Kolumne

Lupus Oeconomicus: Der Crash wird kommen. Vielleicht. Irgendwann. Oder auch nicht.

15.12.2017 - Nicolas Wolf

Nun steuert Bitcoin also auf die Marke von 18.000 US-Dollar zu*, nachdem Anfang des Jahres eine Einheit der Kryptowährung noch knapp unter 1,000 gehandelt wurde – eine satte Rendite für all jene, die rechtzeitig auf den Zug aufgesprungen sind. „Kryptowährung“ ist ein irreführender Begriff, denn Bitcoin ist kein Geld – zumindest noch nicht – sondern eine Ware wie Gold, Kieselsteine oder Klopapier, nur mit dem Unterschied, dass letztere tatsächlich physisch existieren und somit einen tangiblen materiellen Wert besitzen. Der Hype um die Blockchain-Technologie, die hinter Bitcoin steckt, ist nachvollziehbar; der um die digitale Währung nur bedingt. Eine massive Blase, ohne Zweifel. Aber auch der Vorbote eines weiteren, herannahenden globalen Finanz-Crashs?

Wohl eher nicht. Die einzige historische Parallele, die der Absurdität der Bitcoin-Kursexplosion gerecht wird, ist die Tulpenmanie, die die Niederlande im 17. Jahrhunderte befiel. Und auch wenn die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass eine ganze Menge Kleinanleger ihr Erspartes im Bitcoin-Fieber verzocken, ähnlich wie es damals im holländischen Königreich oder während der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende der Fall war, wird ein Kursabsturz des Bitcoins keine globale Wirtschaftskrise auslösen. Dazu ist der Markt zu klein, „systemrelevante“ Player, die im Falle ihrer Pleite das Finanzsystem zu Fall bringen könnten, haben, wie es aussieht, gar nicht oder nur in geringem Maße investiert.

Was außer Frage steht, ist, dass die Bitcoin-Manie in die Zeit passt. Egal welche Anlageklasse man sich auch ansieht, ob Aktien, Anleihen oder Immobilien, die Preise sind astronomisch und Bewertungen schwindelerregend hoch. Die von Finanzmarktkommentator Jared Dillian geprägte Bezeichnung „Everything Bubble“ trifft den Nagel auf den Kopf. Und wie es im Börsenjargon so schön heißt, kommt alles, das nach oben geht, auch irgendwann wieder runter. Fragt sich nur wann und mit welchen Konsequenzen.

Fakt ist, dass die Weltwirtschaft an Fahrt aufnimmt und die Zeichen weiterhin auf Wachstum stehen. Auch wenn viele Analysten berechtigterweise darauf hinweisen, dass die derzeitige Erholung nun in ihr neuntes Jahr geht und historisch gesehen somit zu den längsten der Nachkriegszeit gehört, heißt dies noch lange nicht, dass die nächste Rezession, geschweige denn Depression, bereits hinter dem Horizont wartet. Dennoch hat sich seit der Finanzkrise 2008 eine ganze Crash-Literatur etabliert, die vor dem nächsten Finanzarmaggeddon warnt und Lesern (vermeintlich) kluge Ratschläge erteilt, wie man sich davor schützen kann. Mal ist es Gold, mal Ackerland, was da als sicherer Hafen propagiert wird; auf keinen Fall aber Aktien, Anleihen oder Bargeld – also all das, was im weitesten Sinne eine Erfindung unseres monetären Wirtschaftssystems ist.

Ich kann gut verstehen, warum Prophezeiungen vorm kurz bevorstehenden Mega-Crash auf fruchtbaren Boden fallen. Denn es lässt sich kaum leugnen, dass irgendetwas mit unserem Wirtschaftssystem nicht stimmt. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander, vom in den Statistiken festgehaltenen Wachstum spürt ein großer Teil der Bevölkerung nichts und der Ausblick in die Zukunft ist geprägt von Abstiegsängsten und wirtschaftlicher Unsicherheit. Die Aussicht darauf, dass der Finanzkapitalismus in Flammen aufgeht und die Karten neu gemischt werden, ist verlockend – vor allem dann, wenn man der Meinung ist, man sei so aufgestellt, dass man als Gewinner aus einem solchen Crash-Szenario hervorgeht. 

Bis heute ist mir aber schleierhaft, wie dieser Crash genau aussehen soll. Wenn er den Zusammenbruch der Zivilisation bedeutet, dann will ich kein Gold und auch keine Latifundien, sondern Waffen, Munition und Vorräte. Vielleicht ist es aber auch wahrscheinlicher, dass sich selbst im Falle einer erneuten Finanzkrise die Welt und mit ihr die Weltwirtschaft weiter drehen wird. Warum sollten Eigentumsrechte aufhören zu existieren? Warum sollten Unternehmen nicht mehr produzieren und Konsumenten nicht mehr kaufen wollen? Die meist bemühte Entgegnung auf diese Fragen lautet: „Weil wir alle – vor allem der Staat – hoffnungsvoll überschuldet sind und im Falle einer erneuten Krise pleite wären.“ Für viele ist es eine ausgemachte Sache, dass aufgrund der hohen Staatsverschuldung in den westlichen Industrienationen ein Eingreifen seitens der Regierungen zur Stabilisierung einer in die Rezession abgleitende Wirtschaft ausgeschlossen ist und somit die nächste Krise zwangsläufig noch ärger wird als die Finanzkrise von 2008. Ich glaube, dass sie sich irren.

Ein Staat, der Herr über seine eigene Währung ist und sich ausschließlich in dieser verschuldet hat, kann nicht bankrott gehen. Punkt. Wer sein eigenes Geld drucken kann, der muss keine Pleite fürchten. Wenn ein Staat frische Kredite braucht, kann er sich diese als Ultima Ratio immer noch bei seiner eigenen Zentralbank besorgen. Damit schuldet er sich selbst Geld, und Geld, das man sich selber schuldet, können keine Schulden sein. Deshalb glaube ich, dass im nächsten wirtschaftlichen Abschwung abermals die Notenpresse bemüht wird und Zentralbanken großzügig die aufkommenden Staatsdefizite finanzieren werden.**

Wer nach einem anschaulichen Beispiel dafür sucht, der muss nur nach Japan blicken. Das Land der aufgehenden Sonne erlebte in den späten 80ern seinen großen Knall und wird seitdem als wirtschaftspathologischer Fall dargestellt. Es stimmt zwar, dass die Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten kaum gewachsen ist, bei einer schrumpfenden Bevölkerung bedeutet dies allerdings, dass die Pro-Kopf-Einkommen durchaus weiterhin zugenommen haben. Und so ist Japan heute ein wohlhabendes, technologisch fortschrittliches Land mit praktisch null Inflation und das trotz einer Staatsverschuldung von mehr als 200% der jährlichen Wirtschaftsleistung. Da mehr als die Hälfte dieser Staatsschulden bei der Bank of Japan, also der Zentralbank, liegen, ist die tatsächliche Nettoverschuldung deutlich geringer und liegt in etwa auf amerikanischem oder europäischem Niveau. Ein „Japan-Szenario“ für Europa oder die USA halte ich für wahrscheinlicher als einen weiteren Crash à la 2008 oder 1929, zumal die private Verschuldung nicht so extrem erscheint, wie es vor der globalen Finanzkrise der Fall war, und die Banken heutzutage deutlich besser kapitalisiert und reguliert sind***. Natürlich ist die Gefahr von dramatischen Kursrückgängen an den Börsen angesichts der hohen Bewertungen groß. Zu einer Kernschmelze im globalen Finanzsystem sollte eine Korrektur an den Aktienmärkten jedoch nicht führen.   

Der Crash, vor dem ich mich fürchte, ist sozialer Natur. Globalisierung und Digitalisierung haben unsere Gesellschaften zunehmend in Gewinner un Verlierer aufgeteilt. Letztere sehen sich mit stagnierenden Einkommen und sozialem Abstieg konfrontiert. Trump, der Brexit, das Aufkeimen von Rechtspopulismus und Illiberalismus sind für mich Anzeichen dafür, dass das soziale Gefüge mehr Sprengkraft besitzt als das globale Finanzsystem. Ich glaube auch, dass es leider Gottes erst noch einmal schlimmer wird, bevor sich die Lage wieder bessert. So gesehen könnte ein Platzen der „Everything Bubble“ und eine darauf folgende milde Rezession die sozialen Konflikte abermals verschärfen. Ich hoffe, dass unsere Politiker dann klug reagieren und einsehen, dass nicht weiter von unten nach oben verteilt werden kann.

Unwahrscheinlich. Aber man wird ja noch hoffen dürfen. Ist ja schließlich bald Weihnachten. 

 

 


 
*Eigentlich ist es unsinnig, den derzeitigen Bitcoin-Kurs irgendwo schriftlich festzuhalten. Wahrscheinlich liegt er schon bereits bei 19,000, wenn diese Kolumne veröffentlicht wird.

**Für die Eurozone gilt dies nicht, da die einzelnen Staaten ihre Währungssouveränität aufgegeben haben. Ich persönlich nehme allerdings an, dass im Fall der Fälle die Europäische Zentralbank ihr Mandat noch weiter überdehnen wird, als sie es bereits tut.

***Auch hier stellen einige Staaten Europas eine unrühmliche Ausnahme dar. Der Bankensektor in Italien sieht nach wie vor äußerst fragil aus.

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