Kolumne

Lupus Oeconomicus: #dismal science

01.10.2017 - Nicolas Wolf

Haben Sie schon einmal von einem Planeten mit der Bezeichnung „DSGE” gehört? Wahrscheinlich nicht. Es ist ein recht sonderbarer Ort – aber immerhin bewohnt, von einem seltsamen Wesen, „Repräsentativer Agent“ genannt. Diesem Repräsentativen Agenten gehören sämtliche produzierende Unternehmen auf Planet DSGE, die all das herstellen, was der Planetenbewohner konsumiert; gleichzeitig ist er ihr einziger Arbeitnehmer. Der Repräsentative Agent handelt vollkommen rational; Entscheidungen über das Verhältnis von Konsum, Sparen, Freizeit und Arbeit trifft er, indem er über einen unendlichen langen, alle zukünftigen Generationen umfassenden Planungshorizont seinen individuellen Nutzen maximiert.

Eigentlich passiert auf Planet DSGE nicht sehr viel. Alles befindet sich in einem stabilen Gleichgewicht, es sei denn ein externer Schock bringt die Dinge ins Wanken. Dann kann es passieren, dass zum Beispiel die Inflation in die Höhe schießt – gefährlich! Glücklicherweise gibt es für einen solchen Fall ja die Zentralbank, die die Zinsen anheben kann um so das Preiswachstum so wieder unter Kontrolle zu bringen. Ein wirklich sonderbarer Ort.

„DSGE“ steht für „Dynamic Stochastic General Equilibrium“. Es handelt sich dabei, wie man erahnen kann, nicht um einen Planeten, sondern stattdessen um eine Modellgattung in der Volkswirtschaftslehre, um genau zu sein in der Makroökonomik – jener Disziplin, die sich mit der Wirtschaft als groβes Ganzes beschäftigt anstatt mit ihren Teilaspekten wie individuelle Märkte. Der eine oder andere mag jetzt vielleicht die Stirn runzeln: Rationale Agenten, die mit Perfektion und unendlicher Vorraussicht ihre Zukunft planen? Alles befindet sich im wirtschaftlichen Gleichgewicht, es sei denn ein externer Effekt wirkt auf das System ein? Und wieso gibt es eigentlich eine Zentralbank, aber keine Finanzmärkte?
Alles berechtigte Einwände, die nahelegen, dass es sich hierbei um eine Art von Modell handelt, mit der man im 2. Semester des VWL-Bachelors zwar angehende Ökonomen ärgern, aber keine ernsthafte Wissenschaft betreiben kann. Wenn dem nur so wäre – DSGE-Modelle sind bis heute die Grundpfeiler makroökonomischer Analyse, unter anderem auch in den heiligen Hallen der Zentralbanker. Und das ist, nun ja, zumindest ein bisschen besorgniserregend.

Ich gebe zu, meine Darstellung hier ist ein wenig unfair. Es steckt mehr dahinter, als meine ins Lächerliche abdriftende Beschreibung nahelegt. Nichtsdestotrotz leiden die DSGE-Modelle unter drei entscheidenden Mängeln: Die Annahme, dass wirtschaftliche Entscheidungen rational getroffen werden; das Ignorieren des Finanzsektors, der in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem von außerordentlicher Bedeutung ist; und der Fokus auf den Zins als zentrales wirtschaftliches Steuerungsinstrument. Konkret heißt das: „Irrational exuberance“ (auf deutsch: irrationaler Überschwang), wie der ehemalige FED-Präsident Alan Greenspan den grenzenlosen Optimismus während der DotCom-Blase nannte, gibt es per Definition nicht – Menschen agieren ja schließlich rational. Der Finanzsektor ist unwesentlich für das Funktionieren der Wirtschaft – denn er bringt lediglich Sparer und Kreditnehmer zusammen. Über den Zins kann die Zentralbank Inflation, Output und Beschäftigung steuern, die im allgemeinen Gleichgewicht dann stabil sind, soll heißen: Inflation gut, alles gut – so einfach ist das!

Lange Zeit standen diese sogenannten Agenten-basierenden Modelle äußerst gut da. Sie bildeten das theoretische Fundament für das Prinzip unabhängiger Zentralbanken und für das, was als „Great Moderation“, die „Große Mäßigung“, bezeichnet wurde: eine Periode mit niedriger, stabiler Inflation, aber dennoch dynamischen Wirtschaftswachstum, die ihre Anfänge in den 80er-Jahren nahm. Notenbanker spielten eine immer prominentere Rolle in der Öffentlichkeit und wurden geradezu zu Ikonen und (zumindest ökonomisch gesehen) omnipotenten Genies verklärt, die durch ihr kluges und rein modell-basiertes und politisch unmotiviertes Handeln die Wirtschaft durch das konjunkturelle Auf- und Ab lenkten. Dann kam die Finanzkrise von 2007.

Der Beinahe-Zusammenbruch des globalen Finanzsystems und die darauffolgende Rezession waren eine Abrissbirne, die mit voller Wucht in den wirtschaftswissenschaftlichen Elfenbeinturm einschlug. Ereignisse, die die DSGE-Modelle per Annahme ausgeschlossen hatten, drohten nun die Weltwirtschaft in die Knie zu zwingen. Konzepte wie „rationale Erwartungen“ und die Idee, dass Finanzmärkte volkswirtschaftlich nicht relevant seien, erschienen auf einmal lächerlich. Der Fokus auf Inflation und Output hatte den Blick auf die zunehmende Instabilität im Finanzsystem verstellt, was den Ideen des bis dato weniger bekannten US-Ökonomen Hyman Minsky und seiner „Financial Instability Hypothesis“ plötzlich zu großer Prominenz verhalt. Seither versucht der ökonomische Mainstream seine liebgewonnen Modelle zu retten, indem man sie um stilisierte Finanzmärkte erweitert oder den Repräsentativen Agenten ein wenig irrationaler macht, was in etwa dem Versuch gleichkommt, das Leck der Titanic mit einem Pflaster zuzukleben. Kein Wunder, dass sich die abfällige Bezeichnung „dismal science“ für die Volkswirtschaftslehre hartnäckig hält.

Die Makroökonomik hat ein großes Problem, für das sie nichts kann. Wie in allen Sozialwissenschaften ist es nahezu unmöglich, kontrollierte und beliebig oft wiederholbare Experimente durchzuführen, um Modelle und ihre Vorhersagen zu überprüfen. Der Schluss daraus kann allerdings nicht sein, seine Wissenschaft mit empirisch unzureichend belegter Ideologie aufzuladen und eine dogmatische Modellgläubigkeit ohne Blick auf die Wirklichkeit zu entwickeln. Nur weil man – wahrscheinlich zurecht – staatlichem Eingreifen nicht traut, folgt daraus nicht, dass Märkte effizient sind und daher besser unreguliert bleiben sollten. Und nur weil ein Modell mathematisch elegant und theoretisch ansprechend ist, ist es noch lange nicht ein korrektes Abbild der Wirklichkeit. Mehr Empirie und mehr Bescheidenheit stünde den Wirtschaftswissenschaften daher ganz gut.

Und weil das Versagen der Orthodoxie so eklatant und offenkunding ist, sind nun umso mehr Alternativen und alte, zu unrecht ignorierte Ideen gefragt. Keynes, Fisher und Minsky erleben eine Renaissance; heterodoxe Strömungen haben vielversprechende Ansätze produziert und es wird vermehrt fachübergreifend geforscht. Es besteht also durchaus Hoffnung.






 









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