Kolumne

Lupus Oeconomicus: Deutschlands fragwürdiges Wirtschaftsmodell

15.05.2017 - Nicolas Wolf

Was haben Donald Trump, seines Zeichens POTUS, und Emmanuel Macron, frisch gewählter Präsident Frankreichs, politisch gemeinsam? Wahrscheinlich nicht sehr viel, aber in einem Punkt sind sich beide einig: Deutschlands Exportüberschüsse sind ein Problem. Beide mögen zu dieser Ansicht auf unterschiedlichem Wege gelangt sein - der eine, weil er in den Kategorien „Gewinnen“ und „Verlieren“ denkt und ein Handelsdefizit mit Verlieren gleichsetzt; der andere, weil er wohl tatsächlich wirtschaftlichen Sachverstand besitzt. Aber sie haben letzten Endes Recht, was mittlerweile auch unser geliebter Finanzminister, Wolfgang „Isch spare, spare, spare“ Schäuble, angesichts eines Exportüberschusses von 8.8% der Wirtschaftsleistung einsehen musste. Natürlich ist er auch der Ansicht, dass die Politik nichts dagegen tun könne, was das Thema für ihn höchst wahrscheinlich erledigt.

Doch warum ist ein chronischer Exportüberschuss überhaupt ein Problem? Ist es nicht toll, dass Deutschland Unternehmen beheimatet, die sich international behaupten können und Produkte herstellen, die Rund um den Globus gefragt sind? Natürlich ist es das und damit kein falscher Eindruck entsteht, sei an dieser Stelle gesagt, dass es nicht das Ansinnen dieses Artikels ist, Deutschland-Bashing seiner selbst Willen zu betreiben. Nein, vielmehr sollte Deutschland aus eigenem Interesse seinen Handelsüberschuss reduzieren. Denn jedem positiven Handelssaldo steht zwangsläufig ein Defizit gegenüber und die einzige Möglichkeit für das Defizitland, dieses zu finanzieren, besteht darin, sich beim Überschussland zu verschulden. Eine positive Handelsbilanz geht immer damit einher, nicht nur Güter, sondern auch Kapital an seine Handelspartner zu exportieren – entweder als Investitionen oder aber als Kredite. Ein anhaltender Exportüberschuss führt somit also dazu, dass man gegenüber seinen Handelspartnern immer mehr finanzielle Forderungen aufbaut – doch was, wenn diese irgendwann ihre Schulden nicht mehr bedienen können? Dann hat man als Exportland seine tollen Produkte über Jahre hinweg gegen wertlose Finanztitel getauscht – Trump würde sagen: „Bad deal!“ Etwas anders und anschaulicher formuliert: Ein Land, das einen permanenten Exportüberschuss erfährt, ist wie ein Wirt, der es einem Stammgast immer wieder erlaubt sein Bier und Korn auf dem Bierdeckel aufzuschreiben, ohne jemals einzufordern die Rechnung zu begleichen. Das führt zwar zu tollen Umsatzzahlen, ist aber langfristig ruinös.

 

Was gilt es also zu tun? Normalerweise nichts, denn die Währung eines Landes mit Exportüberschüssen sollte aufwerten, was seine Produkte im Ausland verteuert und automatisch die Nachfrage nach ihnen dämpft. Umgekehrt würde ein Defizitland sich mit einer immer schwächeren heimischen Währung konfrontiert sehen. Seine Produkte würden günstiger und somit international wettbewerbsfähiger werden. Zudem wären Überschussländer weniger geneigt Kapital zu exportieren, um das Defizit ihrer Handelspartner zu finanzieren, wenn deren Währungen immer mehr an Wert verlieren. Kurz gesagt, in einem Regime flexibler Wechselkurse würde über kurz oder lang der Währungsmarkt dafür sorgen, dass Handelsungleichgewichte abgebaut werden.

Soweit die Theorie. Wieso weisen dann aber in der Praxis nicht nur Deutschland, sondern auch beispielsweise China oder Japan, seit Jahren so hohe Exportüberschüsse auf?

Darauf gibt es zwei Antworten. Sie heißen „Dollar“ und „Euro“.

Vor der Finanzkrise von 2007/08 bestand das globale Wirtschaftsmodell darin, dass amerikanische (und im geringeren Maße britische) Konsumenten, dem Rest der Welt (Europäern, Japanern, Chinesen und anderen Schwellenländer) allen möglichen Kram abkaufen. Amerikanische Haushalte verschuldeten sich Hals über Kopf, um Autos und elektronische Geräte aus Übersee zu importieren. Finanziert wurde das von den US-Banken, die wiederum ihre Kredite verpackten und an internationale Investoren, darunter auch deutsche Banken, weiterverkauften. Doch irgendwann platzt jede Blase und als immer mehr Amerikaner nicht mehr in der Lage waren ihre Kredite zu bedienen, brach das auf Schulden und Kredit gebaute Kartenhaus zusammen. Die Konsequenzen für die Weltwirtschaft waren gravierend, auch für Deutschland: 2009 brach die hiesige Wirtschaft um 5.6% ein und Banken mussten mit Milliarden gerettet werden.

Seitdem hat sich die globale Handelsarchitektur kaum geändert. Die USA haben nach wie vor eine extrem niedrige Sparquote, konsumieren fleißig und ermöglichen es so dem Rest der Welt sich aus ihrer Stagnation heraus zu exportieren. All das wäre nur schwer denkbar, wäre der Dollar nicht die globale Leitwährung. Hätte der „Greenback“ nicht diesen Sonderstatus, wäre die Weltgemeinschaft kaum bereit, den USA ihr chronisches Handelsdefizt über einen so langen Zeitraum hinweg zu finanzieren.

Aus deutscher Sicht kommt zur Sonderstellung des Dollars die Rolle des Euros hinzu. Durch die Gemeinschaftswährung ist Deutschland in ein System fester Wechselkurse eingebettet, mit dem Resultat, dass die Bundesrepublik eine viel zu schwache Währung besitzt. Das macht deutsche Exporte noch wettbewerbsfähiger als sie es ohnehin schon sind, vor allem gegenüber seinen Handelspartnern innerhalb der Währungsunion. Die Kehrseite unserer positiven Handelsbilanz mit dem Rest der Eurozone sind die portugiesischen, spanischen und italienischen Wertpapiere, die in den Bilanzen deutscher Banken schlummern – schließlich muss das Handelsdefizit der Peripherie ja irgendwie finanziert werden. Zur Erinnerung: das erste Rettungspaket für das noch immer strauchelnde Griechenland, bestand in erster Linie aus einem Transfer griechischer Staatsanleihen weg von privaten Gläubigern (sprich deutsche und französische Banken) hin zu öffentlichen Einrichtungen. Sollte auch nur ein weiteres Euroland, beispielsweise Italien, eine Umschuldung benötigen, wird es für den deutschen Steuerzahler richtig teuer.

Warum hohe Exportüberschüsse alles andere als erstrebenswert sind, dürfte hoffentlich klar sein. Handel ist gut, aber er sollte möglichst ausgeglichen sein. Doch wenn Wechselkurse als Anpassungsmechanismus wegfallen, wie kann man dann einem strukturellen, positiven Handelssaldo entgegenwirken? Hat Herr Schäuble am Ende doch Recht, wenn er sagt, dass die Politik in dieser Angelegenheit nichts ausrichten könne? Die Antwort ist ganz klar „Nein“, wie beispielsweise SPON-Kolumnist Thomas Fricke in seinem Beitrag mit dem überaus passenden Titel „Zum Heulen“ und der Ökonom Berry Eichengreen auf Project Syndicate darlegen. Der deutsche Staat könnte mehr investieren und die Mehrwertsteuer senken, anstatt so zu tun, als wären die üppigen Haushaltsüberschüsse ein Ausdruck kluger Wirtschaftspolitik. Die Löhne für Arbeitnehmer müssen steigen, damit die Binnennachfrage anzieht. Klar, in Deutschland herrscht Tarifautonomie, aber durch eine Steigerung des Mindestlohns ließe sich das allgemeine Lohnniveau anheben. Nicht zuletzt stellt sich auch nach wie vor die Frage nach stärkerer fiskalischer Integration der Eurozone, etwa in der Form von „Eurobonds“. Ob und wie am Ende die deutsche Politik handelt, hängt wohl vor allem davon ab, wer künftig das Kanzleramt bewohnt. Früher oder später, wird sie aber zum Handeln gezwungen werden - allerdings ist zu befürchten, dass es dann mal wieder um Bankenrettungen und Konjunkturpakete gehen wird.

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen