, Strahlen aufzufangen, rauszukriegen, ob man auf eine Mine aufläuft. Wir wussten alle, es war eine unglaubliche Spannung. Ich habe mich umgeschaut, kein Mensch in den Autos hat gelächelt, kein Mensch auf den Straßen hat gelächelt. Dann kam mir ein Junge entgegen, der war vielleicht 12/13 Jahre alt und er trug einen etwa gleichaltrigen, gelähmten Jungen auf den Schultern und ich bin ausgestiegen und meine Sicherheitsleute sind ganz nervös geworden - wie können Sie an der Stelle aussteigen - das war in Torkham. Ich bin dann zu dem Jungen hingegangen, es war ein Übersetzer dabei und habe gesagt: 'Du lächelst, du siehst so glücklich aus, aber das ist ja schwer, wer ist denn das, den du da trägst?' Dann sagte er: 'Mein Bruder.' Ich habe ihn dann gefragt: 'Aber warum gehst du mit ihm spazieren?' Da sagte er: 'Ja, das machen wir jeden Tag eine Stunde - zwei Stunden.' Dann habe ich wieder gesagt – er hat gestrahlt und beide haben gestrahlt – ich habe gesagt: 'Das ist doch aber sehr schwer, seinen Bruder durch die Straßen zu tragen.' Und er hat gesagt: 'Aber das ist mein Bruder.' Und hat gestrahlt, gelächelt und ist weitergegangen. Er hat sein Glück, gesund zu sein, mit seinem Bruder geteilt, der krank war und beide waren glücklich, weil sie beide zusammen das Leid des einen getragen haben. Ich war da unglaublich beeindruckt.

DAS MILIEU: Sind Sie nicht manchmal frustriert, wenn Sie sehen, dass es nur sehr langsam oder gar nicht zu Veränderungen kommt?

Todenhöfer: Ja, aber das hält mich nicht auf. Frustriert bin ich häufiger. Ich habe mich in vielen Artikeln und Fernsehsendungen gegen den Irak-Krieg ausgesprochen. Meine Kinder haben mir letzte Woche einen Film gezeigt, wo ein Deutsch-Iraker mich als Agenten Saddam Husseins bezeichnet, weil ich gegen den Krieg sei, das seien alle Agenten Saddam Husseins – Kollaborateure. Dann ist der Krieg gekommen und er ist ausgegangen, wie ich es vorausgesehen habe. Ein Land ist zerbrochen, mindestens eine halbe Millionen Menschen sind gestorben und das gesamte Land lebt in einem Trauma. Das Land ist für Jahrzehnte kaputt und dann sage ich mir, warum spricht jetzt niemand über die Schuld derer, die diesen Krieg trotzdem geführt haben. Es gab doch Leute, die gesagt haben, dass es die Massenvernichtungswaffen gar nicht gibt.

Oder nehmen Sie den Afghanistankrieg. Ich habe mich erstens mit einem Brief an Bush dagegen gewährt, wegen eines Terroranschlags einen Krieg zu führen. Der Terroranschlag wurde in erster Linie von Hamburg aus gesteuert. Mohammed Ata war ein Hamburger Student, also hätte man theoretisch auch befürchten müssen, dass die Amerikaner Hamburg angreifen Sie haben Afghanistan angegriffen, weil dort Bin Laden saß. 99 % der Afghanen wussten gar nicht, dass es diesen Mann gab und als dieser Militärschlag dann stattgefunden hat, habe ich dafür plädiert, sofort mit den Taliban zu verhandeln. Die Taliban waren geschwächt, sie waren vorher schon geschwächt. Das Volk war unzufrieden, weil sie außer Sicherheit im Land nichts hingekriegt haben. Ich habe gesagt, jetzt müsst ihr die Taliban in die Verhandlungen auf dem Petersbergin der Nähe von Bonn, mit einbeziehen. Man hat gesagt, mit diesen Verbrechern spricht man nicht. Jetzt hat man zwölf Jahre Krieg, über 100.000 Menschen sind tot, viele tausende, westliche Soldaten gestorben, Menschen sind zerbrochen, Familien sind zerbrochen. Ich war in vielen Familien, deren Angehörige getötet wurden, ich habe zwei Waisenhäuser in Afghanistan gebaut und jetzt versucht man, mit den Taliban zu verhandeln, nach zwölf Jahren Krieg und man hat nichts erreicht. Das frustriert natürlich!

Als es in Syrien losging, habe ich verzweifelt den Amerikanern gesagt, verhandelt mit Assad, der ist bereit, Lösungen zu akzeptieren und ihr müsst natürlich auch mit den Saudis verhandeln, damit die Waffenlieferungen aufhören. Wenn ihr das tut, dann habt ihr eine starke Position, um auch bei Assad große Zugeständnisse durchzusetzen. Sie haben nicht verhandelt. Sie werden irgendwann, wenn er nicht vorher umgebracht wird, mit ihm oder mit seinem Nachfolger verhandeln müssen und dann sind wieder viele Jahre vorbei. Viele Jahre in denen Menschen sterben. Ich habe das in meinem letzten Buch geschrieben. Wenn alle Zuschauer es kaufen würden, wäre es herrlich. Es heißt: 'Du sollst nicht töten!' Es wäre deswegen herrlich, weil ich das gesamte Honorar dieses Buches für syrische Kinder ausgebe, die nur einen Traum haben: Eine Arm- oder Beinprothese zu bekommen. Kinder zwischen vier und 14 Jahren, die nur einen Traum haben, wieder laufen zu können oder etwas anfassen zu können, mit Hilfe einer Prothese. Und wir werden am Ende ungefähr 50 Kindern eine solche Prothese beschaffen und wenn noch mehr Menschen dieses Buch, in dem ich alle meine Erlebnisse erzähle, kaufen, werden es vielleicht 100 Kinder sein, die mit einer Prothese laufen können. Wenn ich mir überlege, dass mein einziges Ziel in Syrien jetzt darin besteht Kindern Prothesen zu beschaffen, die von Regime-Soldaten oder Rebellen schwerverletzt wurden. Es interessiert mich gar nicht, wer sie verletzt hat, ich weiß nur, dass es hunderte, tausende von schwerverletzten Kindern gibt. Dass es dahin kommen musste, das macht mich unendlich traurig und frustriert mich auch.

DAS MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Todenhöfer!

 

 

 

 

 

Das Interview führte Hamed Chaudhry am 05. Mai 2014 für die Sendung "Mein Vorbild".

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