Gedicht

Le Mont Saint Michel

15.05.2017 - Wulf Zimmermann

Sehend sind wir blind geworden,


Die Stunde unseres Falles naht.


Das Wasser kommt, die Flut kommt näher.


Es hellt grün hier und dunkelt dort.

 


Aber du ziehst einmal noch das Schwert,


Stürzt golden auf uns mit Gesang,


Abendrot und Morgenröte,

 

Aufstieg wird dein Untergang.

 

 

Einen Monat auf dem Mont Saint Michel. Im Kloster der Monastischen Gemeinschaften von Jerusalem. Täglich zehntausende Besucher, die ihre Smartphones vor sich hertragen wie einen Filter. Täglich drei Gebetszeiten in der Abtei. Vierstimmiger Gesang trägt mich durch die Wochen. Abends stehe ich oft auf der Zinne und rauche. Frankreich im Ausnahmezustand. Es patrouillieren schwer bewaffnete Soldaten über den Felsen wie im Kriegseinsatz. Der Ferienmonat August feiert an seinem 15. Tag die Aufnahme Mariens in den Himmel. Am Abend färbt der Himmel über der Bucht sich blau-violett. Die Sterne und der Sichelmond gleichen Neonlichtern. Schließlich sinkt doch alles in die Dunkelheit. Wenn eine Nacht die Mutter Gottes in den Himmel tragen konnte, dann eine wie diese. Der Erzengel Michael wacht als goldene Figur auf dem Turm über das Geschehen: Es ist uns gestattet zu glauben.

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