Ehe und Familie

Mal aufs Abstellgleis geschoben – dann begehrlich in den Fokus gerückt!

15.07.2015 - Dr. Albert Wunsch

„Ich habe mich selbst geheiratet“, so eine britische Fotografin. Sie setzte damit das in die Tat um, was Carrie in der US-TV-Serie Sex and the City vorgegeben hatte, um auch endlich mal Geschenke von ihren verheirateten Pärchen zurückzubekommen. Grace Gelder hat den Vorgang aber real vor einer Parkbank vollzogen und somit Carries Fake-Vorhaben in die Tat umgesetzt.

Vor fünfzig Hochzeitsgästen hat sie ihr Ja-Wort gegeben. Und zwar sich selbst. Die Zeremonie wurde mit dem Kuss eines Spiegels besiegelt. Die Zukunft wird vielfältig. Ob ein Mann und vier Frauen, eine Frau und drei Männer, zwei Schwule oder drei Lesben sich verbinden – der Slogan: „Ehe für alle“ wird viel „Freibier für alle“ auslösen.

„Wir fühlen uns in unserer Familie mit Wolfgang und Isolde wohl. Täglich gehen wir mit den beiden mindestens zweimal Gassi. Das Wochenende verbringen wir mit unseren Hunde-Freunden als Großfamilie. Wir haben auch schon eine Grabstätte gekauft, wo wir dann gemeinsam unsere letzte Ruhe finden.“ Auch wenn wir nicht auf den Hund gekommen sind, das Verständnis von dem, was als Keimzelle der Gesellschaft betrachtet wird, ist recht schillernd.

Ehe und Familie sind wieder im Gespräch. Das ist gut und verwunderlich zugleich. Denn im politisch und medial inszenierten Mainstream weht Ehe und Familie oft ein eisiger Wind entgegen, werden die Voraussetzungen für ein gut lebbares Miteinander von Eltern mit ihren Kindern stark behindert, manchmal auch bekämpft. Andererseits ist zu beobachten, dass sich unterschiedlichste Interessengruppen oder Lebensformen gerne als Familie bezeichnen, wenn es dem eigenen Vorteil dient. Nun steht sogar die Forderung nach einer „Ehe für alle“ im Raum. Dabei scheint es auch um die stille Sehnsucht nach Heimat und dem kleinen Fleck einer heilen Welt zu gehen. Aber bei allem Hin und Her unterschiedlichster Interessen ist die Vergegenwärtigung wichtig: „Ehe und Familie“ – so fordert es das Grundgesetz – „steht unter dem besonderen Schutz des Staates.“

Kinder stiften Sinn, machen Arbeit und bringen etliche Veränderungen in den Alltag.

Eine neue – und von den meisten Paaren auch bewusst herbeigeführte –  Herausforderung setzt dann mit der Geburt des ersten Kindes ein und wird in der Regel durch weitere Kinder verstärkt. Oft steht nach kurzer Zeit, wenn die Geburtsfreude von schlafarmen Nächten, nicht besonders prickelnden, wiederkehrenden Abläufen und notwendigen Umstellungen kräftig überlagert wird, der Satz im Raum: „Als wir noch kinderlos waren, da klappte es meist recht gut.“ Einige Argumente liegen auf der Hand:

Das Geld auf der Hand ließ viel mehr Spielraum für dies und jenes!
Die Zeit bzw. Freizeit konnte viel unkomplizierter eingeteilt werden!
Es gab noch keine zeitlichen oder körperlichen Belastungen im Umgang mit Kindern!

Im Bereich Erotik und Sexualität war vieles spontaner und unkomplizierter!
Die Frage „Machst Du's oder soll ich …?“, wenn sich der Nachwuchs meldet, gab es noch nicht!

Diskussionen über die Frage „Stillen oder Nicht-Stillen“, prinzipiell die Nahrungsaufnahme, über einen sinnvollen Tagesrhythmus und den Umgang mit Quengeln und Schreien fehlt die Basis!

Und die Frage, wer von den Eltern auf eine, den kindlichen Bedürfnissen angemessene Weise, nach der Mutterschutzfrist in welchem Umfang für das/die Kinder sorgt, kann nicht mehr verschoben werden!

Ja, Kinder wirbeln das Leben in der Partnerschaft kräftig durcheinander. Werden hier keine tragfähigen und zufriedenstellenden, lebbaren Entscheidungen zwischen den jungen Eltern getroffen, die sowohl die Bedürfnisse der Väter und Mütter und auch die des Säuglings bzw. der Kinder insgesamt angemessen berücksichtigen, geraten die Beteiligten rasant in eine Schieflage. Bezogen auf die Aufgabenverteilung zwischen Familienarbeit (Haushalt, Kinder, Orga-Abwicklung) und beruflicher Erwerbsarbeit wird häufig zurecht eine fehlende Anerkennung der häuslichen Leistungen beklagt. Dabei geht es oft nicht um die Tätigkeit innerhalb alter oder neuer Rollenverteilungen, sondern um eine fehlende gesellschaftliche und innerfamiliäre Anerkennung. Zufriedenheit und Ausgeglichenheit sind immer das Ergebnis von konkret erfahrener Wertschätzung über erbrachte Leistungen. Bleibt sie aus, egal ob im Erwerbsleben oder innerhalb familiärer Aufgabenstellung, wird dies auf Dauer immer zu Konflikten führen.

Mehr gesellschaftliche Ankerkennung für die Familie als Keimzelle der Gesellschaft.

Die Familie ist die „Erneuerungszelle der Gesellschaft in biologischer, moralischer und kultureller Hinsicht“, so der Wiener Sozialethiker Johannes Messner. In auffallendem Kontrast zur Bedeutung der Familie steht jedoch der im öffentlichen Handeln ablesbare niedrige Stellenwert in einer markt- und erwerbszentrierten Gesellschaft. „Diese vernachlässigt weithin sträflich die Belange von Familien und Haushalten und geht mit dem familialen Leistungspotential eher ausbeuterisch als stärkend um“, so Max Wingen in seinen Familienpolitische(n) Denkanstöße(n). Da wirtschaftliche Interessen und Kinderbedürfnisse meilenweit auseinander liegen, fühlen sich viele Eltern in dieser Erziehungsphase recht allein gelassen:

 „Weil die Wirtschaft größtmögliche Flexibilität verlangt, die Familie aber auf
 Stabilität und Kontinuität beruht und dabei den Kürzeren zieht“, sagt der Philosoph Dieter Thomä. Und am stärksten betroffen sind die Kinder.

Weil die aktuelle – durch Wirtschaftslobbyisten geprägte – Politik sich gegen Kinder richtet. Familienverbände fordern, dass sich Wirtschaftsprozesse viel stärker an  Kinderbedürfnissen zu orientieren haben, weil sich „Nähe, Geborgenheit und Verlässlichkeit“ nicht reglementieren und kontingentieren lassen.

Weil zu viel Egoismus und Karrierestreben unsere Gesellschaft prägen. Ein häufig festgestellter Zusammenhang: „Je stärker sich Gesellschaften an Konsum und Wohlstand orientieren, desto bedrohter ist der Lebensraum von Kindern und desto geringer die Geburtenrate.“

Weil viele Eltern sich – meist parallel zu diesen negativen gesellschaftlichen
Einwirkungen – mit der Erziehungsaufgabe überfordert sehen. Ein häufiges
Argument: „Wenn das mit der Erziehung doch so schwierig ist, dann sollten wir diese Aufgaben doch besser outsourcen.“

Wirtschaftslobbyisten und zu viele Politiker haben noch nicht begriffen, dass unsere Gesellschaft bessere Rahmenbedingungen für Familien um der eigenen Zukunft willen schaffen muss. Denn neben preiswerten Rohstoffen oder gut funktionierenden Maschinen kommt der „Human-Ressource“ die größte Bedeutung zu. Politiker und Unternehmer behandeln die Familie in der Regel als unwirtschaftliches Abschreibegut, weil es nur koste und nichts bringe. Dieser folgenschwere Trugschluss offenbart ein beschränktes Verständnis von Produktivitätszusammenhängen. Würde berücksichtigt, dass Familien durch die Erziehung geeignete nachwachsende Produzenten und Konsumenten „schaffen“, müsste in diesen Bereich genauso investiert werden, wie in die Entwicklungs- oder Personalabteilungen von Betrieben. Ob Produktion, Handel oder Dienstleistungen, die Existenz aller Unternehmen hängt von leistungsfähigen Menschen ab, einerseits als effektive Mitarbeiter und andererseits als zahlungsfähige Käufer. Schon heute zeigt sich, dass zu wenig bzw. zu ineffektiv in die nachwachsende Generation investiert wird. So klemmt es kräftig auf der einen oder anderen Seite. Ob es um Güter des Lebensunterhalts, die Automobilbranche oder Geldinstitute geht, volkswirtschaftlich tragfähig wird es erst, wenn von Zahlungsfähigen so viele Euros zum Rollen gebracht werden, dass ein versteuerbarer Gewinn dabei herumkommt. Und die Solvenz ist – von einigen Ausnahmen abgesehen – das Produkt von Können und Einsatz. Daher bitten Familien nicht um Almosen, sondern sind als Basis der Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschlands so zu behandeln wie im Geschäftsleben mit Kapitalgebern umgegangen wird: zuvorkommend, auf gute Konditionen achtend und die Entwicklung der „Produktionsstätte Familien-GmbH“ gut im Auge behaltend.
Eine Familie ist mehr als die Summe von zusammenlebenden Menschen!
„Die Geburt eines Kindes macht ein Paar zur Familie.“ Dies ist Alltagswissen. Der Duden definiert die „Lebensgemeinschaft Familie“ als „ein Elternpaar oder einem Elternteil mit mindestens einem Kind“ bzw. in der erweiterten Form alle miteinander [bluts]verwandten Personen (Sippe). Wenn wir diese Definitionen der aktuellen Diskussion um Ehe und Familie zugrunde legen, klärt sich Vieles von selbst. Da aber das Zusammenleben in der Familie – wenigsten per Erinnerung – bei vielen Menschen in Lebensformen jenseits dieses klassischen Verständnisses die Erfahrung von Vertrautheit, Heimat und etwas „heiler Welt“ wachruft, wird durch die Übernahme von Begriffen versucht, die erinnerten positiven Erfahrungen neu zu vergegenwärtigen. Dieser Denkansatz ist in vielen werteorientierten Handlungsfeldern zu beobachten. Einerseits wird die Ehe von vielen Menschen als antiquierte Form des Zusammenlebens abgelehnt, andererseits wollen gleichgeschlechtliche Paare, trotz der wichtigen Möglichkeit, sich als Partnerschaft offiziell eintragen zu lassen, nun auch heiraten. Da wird christliches Handeln als obsolet bezeichnet oder gar lächerlich gemacht, aber fast alle wollen kräftig Weihnachten – das Fest der Geburt Christi – feiern, indem vorher per endoskopischer Detailarbeit der religiöse Kern des Festes entfernt wurde. So wird die Handlung, wenn öffentliche Gebäude, Brücken oder die eigenen 4 Wände zur Nutzung freigegeben werden, meist als „Ein-Weihnungs-Feier“ bezeichnet, obwohl der dazu gehörende sakrale Rahmen – oder nach Duden: „die rituelle Handlung, durch die jemand oder etwas in besonderer Weise geheiligt oder in den Dienst Gottes gestellt wird“ – gar nicht vorgesehen ist.

So hat der Zeitgeist - wer immer das auch sein mag - einen Quasi-Fetischismus in die Welt gesetzt: „Es wird gehofft, durch die Übernahme von positiv besetzten Begriffen - bei gleichzeitiger Entleerung ihrer inhaltlichen Substanz - doch noch etwas vom ursprünglich damit assoziierten guten Gefühlt herüber retten zu können.“ Das Ganze ähnelt dann, um einige Beispiele zu nennen, Strandpartys ohne Wasser und Sand, Musikfestivals ohne Sänger, Bands oder Orchester oder „Classic Days“, bei welchen zwar kräftig konsumiert wird, nur halt keine Oldtimer zu bestaunen sind. Es geht dann nicht mehr um Inhalte, Fakten oder schutzwürdige sinnvolle Gehalte, sondern um den eigenen Nutzen, um Selbstverwirklichung und Gleichmacherei. Der Schein verdrängt das Sein, wir steuern wegen fehlender eigener Substanz in einen „Als-ob-Modus“ und gieren trunken nach immer mehr „Haben-Wollen“.

Stabilität und Verlässlichkeit als Qualitätsanforderungen für Familien.
Lean Management, TQM, Controlling, Qualitätszirkel, diese Begriffe prägen seit Jahren die Diskussion zur Optimierung von Arbeitsprozessen in Betrieben. Es existieren auch reichlich Qualitätshandbücher, Instrumente zur Wirksamkeitsüberprüfung sowie Nachschlagemanuale in den Feldern der Sozial- und Jugendhilfe. Ebenso beschreibt der Schulbereich manches Papier unter den Aspekten „Neues Leitbild“ oder „Lernkultur“. Bisher wurde jedoch weitgehend ausgeblendet, einen prüfenden Blick auf die Qualität der vielen heute vorfindbaren, sogenannten Familienformen zu richten. Ist dies Zufall oder opportunistischer Tribut an den Zeitgeist? Wie dem auch sei, eine kontinuierliche Überprüfung von Effektivität und Effizienz, wie sie heute im Wirtschaftsleben selbstverständlich ist, sollte jedenfalls nicht vor den Toren der vielen „Familien-Unternehmen“ haltmachen. Denn die Frage, ob eine sogenannte klassische oder eher eine moderne Familie - was immer auch damit gemeint sein mag - optimalere Bedingungen für das Aufwachsen von Kindern bereitstellt, ist zukunftsweisend für die nachwachsende Generation und den Wirtschaftsstandort Deutschland. Geht es bei Produktion, Handel und Dienstleistung ums Wirtschaftswachstum, so steht im Bereich „Erziehung und Leben lernen“ das Sozialwachstum im Zentrum. Beide Faktoren werden so zum Indikator für die Stabilität einer Gesellschaft. In der Bemessung des Bruttosozialproduktes fließt - bei differenzierter Betrachtung - beides zusammen.

Die angemessene  Biegung einer Banane wird durch die EU ebenso genormt wie die einheitliche Tischhöhe zwischen Mittelmeer und Nordsee. Auch die bundesdeutsche Regelungswut treibt häufig genug absonderliche Blüten. Aber beim Thema Qualitätsanforderungen zur Erziehung in der Familie wird eher „das Schweigen der Lämmer“ in Szene gesetzt. Wie unscharf oft Begriffe verwendet werden, wird durch die folgende Sequenz einer Podiumsdiskussion offenkundig:
Familie ist da, wo Kinder leben!

So das Statement einer Partei-Vertreterin. (Übrigens wird diese Formulierung von den unterschiedlichsten Parteien gleichermaßen genutzt.) Dazu meine Entgegnung: Dann leben die unzähligen Kinder in den Slums der Welt quasi als Großfamilie.

Leichte Irritation, dann der nächste Versuch, versehen mit der Randbemerkung, dass da doch wohl nichts auszusetzen wäre und dies auch die Auffassung der momentanen Bundesregierung widerspiegle: Familie ist da, wo Erwachsene mit Kindern leben!

Aber auch diese Formulierung löste ein deutliches Unverständnis bei mir aus. Bevor ich mich jedoch äußern konnte, die Situation im Podium wirkte schon leicht angespannt, kam folgende Verdeutlichung: „Wollen Sie hier etwa konservatives Denken propagieren und dabei die vielen modernen Familienformen ausgrenzen? Schließlich gibt es verschiedene Familienmodelle.“  
Von mir kam ein deutliches „Nein!“. Ich wolle nur Klarheit, denn wenn diese Beschreibung so stehen bliebe, dann wären die unter einem Dach mit Kindern lebenden Missbraucher, Vernachlässiger und Gewaltanwender ja eine traute und auch zu fördernde Familie. Hier nun meine Definition: Familie ist da, wo Eltern und Kinder in gegenseitigem Respekt eine in die Zukunft weisende Verantwortung füreinander übernehmen,
- in Bezug auf die Kinder: die Erziehungsverantwortung,
- als gegenseitige Beistandschaft in Freud, Leid und Not!
- in Bezug auf die Eltern: eine Mitverantwortung für das Leben im Alter.

Es geht also keinesfalls um Haarspalterei, sondern um eine punktgenaue Erfassung dessen, was im Zentrum einer gesellschaftlichen Wertschätzung und Förderung stehen soll.

Auf der Sprachebene wird der Kampf der Gesinnungen offensichtlich. So geben sich Menschen, die in eher instabilen Formen zusammenleben, per Selbstetikettierung das Vorzeichen „modern“ und beschreiben sich als bunt, facettenreich und lebendig. Im Gegenzug wird versucht, stabile familiäre Lebensformen  – erst recht die Ehe – als alt, konservativ und nicht mehr lebbar abzuqualifizieren. Die wichtige Frage, welche Familien wie gezielt zu fördern sind, bleibt bei einem solch undifferenzierten Schlagabtausch offen.
So wird die bewährte und erfolgreiche Vater-Mutter-Kind-Verbundenheit bekämpft, während die sich – oft aus Enttäuschung, Not und Hoffnung – irgendwie entwickelten anderen Formen eines Zusammenlebens idealisiert werden. Neutraler sollen die Aussagen von Politikern wirken, wenn sie die unterschiedlichen Arten des Zusammenlebens von Erwachsenen mit Kindern als „verschiedene Familienmodelle“ bezeichnen. Aber was verbirgt sich hinter diesen mehr oder weniger schillernden Etikettierungen? Was sind die Gründe, dass sich für ein gemeinsames Leben entschieden habende Paare trennten? Ist es Unvermögen, die Suche nach Neuem, eine zu geringe Fähigkeit im Umgang mit Konflikten, eine zu ausgeprägte Selbstsucht?

Dass es auch etliche Paare bzw. Eltern gibt, die sich nicht aus Fahrlässigkeit trennen, ist trauriger Alltag. Bei diesen wird jedoch selten eine Glorifizierung der neu gefundenen Form eines (Zusammen-)Lebens jenseits der Erstfamilie offenbar. Frei gewählt hat in der Regel eine solche Situation niemand. Daher ist es auch nicht zielführend, dass Politiker der Tragik von Scheitern und Neubeginn einen Orientierung gebenden sollenden „Modell-Status“ einräumen.
Wandel als Anpassung an den Zeitgeist oder als zu begleitender Steuerungsprozess.

Es wird Konsens existieren, dass die politisch Verantwortlichen stetig Wandlungsprozesse zur Kenntnis nehmen müssen. Aber mit welcher Zielsetzung wird auf diese Veränderungen reagiert? Versteht sich Politik als Steigbügelhalter einer Anpassung an den Mainstream oder als Gestalter optimaler Voraussetzungen eines gelingenden und stabilen – durch Achtung und Wertschätzung geprägten – Zusammenlebens? Es verwundert, mit welch intellektueller Begrenztheit hier reagiert bzw. regiert wird. Denn wenn im Bereich der Familie Anpassung zum bevorzugten Handlungsprinzip wird, dann sind beispielsweise Aktionen zum Aufspüren von Steuerhinterziehungen genauso einzustellen wie Brandschutz-, Geschwindigkeits- oder Alkoholkontrollen, wenn ein Verhalten nachweislich dem Mehrheitstrend entspricht. Wozu wird also von wem entschieden, sich hier anzupassen oder dort gezielt gegenzusteuern?

Der Bundesrat in der Schweiz hat sich eindeutig geoutet und lässt prüfen, wie sich das aktuelle Familienrecht an die „neue gesellschaftliche Realität anpassen lässt“. Das Justizdepartement (EJPD) von Simonetta Sommaruga ließ dazu bereits ein Gutachten erstellen. Das Papier der Basler Privatrechtsprofessorin Ingeborg Schwenzer enthält laut der „NZZ am Sonntag“ einige radikale Vorschläge. Sie fordert, dass keine Familienform vom Recht bevorteilt werden darf. Die Ehe soll deshalb zu einer weitgehend symbolischen Verbindung abgewertet werden, die keine weiteren Familienrechte mehr begründet als andere Formen des Zusammenlebens. Relevant für Rechte und Pflichten in Bezug auf Familie, Kinder, Unterhalt oder Adoption wäre stattdessen die „Lebensgemeinschaft“. Diese definiert Schwenzer als Partnerschaft, die mehr als drei Jahre gedauert hat, in der ein gemeinsames Kind vorhanden ist oder in die zumindest ein Partner erhebliche Beiträge investiert hat. Zudem wird vorgeschlagen, geltende Ehehindernisse abzubauen: Auch Homosexuelle sollen künftig heiraten dürfen, und das Inzestverbot sowie das Verbot polygamer Ehen sei kritisch zu hinterfragen. „Die Zunahme der Zahl an Mitbürgerinnen und Mitbürgern islamischen Glaubens wird in der Zukunft auch die Diskussion über polygame Gemeinschaften erfordern“, heißt es im Gutachten. Außerdem soll die obligatorische Zivilehe abgeschafft werden. Ebenfalls überholt sei die Vorstellung, dass ein Kind nur zwei verschiedengeschlechtliche Eltern haben könne. Soweit eine Meldung vom 27.04.2014.

Welche Form des Zusammenlebens hat welche Auswirkung auf die Kinder?
Unter der Überschrift „Auf die Familie kommt es an“ rücken drei US-amerikanische Wissenschaftlerinnen die Wirkung unterschiedlicher Familienstrukturen auf die Entwicklung von Kindern ins Blickfeld. Sie überprüften, welchen Einfluss die jeweilige Familienstruktur auf die schulische und soziale Entwicklung des Kindes hat. Sie erläutern: „Bei einer traditionellen Familienstruktur handelt es sich um Haushalte mit einem verheirateten Elternpaar und ihren leiblichen Kindern. Zu den nicht traditionellen Strukturen gehören Familien mit einem leiblichen Elternteil und einem Stiefelternteil, einer alleinerziehenden Mutter oder alleinerziehendem Vater, nicht eheliche Lebensgemeinschaften oder andere Verwandte, die für die Kinder sorgen.“ Sie begründen ihre Arbeit damit, dass es dringend erforderlich sei zu untersuchen, welchen Einfluss die jeweilige Familienstruktur auf die schulische und soziale Entwicklung des Kindes hat. Die meisten Forschungsergebnisse verdeutlichten, dass Kinder aus sogenannten traditionellen Familien bessere Schulleistungen, eine ausgeprägte Ambiguitätstoleranz, geeignetere Konfliktlösungsmodelle, eine größere Zielstrebigkeit und bessere Voraussetzungen zur Lösung von Problemen oder Herausforderungen hatten.

Im Gegensatz dazu stellte sich heraus, „dass Kinder in nicht traditionellen Familienstrukturen häufiger unter Stress, Depressionen, Angst und Minderwertigkeitsgefühlen litten“. „Der negative Einfluss der nicht ehelichen Lebensgemeinschaften auf das kindliche Wohlergehen war bei den Ängsten und Depressionen besonders hoch.“ Außerdem zeigten diese Jugendlichen aus nicht traditionellen Familien schlechtere schulische Leistungen. „Bei Jugendlichen zwischen 12 und 15 Jahren aus nicht intakten Familien bestand eine zwei- bis zweieinhalbfach höhere Wahrscheinlichkeit, dass sie sexuell aktiv waren als bei Jugendlichen aus intakten Familien.“ Kinder, die mit ihren leiblichen Eltern aufwachsen, werden von den Eltern am stärksten unterstu?tzt. „Kinder aus Stieffamilien berichten über die geringste Unterstützung.“ Auch die hier vorgelegten Fakten zeigten in Kurzform auf: „Es besteht kein Zweifel darüber, dass Kinder aus nicht traditionellen Familien benachteiligt sind.“
Werden Lehrkräfte auf Problemschüler angesprochen, wird in der Regel auf die vielfältigen Verhaltensstörungen in der Folge von Trennung und Scheidung hingewiesen, da das elterliche Auseinandergehen häufig einen tiefen Selbstwertverlust der Kinder und Jugendlichen auslöst. Die Psychologin Judith Wallerstein aus Kalifornien verfolgte 25 Jahre lang das Leben von 93 Kindern aus zerbrochenen Ehen. Dabei stellte sich heraus, dass die Scheidung der Eltern großen Einfluss auf das spätere Liebesleben der Kinder hat. So ist es nicht verwunderlich, dass 60% dieser Ehen wieder geschieden wurden, in der Vergleichsgruppe waren es nur 25%. Außerdem hatten nach dieser Studie 25% der Scheidungswaisen noch vor ihrem 14. Geburtstag Kontakt mit Alkohol und Drogen, in der Gruppe der Vergleichskinder waren es nur 9%. Die Psychologin nimmt diese Ergebnisse als Beweis dafür, dass eine Scheidung substantielle und langfristige Folgen hat.

Eine kürzlich erschienene Studie des deutschen Robert-Koch-Instituts untersuchte, wie weit die Familienverhältnisse mit der Anzahl psychisch erkrankender Kinder korrelieren. „Es zeigte sich, dass aus ‚intakten‘ Familien mit Vater und Mutter die Rate etwa bei 12% liegt, bei Kindern alleinerziehender Eltern oder aus Patchwork-Familien jedoch auf etwa 24% ansteigt.“ Eine im Oktober 2012 veröffentlichte Studie der Universität Duisburg-Essen ging der Frage nach, wie unterschiedlich sich die Trennung von Eltern auf Jungen und Mädchen auswirkt. Danach gibt es „zum Teil erhebliche Unterschiede. So zeigt die Untersuchung, dass Jungen unter der Trennung ihrer Eltern vor allem im Bezug auf ihre schulischen Leistungen sehr viel mehr ‚leiden‘ als Mädchen. Die Studie ergab auch, dass erwachsene Scheidungskinder, die die Scheidung der Eltern im Alter bis zu 18 Jahren miterlebt haben, einer späteren Heirat ablehnender gegenüberstehen als erwachsene Studierende, die in intakten Familien aufgewachsen sind.“

Die Aufgaben einer zukunftsorientierten staatlichen Familienpolitik
Demnach müsste das Hauptkriterium für politische Entscheidungsträger sein, erwartbaren Schaden von Kindern und Familien abzuwenden und Förderliches zu manifestieren. Demnach ist es die Pflicht des Staates, die Familien als Keimzelle der Gesellschaft zu schützen und durch gute Rahmenbedingungen gezielt zu fördern, wie dies für die Bundesrepublik Deutschland in der Verfassung geregelt ist. Hierzu der aus der Schweiz stammende renommierte Familienforscher Franz-Xaver Kaufmann: „Wenn in einer Gesellschaft jedoch stabile und eher instabile Formen des Zusammenlebens von Erwachsenen mit Kindern als frei wählbar betrachtet werden, dann hat der Staat seine besondere Unterstützung jenen zu geben, welche die größte Chance für eine optimale Erziehungswahrnehmung bieten.“ Denn, so ein Zitat aus dem Buch „Abschied von der Spaßpädagogik“: „Kinder sind das Erbgut einer Gesellschaft und starke Familien ihr Rückgrat.“


Foto: Evil Erin