Rezension

Kometenjahre

15.11.2017 - Dr. Burkhard Luber

“Versunken ist das alte Eden/ Das gilt für Dich, für mich, für jeden./ Wir müssen uns dazu bequemen/ Von neuem die Schaufel zur Hand zu nehmen/ Von neuem den Rasen aufzustechen/ Von neuem die Erde umzubrechen./ Von neuem zu säen und Wege zu treten/ Von neuem das Unkraut auszujäten./ Nur so, aus unserer Aller Schweiß/ Erwächst ein neues Paradies” (aus dem Simplicissimus, 24.November 1918 / im Buch auf Seite 87 zitiert)

Daniel Schönpflug bringt uns das europäische Schicksalsjahr 1918 in einem schönen historischen Panoptikum nahe. Abwechselnd lässt er unter anderem die Politiker Matthias Erzberger, Ferdinand Foch, Harry S. Truman und Rudolf Höß, den indischen Freiheitskämpfer Gandhi, die KünstlerInnen Walter Gropius, Käthe Kollwitz, Arnold Schönberg, Virginia Woolf, den deutschen Kronprinzen Wilhelm von Preußen, Ho Chi Minh, Lawrence von Arabien auftreten. In geschicktem flüssigem Stil verbindet Schönpflug, Professor für Geschichte an der Freien Universität Berlin, die historischen Ereignisse des zu Ende gehenden Ersten Weltkriegs und die Anspannungen der neuen deutschen Demokratie mit den Einzelschicksalen dieser Personen und macht uns darauf aufmerksam, welch unterschiedliche Arten des Lebenswandels alle simultan um dieses Jahr 1918 kreisen.

Selbst historisch mehr versierte LeserInnen werden hier bei der Lektüre sicher öfters “unglaublich” oder “das hätte ich nicht gedacht” sagen. Schönpflug scheut sich dabei nicht, den historischen Stoff mit gewisser Freiheit zu präsentieren: “Auf keinen Fall sollte man dieses Buch als objektive Darstellung historischer Tatsachen missverstehen, sondern es vielmehr als Kollage von Zeugnissen dafür lesen, wie eine vielfältige Gruppe von Akteuren die Jahre um 1918 erlebt, erinnert, präsentiert, gedeutet und aus ihrer ganz persönlichen Warte beschrieben haben.” (Seite 309). Mit dem Bezug seines Buches auf die Himmelskonstellation eines Kometen (Titel eines von Paul Klee 1918 angefertigten Gemäldes, das auch im Buch abgedruckt ist) will Schönpflug verdeutlichen, dass jede Explosion zwar etwas Zerstörerisches in sich trägt, aber auch die Perspektive für Neues, Hoffnungsvolles mit sich bringt. Allerdings steht der Komet des Jahres 1918 auch für die Ernüchterung, wie die damaligen Nachkriegs-Träume von einer neuen friedlicheren Welt schon bald wieder verglühten und sich in rauchende Trümmer verwandelt haben. So fängt Schönpflug mit seinen ProtagonistInnen die Ambivalenz dieser Zeit zwischen Enthusiasmus und Enttäuschung gut ein. Sein Welttheater setzt, wie könnte es anders sein, mit den Grausamkeiten des letzten Kriegsjahres ein und präsentiert uns die militärische Kapitulation Deutschlands und die dann dort einsetzende Anarchie, bevor sich der Blick in die Zukunft weitet. 1918 - das ist in der Formulierung Schönpflugs das Jahr, in dem Millionen Menschen feierten, innehielten, trauerten oder Rache schworen. In diesem Jahr gab es viele Visionen, Träume und Sehnsüchte, die die Menschen beflügelten aber auch entzweiten. So führte die Nachkriegszeit keineswegs gradlinig in eine Periode des Friedens, sondern es begann ein erbittertes Ringen um die bessere Zukunft, das in erneuter Gewalt endete.

Die Schicksale dieser von Schönpflug inszenierten historischen Theateraufführung werden durchweg überzeugend konkret und farbig geschildert; der Leser kann sich mit den wechselvollen Biographien gut identifizieren. Allerdings muss er bei der Lektüre sehr wach und aufmerksam bleiben, denn der Autor liebt den schnellen “filmischen” Schnitt: Eben erst waren wir noch im Dreck und Tod der Schützengräben an der Westfront, dann sollen wir uns in die dichterischen Phantasien von Virginia Woolf hineinversetzen und gleich geht's weiter zur abenteuerlichen Zugfahrt einer Kosakin ins gerade bolschewistisch gewordene Russland. Langeweile kommt also bei Schönpflugs Erzählstil bestimmt nicht auf, eher vielleicht mitunter Atemnot und Verwirrung bei so vielen Details und so schnell wechselnden Schauplätzen der Charaktere. Aber um der Spannung willen lohnt es sich, mit dem Autor rasch lokal hierhin und dorthin und chronologisch nach vorne und wieder zurück zu springen: an die Frontlinien zwischen Deutschland und Frankreich, ins revolutionäre Berlin, in den Nahen Osten wo Frankreich und Großbritannien Syrien unter sich aufteilen, zu den heimkehrenden GIs in New York, an die mehr beschaulichen Wirkstätten von Dichtern, Architekten und Malern, dann wieder weit nach Osten ins neue Sowjetreich und zum aufständischen Indien, wobei Schönpflug immer unterhaltsam zwischen Reflexionen und Aktionen der Akteure wechselt. So werden wir mit dem aufkommenden Dadaismus konfrontiert und blicken voll Mitleid mit dem sich in der Emigration dahinschleppenden ehemaligen Kronprinz von Preußen.

Wer einen Mix von Krimi und farbigem hundertjährigem Geschichtsrückblick mag und Historie lieber als Porträtgallerie von Personen statt Monographien auf sich wirken lassen will, sollte unbedingt zu diesem aufregenden Buch greifen.



Daniel Schönpflug: Kometenjahre. 1918: Die Welt im Aufbruch. S. Fischer Verlag. 1917. 319 Seiten. 20 Euro


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