Nächste Ausgabe verfügbar am 01.11.2014

Leibtherapeut: "Menschen brauchen würdigende Erfahrungen"

Datum: 15.11.2013 | Autor: Fatma Derman

Traumatisierungen sind seelische Verletzungen, die Menschen durch psychische Erschütterungen erleiden. Fortan leben sie erniedrigt, eingeschüchtert und verlieren sogar ihre Lebenslust. DAS MILIEU sprach mit dem Psychologen, Dr. Udo Baer über die Therapie- und Heilmethoden für traumatisierte Menschen und Kinder mit Hyperaktivitätsstörungen.

DAS MILIEU: Guten Tag Herr Dr. Baer! Sie beschäftigen sich unter anderem mit den emotionalen Innenwelten von Menschen, die von Gewalt betroffen worden sind  und an Traumata-Erkrankungen leiden. Ihre Heilmethoden erscheinen für viele als sehr ungewöhnlich. Warum sollten Ihre alternativen Methoden mehr helfen als die herkömmlichen Methoden aus der Medizin und Psychologie?

Baer: Eine traumatische Erfahrung ist eine Beziehungserfahrung, eine Beziehungswunde. Denn fast immer sind andere Menschen beteiligt. Sie erschüttert viele Menschen in ihren Grundfesten. Bei der Unterstützung und Heilung dieser Wunden sind Worte wichtig, reichen aber oft nicht allein. Wir nutzen die Klänge und den musikalischen Dialog, die Gesten und die Bilder, damit Menschen sich wieder aufrichten und neue, heilende Begegnungserfahrungen machen können.

DAS MILIEU: Auf Ihrer Homepage "Stiftung Würde" erwähnen Sie, dass Entwürdigung kränkt und kranke Menschen Würde brauchen. Kann man überhaupt Würde vermitteln?

Baer: „Vermitteln“ kann man Würde nicht. Aber wir können Menschen würdigende Erfahrungen anbieten. Würde ist kein Zustand und keine Eigenschaft. Würde ist ein Prozess immer neuer Erfahrungen, die manchmal entwürdigend und manchmal würdigend sind. Menschen, die entwürdigt wurden, brauchen Erfahrungen, in denen sie gewürdigt werden und in denen sie entdecken können, was für sie Würde beinhaltet und bedeutet.

DAS MILIEU: Wie hilft auf diesem Wege das Kreativsein?

Baer: Wenn ein Mensch ein Bild seiner Würde malt oder eine Bewegung und Geste findet, sich würdevoll aufzurichten, dann wirkt das oft mehr als bloße Worte.

DAS MILIEU: Das Projekt "Tanz des Aufrichtens" hat zum Ziel, Menschen, die unterschiedlicher Formen der Gewalt ausgesetzt waren, aus ihrem Loch der Erniedrigung zu befreien. Warum soll gerade der Tanz helfen?

Baer: Erniedrigung hat, wie das Wort sagt, zwei Aspekte: ein Mensch fühlt sich erniedrigt in seinen Gefühlen und sozialen Beziehungen und „niedrig“ bzw. „erniedrigt“ bedeutet auch: „unten“ oder „nach unten gedrückt“, also auch eine körperliche Komponente. Im „Tanz des Aufrichtens“ berücksichtigen wir alle Aspekte: Die Menschen tanzen gemeinsam und „auf gleicher Augenhöhe“, sie entwickeln Tanzelemente, die nicht vorgegeben sind, sie entwickeln  i h r e  eigenen Bewegungen des Aufrichtens und fügen sie zusammen und sie zeigen sich damit in der Öffentlichkeit. Ein intensiver Prozess, der allen Beteiligten Erfahrungen positiver Veränderung bietet.
 
DAS MILIEU: Gibt es überhaupt eine endgültige Heilung? Oder ist diese kreative Therapiemethode ein Prozess einer lebenslänglichen "Verarbeitung" des Erlebten?

Baer: Trauma ist eine Wunde. Wie bei der Wunde eines Beinbruchs kann der Bruch geheilt werden, aber immer wieder einmal schmerzen. Wichtig ist es, diese Schmerzen dann als solche zu erkennen und individuell passende Wege zu finden, damit umzugehen. In der Praxis haben mit unseren Methoden schon viele konkrete Erfolge erzielt. Hierbei ist die Therapiedauer individuell unterschiedlich.
 
DAS MILIEU: Was ist mit Betroffenen, die in sich verschlossen sind und sich Kreativität nicht zutrauen? Welche Maßnahmen können Sie in diesem Fall ergreifen, um dafür zu sorgen, dass der Patient über seinen Schatten springt?

Baer: Es gibt Menschen, mit denen wir nur reden. Die meisten trauen sich, über niedrigsschwellige Zugänge sich dem kreativen Ausdruck zu nähern. Wer nicht malen will, kann mit geschlossenen Augen mit einem Stift krickeln. Wer nicht tanzen will, kann eine kleine Geste finden. Wer nicht singen will, kann dem Klang seines Atmens lauschen.

DAS MILIEU: Ich fand bei meiner Recherche interessant, dass bei Ihnen Kinder, die hyperaktiv sind, therapiert werden. Interessant ist es dabei, dass normalerweise hyperaktiven Kindern Medikamente verschrieben werden, um sie ruhig zu stellen. Nach den Ursachen dieser Störung wird meistens nicht weiter gesucht. Was sind Ihrer Meinung nach die Ursachen für diese Störung? Und welche Therapiemethoden haben bisher in Ihrer Praxis funktioniert?

Baer: Es gibt nicht „die“ Ursachen für ADHS. Jedes Kind ist anders und jedes Kind muss individuell betrachtet werden. Manchmal sind auch Medikamente hilfreich. Wir sind aber erst für eine Verschreibung, wenn andere Wege nicht reichen. Entscheidend ist, die Frage zu stellen: Was beunruhigt unruhige Kinder? Bei einigen ist es der Schulstress, bei anderen der Tod der Oma, bei wieder anderen die drohende oder vollzogene Trennung der Eltern. Immer gibt es eine Belastung, einen Druck.

 

Oft sind die Kinder sehr „dünnhäutig“, ihr Filter gegenüber Außeneinwirkungen ist schwächer als der anderer Kinder. Das macht Stress, der sich in Rückzug oder in Unruhe äußert. Diese Kinder brauchen Gelegenheit, ihre Unruhe auszutoben, z. B. musikalisch, und sie brauchen Rückzugsmöglichkeiten.

DAS MILIEU: Die Diagnose ADHS wird oftmals sehr voreilig ausgesprochen, ohne die Konsequenzen für das Kind zu berücksichtigen. Inwieweit steht eine Hyperaktivitätsstörung mit der Würde des Kindes in Verbindung? Welche Erfahrungen hat ein Kind gemacht, sodass es sich in seiner Würde verletzt fühlt?

Baer: Wer immer wieder hört, dass er etwas falsch macht, kommt irgendwann zu der Schlussfolgerung: Ich bin falsch!
 
DAS MILIEU: Welche Rolle sollten Eltern in Anbetracht dieser Störung bei ihrem Kind spielen? Und wie können Eltern einer möglichen Hyperaktivitätsstörung präventiv vorbeugen?

Baer: Ihre Kinder ernst nehmen. Mit ihnen über den Kummer reden, den eigenen und den der Kinder. Sich viel bewegen, mit dem Körper und dem Herzen. Druck und Leistungserwartungen reduzieren: Wichtiger als Schulnoten ist, dass sie die Kinder lieben und ihnen das zeigen, dass sie den Kindern vertrauen und sie respektieren.

DAS MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch!

 

Weitere Infos: www.baer-frick-baer.de
 

              Dr. phil. Udo Baer ist Pädagoge, Leibtherapeut, Publizist und Autor. Er ist Gründer der Zukunftswerktstatt - therapie kreativ und Vorsitzender der Stiftung Würde. Seit 1987 bildet er Tanz-, Musik- und Kunsttherapeuten aus und bietet Fortbildungen zu verschiedenen Themenbereichen an. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit der Erkundung der emotionalen und sonstigen Innenwelten u.a. von Erkrankungen wie Trauma, Essstörungen, Demenz .

 

 

 Das Interview führte Fatma Derman am 05. November 2013.

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